Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 21 (27.3.1903)
- Date
- 1903-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Er hat die Maske des Afiyrologen abgenommen und zeigt uns das wahre Gesicht des Tendenzredners, der auch ohne Thontäfelchen dem Alten Testament den Charakter einer göttlichen Offenbarung absprechen möchte. Um seine babylonischassyrische Originalität ist es nun geschehen. Man rangiert ihn jetzt unter den großen Haufen der Allerwelts- Antrsemiten, denen die heiligen Urkunden der Bibel ein Dorn im Auge sind, weil sie Israel als das erwählte Volk Gottes vor aller Welt bezeugen. Er schreibt: „Statt uns „mit Dank bewundernd" zu ver- „senken in das Walten Gottes, in unserem „eignen Volke von der germanischen Urzeit her, „vis auf diesen Tag. fahren wir aus Un- „kenntnis, Gleichgültigkeit oder Verblendung „fort, jenen altisraelitischen Orakeln einen „Offenbarungs"- Charakter zuzuerkennen, der „weder im Lichte der Wissenschaft, noch dem ' „der Religion oder Ethik standhält." Herr Profeffor Delitzsch erklärt dagegen mit dem bescheidenen Kathederton eines von seiner Unfehlbarkeit durchdrungenen Professors, daß er demgegenüber seine Zuflucht zum Stifter des Christentums nimmt, und zu dem Gott, der ein gerechter und liebender Vater ist über alle Menschen auf Erden Der Herr Profeffor scheint demnach wirklich zu glauben, daß der Stifter des Christentums ein Urgermane teutonischer Herkunft sei! Vielleicht sieht er sich deshalb den Stammbaum des christlichen Reliaionsstifters einmal im neuen Testament an; dann wird er eines anderen belehrt werden. Herr Profeffor Delitzsch , ist somit vom Regen.in die Traufe aber nicht in urgermanische Gebiete gekommen, wenn er sich vom Alten Testament abwendet und sein Heil beim Helden des neuen Testamentes sucht. - Diesem Lapsus gegenüber will es nicht viel sagen, wenn nun Delitzsch mit Stellen aus dem Neuen Testament aufwartet, die nicht mehr und nicht weniger beduinenhaft klingen, als die Anfangssätze aus dem jesajanischen Kapitel 63, mit deren Anführung der Herr Profeffor einen gewaltigen Trumpf ausspielen zu können glaubt. Er eröffnet daher seinen wunderlichen Gährungsprozeß mit diesem Citat aus.Jesaja und schreibt: Zur Klärung. Wer kommt da aus Edom? in hochroten Kleidern aus Bosra? Prangend in seinem Kleid, sich wiegend in der Fülle seiner Kraft? „Ich (Gott) vin's, der redet in Gerechtigkeit, der groß ist zu helfen!" Warum das Rot an deinem Gewände, und deine Kleider wie die eines Keltertreters? „Die Kelter Hab' ich getreten alleine, und von den Völkern war niemand mit mir. Und ich trat sie in meinem Zorn und zerstampfte sie in meinem Grimm, Und.es spritzte ihr Lebenssaft auf meine Kleider, und alle meine Gewänder Hab' ich besudelt. Denn ein Tag der Rache war meine Absicht, und mein Erlösungsjahr war gekommen. Und ich schaute, da war kein Helfer, und erstarrte, da war kein Unterstützer. Aber es half mir mein Arm, und mein Grimm war meine Stütze, , Und ich trat die Völker in meinem Zorn und machte sie trunken mit meinem Grimm .Und ließ zur Erde.fließen ihren Lebenssaft/' Zu diesem Citat bemerkt Herr Profeffor Delitzsch: „Fürwahr, ein nach Sprache, Stil und Gesinnung echt beduinisches Schlacht- und Triumphlied. Nein! Dieser Spruch Jes. 63, 1—6 und hundert andere prophetische Sprüche voll unauslöschlichen Haffes gegen die Völker ringsum: gegen Edom und Moab, Afiur und Babel, Tyrus und Egypten, zumeist Meisterstücke hebräischer Rhetorik, sollen den ethischen Prophetismus Israels, wohl gar in seiner Höhenlage, repräsentieren! Diese aus bestimmten Zeitverhältnissen herausgeborenen Ergüsse politischer Eifersucht und, vom menschlichen Standpunkt aus, vielleicht begreiflichen leidenschaftlichen Hasses längst untergegangener Generationen sollen auch uns Kindern des 20. Jahrhunderts, sollen auch den abendländischen und christlichen Völkern noch als Religionsbuch dienen zur Sittigung und zur Erbauung!" Wir denken, daß sich Jesaja über die Ungnade trösten kann, in die er bei „unserem guten Profeffor" gefallen; so bezeichnet ihn das kaiserliche Schreiben an Admiral von Hollmann. — Aus welcher deutsche» Bibelübersetzung der Herr Profeffor diese Uebertragung entnommen hat, wissen wir in dem Augenblicke nicht. Es lohnt sich auch nicht der Mühe, deshalb erst nachzuschlagen. Wir wollen dafür unfern Lesern die Uebersetzung und Erklärung dieser Stelle hier vorführen, wie sie ein genialer Frankfurter Uebersetzer und Erklärer der Bibel wiedergibt. (Die Haftoroth von Dr. M. Hirsch. S. 365.): „Kap. 63, 1. Wer kommt daher von Edom, mit aufgewühlten Gewändern vonBozrah? — Dieser jedoch, voll Majestät ist. er in seiner Gewandung, schreitet langsam daher, in der Fülle seiner Kraft, —: »Ich bin der in Gnade redet, unendlich reich zu helfen! — 2. Woher die Röte deinem Gewände, und. deine Kleider — als trätest du die Kelter I" — 3. »DieKelter habe ich getreten, ich allein, denn von den Völkern stand kein Mann zu 'mir! Da mußte ich sie niedertreten in meinem Zorne und sie zertreten in meiner Zornesglut, mochte immer ihre Lebenskraft auf meine Kleider spritzen! Und alle meine Gewänder habe ich befleckt. 4. Denn den Tag der Vergeltung hatte ich im Sinne, und das Jahr meiner zu Erlösenden war herangekommen. 5. Ich schaute nieder, doch niemand half, ich staunte — doch niemand stützte, da half mir mein Arm, und meine Zornesglut, sie hat mich gestützt. 6. Und Völker mußte ich niedertreten in meinem Zorne und machte sie trunken in meiner Zornesglut und mußte ihre Lebenskraft zur Erde niederströmen lassen!" — — Zu diesem Text gibt Hirsch den folgenden Kommentar: „Kap. 63, V. 1. Dieses Kapitel bildet den Anfang eines großen, sich bis zum Ende des 65. Kapitels fortsetzenden Prophetenwortes. Es eröffnet einen warnenden Ausblick auf das Gottesgericht, wie es sich gestalten werde, wenn die Völker in Lieblosigkeit und Selbstsucht ihr Herz den Recht und Liebe predigenden Gottesmähnungen bis zuletzt verschließen würden, wenn der heiligen Gottessache in den Reihen der Völker kein Annehmer erstehe. Wie dies in ergreifender Weise V. 3 und 5 zum Ausdruck gebracht wird: »Bon den Völkern hielt kein Mann zu mir! — Ich schaute .nieder, es war aber keiner da der half, ich war erstaunt, niemand stützte!" — Da wird denn zur Erreichung des Heileszieles, das unmittelbare Einschreiten Gottes zur Notwendigkeit. Die beiden äußerlich gegensätzlichen Wallungsweisen, — deren Einheit sonst durch den mit der Bokalisation Elokim versehenen vierbuchstabigen Gottesnamen, den wir als »den seine Gnade als Rechts- Wallung offenbarenden Gott" fassen, ausgedrückt wird — Midas Horachamim und Midas Hadin tteten uns hier in der Personifikation zweier Gottesboten entgegen. — Edom und seine Hauptstadt Bozrah sind Repräsentanten der Reiche, in denen das Esau-Prinzip, das Schwert, herrscht, wo nur dasjenige Recht geachtet wird, das stark genug ist, sich Achtung zu erzwingen, wo aber die Thränen und Seufzer der Schwachen, Vergewaltigten und Ausgebeuteten nimmer Gehör finden. Ein Annehmer ersteht ihnen endlich, wenn sie auf Erden keinen finden: dieser Annehmer ist Gott. Das Einschreiten seiner Wallung wird im Folgenden in ihrem ganzen Ernste gezeichnet. Die ihre Lebenskraft nur zur Unterdrückung der Schwächeren mißbrauchen und auch weiter mißbrauchen wollen, deren Blut, deren Lebenskraft, muß in den Stäub rinnen. Es kennzeichnet nun so recht den im »Alten Testamente" wehenden Geist der göttlichen Liede, wenn auch hier, — ganz wie es im 1. B. M. 6, 6, bei dem notwendig gewordenen Untergange des entarteten Menschengeschlechtes heißt: »es that Gott weh" — die richtende Gotteswaltuna sich ob ihres Einschreitens, man könnte fast sagen, rechtfertigt. Dem Auge des Propheten stellen sich zwei Gottesboten dar. Er schaut den Emen, die personifizierte Midas Hadin, den Vollbringer der waltenden Gerechtigkeit, erregt, »nlit aufgewühlten Gewändern", von Edom, den Stätten des Gewaltmißbrauches, heimkehrend. Gleichzeitig schaut er den Zweiten, Midas Horachamim, »voll Majestät in seiner Gewandung, langsam daher-. schreitend, in der Fülle seiner Kraft" und sich selbst als den Gnade liebenden aussprechend. Dieser Zweite fragt den Ersten: »Woher die Röte deinem Gewände, und deine Erscheinung weist darauf hin, als hättest du die Kelter getteten!" Darauf antwortet V. 3 der erste Gottesbote: »Die Kelter habe ich getteten", denn von den Menschen, in Edom, stand keiner zu mir, ttat keiner für die Unterdrückten und Beraubten ein, wie es B. 5 in weiterer Aussührung heißt. . B. 4 Denn lange, lange hatte Gottes Gerechtigkeit zugeschaut und auf Umkehr gewartet. V. 5. »Da half mir mein Arni, und meine Zornesglut sie stützte mich." Wann und so oft der Mensch beim Anblick siegreichen Unrechts und sttafloser Gewaltthat von banger Unruhe erfüllt nach dem Gotte des Rechtes ausschaut und in schwache Seelen banger Zweifel an der göttlichen Weltwaltung einziehen möchte, so find Aussprüche wie diese geeignet, Beruhigung zu gewähren und Kleinmut zu bannen. Gott sieht alles, er wartet bis sowohl im Hinblick auf das Sündenmaß des Unterdrückers, als auch auf das Erziehungsbedürfnis des Unterdrückten die rechte Stunde gekommen —: »das Jahr der von mir zu Erlösenden war gekommen." Bergl. 1. B. M. 15, 16. Noch auf einen Punkt haben wir hinzuweisen. Das schwere Gottesgericht, das sich vollzieht, das Böller niederstteckt und die ragenden Gebilde, ihrer Machtherrlichkeit zertritt, wirdnicht umsonst mit dem Treten, der Kelter verglichen. Die schwellenden Trauben werden in der Keller fteilich gepreßt und zerdrückt, ihr edler Jnhall aber wird gewonnen und von den Hülsen und Kernen gesondert. So bedeutet auch das Gottesgericht nicht Vernichtung,, sondern Gewinnung des edlen Menschengehaltes in der Menschheit, seine Befteiung von allem ihn bis zur Unsichtbarkeit Umgebenden und Niederhallenden." Wenn Herr Profeffor Delitzsch mll seinem Gebibel und Gebabel weiter gar nichts bewirkt hätte, als die Vertiefung in den rechten Sinn der von ihm verhöhnten* jesajanischen Prophette, so würden wir in ihm dankbar die Kraft verehren, „die stets das Böse will und stets das Gute schafft" und schonend über die Gährnng seiner Klärung den Mantel jüdischer Menschenliebe - breiten: