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Neue jüdische Presse · 1903-03-20 · Heft 20 (20.3.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 20 (20.3.1903)
Date
1903-03-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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UL B Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus., Durch die Post bezogen SV Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Nostzeitungsliste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). 9 UeLaKIran und Haupt--Expedition: Fr«nKfrrrL «. Ml. Bergerstrahe 25, parterre. 13 Herausgeber: Kaly Geis. er Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Famllien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche. 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. §3 No. 2«. Freitag, den 21. Adar 5663 <26. März 1963). No. 26. NW Die ver ehrlichen Abonnenten unserer ^WJZeitung, welche dieselbe durch die Post be- NW ziehen, machen wir höfl. darauf aufmerksam, SW dass die Briefträger amtlich angewiesen und IW berechtigt sind, behufs Erneuerung des NW Abonnements die Quittung über 1,02 Mk. NW (einschl. Bestellgeld) für das II. Ouartal NW in der Zeit Tom 15. bis 25. März zu präsentieren und über den genannten Betrag voll- NW gütig zu quittieren. NW Wir bitten unsere verehr liehen Abon- NW nenten, von dieser Einrichtung zur Yer- NW rneidung der Unterbrechung in der Zu- W Stellung der Zeitung Gebrauch zu machen. NW Nach dem 25. März kann die Erneuerung NW des Post-Abonnements nur am Schalter des NW Revier-Postamts erfolgen. Auch ist es ge- NW stattet, ein Abonnement auf unsere Zeitung 9W schriftlich bei der zuständigen Po->t- NW anstalt zu bestellen. Eine Gebühr für der- NW artige Bestelischreiben, sowie Einziehung SW des Abonnementsbetrages wird nicht er- Die Spedition des „frankfurter Israel, familienblatt.“ Nachdruck berboten. „Zurück zur Verfassung!" ' In einer von der Einwohnerschaft zu Erlangen zahlreich besuchten Festversammlung zu Ehren des Geburtstages des Prinzregenten von Bayern hielt Herr Universitätsprofessor Dr. Rehm eine vom wärmsten Patriotismus eingegebene Rede, die in folgende Worte ausklang: „Halten wir fest an der Verfassung, dann kehrt auch wieder ein die politische Ruhe, der politische Friede." Und dünkt dieser Appell an die Verfassung zeitgemäß und wichtig genug, um durch Wiedergabe der vorausgegangenen bezüglichen Ausführungen des Redners die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Der Redner knüpfte an den unter ultramontanem Drucke erfolgten Wechsel im bayerischen Ministerium, wo im Vorjahre Kultusminister Dr. v. Landmann sein Portefeuille, niederlegte und jetzt Dr. von Crailsheim, Ministerpräsident, ausschied, seine Ausführungen an, um Folgendes darzulegen: „Die Ereignisse der letzten Monate und Wochen haben an die Spitze von dreien unserer fünf politischen' Ministerien neue Männer gestellt. Sie sind Geschäfts-, nicht Parteiminister. Der König hat sie berufen. Sie sollen, sie wollen, sie müssen über den Parteien stehen. Parteien gehen, Minister bleiben, das ist das monarchische Prinzip. Das hat einen Nachteil. Die Minister müssen auf ein festes Programm verzichten. Me Parteiverhältnisse wechseln. Bald sehen sie. sich dieser, bald jener Parteimajorität gegenüber. Aber diese Politik der Opportunität, diese berechtigte Programmlosigkeit hat ihre feste Grenze. Ein Programm giebt's auch für die Geschäftsminister, die Verfassung. Kein Kompromiß auf ihre-Kosten, kein Abweichen von ihr um eines augenblicklichen Vorteils willen. Sie muß unverletzlich sein. Wie steht es damit bei uns in Bayern? . Blicken Sie auf das erste Blatt unserer Verfassung. Obenan steht die „Freiheit der Gewissen." Wann ist sie gegeben? Wenn jedes Bekenntnis gegen Mißachrung geschützt ist. Dem Staate obliegt das-oberste Schutz - und Aufsicht s recht. Nach der Verfassung sind „die im Staate bestehenden Religionsgesellschajten sich wechselseitig gleiche Achtung schuldig," und dem weltlichen Amt kommt es zu, einzugreisen, wenn „es die Erhaltung der öffentlichen Ruhe zwischen verschiedenen Religionsparteigen erfordert." Können wir mit Au,richngkeit sagen, daß der Staat mit verfussnngsmäßigem Nachdrua trotz seines Oberanfsichts.echres von den kirchlichen Oberen verlangt, daß sie den fortgesetzten Störungen des konfessionellen Friedens, den die Verfassung will, entgegengetreten? Und die Verfassung fährt fort: „Gewissenhafte Scheidung dessen, was des Staates und der Kirche ist." Was der Kirche und des Staates ist, bestimmt die Verfassung. Ums nur mit einem Beispiele für das öffentliche Unterrichtswesen zu belegen. Sache der Kirche ist nur die Aufsicht über den Religionsunterricht. . „Aussicht und Anordnung über den Unterricht sowohl in den Volksschulen, wie in den Studienanstalten, ist Staatspolizeigegenstand." Das mag manchem Wunsche widersprechen, aber höher als die gewünschte, steht die erreichte Verfassung. Wie paßt zu ihr die Trennung der Lehrerseminare in katholische und protestantische, und die, was die Stellenbesetzung angeht, immer mehr fortschreitende Trennung der Gymnasien in evangelische und katho- Nsche? Ist da ein Ende abzusehen, wenn die Abbröckelung an der Verfassung beginnt? .Aber auch an die verantwortlichen Träger unserer Regierung sei die offene Bitte gerichtet: Seien Sie Hüter und Bewahrer der Verfassung. In der Zukunft rächt es sich. Denn die Verfassung ist das Bollwerk unseres paritätischen Staates, der Freiheit des Volkes, aber auch der Rechte der Krone. Zurück zur Verfassung! Das ist nicht bloß mein innerster Wunsch, das ist das sehnlichste Streben aller Geblldeten der Nation ohne Unterschied der Parteien und Konfessionen." Was hier der rühmlichst bekannte Herr Professor ausgeführt, ist gewiß sehr beachtenswert. Es ist aber vor allem jedem jüdischen Staatsbürger aus derSeele gesprochen. Was man von nichtjüdischer Seite jetzt erst erkennt und nach mancherlei bösen Erfahrungen am eigenen Leib offenmutig auszusprechen wagt, das war Gegenstand des Kampfes und berechtigter Abwehr unserer Glaubensgemeinschaft seit einem Vierteljahrhundert, da der mittelalterliche Judenhaß seine traurige Auferstehung feierte. Die „Abbröckelung von der Verfassung, von der keine Ende abzusehen", begann mit dem Augenblick, da unsere verfassungsmäßigen Rechte auf dem Papiere stehen blieben, d. h. seit immer und jeher. Nur so konnte wie in Preußen und Hessen so auch in Bayern nur — nach dem berühmten „Antrag Heim" — eine prozentuale Gerechtigkeit Befürwortung und Anerkennung finden. Das Beispiel des größten Bundesstaates fand auch in Süddeutschland Nachahmung, in eben dem Lande, wo jetzt Herr Professor Dr. Rehm seine Anklagerede hielt. Wir Juden wissen schon längst nichts mehr von dem „Oberaufsichtsrecht des Staates, um fortgesetzten Störungen des konfessionellen Friedens entgegenzutreten." Sonst wäre. die gesamte Schind-, Schand- und Schundliteratur beS Antisemitismus eine reine Unmöglichkeit geblieben, ein Tanten» ein Judenflintenprozeß, ein Könitz wäre unserem Vaterlands nicht zum ewigen Schandfleck geworden. Uns Juden gegenüber weiß man schon längst nichts davon, daß die „im Staate bestehenden Religionsgesellschaf- >ten sich gegenseitig gleiche Achtung schuldig sind." Ging doch hier die Regierung selbst mit „gutem Beispiel" erst vor einigen Tagen voran, indem sie zwei jüdische, staatlich geprüfte- Volksschullehrer von der Simültanschule in Nürnberg entfernte, ohne irgend einen anderen Grund als das konfessionelle Bekenntnis beider Herren, die doch die Regierung selbst — o, Ironie! — einst dorthin gesetzt hatte. Wenn wir nun Jeremiaden ertönen hören über die Gefährlichkeit des Berfassungsbruches und der Einschränkung verfassungsmäßiger Rechte, so wundern wir Jude» uns hierüber durchaus nicht. Wir sehen hierin nur die alte Wahrheit des alten Wortes: Zuerst gegen die Juden, dann gegen andere. Immerhin bleibt aber die oben dargebotene Selbsterkenntnis interessant, vielleicht ist sie — wie das Sprichwort meint — der erste Schritt zur Besserung! ' _ (Nachdruck verboten.) Sammlung. (Zu Paraschat Wajakhel-> Mitten in der Zerllüstung und Zersplitterung unserer Zeit» die den Riß in die jüdischen Gemeinden und das Einzelleben getragen, bringt uns alljährlich das erste Wort unseres Wochenabschnittes den Gruß aus einer weit hinter uns liegenden Vergangenheit, in der es anders war. Wir glauben bei der Verschiedenheit der Ansichten, Standpunkte, Prinzipien und Anschauungen, zu welcher sich die Einzelnen bekennen, sei ein einheitliches Zusammengehen und harmonisches Zusammenwirken der großen Gesamtheit ein Utopie geworden und sind leicht geneigt, es zu vergessen, daß die Menschen uiü» nicht, minder die jüdischen Menschen heute wie vor Jahrtausenden dieselben Vorzüge und Schwächen, denselben Hang zur Zersplitterung und dieselbe Notwendigkeit zur Sammlung haben, als damals. Und während es uns unmöglich erscheint, alle jüdischen Bestrebungen und ihre Vertreter unter einen Hut zu bringen, wird das uns unmöglich scheinende von unserem großen Lehrer Moscheh so plan und schlicht als etwas selbstverständliches berichtet, daß sich gar Niemand an der Thatsache stößt: „Moscheh sammelte die ganze Gemeinde der Kinder Israel!" (2. B. M. Kap. 35 B- 1.) Daß die bekannte kritische Ader, die man uns Juden nachsagt, damals als die jüdische Eigenart in ihrer ganzen ursprünglichen Lebhaftigkeit sich ausleben konnte, nicht weniger entwickelt war als heute, das könnten wir uns selber sagen, wenn unsere Urkunden nicht die Zeugnisse enthielten von der Unzufriedenheit, den Revolten und offenen Empörungen gegen die bestehenden Einrichtungen. Und dennoch sammelte Moscheh die ganze Gemeinde der Kinder Israel! Wie er das nur fertig brachte! Das zu wissen war vielleicht für gar keine Zeit von akuterem Interesse, als für die unselige und glücklicherweise brauchen wir nicht weit zu suchen, um das Arkanum zu finden, mit welchem unser Lehrer Moscheh die Sammlung seines Volkes zu wege brachte. Unmittelbar da, wo diese Sammlung berichtet wird, wird auch das Mittel angegeben, mit dem sie bewirkt wurde. Moscheh bewirkte die Sammlung der ganzen Gemeinde der Kinder Israel, indem er zu ihnen sprach: „Das sind ' die Worte, die Gott geboten hat, sie zu vollbringen."' Als Israel aus Egypten zog, tellte es sich in Parteien. Bier solcher - Parteien zählt die lieber-

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