Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 20 (20.3.1903)
- Date
- 1903-03-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. lieferung auf, in welche die Mer noch am Meeresstrande auseinandergingen. Die einen wollten nach Egypten zurück, die anderen wollten gegen die Egypter kämpfen, die dritten wollten mit Worten Protest erheben und die letzten wollten sich in's Meer stürzen. Sie meinten es gewiß alle vier gut; aber Laß es noch eine fünfte Möglichkeit giebt, die wirklich eingetretene Spaltung des Meeres und der Durchzug eines ganzen Volkes, Las hatte keine der Parteien vorhergesehen. Auch nach diesem ihrem Durchzug , durch Las Meer blieben sie in Parteien und Fähnlein gespalten, und diese Spaltung äußerte sich bei allen Begegnungen in der Wüste. Wer als sie an die Stätte der Gottesoffenbarung kamen, als sie der Oertlichkeit gegenüber standen, an welcher Gott sein Gesetz mitteilte, da stand Israel geeint wie ein Mann da. Das finden die Weisen im Wechsel des Numerus angedeutet: „Sie brachen von Refidim auf, sie kamen in die Wüste Sinai, sie lagerten in der Wüste, und dort lagerte Israel dem Berge gegenüber." (2. B. M. Kap. 19. V. B. nach Raschi das.) Die Worte, die Gott zu erfüllen geboten hat, sind und bleiben die hoch erhobene Standarte, vor der jeder Eigenwille zurücttritt, dem jedes Sctüstinteresse sich untecordiret, das der Willkür und Subjektivität des Einzelnen nur so viel Raum läßt, als zur Wohlfahrt der Gesamtheit notwendig ist. Ihre Wege siiü> in der That Wege der Anmut und alle ihre Pfade führen zum Frieden. Gott hat sein Gesetz den Menschen nur gegeben, .um sie, wie ein Wort der Wei,en lehrt, mit einander zu verbinden. — Diese Diktate des . Rechts und der Liebe, der Entsagung von Selbsthelligung weben ein Band, das also umschlungenen in Lieve verbrüdert. Das Studium, die Vertiefung in den Sinn und den Geist, in die Bedeutung und Anwendung dieser Worte für unser prallisches Leben bilden eine friedliche geistige Wahlstatt, auf i welcher der Lehrer, dem Schiller, der Vater dem . Söhne gegenübersteht. Die einen erlauben, die anderen verbieten, die einen erschweren, die anderen erleichtern, die einen, sprechen frei und die . anderen sprechen schuldig, aber alle finoen sich in dem Bewußtsein zusammen, daß es Worte des lebendigen Gottes, daß sie von einem Hirten gegeben sind, und dieser Umstand macht die Kämpfer zu Freunden und Brüdern, das sammelt sie und hält sie zusammen. Deshalb ist und» bleibt Thora, bleiben die Worte Gottes die erste der drei Säulen, auf welchen die große Well und vor allern unsere jüdische Welt steht. Deshalb ist die Pflege, des Gotteswortes die erste und letzte jüdische Pflicht. Sie beginnt mll dem ersten Lallen des Kindes und dauert bis in die Todesstunde. Deshalb gab es keine Vereinigung, keine Chebro innerhalb der jüdischen Zerstreuten, sie mochte welche Zwecke und Ziele auch immer verfolgen, ohne daß ihre Mitglieder nicht Talmud Thora an -ne Spitze ihrer Bestrebungen gestelll, ohne daß sie sich allabendlich oder doch allsabballich zum gemeinsamen Studium der Thora zusammengefunden chatten. Das >'ist heute anders -geworden. Die Worte Gottes, scheinen ihre sammelnde, einigende und verbrüdernde Kraft verloren zu haben. Ja sie sind derart zum Erisapfel geworden, daß der Worte Gottes unter diesem ihrem Namen gar nicht mehr gedacht wird, daß man nur von Religion spricht oder richtiger, nicht spricht, und daß. wie auf Verabredung das Grundstatut aller jüdischen Vereine, Bünde und Verbände lautet: „Die Behandlung religiöser Fragen ist ausgeschlossen." Wo ttotz aller Borbeugungsmittel ein Wort über unsere innersten, heiligsten jüdischen Anliegen dem Gehege der Lippen entfährt, da geraten in der That die Geister aneinander; der dürftig zur Schau getragene Frieden geht in die Brüche und zeigt die gcmze Kluft, die zwischen den Verbündeten lläfst. Wie erklärt sich der Gegensatz zwischen einst und jetzt, zwischen der früher sammelnden, verbindenden und der heute trennenden Eigenatt der Worte Gottes? Die Worte Gottes find ganz gewiß dieselben geblieben, aber ihre Träger haben gewechselt. Einem großen Teil derselben sind die. Worte Gottes nicht mehr Gottessondern Menschenworte. Sie haben das Vertrauen in die Göttlichkeit dieser Worte und damit haben diese Worte' ihre ursprüngliche Kraft verloren. Wenn'die Worte Gottes für den, der sie hört,' lernt und kennt, ihre bindende Kraft eingebüßt haben, wie sollten sie andere verbinden, sammeln und festhüllen können? Ein größer Teil von denjenigen, die sich damit beschäfftgen, kultivieren sie nur'aus archäologischen, historischen, grammatikalischen und im günstigen Falle aus nationalen Rücksichten. Wer die Worte Gottes bewähren ihre verbrüdernde'Kraft nur, wen» sie "für die WiiAichkeit, für die praktische Erfüllung, für die That des Lebens, wenn sie ausschließlich für den einen Zweck gelehrt und gellrnt werden, es mll ihnen nun Ernst zu Machen, sie nun auch zu erfilllen, ihre herrlichen Gedankmi in Thaten uMzusetzen. Fehlt diese ernste Wsicht, fehlt sie nicht nur, sondern fließt aus der theoretischen Beschäftigung gar die Praktische Abweisung und thatsächliche Verachtung des ganzen von den GotteSwotten geforderten Lebensregimes,' daun Frankfurter Israelitisches Familienblatt. sind diese Worte nur leere Schälle, nur taube Nüsse und leblose Mumien.' So gewiß die Worte Gottes für diejenigen, die in der rechten Wsicht an sie herantrcten, ein Elixir des Lebens sind, so gewiß sind sie ein Trank des Todes für diejenigen, die ohne diesen Lebensvorsatz sich mit ihnen befassen. Selbst rechte theoretische Kenntnis dieser Gottcsworte erschließt sich mit nichten denjenigen, die ihnen keinen Einfluß auf das praktische Leben gestatten, wie könnten. die Worte Gottes unter solchen Umständen noch ihre ursprüngliche einigende Kraft bewahren und bewähren? Das, was uns scheidet, das, was uns in verschiedene sich gegenseitig, ausschließende Parteien sondert, ist und bleibt im Grunde doch lediglich die Frage: „Sind die Gottesworte wirklich Worte Gottes oder sind sie es nicht?" > ■ Sind sie es, dann .genügt ihre Kenntnis, um ihnen die Anerkenntnis zu sichern, sind sie es nicht, dann wäre es schade, ein Wort darüber zu verlieren, dann ist. unsere ganze tausendjährige Geschichte eine einzige große Täuschung, wenn nicht ein grober Bettug, dann sind wir in der That wie Ja und Nein, wie Sein und Nicht-Sein. von einander geschieden. Dann mögen wir die Zerklüftung des heutigen Israel wehmütigen Herzens bellagen. Denn dann sind alle Pflästerchen, welche den Bruch überkleistern möchten, unzulängliche Quacksalbereien, dann giebt es wie einst so auch heute kein anderes Mittel, um uns wieder zu sammeln und unsere Zerrissenheit zu heilen, als die Durchdringung mll der alten Wahrhell: „Das sind die Worte, die Gott geboten hat, sie zu vollbringen.". Aus a£Cev Wett. Deutschland. Berlin. Das j ü d ische M ä d ch e n st i f t, Lothringerstraße 16, das in einem besonderen, von der Hausmutter Frau H. Bare geleiteten Heim unbemittelte jüdische Mädchen hauswirthschaftlich. heranbildet und für den Dienstbotenberuf vorbereitet, versendet seinen 13.' Jahresbericht. Die Anstalt hat im abgelaufenen Jahre 4 und im ganzen bereits 58 Zöglinge in den Dienst tteten lasten, aus deren Zahl bisher 11 für mehrjährigen tteuen Dienst. bei derselben Herrschaft eine auszeichnende Belohnung erhalten haben. Zur Deckung der insgesamt 9087 M. d. h. 605 M. pro Kopf bettagenden Ausgabe reichte die satzungsgemäß dazu bestimmte Einnahme nicht aus und der dadurch bis, auf einen geringen Rest zusammengeschmolzene Reservefonds mußte in Anspruch genommen werden. Vorsitzende sind der Waisenhausdirektor Dr. Strelitz und Frau Julie Neumann. Berlin. Frau Staatsminister. Dr. Studt, Excellenz, besuchte, am 12. März das Israelitische Heimathaus, Gernmniasttaße No. 3. Empfangen und geleitet von den Begründern und Leitern des Hauses, Herrn und Frau Abraham, besichtigte sie die Anstalts- Synagoge. sowie die Wohlfahrts-Einrichtungen des Hauses, Volksküche, Haushaltungsschule, Kindergarten, Alters- und Mädchenheim und sprach sich über die segensreichen und zweckmäßigen Einrichtungen sehr wohlwollend aus. Berlin. Die anständig e Konfession. Der «Voss. Ztg." wird geschrieben: «Bei den letzten Debatte» über, die Pflicht des christlichen Hauptmanns, für das Seelenheil seiner Soldaten zu sorgen, wie Abg. Graf Roon dies wünscht, fiel mir ein kleines Zwiegespräch aus meiner nun schon fast 30 Jahre zurückliegenden Dienstzeit ein, das sich nach der Zuweisung der. neu Eingcstelltcii an die Kompagnien ereignete. Hauptmann: Wie heißen Sie? Soldat: Friedrich Schnitze. Hauptmann: Stand und-Konfession? Soldat: Kaufmann, Distident Hauptmann: Sind Ihre Eltern auch Dissidenten? Soldat: Ja Hauptmann: Ihre Großeltern auch? Soldat: Nein, die. wären evangelisch. Haupttnann: So, so! Na, alter Freund, nun will ich Ihnen was sagen. Wir haben jetzt 9 Uhr. Um 12 Uhr melden Sie sich bei mir. Wenn Sie sich dann nicht eine anständige Konfession angeschafft haben, werden Sie zu den Juden geschrieben. Verstanden? Weggetreten 1' Berlin. Das Komitee der Ferienkolonien für jüdische Kinder versendet einen Bericht über seine Thättgkeit im äbgelaufenen Jahre. Der Erfolg dieser Thättgkeit bedeutet eine gleichmäßig fortschreitende Entwickelung seiner Bestrebungen. Das Komitee konnte 364 armen Kindern die Wohlthat eines vierwöchentlichen Sommeraufenthaltes gewähren Von besonderem Interesse ist der Bericht über das Kindergenesungsheim (Eugen und Amalie Rosenstiel-Sttftung) in Bad Elmen. Dort waren in diesem Jahre 90 Kinder untergebracht Diese 1896 errichtete Stiftung steht stets im Mittelpunkt des Interesses, denn seitdem das Komitee dieses eigene Heim besitzt, erzielt cs damit die glänzendsten Erfolge. Der Aufenthalt in hellen, luftigen Räumen, im schattigen Garten, die gute Verpflegung, die berühmten Soolbäder und die Spaziergänge am zwei Kilometer längen Gradierwerk bekommen den Kindern vorzüglich. Die Seebadkölonie war in Wieck bei GreifswaU> untergebracht und zwar mit 50 Mädchen. Äe- Nr 20. kanntlich geht der Verein mit dem Plane um, ein Heim an der Ostsee zu erwerben. Zur Ausführung dieses Planes besitzt er bereits 8000 Mark von den Berliner Logen U. O. B. B, 2000 Mark vom Frauenverein dieser Logen. Die diesjährige Ferienkolonie befand sich mitten im Wald in Schrecksheide bei Züllichau mit, 20 Knaben. Eine große Anzahl menschenfreundlicher Familien in den..Provinzen gewährt dem Koniitee Mjährlich Freistellen für arme Kinder. Ans diese Weise konnte man 129 Knaben und 73 Mädchen die Wohlthat eines Sommeraufenthaltes angedeihen lassen. Der Kassenabschluß ergiebt an Einnahmen 13 256.65 Mark, die sich mit den Ausgaben ziemlich decken. Im -Jahre 1898 hat der Verein begonnen, eine Winterkolvnie in Bad Elmen zu errichten. Dresden. Im 10. sächsischen Kreise (Döbelv-Leisnig) ist nunmehr in einer Berttauensmänner-Bersammlung des Bundes der Landwirte, der konservativen und der deutsch-sozialen Refornipartei der der letzteren Partei angehörige Cheftedakteur Zimmernrannin Dresden einsttmmig und endgiltig als gemeinsamer Kandidat aufgestellt worden. Görlitz. Einer der geachtetsten Mitbürger unserer Stadt, der langjährige Vorsitzende im Vorstande, der Lhnagogengemeinde, der Stadtverordnete Herr EManuel Alexander Katz, feierte heute seinen 70..Geburtstag. Aus diesem Anlaß hat er 30 000 Mark der Gemeinde für den SynagogenLaufonds gestiftet. Hamburg. Der Israelitische Versorgungsverein von 1827 hielt vor Kurzem seine diesjährige Generalversammlung im Hammonia - Gescllschastshaus. Hohe Bleiche 30, unter Vorsitz des Herrn Ad. Grünthal ab. Der Vorsitzende begrüßte die Anwesenden und wies darauf hin, daß auch im verflossenen Jahre dem Verein wiederunr 5 neue Mitglieder beigetteten seien, wodurch deren Zahl auf 176 angewachsen ist. Auch sonst könne das Jahr 1902 als ein günstiges angesehen werden, indem dasselbe im Gegensätze zum Vorjahre mit einem Gewinnsatdo abschließe. Diese Mitteilungen wurden von der Versammlung sehr beifällig ausgenommen. Aus der alsdann verlesenen Jahresabrechnung ist zu entnehmen, daß im Jahre 1902 an Mitgliedsbeiträgen 1772 Mk. 50 Pfg. und an Zinsen 231 Mk. 23 Pfg. vereinnahmt wurden, während an Legate iJsaal Hartwig- und Gottlieb Beer-Testament) 117 Mk. eingingen. An Krankengeld wurden 657 Mk. 25 Pfg. und für Medikaniente 471 Mk. 02 Pfg. verausgabt- Weitere Ausgaben waren Honorar an den Bereinsarzt 400 Mk., Gehalt für' den Boten 400 Mk., Sterbegeld 30 Mk., Annoncen- und Maklergebühren 52 Mk. 20 Pfg. Die Jahresabrechnung schließt mit einem Ueberschuß'von 122 Mk 71 Pfg., wodurch das Vereinsvermögen auf 5977 Mk. 69 Pfg. angewachsen ist. Die Abrechnung wurde als richtig anerkannt und dem Kassierer Decharge erteilt. Zum nächsten Punkt der Tagesordnung: Wahlen wurde das ausscheidende Mitglied Ad. Grünthäl einstimmig wiedergewählt; zu Ersatzmännern des Vorstandes wurden die .Herren ■ Jos. Ehrenberg und Louis Leopold, und zu Revisoren die Herren Max Eschwcge und Adolph Weiß designiert. Sodann folgte noch die Wahl von sieben Mitgliedern des Schiedsgerichts und zwei Ersatzmännern. — Der Vorsitzende ersuchte bann noch die -Anwesenden, in ihren Kreisen neue Mitglieder für den Verein zu werben, was ja um jo leichter sei, als der Verein bei dem geringen Bcittag von 10 Mk. jährlich nicht nur fteie ärztliche Hilfe und freie Medikamente, sondern auch ein wöchentliches Krankengeld von? Mk. .20 Pfg. gewähre. Mainz, 16. März. Samstag feierte die israelitische Gemeinde den Tag, an dem vor 56 Jahren die Synagoge eingeweiht wurde. Herr Rabbiner Dr. Sülfeld, der die Festpredigt hielt, hat zu dem Gedenktag eine Schrift:- «Bilder aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde Mainz" verfaßt, die von mehr als nur lokalem Interesse ist. Eine von Herrn Professor -Bolbach komponierte stimmungsvolle fünsstimMige Motette gelangte durch Mitglieder der Liedertafel und des?amengesangvereins, ein Psalm von Schubert unter Mitwirkung der Herren Wemer und. Snppantschitsch in würdiger Weise zum Borttag.. ... Magdeburg. DerZentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hattezmn 10. März in den Prunksaäl des Caf6 Höhönzollcrn eine Versammlung, einberufen, um über Wege' und Ziele des Zenttalvereins Auftlärung zu geben. Den Borttag des' Abends hielt der stellvertretende Vorsitzende des Zentralvereins, Herr Jüstizrat Dr. Fuchs aus Berlin. Der Vertrauensmann des Vereins. für Magdeburg, Herr Max Kallmann, eröffnete die von 200 Personen besuchte Versammlung, indem er zunächst, dem Herrn Dr. Wiesenthal das . Wort zur Begrüßung erteilte. Sodann nahm Herr Justizrat Dr. Fuchs das Wort. ' Er entwickelte in ungefähr einstündiger Rede die Gründe, die zur Begründung-des Zenttalvereins geführt haben. Er schilderte, daß der Verein ein Abwehrverein sei, der nicht Sonderrechte für die deutschen Juden erringen, sondern das Toleranzgesetz zur Wahrheit machen wolle. Er führte aus, wie der Kampf dem Zcntralverein aufgedrnngen sei durch die antisemitische Bewegung, welche die Massen und die Behörden terrorisiere, die Juden in ihren-Rechtsgütern bedrohe und die Begriffe von gut und böse umwerte. Der Verein sei weder parteipolitisch, noch partelleligiös, er stehe fest auf dem deutschnationalen Boden, wolle