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Neue jüdische Presse · 1903-03-06 · Heft 18 (6.3.1903) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 18 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18! Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. selbe Recht auf mich wie Du, auch sie kommen herauf, um. mit mir zu plaudern." . . . „Warum kann ich nicht mehr für Dich sein als die andern, ich glaube, daß ich ein besserer Mensch würde!" rief er leidenschaftlich. Freundlich erwiderte sie: „Das kannst Du, wenn Du den Trieb in Dir hast, auch ohne mich, Leonhard!" . . .„So könntest Du mich nicht lieben?" versetzte er bitter. „Nein," klang es ohne Zögern zurück, „und auch nicht das nöiize Vertrauen bes äße ich, um mein Schicksal ganz an das Deine zu fesseln. Was hast Du gethan, um mir wirklich nahe zu kommen? Aber Du glaubst. Du brauchtest nur zu begehren, weil Dein Reichtum Dir zur Seite ist!" . . . Er wollte auffahren, bezwang sich aber, und es war ein schmerzlicher Klang in seiner Stimme, als er nun sagte: „Gut, ich werde gehen! Ter Zeitpunkt ist nun da, wo ich Dir lästig bin!" . . . „Nicht so, Leonhard, ich bitte Dich, zürne mir nicht!" .... „Ich will Deine Freundschaft nicht," rief er nun Loch heftig. „Ich werde fortgehen, so weit es eben angeht, damit ich nicht versucht werde, zurückzukehren. Ich will versuchen, 'Dich zu vergessen, wie Du es verlangst!" . . . Sie trat ihm einen Schritt näher und legte leicht die Hand auf seinen Arm: „Gut, so gehe! Prüfe Dich, und wenn Du wiederkehrst, will ich glauben, daß es keine Laune, daß es wirkliche Zuneigung ist!" . . . Sie reichte ihm ihre Hand, die er einen Moment fest in der seinen hielt; dann war er gegangen. ....... Leonhard traf alle Vorbereitungen, die, wenn man eine weite Reise antreten will, unerläßlich sind- Mindestens ein Jahr gedachte er fortzubleiben, und so übertrug er seinem Prokuristen alle die Obliegenheiten, die sonst der Chef selbst erledigte. 68 hieß in seinem Bekanntenkreise, er wolle geschäftliche Verbindungen in fernen Ländern anknüpfen. Nach einigen Wochen sandte er Marianne von der Reise aus einen langen Brief. Es war ein lebendiger Bericht der Eindrücke, die er draußen empfangen, eine interessante Schllde- :i:-rung von Land und Leuten, und sie erfreute sich an!: diesen farbenreichen Bildern, die sie förmlich überraschten; so tiefer Beobachtung hatte sie ihn kaum fähig gehalten! Zum Schlüsse bat er sie, falls sie eine freie Stunde opfern wolle, sich einmal in seinem Hause umzusehen. Auch möge sie seine beiden kleinen Schützlinge nicht vergessen, die seine rcgelniäßigen Besuche wohl vermissen würden! Marianne freute sich seiner Fürsorge für die Kleinen. Es waren zwei vaterlose Waisen, denen auch noch unlängst die Mutter entrissen worden. Sie selbst hatte ihn auf den Gedanken gebracht, den armen Kleinen eine neue'Heimat zu geben, und auf ihren Rat waren sie in einer kinderlosen Familie untergebracht worden, wo sie sich prächtig entwickelten. . . . Gewissenhaft kam sie seinen Wünschen nach . . . dann hörte sie lange nichts mehr von ihm ...... Da. . eines Morgens, ganz unerwartet, trat er Marianne in ihrem Arbeitszimmer entgegen, sonnengebräunt, mit ernstem, entschlossenem Gesicht. . . . Sie fühlte eine lebhafte Unruhe. . . . „Ich, freue mich. Dich so wohl zu sehen, Leonhard, ich bin ganz überrascht, schon so bald." . . . „Ich hielt es nicht mehr aus ohne die 'Heimat und . . . Dich, Marianne! Hoffentlich nimmst Du mir das nicht übel?" . . . Ihr ernstes Gesichtchen wurde ganz fröhlich: „Nein, ganz und . gar nicht! Und Du bleibst nun hier?" . . . „Hier, und ich hoffe für immer!" „Ja, gewiß," antwortete sie warm, „wir wollen Freunde werden!" . . . . Hastig trat er auf sie zu und sah ihr fest in die Augen: „Nein, so meinte ich es nicht! Kannst Du mich denn gar nicht lieb gewinnen?" . . . Da trat zum ersten Male seit der Mutter Tode ein schalkhaftes Lächeln in ihr Gesicht: „Lieb hatte ich Dich eigentlich immer, Leonhard! Aber ich hörte von Deinem Hoch- ' mut, und ich fand Dich selbst so unerhört selbstbewußt, daß ich mich schämte, es mir einzugestehen! Jetzt schäme ich mich nicht mehr!" ........ Und sie reichte ihm beide Hände .. Rosenfelder & Trepp Feine fierrensehneiderei Rossmarkt 21an der Hauptwadhe. Aus unfern Tagen von Friedrich Rott. AirMkon K»—v- M-»'. (Fortsetzung) Inzwischen wandelten die jungen 2ejite Arm in Arm lachend und schäkernd in den schönenDaubgängen des Gartens bis sie zum Essen gerufen wurden, dann empfahl sich Ernst, Herr und Frau Kohn hätten auch ihn gern zu Tisch da behalten und er hätte einer diesbezüglichen Einladung ihrerseits ohne weiteres entsprochen, aber sie besorgten, Felix könne dadurch darauf aufmerksam werden, daß ihr Haushalt gegenwärtig in anderer Weise als früher geführt werde. Weshalb er das noch nicht wissen sollte. darüber waren sie sich selbst nicht llar, vermutlich fürchteten sie sein Spötteln. Sie waren daher überein gekommen, ihn glauben zu machen, daß sie nur um seines Freundes willen, auf dessen Begleitung er so großen Wert legte, in der Schweiz einen rituellen Haushalt führen müßten. Ter sollte dann angeblich beibehalten werden, damit Ernst auch in der Heimat hin und wieder an ihrem Tische teilnehmen könne. Unter Vorbereitungen zu der bevorstehenden Abreise war die Woche rasch vergangen. Es war am Sabbathvormittag, in dem Wohnzimmer der Familie Vogel sah es heute festlich aus, der Tisch war mit einem weißen Damasttuche bedeckt, auf den Pseilerschränkchen und der Nähmaschine lagen wci';e Teckchen von Häkelarbeit und in einigen einfachen Basen und Gläsern prangten Rosen und Reseda und verbreiteten ihren süßen Wohlgeruch in dem trauten Raume, in den durch die weit offenen Fenster frische Luft erquickend hereinströmte. In dem Lehnsessel am Tische saß der Hausherr, er hatte bis vorhin in dem vor ihm liegenden aufgeschlagenen Folianten gelesen, jetzt hatte er denselben jedoch bei Seite geschoben, um, dem Wunsche seines Töchterchens entsprechend, dasselbe zu unterrichten. Sie stand neben ihm, gegen sein Kaie gelehnt und las aus einem Gebetbuche das Hebräische schon ziemlich geläufig und übersetzt das Gelesene dann nach seiner Anleitung. „Gesegnet seiest du, Gott unser Gott, König der Welt, der du viele Seelen und ihre Bedürfnisse geschaffen. Ueber alles, was du geschaffen, damit die Seele alles Lebenden zu erhalten, sei gesegnet, du Leben aller Zeiten." „Nun Fanni, kannst Du mir sagen —" Er ward unterbrochen, ein leichtes Klopfen an der Thür, dann ging diese auf, Felix Kohn trat in das Zimmer. „Felix!" jubelte die Kleine, indem sie ihm entgegensprang, „Du bist schon wieder gesund? ach, wie schön! wie fteue ich mich!" Auch die Eltern hatten ihn herzlichst begrüßt und zu seiner Genesung beglückwünscht. „Ich wußte gar nicht, daß Sie schon ausgehen," fügte Frau Vogel, hinzu. „Ich binauch/bisher noch nicht ausgegangen, dieses ist mein erster Ausgang seit meiner Krankheit, bisher haben sich meine Exkursionen auf unfern Garten beschränkt. Aber ich wollte doch nicht abreisen, ohne Ihnen persönlich meinen verbindlichsten Dank ausgesprochen zu haben für Ihre gütige Erlaubnis, Ernst mit uns reisen zu lassen." „Aber ich bitte sehr, Herr Kohn, 'wir fühlen uns Ihnen so sehr verpflichtet, daß wir uns glücklich fühlen,- Ihnen auch einmal eine lleine Gefälligkeit erweisen zu können." „Sie erweisen mir keine kleine Gefälligkeit, sondern eine große. Sie wissen doch, geteilte Freude ist doppelte Freude, mir wird daher durch Ernst's Gesellschaft der Aufenthalt in der Schweiz doppelt angenehm. Und meine Eltern legen noch besonders hohen Wert darauf» denn ich vermute stark, daß sie Ernst zu einer Art Mentor für mich ausersehen haben," fügte er lachend hinzu. „Aber Herr Kohn —" „Nun, das ist ja nichts Böses. Meine Eltern sind jetzt so überaus ängstlich meinetwegen, fürchten beständig, ich könnte nach irgendwelcher Richtung hin über die Schnur hauen, deshalb soll Ernst, wie ich glaube, mich in gewisser Beziehung beauflichtigen, denn sie wissen, daß ich ihm am liebsten folge. Aber wo ist er denn, ist er nicht zu Hause?" „Augenblicklich nicht," erwiderte sein Vater, „er ist zu Herrn Dr. Levi gegangen, um sich zu verabschieden." „Zu seinem Talmudlehrer," sagte Felix, und wie ein leises Spötteln zuckte es um seine Mundwinkel. „Den Dr. Levi hat er, wie ich glaube, von allen seinen Lehrern am liebsten." „Herr Dr. Levi ist auch ein ausgezeichneter Mann und ein ebenso ausgezeichneter Lehrer, der Ernst fiir das Rabbinerseminar in Berlin vorbereitet, in das er das nächste Jahr, w. G., nach überstandenem Maturitätsexamen eintreten soll." „Ja, ich weiß, wir sprachen erst am vorigen Sonntag davon. Ach, das war wirllich amüsant. Der Ihnen vielleicht bekannte Arnold Wiesner, der Sohn unseres früheren Bürgermeisters, hat mich besucht. Er war früher in der Handelsschule ein sehr schlechter Schüler, ich habe ihn immer für sehr beschränkt gehalten; das ist er nicht und seiner Versicherung nach kommt er im Seminar in C. . . sehr gut fort und ist ganz begeistert für das, was er als seinen künftigen Beruf bezeich - net, und ich glaube, er hatte schon jetzt nicht übel Lust, aus uns Proselyten zu machen. Aber da hätten Sie sehen sollen, wie Ernst ihm heimgeleuchtet hat, der wird ihm mit seinen Geschichten so bald nicht wieder kommen. Es war geradezu köstlich. Da habe ich doch gesehen, daß die jüdische Wissenschaft einen gewissen Wert hat. Ich hätte ihm auf alle seine Sachen nichts erwidern können, aber Ernst, der ist schlagfertig und dabei schonend, rücksichtsvoll.. Er hat nicht.gelacht, nicht einmal gelächelt, während es inir unmöglich war, ernst zu bleiben." „Ja, Ernst ist Gotllob ein tüchtiger Junge. — Wer bitte, Herr Kohn, mein Töchterchen möchte Ihnen gern etwas reichen." In der That stand die Kleine mit einem Teller in der Hand vor ihm und auf dem Teller lag ein Stück Kuchen und ein Messer. „Bitte, Felix, nimm. Das ist von dem guten Kuchen, von dem ich Dir erzählt habe, daß ihn die Mutter immer zum Sabbath macht." „Ich danke Dir," sagte er ihr zunickend, indem er ihr den Teller aus der Hand nahm. „Du brauchst Dich nicht dazu zu waschen," fuhr sie fort, „kannst nur Brochoh darüber machen, Baure mine niesaunaus —" Verständnislos blickte er zu ihr nieder. „Was soll ich machen?" Aber die Kleine mit ihrem raschen Verstand hatte es bereits herausgefunden, daß es mit seinem religiösem Wissen nicht weit her war. „Wenn Du die Brochoh nicht auswendig kannst, will ich sie Dir vorsagen. Soll ich?" „Wenn Du so freundlich sein wolltest," erwiderte er lächelnd, ohne jedoch zu wissen, um was es sich handelte. „Ja, ich will Dir die Brochoh vorjagen und Du mußt mir jedes Wort nachsagen. — Aber Du hast ja nichts auf dem Kopf, zuerst mußt Du doch den Hut auffetzen." Lächelnd und ohne eine weitere Frage an sie zu richten, entsprach er ihrem Verlangen, setzte den Hut auf und sprach jedes Wort nach, das sie ihm vorsagte. „So, jetzt mußt Du ein Stückchen Kuchen essen, aber kein zu kleines. — Schmeckt Dir der Kuchen?" „Er ist ausgezeichnet." versicherte Felix, indem er davon <uß, „ich fürchte nur, daß Du jetzt zu wenig haben wirst." „Ach, das schadet gar nichts, ich habe ja schon z»lm Frühstück davon gegessen, mich freut es nur, daß es Dir schmeckt. — Aber wie machst Du es denn sönst, wenn Du Kuchen issest?" „Wie ich es sonst mache? ich verstehe nicht, was Du meinst." „Ich meine, weil Du doch die Brochoh nicht auswendig kannst." „Das macht nichts," erwiderte er, mehr und mehr amüsiert, „dann sage ich sie inwendig." „Ja so. Du nimmst Dir ein Gebetbuch dazu, daran habe ich nicht gedacht. Weißt Du, weil ich noch so llein war, als ich sie nicht auswendig gekannt habe, da habe ich noch gar nicht lesen können." „Wer ich kann schon sehr gut lesen," rühmte er sich, „auch hebräisch." „Na ja, das versteht sich. Du bist ja auch schon groß. — Kannst Du die Brochoh über Obst auch nicht auswendig?" „Die sage ich auch immer inwendig aus dem Gebetbuch," versicherte er. „Wirklich? — aber das ist doch sehr unbequem." „Nicht so unbequem wie Du glaubst. Ich esse das Obst immer im Garten, denn dort wächst es, und im Garten ist auch ein Pavillon, und in demselben liegt auf dem Tische ein Gebetbuch. Komme doch heute Nachmittag zu mir, dann will ich Dir alles zeigen." „Darf ich?" wandte sie sich fragend an den Vater. „Ich habe nichts dagegen," erwiderte dieser. „Gut, dann komme ich heute Nachmittag. Ist Tein Garten schön?" „Sehr schön," versicherte er, „und gutes Obst wächst auch darin, Kirschen, Birnen und Avrikosen sind jetzt reif und wunderschöne große Erdbeeren. Issest Du Erdbeeren gern?" „Sehr gern," sagte sie, mit dem Köpfchen nickend. „Das fteut mich, dann kannst Du Dir heute Nachmittag einen großen Korb voll wunderschöner Erdbeeren selbst pflücken." „Heute Nachmittag?" schrie sie auf. „Nun fteilich, heute Nachmittag. Tu weißt Loch, morgen ftüh verreise ich mit Ernst." „Wer heute darf man doch nichts abpflücken," eiferte sie, „heute ich doch Sabbath." Er wandte sich hastig ab, damit sie sein Lachen nicht gewahre. „Freilich, fteilich. Du hast ja recht, ich hatte schon wieder daran vergessen, daß heute Sabbath ist." Sie -blickte mißtrauisch zu ihm empor. „Wie kommt das nur, daß Du daran immer vergissest?"' Er zuckte die Achseln. „Mit Bestimmtheit kann ich Dir das nicht sagen, aber vielleicht' kommt es daher, weil ich so lange krank gewesen 'bin und so starke Kopfschmerzen gehabt habe." „Ja, so, daher kann es kommen? Dann wird Dir der liebe Gott vielleicht auch nicht böse darüber sein," und zutraulich lehnte sie sich wieder an ihn. Er streichelte ihr liebkosend die rosigen Wangen. „Klein Fanni, vergißt vermullich nie an dergleichen." „Das darf man doch auch nicht." „Schade, daß Du nicht immer bei mir bist und mich an alles erinnerst." „Ja, das möchte ich wohl." „Mso reise mit uns. Herr Vogel, erlauben Sie es?" „Ich hätte nichts dagegen," erwiderte er lächelnd, „aber allein kann ich über Fanni doch nicht verfilzen, das kommt auf die Mutter an."

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