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Neue jüdische Presse · 1903-03-13 · Heft 19 (13.3.1903) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 19 (13.3.1903)
Date
1903-03-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. des Volkes vielleicht unbewußt herrschte, daß diese Aufzeichnungen im Sturme der Zeiten untergegangen sind. Das Vorübergehende und blos innerhalb einer gewisse» Zeit Wertvolle wird als wlches angesehen und erkannt, und es wird kein Gewicht darauf gelegt, es der Nackwelt zu erhalten oder zu überliefern. Das Gedächtnis der Zukunst wird, nur für solche Wendepunkte und Ereignisse in Anspruch genommen, .die eine sichtbare Offenbarung deS göttlichen' Walteus in dem Geschicke deS Volkes bedeuten, nur für solche Siege, die im Kampfe für die höchsten und heiligsten'Güter Israels errungen wurden, nur für jene Höhepunkte seines geschicküichen Daseins, da für die Befestigung und Aus' breituug deS göttlichen Wortes im jüdischen Menschenkreise unvergängllche Thaten mit Erfolg durchgeführt worden. So hat denn die Geschichte Israels — Wieste sich in den erhaltenen rein jüdischen Quellen darbietet — ein eigentümliches Gepräge, ein anderes An- und Aussehen, als die der übrigen WeUvölker. Wer auch die Mittel, die der Verewigung denkwürdiger Thaten und Begebenhellen dienten, waren verschieden von denen anderer Meise. Nicht Denkmäler aus Stein und Erz. Standbilder und Säulen ousgeführt von kundiger Meister §and wurden errichtet auf weiträumigem Platz. Andere eichen, andere Zeugnisse. Zeichen und Zeugnisse, die in der Tiefe des Volkslebens ihre Stätte hatten, sollten die Erinnerung wach und rege erhalten. Die Tage, an denen sich bedeutungsvolle Ereignisse vollzogen, wurden zu Halbfesttagen eingesetzt, und so war die Naüon selber, welche die Thaten vollbracht oder die freudigen Begebenheiten erfahren, durch die Beobachtung der Festtage, die Geschichtssammlerin, die lebendige Chronik der Ereignisse. Die Zeit, welche sonst als Zerstörerin der Denkmäler gilt, war so zur Wächterin derselben eingesetzt und gezwungen, in ihrer steten Verjüngung die historischen Erinnerungen mitzuve,jungen. Das Verzeichnis dieser Festtage und der historische Anlaß ihrer Festsetzung bildet Gegenstand und Inhalt der Megillath Taanith. - Schon zur Zeit des ersten Tempels gab es Festtage, die in ihrem äußeren Anstrich durchaus bescheiden das drängende Verkehrs- und Erwerbsleben und die normale Daseinsführung nicht unterbrachen. Nur ein Strahl der Freude sollten sie in das Einerlei des Alltagslebens bringen. Das äußere Merkmal derselben war wohl schon damals dasjenige, was den Festtagen der Megillath Täanith das Gepräge verleiht, daß näm- Üch an ihnen nicht gesaftet werden und keinerlei öffentliche Trauerfeierlichkeit abgehatten werden durfte.; Da war zuerst der' mit jeder Erneuerung des Mondes einttetende Rosch-Chodesch. der zumeist die Frauen in seinen Bannkreis zog. Wie der immer neu zum Lichte emporsttebende Mond ein Wahrzeichen ist. Laß wir aus jeder Verdunklung des Geistes, aus jedem Dunkel des Geschickes zu neuer Reinheit und zu neuem Leben uns emporrinaen sollen und können, so ist er auch mit seinen die Nacht mild und sanft erhellenden Strahlen ein Bild des stillen Wirkens der Frau und ihrer Aufgabe, das Licht, das in Israels Familienhäusern seine Stätte hat, wenn es LU erlöschen droht, immer wieder zu erneuern und sein Wachstum zu fördern. ,. Ein solcher Tag war auch der 14. Jjar, an dem diejenigen, welche es am 14. Nissan aus bestimmten Gründen unterlassen mußten, ihr Vessachopfer darbrachten. Neben diesen allgemeinen Halbfesttagen gab es auch individuelle. Jeder, der das Heiligtum bettat. um seine Hingebung an Gott durch ein Opfer zum Ausdruck zu bringen — für ihn und seine Familie sollte es ein Tag der jede Trauer ausschllegenden §reude sein. Hellerer Lebensmut ist ja der. Ödem, der ottes Heiligtum erfüllt, und der vor Gott Erschienene sollte die Erkenntnis mü sich fortnehmen : Bör Goites Angesicht sich des irdischen Daseins fteuen, ist der schönste und erhabenste Gottesdienst. Mll dem.Moment, da Israel aus dem babylonischen Exil heimkehrte, um den Tempel aus Schutt und Asche zu neuem Glanze und zu neuer Pracht erstehen zu lassen, und aus den Ruinen des früheren Slaatslebens ein neues im Geiste der Thora geleitetes Gemeinwesen zu gründen — tritt uns eine neue Erscheinung entgegen. Der Prophet Secharja begleitet die Heimkehrenden mit dem Rufe: „So spricht der Ewige, der Herr Zebaoth: ' Der Fasttag des Vierten, der Fasttag des Fünften, der Fasttag des Siebenten und der Fasttag des Zehnten sollen sein dem Hause Jehudä zur Freude und zur Wonne und zu fröhlichen Festzellen." (Secharja 8. 19) Dieser bedeutenden Geschichtswende solllen alljährlich Tage freudiger Erinnerung gewidmet sein. Körper und Seele sollten sich freudig erheben in Gedanken an Gottes gnädige Fürsorge, und keine Entbehrung, keine Zerknirschung und keine Trauer soll die gehobene Stimmung stören. . Damit war aber'auch für die Zukunft der.Standpunkt gegeben, daß man fteudige, in die Entwicklung des geschichtlichen Daseins des Volkes tief eingreifende Begebenheiten, durch Gedenktage verewigen solle. So ist Megillath Taanith, das ein Verzeichnis solcher Festtage enthält, im Grunde nur die Ausführung und Ausgestaltung des Prophetenspruches, ein beredtes Zeichen seiner fortwirkenden Kraft. Aber auch in Beziehung auf GM und Tendenz ist der Prophetenspruch der Boden.- auf dem der Gehalt von M. T. emporgesproßt. Hn der Auswahl der Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Tage giebt es die Richtung an, welche Art von Ereignissen wichtig und würdig genug sind, daß sie durch ein Zcitdenknral der Zukunft erhalten werden. - Sollte man denn nicht meinen, daß aus' dieser reichbewegten Zeit nicht jener Moment geeigneter zur Verewigung gewesen wäre, da nach tiefer Nacht der erste Strahl der Morgenröte am Horizont wieder sichtbar wurde, oder jener Tag. da die Heimkehrenden zuerst der Heimat heiligen Boden bettaten? Gewiß ist es nicht ohne Bedeutung, daß. gerade jene Tage herausgegriffen wurden, auf denen der düstere Schatten verhängnisvoller Ereignisse ruhte. Tage, welche ttaurige Erinnerungen an Trauer und Thränen ei weckten Nun. es ist wahr, daß nichts so sehr die fteudige Dankbarkeit für gewährtes und bewahrtes Glück zu erhöhen vermag, als die Erinnerung an die überwündenen Tage des Unglückes. Aber hier werden wir:doch etwas tiefer graben dürfen. Die erzieherischen Gedanken jener Tage sollten nachwnken . in die Freude des Besitzes, in die erschlaffende Gewohnheit des Bestehenden. Mit jeder Wiederkehr dieser Tage sollte man sich fragen: Dürfen wtt uns noch fteuen, oder wankt der Boden durch unsere Verschuldung wieder unter unseren Füßen? Diese Tage, verklärt vom Schimmer der Freude, sollten bleiben, was. sie waren: Zom, Tage innerer Sammlung. Die Gedenktage sollten so geartet sein, daß sie nicht ungesundes Selbstbewußtsein nationalen Dünkels erwecken, sondern wie ein Weckruf aus dem Schlummer der Selbstzufriedenheit zu treuer, tapferer Pflichter. füllung und unerschütterlicher Hingabe an die große Jsraelsaufgabe wirken sollten. (Schluß folgt.) WohM Wohin? Das. ist die bange Frage für unsere Brüder im Osten. In ihrem eigenen Lande hungert man sie systematisch aus und andere Länder verschließen sich ihnen. Die Welt treibt mit uns Juden Schacher, wirft uns herum wie ein Spielball und wir — schweigen. Sogar unsere Freundin, die Kreüzzeitung, muß das anerkennen; sie schreibt nämlich: Schon mehrfach .hat die „Kreuz-Zeitung" über die erregte Stimmung der Jingoes gegen die Deutschen gesprochen. Nicht minder erregt ist deren Stimmung gegen die Juden, nur ist sie mehr latent. Bon einer Judenhetze in der Presse kann, keine Rede sein, man. spricht die Antipathie gegen die Juden nicht so offen aus, wie die gegen die - Deutschen, aber in Wirklichkeit ist sie wohl noch stärker. Der Deutschenhaß richtet sich auch mehr gegen das politische Gebilde des Deutschen Reiches, der Judenhaß aber, gegen den einzelnen Juden. Das ist der Unterschied. Auch die Geschichte der neueren Einwanderuugsbeschränkungen ist nach dieser Richtung sehr lehrreich. Eine Statistik der Zurück - gewiesenen in den letzten Monaten ergiebt, daß gut zwei Drittel Juden waren, obschon die Zahl der jüdische» Einwanderer nur ein Zehntel der Gesamtzahl betrug. Dazu kommt, daß das Einwande- .rungsgesetz jetzt eine Gestalt erhalten soll, die darauf berechnet ist, den Italienern die Einwanderung zu. erleichtern. Nachdem man nämlich, durch Erhebungen festgestellt hat, daß der geplante „B i l - dungst'est" zur Fernhältung der Juden nur ganz Unwesentlich bellragen würde, hat der höchst einflußreiche Senator Lodge, welcher der geisttge Vater des Einwanderungsgesetzes und der beste Freund des Präsidenten ist, sich für die S t r e i ch - nng desselben.erklärt, und in dieser Form dürste die Bill nun Wohl angenommen werden (Ist inzwischen geschehen. Die Red.), da auch Penrose und Fairbanks für dieses Kompromiß sind. Man kann nicht deutlicher zugeben, daß manhauptsächlich nach solchen Einwanderungsbeschränkungen strebt, die gegen die Juden angewendet. werden können. Ter Bildungstest hätte dagegen hauptsächlich die Italiener getroffen, die in ihrer großen Mehrzahl nicht fertig lesen und schreiben können. Tie Massenzurückweisung von Einwanderern findet seit kurzem nicht mehr statt, und auch dies hat einen interessanten Hintergrund. Als nämlich die Inden sich in ihrer bekannten' lamentablen und stürmischen Weise bei der Regierung über die große Zahl der — auch.nach unserer Ansicht ungerechtfertigten — Deportationen beschwerten, wurde ihnen zu verstehen, gegeben, daß diese Praxis geändert werden solle, wenn die jüdischen Religionsgenossen sich' im Lande mehr verteilten. Es sei übergenug, so hieß es, wenn man 'in New-Pork .600 Mll Juden habe, und man werde verhindern, daß noch Hunderttausende hineinkämen. Also mit anderen Worten, man will die Juden wohl einwandern lassen, wenn sie nur nicht in New-Pork bleiben: es fehlt aber an einer gesetzlichen Handhabe,' dies als Bedingung zu. stellen.' Die Juden haben daraufhin alles mögliche versprochen 'und. auch schon Schritte nach dieser Richtung gethan. Ter Exekutivausschuß der' „American Hebrew Congregations" hat sich sofort in Cincinnati versammelt und beschlossen, in jeder größeren Ortschaft der ganzen Vereinigten Staaten eine Synagoge zu bauen, die, wenn irgend möglich, unter Leitung eines eigenen Rabbiners stehen soll. Außerdem will man Nr 19. Wanderrabbiner anstellen. Es stehen viele Geldsummen .bereit, und .weitere können noch herangezogen werden, so daß in. der nächstfolgenden Sitzung der Exekutive, die am 19. April stattfindet, wahrscheinlich schon die ganze Neuorganisation der jüdischeu Religionsgemeinschaft in den Vereinigten Staaten sestgestellt werden kann. Dieselbe dürste große Dimensionen annehmen, und. die Juden hoffen bestimmt, daß hier noch eine Massenwanberung ihrer Glaubensgenossen in 'die kleinen Städte beginnt. ■ Dies hat die Regierung gegen die Juden günstiger gestimmt. Auch die Mw-Iorker Polizei hat ihnen schon ein Zugeständnis in „Klein-Jerusalem" gemacht. Dies ist nämlich.ein ganz von Jsrealiten bewohnter Stadtteil New-Porks, in dem sich die großen Schwitzbuden, Putzwarengeschäfte und ähnliche Unternehmungen der Juden befinden. Bis jetzt wurde hier, znm Berdrusse der Juden das amerikanische Sonntagsgesetz angewendet, da aber Paragr. 264 des Strafgesetzbuches besagt, daß Leute, die eisten anderen Tag der Woche, feiern, am Sonntag arbeiten dürfen, ist es jetzt in . „Klein-Jerusalem" gestattet, am Sonntage die Läden offen zu halten, die Nähmaschinen. dürfen klappern, nur die Mietshäuser müssen geschlossen bleiben. An den Sonnabenden muß. daftr alles ruhig bleiben, so daß der Name „Klein-Jerusalem" jetzt doppelt angebracht erscheint. Uebrigens bezieht sich -diese Konzession, nur auf den genannten Bezirk; in den anderen Stadtteilen, wo die Inden versprengt unter Christen leben, haben . sie die Sonntagsruhe einzuhalten, Diese Erwägungen machen es ja auch verständlich^ weshalb Staatssekretär Hay sich für das Wohlergehest der rumänischen Juden so sehr interessiert, daß er neulich sogar eine eigene Zirkularnote zu ihren Gunsten erließ. Mit Mephistophelischem Lächeln hat man es hier ausgenommen, daß. Onkel Sam dafür in der gesamten Judenpresse Europas als der ideale Verfechter des hohen und heiligen Prinzipes der Toleranz gepriesen wurde. Als wenn die Amerikaner sich jemals ihres Egoismus entäußern könnten und irgend etwas aus idealen Er-. Wägungen thäten! Die amerikanischen Juden durchschauten auch die Washingtoner Regierung besser und sprachen ihre Entrüstung aus, daß an die Note nicht eine Universaleinladung an alle bedrückten Juden der Welt" gehängt sei, in das gelobte Land der Freiheit Amerika zu kommen. 'Wie es in Wahrheit gemeint war,, zeigten die Zurückweisungen einwandernder osteuropäischer Juden im New-Iorker Hafen, die oftmals den Charakter der Brutalität annahmen. . Eine' alte Frau wurde zurückgewiesen, weil befürchtet werde, sie könnte dem Gemeinwesen zur Last fallen, obgleich ihre hier wohnende schwer reiche Tochter garantierte, sie werde ihrer Mutter ein glänzendes Leben, schaffen und ihr eventuell den letzten Dollar . ihres Besitzes geben. Umsonst, sie wurde deportiert. Und da fiel.die alte Frau, wie hiesige Blätter stimmungsvoll erzählen, zur Erde nieder, küßte herzlich das „heilige Land der Freiheit" und begab sich stumm auf das Schiff zurück, während ihre Tochter ohnmächtig zur Erde stürzte. - Ja, ja, Onkel Sam ist nicht sehr sentimental; in diesem „heiligen Lande der Freiheit"" wird von der Freiheit manchmal sehr mäßiger Gebrauch gemacht, wenn cs den Gewalthabern so paßtt Aus aller Weit. Deutschland. ' Berlin. Die Gründung'eines Shnagogenvereins orthodoxer Richtung für den Südwesters ' Berlins wird von emein Komitee geplant. Es wird die Errichtung eines ständigen Gottesdienstes in der Gegend zwischen .Spittelmaikt und Halleschesbezw. Potsdamertor apgestrebt. Berlin. Der sozialdemottattsche vorwärts" bringt bei Gelegenheit eines Zivilprozesses zwischen zwei jüdischen Aerzten und ihrer Oberin ein kleines harmlos-antisemitisches Artikelchen „Die beleidigten Juden". - Das ist der Tribut der Redaktion an die judenfeindlichen „Genossen". - Berlin. Antisemitismus und Protestantismus. Der Herr Pastor WMenstein aus Niederau ui Sachsen unternahm jüngst eine Reise durch „Deutsch- Böhmerland" .und erzählt nunmehr in einer „Gustav Adolf-Festschrift" seine .Reiseeindrücke von" der evangelischen.'Bewegung". Es heißt da u. a.: „Unsere Begleitermachen uns auf-die zahlreichen Kohlengeschäfte, als auch auf die mitfahrenden jüdischen Gestatten aufmerksam. deren Liberalismus,. .religiöse Gleichgiltigkeit und Geldwucher so schweres Unheil in der Verteuerung der von ihnen unt Beschlag belegten Köhlen und auch sonst int ganzen staatlichen und religiösen Leben herbeigeführt hat, daß äußer Tscheche und Jesuit auch der Jude zu den.mll aller Glut gehaßten Leuten gehört. Es ist eine Lust, zuhören, wieman hier sinnt und. sorgt, neues Leben zu verbreiten, einen Bismarck und Luther dem Bolle wert zu machen. Heil Euch, haltet aus im Kampf und Strauß. Wir Evangelischen im Reiche werden wettthätig zur Seite Euch stehen. Lasset uns Mitarbeiten am Fortgang der . Bewegung im Verein mit dem Namen eines großen Königs i" \

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