Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 20 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Erste 3. Nr. 20. ' Frankfurter Israelitisches Familienblatt. die Juden bestärken und kräftigen in der Treue zur Glaubensgemeinschaft und zum Vaterlande. Die Juden brauchten sich nicht erst zu „assimilieren" oder ohne Vorbehalt im Deutschtum aufzngehen. „Assimilieren" und „Äufgehen" sei nur der saubere Ausdruck für die Taufe- „Ausdauern solle, man",, wie Goethe sagt, „da wo einen mehr das Geschick als die Wahl hinstellt." Diese Ethik sei ethischer, als die Ethikmoderner Professoren der Ethik. Treue zu üben, die Kinder zur Treue anzuhalten und die innere Ehre zu bewahren, sei mehr wert, als nach, den äußeren Ehren des Staates zu streben. Treue mache stark; wenn die Juden treu sein würden, würden sie stark sein. Stürmischer Beifall zeigte dem Redner, daß seine Ausführungen die Herzen getroffen. An der Besprechung beteiligten sich noch die Herren Löwe, Rechtsanwalt Bacher. Leo Schäfer. Die Versammlung, die einen sehr würdigen Verlauf hatte, führte dem Verein wohl an siebzig neue Mitglieder zu. Nürnberg-. Eine interessante Entdeckung hat die bündlerische „Neue fr. Volksztg." gemacht: Der Urgroßvater des Kultusministers v. Wehner soll ein Jude gewesen sein.' Das Blatt schreibt: „Auch der neue Kultusminister v Wehner kann einen Stammbaum aufweisen, aber ganz rassenrein ist er doch nicht, in seinen Adern rollt Makkabäerblut, denn sein Urgroßvater war ein echter Jsraelite, der auf den Namen Wiener ging. Wie schon so viele Israeliten, ließ sich derselbe taufen, er wurde geadelt und der Name Jxmn in von Wehner umgemodelt, was heutzutage auch noch vielfach passiert." Für gewige Zentrumsleute, die anr liebsten zu jeder Mahlzeit ein Dutzend Juden verspeisen würden, muß diese Entdeckung geradezu fürchterlich sein!. Nebenbei bemerkt, war der Vater des jetzigen Kultusministers ein schlichter Handwcrksmann und nicht im geringsten adelig; das Letztere ist erst seinem Sohne zugcstoßen. Aus Lothringen. Wir lesen in der „Metzer Ztg.": Bekanntlich lvurde von Oberlehrer Dr. Lewy in Mülhausen und einem Metzer Herrn die Errichtung eines israelitischen Oberkonsistoriums angeregt. Diese Anregung hatte zu lebhaften und längeren Erörterungen in der Presse geführt, ja sogar eine öffentliche Gegenkundgebung gezeitigt, indem unter den israelitischen Gemcindemitgliedcrn des Landes eine Liste zur Unterschrift in Umlauf gesetzt wurde. Inzwischen hat aber die Stimmung vollständig umgeschlagen und man darf behaupten, daß jetzt mehr Stimmen für als gegen Gründung eines Oberkonsistoriums abgegeben würden. Solingen. Antrag des Zentralvereins deutsch er Staatsbürger jüdischen Glaubens be'tr. den Deutsch-russischen Handelsvertrag. Der Verein hat, wie Dr. Bettgenhaeuser berichtet, die Handelskammer auf die Erschwerungen hingewicsen. welche die deutschen Gewerbetreibenden jüdischen Glaubens im Handelsverkehr mit Rußland zu erleiden haben. Die unterschiedliche Behandlung der jüdischen Reisenden durch die russischen Paß- und Steuerbestimmungen habe schon oft Anlaß zu Klagen gegeben. In neuerer Zeit habe das russische Finanzministerium wiederum verschärfte Vorschriften gegen jüdische Handlungsreisende erlassen. Während nämlich neuerdings ausländische Handlungsreiscnde für Firmen, die in Rußland kein Etablissement besitzen, auf den Namen der von ihnen vertretenen Firmen Gewerbescheine zum Preise von 150 Rubel zu lösen hätten, müßten jüdische'Handlungsreisende auf den Namen ihrer Firma einen Gewerbeschein in Höhe von 500 Rubel und auf ihren eigenen Namen einen solchen von 50 Rubel lösen. Hiernach betrage die Sonderbesteuerung der. jüdischen Reisenden mehr als das dreifache dessen, was die Handlungsreisenden christlichen Bekenntnisses zu entrichten hätten. Wenn auch die russische Regierung ihre eigenen Unterthanen jüdischen Glaubens gegenüber den Angehörigen anderer Bekenntnisse zurücksetzen könne, so dürfe sie doch unter den deutschen Unterthanen nicht Unterscheidungen machen, die nach deutschem Staatsrecht nicht begründet seien. Bei der Erneuerung des tandelsvertrages mit Rußland müge die deutsche egierung Sorge tragen, daß diese Ausnahmevorschriften beseitigt würden. Der Verein richtet an die Kammer die Bitte, durch Verinittelung der Relchsregierung auf eine gleichmäßige Behandlung aller deutschen Kauflcute in Rußland hinzuwirken. Nach längerer Beratung wird beschlossen, den Antrag beim Reichskanzler zu befürworten. Schneidemühl, 17. März. Der Rabbiner Braun ist gestern Abend im Alter von 89 Jahren gestorben. Am 5. April d. I. hätte er das 50jährige Jubiläum als Rabbiner der hiesigen Gemeinde feiern können. Frankreich. Paris. Im Hause Nr. 60 der Rue Vieille du Temple wohnte seit längerer Zeit ein jüdisches Ehepaar namens Schönerer, das sich durch sein bescheidenes Wesen großer Sympathien erfteut. Mittwoch'den 18. ds. ging Herr Schönerer frühmorgens zu -seiner Arbeit und ließ die junge, kaum 27jährige Frau noch im Bette zurück. Wenige Minuten später fing das Bett Feuer und die arme grau war von Flammen umgeben Sie. stieß ein herzzerreißendes Geschrei aus. das bald von einem Nachbar vernommen wurde. Er eilte der unglücklichen Frau zu Hilfe, fand aber in seiner Verwirrung nichts,, die Flammen zu dämpfen. Er klopfte daher an die Tür einer Nachbarin (Nichtjüdin) und bat flehentlich um eine Decke, um die in Flammen stehende Frau darin einzuhüllen. Er mußte sich Übereugen, daß er sich an eine falsche Adresse gewandt hatte, denn diese Frau gab ihm ganz ruhig und kaltblütig zur Antwort: „Es ist ja eine Jüdin, diebrennt, und die kann ja ganz ruhig verbrennen." Die unglückliche Frau wurde wohl dann ins Krankenhaus gebracht, erlag aber bald ihren entsetzlichen Schmerzen. England. London. Der englische Premierminister über die Bibel. In dem Mansionhause zu London -and, wie uns berichtet wird, die Jahrhundertfeier der englischen und ausländischen Bibelgesellschaft statt. Der Lordmayor, der bekanntlich Israelit ist, erkälte bei der Eröffnung der Feierlichkeit, daß die Leute, die nicht verstehen könnten, daß er als Jude bei dieser Gelegenheit den Vorsitz führe, „lieblos" seien und nicht den wahren christlichen Geist zeigten. Er fteue sich, zugegen zu ein, denn er sei aufgeklärt genug, andern Glaubensbekenntnissen gegenüber Duldung zu zeigen, und die Sache einer Gesellschaft zu vertreten, die in der ganzen Welt unermeßbar viel Gutes gethan habe. — Der Premierminister Lord Balsour hielt eine Ansprache. Er sagte, daß die Bibel, wenn man die Religion außer Betracht lasse, eine große Wohlthat für die führenden Wissenschaften gewesen sei. Aber es seien nicht die Wissenschaften für den Erfolg der menschlichen Gesellschaft zu loben, sondern die Religion. Sie sei die treibende Kraft bei aller Arbeit, die von Erfolg gekrönt werde. Der Premierminister bekannte sodann, daß er est daran glaube, daß die Bibel immer noch die Quelle des Trostes, der Hoffnung und der Belehrung sei. Für die Gelehrteren, die aber deshalb dem himmlischen Königtum keineswegs näher stünden, als die andern, habe die heilige Schrift heute sogar größeres Interesse als vielleicht jemals zuvor. Daß man imstande sei, trotz trennender religiöser Ansichten sich auf den gemeinsamen Boden der Bibel zu stellen, das müsse, die Barmherzigkeit stärken und den Blick erweitern. Balfour schloß mit dem Älppell, religiöse Einigkeit und religiöses Zusammenwirken zu fördern. London. Die Fremdenfrage. Die königliche Kommission für Untersuchung der Frage der Einwanderung von Ausländern hielt kürzlich wieder eine Sitzung. Herr Lewis Lyons, Generalsekretär des Gewerkvereins der Bereinigten Bekleidungs-Arbeiter von Großbritannien, war der erste Zeuge, der vernommen wurde. Er sagte, die Bildung von jüdischen Gewerkvereinen sollte unterstützt werden, damit man dadurch genau erführe, wie die Lage der lüdischen Arbeiter ist,und dann sollten die Informationen darüber in hebräischer Schrift gedruckt im Auslande verbreitet werden. Die schlechten Arbeitsbedingungen der früheren Jahre seien wiedergekehrt, teils infolge der verstärkten Einwanderung, teils in Folge der Einführung von Maschinen, die Arbeiter 'überflüssig machten. Er sowohl wie die Mehrzahl der Ausländer seien der Ansicht, es sollten gegen die fortdauernde Einwanderung „Grüner" Maßregeln ergriffen werden. Ausländische Arbeiter würden von ausländischen Arbeitgebern oft schlecht behandelt und es kämen nicht selten thätliche Angriffe vor. Ungünstig für die Ausländer sei auch, daß weder die Polizeirichter noch die englischen Juden. die sie beschäftigten, den jüdischen Jargon verstünden. Auf die Frage des Vorsitzenden, was der jüdische Jargon sei, erwiderte der Zeuge, es sei eine Mischung von Deutsch und Hebräisch. „Sehr wenig Hebräisch," fügte Lord Rothschild hinzu. Der Vorsitzende meinte, es stecke auch Arabisch und Sanskrit darin, worauf der Zeuge erwiderte: „Jeder fügt ein oder ein paar Worte hinzu. Ich thue es mitunter auch." Ter Zeuge bemerkte noch,' es sei wünschenswert, daß wenigstens die Fabrik-Inspektoren den jüdischen Jargon verstünden. Nebenbei wurde noch der Zionismus erwähnt, und der Zeuae sagte, er stünde zum Zionismus in guten Bezihinem. Doch wenn die Juden nach Palästina kämen, so brauchten sie dort auch Gewerkvereine. Ueberdies bestehe noch keine Aussicht, daß sie do-thin kämen. Ein Vertreter der der Vereinigten Gesil'schnft der Schneider, Herr Marston, Mitglied des Gemeinderates von Leeds und Friedensrichter da>'elbst, der als nächster Zeuge' vernommen wurde, saate aus. in Leeds gebe es in seinem Gewerbe 15 000 bis 20 000 ausländi'che Arbeiter. Namentlich die Schneiderei auf Bestellung >ei in den Händen der Ausländer und die englischen Arbeiter hätten das Geschält verloren. Juden sowohl wie Engländer seien sehr gegen wei^e-e Einwanderung. Ein Vertreter d-s M öbeltischker-Gewerk.Vereins aus Leed^, Namens Thompson, sagte aus. die Ausländer machten billige und schlechte Möbel. Fünf-ia Prozent der Möbeltischler in Leeds seien Ausländer, und das aaine Engrosoeschäst sei in ihren Händen. Das sei schon seit 8 Jahren so, und die ausländischen Arbeitgeber lieben immer mehr ausländische Arbeiter von auswä-ts kommen. Ein Vertreter der Bereinigten Gesellschaft der Schneider aus Sheffield machte Anaabeu darüber, wie auch in Sheffield im Schneideruewerbe Ausländer die En"län6er verbrannten. Firmen, welche, ausländische Arbeiter b-- schästiateu, erhielten jetzt Aufträge von der Stadt Sheffield, weil sie infolge des „Sweating Svstem" billiger liefern könnten.. Rußland. Petersburg. Im hiesigen Senate gelangte vor kurzem ein Prozeß zur Austragung, welcher von der national-russischen Presse lebhaft besprochen und kommenttert wird. Zur Charakteristik der Lage unserer Volksgenossen in Rußland liefert aber der Prozeß und die Zeitungsdebatte ein wertvolles Material. Der jüdische Tanzlehrer Dawinghos erwirkte infolge einer Empfehlung des Balletmeisters des kaiserlichen Michailow-Theaters, Petipa, vom Petersburger Stadthauptmann General Kleigels die Erlaubnis zur Eröffnung einer Tanzschule in Petersburg. Auf Grund dieser offiziellen Autorisation mietete Dawinghof am Newsky-Prospekt eine elegante Wohnung, möbilierte dieselbe luxuriös und er« öffnete seine Tanzschule. Allein wenige Wochen darauf ordnete derselbe General K l ei g e l s die Sperrung der Tanzlokalitäten an. Der Grund hierfür lag darin, daß K l e i g e l s bei der Erteilung der Erlaubnis angeblich nicht gewußt hatte, daß Dawinghof Jude sei. Aber diese Sperre hatte den jüdischen Tanzlehrer ruiniert und in große Schulden gestürzt. Dawinghof strengte deshalb gegen Kleigels einen Prozeß wegen Schadenersatzes an. In der ersten Instanz verlor Dawinghof den Prozeß, in der zweiten aber gewann er ihn. Der Prozeß gelangte nun infolge der Nichtigkeitsbeschwerde des Generals Kleigels zur Verhandlung im Senate, der letzten Instanz. Der Senat wies die Richtigkeitsbeschwerde ab und verurteilte den Stadthauptmann von Petersburg zur Zahlung einer Schadenersatzsumme von ungefähr 40000 Rubeln. In der Urteilsbegründung erklärte der Senat, daß General Kleigels durch seine Unvorsichtigkeit und Unüberlegtheit den Wohlstand des Juden Dawinghof vernichtet habe. Aber dieses Urteil rief in den judenfeindlichen Blättern Rußlands eine Hetze gegen den Senat hervor, welche eigentlich eine scharfe Judenhetze genannt werden kann. FürstMeschtscherslij zum Beispiel erklärt in seinem „Graschdanin", daß derartige Urteile, zumal wenn sie zu Gunsten von Juden gefällt werden, nur geeignet seien, die Autorität der Behörde zu untergraben, während die „Nowoje Wremja" sich in scharfen Worten gegen die Verleihung von Konzessionen jeglicher Art an Juden wendet und die russische Justiz zur Vergewaltigung ausfordert, sobald die Objekte dieser Vergewaltigung nicht dem orthodoxen Glauben angehören! Amerika. Rew-Nork. Statistik der Judeneinwanderung nach Amerika. Nach den kürzlich veröffentlichten statistischen Berichten sind in den vier Jahren 1899 bis inklusive 1902 1,896,948 Einwanderer nach den Bereinigten Staaten gekommen, darunter 213,965 Juden. Bon diesen sind 16,534 Personen, unter ihnen 1744 Juden, zurückgeschickt worden; 12,315 Einwanderer — 1356 Juden — wurden als so arm befunden, daß sie ohne Zweifel der öffentllchen Wohlthätigkeit hätten zur Last fallen müssen. Bon dm in Amerika Gelandetm konnten 83,284 Juden nicht englisch lesen oder schreibm. die Gesamtzahl der nicht englisch verstehenden Einwanderer bettug 433,797. Bon der gesamten jüdischen Einwandererschaft blieben 70% in New-Iork, von den Ankömmlingen anderer Konfessionen nur 29%. Der größte Teil der hier nm eingewanderten Juden läßt sich in den schon sehr übervölkerten Judenvietteln nieder. Jüdische Lehrer entlassen. Der Magistrat beantragte, zwei jüdische Lehrer, die sin den gemischten protestantisch-katholischen Schulen angestellt warm, zu entlassen und keine Juden mehr an diesen SchulM anzustellm. _ Fraukofirrlia. Verein zur Beförderung der Handwerke unter den israelitischen Glaubensgenossen. Im Jahre 1900 unterstützte der Verein 121 Lehrlinge, die H. S. Goldschmidt'sche Stiftung 27, zusammm 148 Lehrlinge. Im Jahre 1901 belies sich die Gesamtzahl auf 149 Lehrlinge, wovon 105 auf Rechnung des Vereins und 44 auf Rechnung der H. S. Goldschmidtsschm Stiftung entfielm. Von dieser Anzahl sind ungefähr ein Drittes auswärts untergebracht, währmd zwei Drittel hier in der Lehre sind. Es hat sich schon seit lange als ein großer Mißstand in der Organisation herausgestellt, daß der Verein nur für Unterhaltung der Lehrlinge Sorge wagen kann, daß er aber nicht in der Lage ist, dieselben genügmd zu beaussichttgm. Früher als die Zahl der Lehrlinge kleiner und unsere Stadt selbst die heutige Ausdehnung nicht besaß, ließen sich diese Dinge leichter überblicken. Mit dem Größerwerdm unserer Stadt machen sich diese Mißverhältnisse immer mehr fühlbar, und hat der Verein sich deshalb schon längere Zeit mit der Frage beschäftigt, ob es nicht möglich sei, ein Lehrlingsheim zu gründen, doch schimm bisher die großm Kosten ein unüberwindliches Hindemis zu sein. Köln. Düsseldorf und Sttaßburg sind in dieser Richtung mit gutem Beispiel vorangegangen, und haben Lehrlingsheime gegründet. Neuerdings ist auch der Vorstand dieser Frage näher gettetm. und wenn dieselbe bei unseren Mitbürgern genügende Unterstützung finden wwd, so darf man eine befriedigmde Lösung erwarten. Der Vorstand besteht aus dm Herren: Emil Süebel, erster Vorsitzender, Cronbergerstraße 28; Herm. Schott, stell»