Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 19 (13.3.1903)
- Date
- 1903-03-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ I ♦ ♦ I ♦ B: a' AbonnementspreiZ Mk. 1 — vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Nostzeitirrrgsliste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland ML 2.—). B Redaktion und Haupt ^Expedition: Frankfurr s. Mt. Bergerstraße 25, parterre. ■-f>|»a-- Herausgeber: Katy Geis. Jnfertionspreis für die viergespaüene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. No. 19. Freitag, den 14. Adar 5663 (13. Marz 1908). No. 19. Jeder Briefträger der deutschen Reichspost, sowie jede Postanstalt innerhalb Deutschlands nehmen Bestellungen auf das Frankfurter Israelitische Familienblatt , Postzeitungsliste 2741 entgegen. Abonnementspreis für das 2. Quartal 90 Pfg. (excl. 12 Pfg. Bestellgeld.) Nachdruck berboten. Amalet und Purim. li. > (Schluß.) Zwischen dem Auftreten Amaleks beim Auszug aus Mizrajim und zwischen Haman, seinem treuesten Prototyp , liegt rund ein Jahrtausend. . Die Frage nach den Ursachen des Haman'schen Judenhasses ist wie bei allen seinen Borahmern und Nachtretem eine müßige. Es war ein altes, von, seinen Ahnen überkommenes Erbstück blind fanatischen Rassen- und Glaubenshasses, der noch heute in vielen Herzen wuchert, obne daß er sich vernünftiger Weise begründen ließe. Der äußere Anlaß, durch welchen die Gesinnungen des persischmedischen Kanzlers über die Juden zuerst zu Tage traten, war die Opposition, die ihni ein angesehner Jude machte. Dasselbe war auch Lei späteren Haman's, welche Minister wären, mehrfach der Fall. Sicher hat Mordochei früher und tiefer als Achaschwerosch die ganze Verworfenheit Haman's nicht nur in seinem Verhalten gegen die Juden, sondern auch in demjenigen gegen seinen königlichen Wohlthäter durchschaut. Es fehlt nicht an Hinweisen, daß Haman mit in das von Mordochei entdeckte Komplott verwickelt war, welches sich gegen das Leben des Königs richtete. Wenn es daher von Mordochei heißt, er habe alles gewußt, was sich damals vollzogen, hatte, so beziehen dies unsere Weisen' auf das. nur Mordochei enthüllte Streben Haman's, den König selber zu stürzen. (Talmud Megillah fol. 15»). Diese Sucht Haman's nach königlichen Ehren ergiebt sich auch aus der dem König für sich selbst vorgeschlagenen Auszeichnung durch Anlegung der Embleme und Insignien der Königswürde. Daß Haman die Entdeckung jenes Komplotts Mordochei nicht vergessen konnte, und deshalb ihm und seinem Volke zu schaden suchte, wird in einer externen Quelle (Stück in Esther Kap. III, .6) deutlich ausgesprochen. Noch weniger aber konnte Haman's glänzende Stellung einen Mann wie Mordochei über die Verworfenheit beruhigen, die hinter diesem äußeren Glanze lauerte. Je höher ihn die Gunst seines Königs hob, je tiefer sich die Höflinge beugten, um so konsequenter versagte Mordochei dem Feinde seines Königs, dem Feinde seines Volkes jede Anerkennung, weil er ein Jude war. Ein Jude beugt sich der Schlechtigkeit nicht,' auch wenn'sie in Hermelin und Purpur auftritt. Der Offenheit Moroocheis gegenüber, die jedem, der es hören will, sagt, warum er dem verworfenen Emporkömmling versage, erscheint die diplomatische Leisetreterei Haman's erst in ihrem rechten Lichte. In seinen, dem Könige unterbreiteten Verleumdungen nennt er die Juden nicht einmal mit Namen. Wenn es irgend Jemand gewagt hätte, den Kanzler des persisch-medischen Reiches des Antisemitismus. bezw. Amelekismus zu beschuldigen, er hätte ihn auf Injurien verklagen und kein persischer Gerichtshof hätte den Beklagten freisprechen können, denn er spricht ganz allgemein, aber trotzdem ohne Befürchtung, von seinem König mißverständen zu werden: ' „Es giebt ein einheitlich zusammen „hängendes Volk, zersteut und gesondert zwischen „oen Völkem in allen Ländern «deines Reiches, ihre „Gesetze sind verschieden von jedem Volke, die Ge- „setze des Königs erfüllen sie nicht, und dem Könige „frommt es nichts, sie zu dulden; wenn es. dem Könige gut dünkt, werde ihre Vernichtung beschlossen. „Zehntausend Kikar Silber werde ich durch diejenigen, „welche die Arbeit vollziehen, obwägen, um sie den „Schatzkammern des Königs zuzusühren." Die erschöpfte königliche Kasse brauchte Geld. Die Gähmng in den unterjochten Ländern, welche durch Bankette niedergehalten werden sollte, erforderte einen Sündenbock. Der findige Kanzler hatte ohne neue Steuerauflage eine reiche Einnahmequelle und gleichzeitig ein probates Mittel entdeckt, die despotisch niederehaltenen grollenden Völker dadurch zu entschädigen, aß man ihnen ein anderes Volk preisgab, das noch unglücklicher war als sie, kurz, indem man ,Jm Namen des Königs«« eine Judenhetze im größten Schl inzenierte: Es handelte sich nur darum die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit dieses Gewaltaktes durch einige, wenn auch fadenscheinige Motive zu verbrämen, oder wie die Schlange, das zu verschlingende Opfer erst zu begeifern, damit das Verschlingen glatter und skrupelloser sich vollzieht. Daher zunächst die Staatsgefährlichkeit. Sie sind ein einheitliches, durch alle Länder des Reiches zertreutes Volk. Die großen und die kleinen Nachfolger öamans haben bis in die neueste Gegenwart hinein i)ie Verleumdungen ihres Vorbildes so breit getreten, daß man die geläufigen Schlagworte des modernen Judenhasses nur neben die Beschuldigungen des alten Haman zu s halten braucht, um ihre Identität zu konstatieren. Dem Vorwurf des alten Haman, daß die über alle Länder zerstreuten Juden ein einheitliches Ganzes bilden, liegt dieselbe verleumderischeJnfinuotion zu Grunde, die man heutzutage an das Vorhandensein einer Alliance israelite Und in Rußland an den sogenannten »Kahal* knüpft, um daraus eine politische Verdächtigung zu schmieden. . Zuerst verdenkt also der alle Haman den Juden, daß sie zusammen hängen, dann das Gegenteil, daß sie zerstreut, ü. h. überall zu finden sind, auch wo man sie nicht gerne hat. Sodann wiederum, daß sie nicht zu finden, daß sie gesondert sind, wo ihr Gottesgesetz ihnen die sie isolierenden Schranken zieht. Mit dem Borwurf, daß man die Juden überall trifft, soll der Geschäftsneid wachgerufen werden, mtt der Beschuldigung. daß man sie überall als die Isolierten, Gesonderten erkennt, der Rassenhaß und mit der Hervorhebung ihrer eigentümlichen von allen Böllern verschiedenen Religionsgesetze, der Glaubenshaß entfesselt werden. Dem König persönlich, der über diese niederen Eigenschaften hoch erhaben ist. spiegelt der Verleumder die nihilistischen, antimonarchischen Tendenzen der jüdischen Untertanen vor, welche vor allem dem Könige die Vernichtung der Juden als eine staatsrettende That plausibel machen sollen. Unter diese vier Kapitalverbrechen läßt sich alles rubrizieren, was. die Judenfeinde aller Zetten je den Juden anzuhängen versuchten. Wer will aber den Anteil ermessen, den diese Verleumder und ihre Verleumdungen damals und zu aller Zett daran hatten, daß der Ueberrest Israels sich kein Unrecht zu Schulden kommen ließ, daß die jüdischen Zerstteuten mit doppeltem und dreifachem. Emst darüber wachten, allen Versuchungen zu widerstehen, die man ihrer Rechtlichkeil, ihrer Reinheit, ihrer Anhänglichkeit an König und Vaterland in jeder Form stellte! Wer wollte die Vorsicht, die Besonnenheit, die Lebensklugheit und mittelbar die Bravheit und Biederkeit in Handel und Wandel unterschätzen, welche das Bewußtsein erzeugen muß, fortwährend von solchen Spähem umgeben zu sein,-die auf jeden, noch so leichten Fehltritt lauem, um daraus Kapital für ihre unlauterm Zwecke zu schlagen I Von dieser Lichtsette, die selbst dem fluchbeladenen Gedächtnis eines Haman anhaftet, geht dem Juden, eine Ahnung durch die Seele, wenn er sich am Purim den Segen vergegenwärttgt, den ihm selbst der Fluch eines Haman. gebracht. Wenn er über der Purimfteude, die kleinen und großen Miseren des Lebens vergessmd, zu seinem eigenen, fteudigenErstaunen gewahrt, wie. selbst die fluchwürdigsten Hamanbesttebungen der Förderung des Segens dienen, den Mordochal seinem Bolle gebracht, so hat seine Freude den von unserm Weisen gezeigten rechten Höhepunkt erreicht, auf dem es in Wirklichkeit keinen Unterschied mehr giebt zwischen 0mr Homon und Boruch Mordochai (Talmud Megillah fol. 7 a.). ' (Nachdruck verboten.) Wesen und Bedeutung der Megillath Taanith. Bon Stiftsrabbinec B. Blumgrund, KarlSmhe. .Ein nicht unserem Glauben, angehörmder Bearbeiter der Geschichte des Volkes Israel hat bedauernd vom Standpunkte des Historik»rs und bewundernd von dem des Völkerpsychologen das Wort , ausgesprochen: Israel ist das uumonnmentalste, ungeschichtlichste Volk, das wir kennen. Die meisten Böller des Altertums haben in Inschriften und bildlichen Darstellungen ein Ändenken zurückgekaffen. das uns heute noch ein Leben. daS vor Jahrtauienben gelebt wurde, miterleben läßt- Bei Israel haben wir nichts derart, kein Denkmal, keme Inschrift, kein Monument! Man könnte meinen, dies sei aus äußerlichen Gründen zu erklärm. Palästina ist ja schon fett unvordenklichen Zeiten das Schlachtfeld des Orimts, und was alles über dieses Land binweggegangen ist, würde eine Zerstörung seiner alten Monumente recht begreiflich machen. Ader auch die Erde hat trotz angestrengtesten und sorgfältigsten Suchens, nichts derart aus Licht gefördert. Nein! Der Grund dieser auffälligen Erscheinung liegt tiefer, und haj seine Ursache in dem eigenartigen Gerst des Judentums. Wir werden schwerlich auch bei' fortgesetztem Suchen etwas von Bedeutung finden Das zeigr uns schon der Charakter der erhaltenen Litteratur Israels. Der Verfasser der KönigSbücher batte noch, die amtlichen Annalen der alte» Könige von Israel und Juda vor sich; aber er spricht von ihnen in einem Tone, als sei ihr Hauptinhalt für die Zwecke seiner Darstellung völlig belanglos. Diese Bücher, die all das enthielten, was den Historiker am meisten interessieren würde, find spurlos verschwunden, weil der Sinn und das Interesse dafür fehlte. Die sogenannten geschichtlichen Bücher der Bibel verfolgen durchaus nicht den Zweck, das zu bieten, was sonst den Inhalt der Geiwichte auümacht, sie 'wollen nicht gewaltige Menschenthaten verherrlichen, sondern nur Gottes Walten «m Menschen- und 'Volksleben darthun. Der jüdische Kanon kennt auch gar nicht die Bezeichnung geschichtliche Bücher — er zählt sie zu den Prophetenbüchern, weitste nur religiöse» Empfinden auslösen wolle», und in Inhalt, Ton und Form die Lehre verkünden, daß Israels Aufgabe in der Geschichte nicht in irdischen Großrhaten bestehe. Dieselbe Wahrnehmung machen wir» wenn wir nach historischen Berichten über die Periode des zweitem Tempels Umschau halten- Schlachten, ftriege und Triumphe. Kämpfe. Siegeszüge und glorreiche Thaten. in denen heldenmütiger Sinn und unerschütterliche Tapferkeit fich bewährt, ohne daß solcher Kraftaufwand und solcher Mut im Dienste eines höheren Gedankens einer ewigen Idee fich geäußert, die hat die Geschichte Israels nlchtverewigt. Esistjnwahr» scheinlich — und es find Spuren davon vorhanden — daß auch zur Zeit' des zweiten Tempels Thaten des : Glanzes und Werke des Ruhmes und die Wechjelfälle deS GejchichtSvrrlauses verzeichnet und »üdergelchrieden wurde», aber es ist jedenlall» charakteristisch für den : Geist,: der trotz vieler Verschlungen in weiten Schichten