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Neue jüdische Presse · 1903-03-20 · Heft 20 (20.3.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 20 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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SÄe 4, Fraickfurter ÄfräelitrscheS Familienblatt. Nr. 26. vertretender Vorsitzender, Jahnstr. 23; Friedr. Horkheüner, Schatzmeister, Liebftauenberg 39; Di-, med. Gukst Levi, Kaiserstraße 68; Emil Rothbart, Westendstraße 9; S. K. Marx, Fricdberger Landstraße 11; Inst Landsberg. Westendsttaße 80; Julius Heyman, Neue Mainzersttaße 53; Moritz Emden. Bockenheimer Landstraße 101. Gaben werden , von allen Vorstandsmitgliedern, sowie im Bereinsbureau, Friedberger Landstraße 21 (geöffnet Montags und Donnerstags von 9—11 Uhr Vorm.) gerne entgegen genommen. Wir empfehlen den sehr segensreich wirkenden Verein angelegentlichst dem Interesse unserer Leser. Im Hotel Drehl am Ostbahnhof veranstalte das Deutsch-Jüdische Theater-Ensemble aus Lemberg einige Vorstellungen. Bei der Eigenartigkeit des Unternehmens düsten die Veranstaltungen sich sicher zahlreichen Zuspruches erfreuen. Aus den Literaturvereiuen. Gieße«. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach Dr. Adolf Kohut über „Friedrich den Großen und Kaiser Josef H. in ihren Beziehungen zu I u d e n u n d I u d e n t u m". Im 18. Jahrhundert ging den Juden nach tausendjähriger Erniedrigung die Sonne der Humanität aus. Friedrich der Große in Preußen und Kaiser Josef II. in Oesterreich beseitigten die Schranken, wodurch der jüdische stamm in das Kulturleben der Völker eintrat. Dem großen Staatsmann,'. Denker und Philosophen Friedrich dem Großen' waren alle Religionen gleich. Es gab damals zwei Kategorien von Juden, die sogen. Ordentlichen, die privilegierten Schutzjuden, welche sich durch 300—500 Thaler einen Schutzbrief erwarben,- und die sogen. Unordentliche», über denen stets das Damoklesschwert der Ausweisung schwebte. Friedrich der Große huldigte dem Grundsätze, daß man es nie mit den reichen Leuten. verderben .solle. Deshalb ernannte er Juden zu Hof- und Finanzmännern, er gab Beitel Ephrajim das Rechst Münzen mit seinem Bildnisse zu prägen. Mit der völligen Umgestaltung der politischen, wissenschaftlichen und künstlerischen Zustande der Zeit Friedrich des Großen nahmen auch Handel und Wandel bei den Juden einen Aufschwung, Kunst und Literatur blühten unter ihnen. Tie besondere Gunst des „Alten Fritz" erwarb sich Moses Mendelssohn, der bekannte Philosoph und jüdische Gelehrte. Als er es wagte, die poetischen Erzeugnisse des Königs in einer Zeitschrift zu beurteilen, wurde man bei Hofe neugierig auf diesen Juden. Zur Verantwortung gezogen, verteidigte er sich in Sanssouci also: „Wer Verse machst schiebt Kegel, und wer Kegel schiebst er sei, wer er wolle, König oder Bauer, muß sich gefallen lassen, daß. der Kegeljunge sagst wie er schiebst" Es bedurfte bielseitiger Verwendung, bis Mendelssohn das Privilegium eines Schutzjuden erhielt, d. st die Versicherung, nicht an jedem beliebigen Tage über die Grenze gewiesen zu werden. Die Berliner Akademie der Wissenschaften schlug Mendelssohn wegen Lösung einer Preisaufgabe und wegen seiner in alle europäischen Sprachen übertragenen Sch.ift: „Phädon oder die Unsterb.ichkeit der Seele" zur Aufnahme als Mitglied vor, doch diese scheiterte am König. Friedrich der Große war ein Verehrer der Rabbinen, ein Feind aller Proselyten uird Denunzianten. Was Friedrich der Große für die Juden in Deutschland; das war der Kaiser Josef ll. für die in Oesterreich. Josef ll. verkündete das Recht der Glaubens- und Gewissensfreiheist ihm gebührt das Verdienst, den Verschmelzuncsprözeß des biblischen-und des traditionellen Judentums mit der modernen Weltanschauung herbeigesührt zu haben. Er schasste die .Abzeichen, die damals die Juden tragen mutzten, ab, ebenso den Judeneid, gestattete ihnen das Erlernen von Handwerken, Künsten und Wissenschaften, sowie den Betrieb des Ackerbaues. Ae Pforten der Universität öffneten sich für die Juden, die Gründung von Elementar- und Normalschulen wurde angeordnet, das Toleranzpatent verfügt, die Juden sollten allenthalben als „Nebenmenschen" geachtet und alle Ausschreitungen gegen sie vermieden werden. Auch den Leibzoll hob Josef ll. auf, ferner die doppelten Gerichtstaxen, Passagierscheine und alle ähnlichen Bedrückungen. Er verlieh den Juden Auszeichnungen und Eharaktererhebungen und kümmerte sich nicht um . das Toben der Reaktion. Er ordnete das jüdische Gemeindewesen und ließ 1.775, zurzeit einer böhmischen Hungersnost Gaben, an alle Mittellosen, ohne Unterschied der Religion austellen. Jüdische Kranke wurden in christlichen Spitälern verpflegt. Josefs ll. Initiative ist es zu verdanken, wenn auch andere Fürsten nach ihm den Geist der Humanität predigten. Als man einst Friedrich den Großen auf die Thaten Kaiser Josefs ll. für die Juden aufmerksam machte, sagte er: „Es freut mich, daß mein Bruder in Wien so viel Gutes thut, aber ist es nicht-seine Pflicht, so zu handeln, da er doch König von Jerusalem ist?" (Josef ll. hatte vom Papste den Ehrennamen König von Jerusalem.) Rosenfelder & Trepp Feine Jlerrensehneiderei Rossmarkt 2 L an der HauptwaelLe. (Nachdruck verboten.) Ein Sabbat-Engel in Uniform. (Schluß.) Es war Anfang der siebenziger Jahre, kurz. nach der Beendigung des deutsch-französischen Krieges. Wir hatten damals einen besonders lebhaften geschäftlichen Verkehr mit der Schweiz, in welcher wir in den Großstädten bedeutende Warenlager hatten, die wir in gemieteten Lokalen unterbrachten und öffentlich darin verkauften. So kamen wir an einem rauhen Dezembertag nach Luzern und mieteten direkt von der Stadtverwaltung für die Dauer unseres dortigen Aufenthalts das Foyer des damals disponiblen Sommertheaters Wir richteten dort alles zum Verkaufe ein und kündigten in Inseraten und Flugblättern die Eröffnung unseres Verkaufs-Magazins auf Donnerstag Abend sechs Uhr an. Wir hatten durch Gelegenheitskäuse infolge des deutschftanzöstschen Kriegs besonders billig eingekauft und konnten auch dementsprechend billig verkaufen. Schon bevor wir zur festgesetzten Stunde unsere Verkaufsräume öpneten, hatte sich eine große Menge Kauflustiger eingefunden, welche bis spät, in die Nacht und den folgenden Tag — Freitag — immer neue Liebhaber anzog. Wir hatten kaum Zeit und Muße etwas zu genießen, aber da der Freitag kurz war und der Schabbos schon um fünf Uhr Abends anfing, so nahnien wir das gern mit in Kauf. So ging der Mittag vorüber, es wurde zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr, die Käufer strömten in immer neuen Scharen in unser Magazin, so daß gar kein Ende abzusehen war. In einer Stunde war Schabbos und wir wollten deshalb das Lokal schließen, damit wenigstens keine neue Käufer hinzukämen. Da aber das Theater keinen anderen Ausgang hatte, so konnten wir die bereits Anwesenden nicht fortüekommen, wenn der einzige Ausgang geschloffen war. Unsere Berkaufstische. waren in Form eines großen j“"” j ausgestellt.. An dem einen Ende stand mein Bruder, an dem anderen Ende, stand ich. In unserer Verzweiflung riefen wir uns erst durch Zeichen und Geberden. dann aber laut und vernehmlich: Schabbos! zu; aber wir wußten uns keinen Rat, wie wir die Leute hinaus bekommen sollten. Wir konnten auch unsere Posten nicht verlassen, sonst hätten wir uns am Eingang postiert, und die neu Hinzukommenden wenigstens zurückgewiesen. Als aber wieder ein Schwann Männer und Frauen hereinsttömte. rief ich ihnen zu, sie sollten nur wieder gehen, denn soeben werde das Lokal geschloffen. Damit hatte ich aber nur Oel in das Feuer gegossen. Die Leute geberdeten sich, als ob sie die Waren geschenkt erhielten, so erpicht waren sie darauf, beftiedigt zu werden. Sie erklärten laut, sie ließen sich so etwas nicht gefallen, so gut die anderen bedient werden, müßten sie es auch sein und es hätte wenig gefehlt, daß cs zu Handgreiflichkeiten gekommen wäre- Wir waren kaum mehr Herren der Situation und in einer halben Stunde war Schabbos! Der Angstschweiß ttat uns auf die Stirne, wir waren vollkommen rattos. Niemals in unserem Leben hatten wir den Sabbat entweiht, was sollten wir um Himmelswillen anfangen, wir sahen keinen Ausweg aus dieser unerquicklichen Situatton. Ich werfe einen- Blick zu meinem Bruder hinüber; dieser wollte die Waren gewaltsam vom Tische wcgnehmen und sie in Kisten verpacken. Damit hatte er aber die Konfusion nur gesteigert. Die Leute glaubten, wir wollten den Verkauf deshalb abbrechen, weil wir nachttäglich selber gefunden hätten, die Waren seien zu billig verschleudert worden, und nun bestanden sie erst recht darauf, sofort bedient zu werden. Wieder ruft mir mein Bruder Schabbos! zu, wieder wende ich meine Blicke verzweifelt nach ihm hin, da erschein! plötzlich unter der geöffneten Thüre eine Uniform. Es war ein Polizeisergeant, der mit mächtiger Stimme in den Saal hiNeinrief: Alle Anwesenden haben ohne Widerrede binnen fünf Minutcn das Lokal zu verlassen! Erstaunt blicktxn die kauflustigen Anwesenden zu diesem Boten der Luzerner Hermandad empor, sie fragten, protestierten. murrten und gaben ihrem Unwillen in aller Form Ausdruck. Noch einmal wiederholte der Polizist den Ruf und die Anwesenden verließen sofort das Theater. Nun waren wir mit dem Polizisten allein; ich hätte ihm uM den Hals fallen mögen, wenn' mich die Ehrerbietung vor dem Sabbat-Engel nicht zurückgehalten hätte, der da in Uniform vor uns stand, denn für etwas anderes hielten wir ihn nichst Wir wollten ihm danken, aber er sah uns groß an und meinte, wir hätten durchaus keine Veranlassung zu danken, er sei im Gegenteil an der Reihe, sich zu entschuldigen, daß er unseren Verkauf so plötzlich gestört habe. Aber er handle auf direkte Ordre des Stadttates, ein Grund.dieses eigentümlichen Verbots sei ihm vollständig unbekannt, und im Vertrauen gesagt, sei es chm selber leid, daß gerade er das Verbot habe überbringen müssen, denn seine eigene Frau, wollte die Gelegenheit des billigen Verlaufs benützen und heute Abend noch hier einkaufen, jetzt sei's damit vorbei, denn er müffe von Amtswegen das Lokal schließen.. Wir. waren' wie im Traum und ließen'unseren Sabbat-Engel nach Belieben schalten und walten, die Thüren schließen und zwei mächtige Siegel daran legen. Wir waren ftei, wir hatten unseren Schabbos, und gingen in Gedanken versunken in unsere Restauration, da es zum Besuch der Synagoge doch zu spät geworden war. Dort ttafen wir unsere alten Bekannten, unter welchen Niemand eine Ahnung von dem Vorgefallenen hatte; und auch wir sprachen kein Wort'darüber. Erst als wir am Sabbatmorgen erwachten, erwachte auch der Kaufmann in uns. Jetzt fingen wir an, nach einer natürlichen Erklärung des Sabbat-Engel-Wunders zu suchen, aber umsonst. Nach dem Morgengebet machten wir einen Spaziergang nach dem Quai des Vierwaldstättersees, der uns am Theater vorbeiführte. Da hingen die zwei großen Siegel noch, wie sie gestern Abend angebracht worden waren; es war also kein Traum. Wir gingen weiter dem Markte zu, da hielt uns eine Frau mit ihrem Markttorb unterm Arme an; es war die Frau des Stadttats B., die jetzt und schon früher größere Einkäufe bei uns gemacht hatte und uns daher gut bekannt war. Die gute Frau war ganz außer sich vor Erregung. „Wollen Sie sich denn das wirklich so ruhig gefallen lassen, daß man Ihnen das Geschäft schließt, als ob Sie zwei Spitzbuben wären? Ich habe meinem Mann den Kopf gewaschen, er ist jetzt kuriert, aber er hat halt nur eine Stimme, jetzt müssen Sie weiter gehen; das ist ja eine Schmach und Schande für die ganze Stadt!" Als wir die Dame ein wenig beruhigt hatten, erfuhren wir von ihr folgendes: Zirka dreißig Luzerner Manufakturwarenhändlerhätten sich beim Stadttat beschwert, daß er füi fremde Warenlager ein städttsches Lokal hergebe und so den einheimischen Geschäftsleuten schade;■ sie seien gern bereit, die Räume für denselben Preis zu mieten, aber dieser auswärtigen Konkurrenz müsse erst das Handwerk gelegt werden und zwar sofort. Der Stadttat habe sich nun wirklich einschüchtern und sofort das Geschäft schließen lassen I Das sei aber doch zu dumm und einfälttg. Wenn wirklich dreißig Manufakturwarenhändler dadurch geschädigt würden, so würden doch dagegen den Hunderten und Tausenden Luzerner Bürgern, die im Theater billiger einkaufen, damit genützt; wir dürften die Sache um Himmelswillen nicht auf sich beruhen lassen. . Das war nun auch gar nicht, unser Absicht.. — Sofort nach Sabbat - Ausgang richteten wir eine geharnischte Eingabe an den Stadttat und verlangten als optierte französische Bürger unser Rechst Wenn wir bis 10 Uhr Vormittags — das ist die Zeit nach Schluß des kirchlichen Gottesdienstes, an dem-alle Geschäfte geöffnet werden dürfen — nicht im Besitz unseres unverkürzten Rechts und einer Entschädigung für unseren Verlust seien, so drohten wir mit einer telegraphischen Beschwerde bei der ftanzösischen Gesandtschaft in Bern und einer diplomatischen Intervention. Das zog. Es geschah daraufhin das Unerhörte, daß der Luzerner Stadttat an einem Sonntag Vormittag zu einer Sitzung zusammentrat und um 9 Uhr hatten wir'schon die schriftliche Zustellung, daß der Stadttat das Geschehene bedaure und uns das Theater laut Mietverttag auch weiterhin zur Verfügung stelle. Auf eine Entschädigung verzichteten wir, da wir faktisch nicht nur keinen Schaden durch Schließung des. Geschäfts von Freilag Abend 5 Uhr bis Sonntag 10 Uhr hatten, sondern uns noch gerade in Folge des Verbots eines Zudrangs erfteuten, wie wir ihn sonst nie wieder hatten. . „Das ist in der That eine merkwürdige Geschichte," bemerkte nach > einer kurzen Pause Herr Stadler. „Was sagen Sie dazu?" bemerkte er zu mir gewandt. „Mir issts gar kein Zweifel," entgegnete ich, „daß dieses merkwürdige Vorkommnis in hohem Grade geeignet ist, unsere jüdischen Welttinder zu belehren, daß Gottes Veistand in der That auch heute noch allen denen auf wunderbare Weise zur Seite stehst die endlich Seinen Sabbat halten wollen. Gott sendet noch heute Engel, auch wenn dieselben statt der Flügel eine schweizerische Landjägerumform ttagen. ' Es fließt darüber ein herrliches Buch des berühmten Pädagogen Salzmann „Der Himmel auf Erden": in welchem auf viele ähnliche Engel hingewiesen wird, die uns Gott auf unseren Weg durchs Leben sendet. Hätte er dieses Erlebnis unseres Herrn Kurz gekannt, er hätte seinen Polizei-Sergeanten ohne Zweifel unter die stattliche Zahl seiner Engel ausgenommen, die -er uns da aufzählt. — Aber ich halte die Geschichte für bedeutsam genug, sie einem größeren Zuhöresttteis zu erzählen, und habe diese Absicht nun verwirklicht, indem ich sie den Lesern des „Israelitischen Familienblattes" mitgeteilt habe. - Aus unser» Tage« von Friedrich Rotst (Fortsetzung) „Das hast Du," bestätigte Arnold, „und inj danke Dir nochmals." „Den Dank, Dame, begehr' ich nicht," deklamierte Felix lachend. „Das weiß ich und darum anerkenne ich es auch dankend, daß Du mir wenigstens den Handschuh nicht ins Gesicht geworfen hasst denn sonst könnte ich , d»S herrlichen Anblickes dort mich nicht er-

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