Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 20 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692318--00189-2694546- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
' Nr.'20. _ freuen. Sehet nur wie wunderbar die Sonne dort sinket in ein ganz durchsichtiges Dunstmeer als strahlenlose Scheibe." „Ja, das ist wirklich wunderbar und wunderschön, beinahe so schön wie die schaumumhüllte auf Wolken schwebende blauäugige Emilia." „O Du heilloser Spötter! wenn ich nicht morgen Frühe abreisen würbe, würde ich mich heute- Abend mit Dir zanken. Wer die Abschicdsstimmung, in der ich mich bereits befinde, macht mich zur Versöhnung geneigt. .Kommt Jungens, machen wir uns aus den Heimweg." „Einverstanden," sagte Felix, „Mama wird vermutlich schon nach uns nussehen." „So gehen wir zunächst zu Deiner Mama, ich möchte mich von ihr verabschieden und werde auch vermutlich meinen Onkel bei Euch treffen, der auch Deiner Mama Wien sagen wollte." „Also allons!" Arnold hatte richtig verniutet. Sein Onkel, der Seminardirektor Pater Wiesner befand sich seit beinahe einer Stunde p>ei Frau Kohn, mit der er während seines Aufenthaltes auf dem Rigi öfters zu verkehren pflegte. Sie war eine intelligente hochgebildete Dame. Als Mutter des jungen Mannes, dem er sich um seines Neffen willen, so sehr verpflichtet fühlte, hatte er sie ausgesucht, um ihrer selbstwillen hatte er seine Besuche öfters wiederholt. Sie hatten davon gesprochen, daß die herrliche Schweizerluft eine geradezu wunderbare Wirkung aus Felix' Gesundheit geübt. „Mein Mann wird ihn kaum wiedererkennen," bemerkte sie mit glücklichem Lächeln. „Freilich, freilich, der Herr Gemahl wird eine Freude haben. Wie lange sind Sie jetzt hier, gnädige Frau?" „Seit vier Wochen und wir beabsichtigen noch vierzehn Tage hier zu bleiben. In dieser Zeit wird Felix doch hoffentlich auch noch znnehmen." „Ohne Zweifel. Aber gnädige Frau ich begreife nicht, weshalb Sie nur noch vierzehn Tage hier zu weilen gedenken. Nach denl bisherigen io großartigen Erfolg sollten Sie Ihren Aufenthalt hier noch um mehrere Wochen verlängern." „DaZ möchte ich auch sehr gern. Wer der Freund meines Sohnes, der junge Vogel, von dem Sie Ihren Herrn Neffen vermutlich schon haben sprechen hören, der hat absolut keine Zeit mehr." „Das ist aber doch kein Grund, weshalb Sie mit Ihrem Herrn Sohn nicht noch länger hier bleiben könnten —" „Hm, wir betrachten es allerdings als Hinderungsgrund." „Nun ja, ich begreife, Ihr Herr Sohn würde den munteren Kameraden vermissen, würde sich am Ende gar hier ein wenig langweilen, aber der so überaus. wohlthätige Einfluß seines Hierseins auf sein Befinden würde dadurch doch nicht abgeschwächt werden." „Grade das befürchten wir, Felix ist nicht vorsichtig."^ „Wirklich? — das kann ich mir kaum denken, möchte vielmehr' vermuten, daß die mütterliche Zärtlichkeit in ihren. Ansprüchen an Vorsicht zu weitgeht." Frau Kohn schüttelte den Kopf. „Nein, nein, Felix ist zuweilen sehr unbesonnen." „Und ich habe ihn doch als einen überaus gescheidten, wackern jungen Mann kennen gelernt. Es war ja gradezu überraschend, mft welcher Umsicht und Besonnenheit er' in jenen schweren Tagen bemüht war, meinen Neffen zu stützen. Ich habe ihn damals für Arnolds Schulfreund gehalten, aber als ich dann später das Borangegangene erfahren habe, ich versichere, gnädige Frau, da habe ich gestaunt und Sie können stolz sein auf einen solchen Sohn." „Das bin ich auch," erwiderte Frau Kohn geschmeichelt, „ich bin vor allem stolz auf das gute und wahrhaft große Herz meines Sohnes." „Gegen seinen klaren, scharfen Verstand läßt sich auch nichts einwendcn." „Freilich hat er Verstand genug, aber er wendet ihn nur nicht immer an, namentlich, wenn es sich um Wahrung seiner Gesundheit handelt. Daß er, wenn er sich z. B. beim Gehen erhitzt hat, sich nicht sofort in kühlen Schatten setzen darf, darüber habe ich ihn wiederholt mit dem jungen Vogel streiten gehört, der. dieses und derartiges um keinen Preis zugiebt, 'bei dem ich überhaupt sicher bin, daß keine einzige Anordnung des Arztes außer Acht gelassen wird. Wenn ich aber mit meinem Sohne allein hier gewesen wäre, wie oft hätte er sich nicht schon einen Katarrh zugezogen, und davor hat der Sanitätsrat am meisten gewarnt. Rem, nein, allein möchte ich mit Felix um keinen Preis hier sein, eine Unbesonnenheit — und er liegt uns, Gott behüte! wieder über dem Haufen." „Ich bin überzeugt. Sie sind zu ängstlich, gnädige Frau, aber selbstverständlich, wenn nnan einmal fürchtet, darf man's nicht wagen. — Wenn Ihnen damit gedient wäre, könnte mein Neffe nach Abteise des Vogels hier bei Ihnen sein, so lange Sie es wünschen. Da er das meiner Leitung unterstehende Seminar besucht, würde ich ihn von dem Besuche desselben auf mehrere Wochen dispensieren und ich glaube auch, daß man sich auf Arnolds Gewissenhaftigkeit-verlassen könnte —" .Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. „Daran zweifle ich nicht und ich fühle mich Ihnen, hochwürdiger Herr, für Ihr überaus freundliches Anerbieten sehr verpflichtet —" „Aber ich bitte sehr, gnädige Frau, wir wären doch die undankbarsten Menschen, wenn wir^uns nicht glücklich fühlen würden, Ihrem Herrn Sohn eine Gefälligkeit erweisen zu können. Wer, wie gesagt, an Arnolds Gewissenhaftigkeit zweifle ich keinen Augenblick, ebensowenig wie an seiner Bereitwilligkeit, seinen allzulebhaften Freund erforderlichen Falles an Wahrung seiner Gesundheit zu mahnen — ob er jedoch genügenden Einfluß ans Ihren Herrn Sohn besitzt? — Diese Frage entzieht sich meiner Beurteilung." Frau Kohn zuckte die Achseln. „Das kann ich auch nicht beurteilen. Ernst Vogel besitzt einen geradezu merkwürdigen Einfluß auf ihn, ihm folgt er mehr als dem Sanitätsrat und selbst als meinem Manne und mir. Was Ernst sagt, das thut er, wenn er auch vorher mit ihm streitet, daß er Uebertriebenes von ihm verlangt." „Der junge Boges muß ein sehr geist- und charaktervoller junger Mann sein, mein Neffe spricht auch mit großer Hochachtung von ihm." „Die verdient er nach jeder Richtung hin. Und er hat eine gewisse Manier, meinen Sohn zu lenken, um die ich ihn schon oft beneidet habe." „Ob Arnold ihn in dieser Beziehung ersetzen könnte?" „Das weiß ich nicht, das könnte ich mir mit den jungen Leuten überlegen." „Das erscheint auch mir das Richtigste. Also wollen Sie meinen Vorschlag in Erwägung ziehen und falls Sie es im Interesse Ihres Herrn Sohnes halten, denselben anzunehmen, so wollen Sie es mich gefälligst wissen lassen. Morgen reisen wir nach K„ wo wir uns bis Ende dieser Woche aufhalten werden, dann geht es wieder heim nach C. . ." „Sie haben Verwandte in K.?" fragte Frau. Kohn. „Ich habe eine Cousine dort und bei ihr lebt eine Nichte von nur, ein früh verwaistes junges Mädchen, bei dem meine Cousine, Witwe eines bei Sedan gefallenen Offiziers, Mutterstelle vertreten hat, resp. noch vertritt. Nun handelt es sich aber um die Verheiratung dieses Mädchens. Ein junger Mann hat um ihre Hand angehalten und hat auch, wie meine . Cousine mir schreibt, ihre Zuneigung gewonnen. Aber meine Cousine ist eine alleinstehende Frau, sie möchte nicht gern die Verantwortung allein übernehmen und habe ich deshalb versprochen, vor dem Mschluß hinzukommen. — Aber da kommen ja unsere jungen Leute. — Also, gnädige Frau, um nochmals auf mein Anerbieten zurückzukommen, falls Sie auf die Gesellschaft meines Neffen reflektieren, bitte es mir rechtzeitig mitzuteilen, dann wird er so bald und so lange Sie es wünschen, hier sein." Gleich darauf traten die drei Freunde in das Zimmer, von Frau Kohn und dem Seminardirektor auf's Herzlichste begrüßt. Felix umarmte seine Mutter, die ihm zärtlich die Wangen streichelte. „Ihr habt Encrn Spaziergang heute länger ausgedehnt." „Wir mußten mit Arnold zusammen doch noch einmal den Sonnenuntergang hier bewundern, das war doch unumgänglich notwendig. Und übrigens," fügte er neckend hinzu, „mein gestrenger Herr Hofmeister hatte nichts dagegen einzuwenden." „Das Wetter ist noch jetzt überaus milde," versicherte Ernst, „sonst hätte ich es sicherlich nicht zugegeben." „Das weiß ich," erwiderte Frau Kohn, ihm freundlich zunickend, „unter Ihrer Obhut, lieber Ernst, ist Felix gut versorgt, da bin ich seinetwegen unbesorgt." „Mer es ist Zeit, daß wir aufbrechen," jagte der Seminardirektor, indem er sich erhob, „Tu mußt noch heute Abend Deine Siebensachen zusammenpacken, Arnold, denn morgen müssen wir zeitig an der Bahn sein. Also komnr!" Beide verabschiedeten sich von Frau Kohn, die Freunde wollten jedoch noch nichts von Abschiednehmen wissen, beide versprachen vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof zu sein. Es war ein wunderbar schöner Abend, die Luft klar und rein, der azurblaue Himmel mit Sternbildern übersäet und über denselben erstreckte sich die sog. Milchstraße in 'mächtigen Bogen dahin. „Wie schön!" sagte Arnold, indem er neben dem Onkel einherschritt, „wie wunderbar schön! und wie viel Sternschnuppen heute herniederschießen." „Ich weiß nicht," sagte der Geistliche, stehen bleibend und sich Mit der Hand über die Stirn fahrend, „mir wird plötzlich so schwül— ist es in Wirklichkeit so heiß?" „Der Abend ist ungewöhnlich nrilde," erwiderte Arnold, „aber heiß ist es nicht. Tn scheinst Dich nicht wohl zu fühlen, lieber Onkel, — bitte, stütze Dich auf mich und lasse uns langsam weiter gehen." Der Onkel atmete schwer auf, es war beinahe ein Ringen nach Atem, dann bemühte er sich, der Aufforderung des jungen Mannes zu entsprechen, sich schwer auf ' denselben stützend, schritt er mit sichtlicher Anstrengung weiter. Arnold preßte die Lippen aus einander, seine nicht übermäßig kräftige Gestalt schien unter der Schwere des sich aus ihn Stützenden fast zu erliegen, und außerdem fürchtete er, daß sein Verwandter von einem ernstlichen Unwohlsein befallen. „Gleich, lieber Onkel, gleich sind wir zu Hause — nur noch wenige Schritte, dann mußt Tu Dich niederlegen, da wird Dir hoffentlich sofort besser sein —" Das Hotel lag jetzt unmittelbar vor ihnen, aber zu seinem namenlosen Schrecken erkannte der junge Mann die Unmöglichkeit, den sichtlich Erkrankten auch nur uni einen Schritt weiter zu geleiten. „Hilfe!" rief er laut, „Hilfe!" Aber drinnen herrschte lebhafte Unterhaltung, man hörte ihn nicht. „Onkel!" stammelte er, „es geht nicht anders, Tu mußt Dich auf einen Moment hier niedersetzen." Ob der Angeredete ihn hörte? — Schwer lastete das Gewicht des starken Mannes auf den jugendlichen Schultern seines Neffen, dem es nur mit übergroßer Anstrengung gelang, den Erkrankten sorgsam auf den Erdboden nieder zu legen. Tann aber eilte er zu einem offen stehenden Fenster und rief abermals um Hilfe. Und nun waren rasch einige Kellner und mehrere Gäste draußen bei ihm. „Was war geschehen? — um'S Himmelswille»! — was war geschehen?" Niemand wußte es. Vorsichtig aber hoben sie den anscheinend Bewußtlosen, der mit geschlossenen Augen da lag, und trugen ihn hinein in's Hotel in sein Zimmer. Leichenblaß, an allen Gliedern bebend, folgte Arnold. „Einen Arzt!" slehte er händeringend, „um Gotteswillen! rasch einen Arzt!" (Fortsetzung folgt.) Bücher-Eingänge. Reiseskizzen aus Rumänien von Dr. Hugo Ganz, Wien. Berlin 1903, Verlag H. S. Hermann, 154 S. Reflexionen über Babel und Bibel von Dr. Immanuel Plato, Hamburg. 39 und 48 S. Voranzeigen. Jüdisch-nationale Frauenvereinigung. Sonntag, den 22. März, abends 7 Uhr in der .Rosenau", Reuterweg 8: Bortraa des Herrn Herm. H. Kohn über: .Esther und die historischen Frauen des Judentums." Hierauf: Abendunterhaltung. Jüdisch-Literarische Gesellschaft. Sonntag, den 22. März, abends sy2 Uhr in, Saale der Frankfurt-Loge. Eschersheimer Landstraße 27: Bortrag des Herrn Professor Dr. I. Barth. Berlin über .Der Monotheismus und die Ausgrabungen". Nichtmitglieder Mk. 1.— Eintritt. Berein Montefiore Mittwoch. d 25. März, abends 9 Uhr. Theobaldstr. 5: Bortrag des Herrn Fritz Sondheimer. Frankfurt a. M. über .Jung-Jüdische Kunst und Literatur." Donnerstag, den 26. März: Bortrag des Herrn Rabbiner Dr. Jacob Horovitz. Hier über .Babel und Bibel" im Saale der Frankfurt-Loge. Eschersheimer Landstraße 27. Samstag, den 21. März. Abends 7 Uhr. im kleinen Saal des Saalbaues: Vortrag des Herrn Justizrat vr. Edmund Friedemann aus Berlin über: »Die Stellung der Juden in Staat und Gesellschaft." Eintritt frei. (Die nummerierten Plätze sind reserviert.) Woche»-Kalender. Sabbath-Anfang: 6 Uhr 5 Minuten. Sabbath-Ausgang: 7 Uhr 25 Minuten. Wilhelm Glücklich Gegr. j SchiUerstrasse 4,1. Gegr. 1879. 1 Frankfurt a. M. 1879. Immobilien, Hypotheken, Einzelnummern unserer Zeitung sind bei sämtlichen Franktarler Zellongs-Hoskes zum Preise von 10 Pfennig zu kaufen. Frankfurter Israelitisches Familienblatt.