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Neue jüdische Presse · 1903-03-06 · Heft 18 (6.3.1903) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 18 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. No. 18. „Nein, nein!" rief die Kleine, „die Mutter wird cs nicht erlauben, ich muß doch in der Wirtschaft Helfen und kann mich auch nicht allein waschen,und frisieren. Wer da kommt ja Ernst, der kann Tich immer erinnern. Ernst!" ries sie, dem eben Eintretcndcn entgegeneilend, „willst Tn Felix immer erinnern wenn Sabbath ist?" „Wenn Felix es wünschen würde — warum nicht?" erwiderte er, den Freund herzlich begrüßend. „Schade, das; Tn nicht f.üher gekommen bist," scherzte Felix, „Tn, hättest mir Helsen können, ich ' bin stark in die Enge getrieben worden." „Kann mir's denken." lachte Ernst, „dergleichen versteht das Hexchcn aus dem ff." Sie unterhielten sich noch ein Wei chen, dann empfahl sich Fc.ix, indem er dem Freunde nochmals und abermals auf die Seele band, doch morgen rechtzeitig an der Bahn zu sein. Ernst begleitete ihn, die kleine Fanni sah den sich Entfernenden sinnend nach. „Vater," begann sie nach einiger Zeit, „es thut thnt mir so leid, das; Felix so oft daran vergisst, daß Sabbath ist." „Tas thut mir auch sehr leid," erwiderte er. „Glaubst Tn," fuhr sie fort, „das; das daher kommen kann, daß er so lange krank getocscn ist und so starke Kopfschmerzen gehabt hat." „Wenn man so schwer krank gewesen ist ivie Felix, dann kann es allerdings Vorkommen, das; man sich an manches nicht erinnert. Aber daß dieses gerade bei ihm der Fall ist, das; die überstandene Krankheit die Schuld hat, das; er so oft nicht daran denkt, daß es- Sabbath ist, das glaube ich nicht." „Weshalb glaubst Tu denn, das; er so oft daran vergißt?" „Sage mir, weshalb vergissest Tu nie daran? — oder woher weißt Tu überhaupt etwas vom Sabbath? daß es Sabbath ist und das; man am Sab- , bath nicht arbeiten darf?" „Nun, Tu und die Mutter, Ihr habt mir das alles gesagt, sonst könnte ich es,doch nicht wissen." „Ganz richtig, sonst könntest Ti; cs nicht wissen — aber Felix Eltern haben cs ihm nie gesagt." „Woher weißt Tu das? hat er es Tir gesagt?" „Nein, er hat niir nichts darüber gesagt, aber ich weiß, daß seine Eltern den Sabbath nicht halten, daß sein Vater am Sabbath das Geschäft offen hat und arbeiten läßt und selbst arbeitet ebenso wie an Wochentagen. Tu, kennst doch auch andere Juden, die am Sabbath schreiben, rauchen und alles mögliche thun." „Ja, .ich weiß," sagte sie gepreßt, „und solche Juden sind seine Eltern auch?" „Grade solche Juden," bestätigte der Vater. „Ach, das thut mir so leid," versetzte sie schwer auf atmend, „da weis; er cs am Ende gar nicht, daß cs ein so großes Unrecht ist, an; Sabbath zu arbeiten — und dann kann er doch gar nichts dafür, daß er immer daran vergisst, daß Sabbath «st- — Ich Habe das nicht gewusst, das; er nichts dafür kann —■ hätte ich cs ihm nicht sagen sollen?" „Es schadet nichts, das; Tu cs ihm gesagt," erwiderte der Vater, das belämmerte Gesichtch.u des kleinen Mädchens streichelnd, „freilich, nützen wird es auch nicht." „Wird er mir nicht böse darüber sein?" „Sei unbesorgt, er war doch sehr freundlich gegen Tich auch als er jetzt fortgegangen ist." Sie atmete tief auf und lies; das Köpfchen hängen. Mehrere Wochen waren verstrichen seit unsere Reisenden sich an ihrem Bcstimnlungsort in den; herrlichen Schwcizerlande besai;den. Tie juitgen Leute schwelgten geradezu in Betrachtung der großartigen Natur, deren Wunder sich ihnen hier zum ersten Male erschlossen. Von früh bis spät waren sie in; Frciei; in der kräftigenden Luft des Hochgebirges und Frau Kohi; ivar so glücklich dem Gatten versichern zu können, das; das Besindcn ihres Sohnes in feiner Beziehung zu wünschen übrig lasse. Sein Gang, sowie seine gai;ze Haltui;g hatte wieder die frühere Elastizität, gewonnen, die krankhafte Blässe seines Angesichtes war vollständig geschwunden. Frau Kohu behauptete sogar, daß er auch an Fülle zugenvmmen. Seine Stimmung war heiterer als je, voi; geradezu übcrsprudelndem lleberniut, weshalb sie die Gesellschaft seines ruhigeren Freundes doppelt zu schätzen wusste. Wä e Emst nicht n;it ihnen gewesen, sic hätten sich in beständiger Sorge befunden, so aber war sie vollkommen ruhig, denn sie war überzeugt, das; die Vorschriften des Arztes aus's Genaue beobachtet wurden. Aber auch Felix hatte recht gehabt, mit seiner Mutter allein, hätte der Aufenthalt auf den; Rigi ihn; nicht die Hälfte des Hochgenusses geboten, den er in Gesellschaft des Freundes für ihn hatte. Seit einigei; Tagen befand sich auch noch ein dritter junger Manu in ihrer Mitte, der bereits mehrfach erwähnte Arnold Wicsncr. Er hatte seinen Onkel, der alljährlich die Ferien zu einer größeren Reise benützte, zu bewegen gewußt, ihn mitzunehmci; und für vierzehn Tage auf den; Rigi Aufenthalt zu nehme;;. Während die scr Zeit waren die drei jungen Leute fast unzertrennlich. Hatte sich Wiesner bisher nur durch das Gefühl der Tankbarkeit zu Felix hingezvgcn gefühlt, so fühlte er sich jetzt fast noch mehr zu Ernst hingezogen, dessen charaktervolles Wesen eben so wie lerne hohe geistige Begabung und für sein Alter seltenes Wissen ihm Hochachtung und Bewunderung einflößtc. Tonangebend in diesen; kleinen Kreise war jedoch Felix durch seine unerschöpflichen heiteren Einfälle. Es war gegen Abend. Tie Freunde hatten einen herrlichen Ausslug geinacht und befanden sich auf einem Gipfel, der eine wunderbare Rundsicht bot. Bald wogte das vielgestaltige Ncbclmeer, aus den; nur einzelne Bergesspitzen als wild zerklü tete Inseln hervorragten, bald enthüllte ein fri'cher Wind die ganze leuchtende Pracht des Oberlandes, bald schweifte der Blick seitwärts über das Hügelland und grüne Ebenen, und die trunkenen Blicke der jungen Leute hingen staunend an den wunderbaren Beleuchtungs-Phänomen des Hochgebirges. „Wie schön!" flüsterte Arnold, als getraue er sich nicht laut zu sprechen -in; Anb.ick dieser Pracht. „Hier geht einem das Herz auf, hier fühlt man den Odem des Herrn, hierher sollte man den Gotteszweisler führen, alle seine Zweifel würden hier schwinden." ,7Ja," sagte Felix, ebenfalls leise, „hier könnte man beten." (Fortsetzung folgt.) Wochen-Kalender. Sabbath-Anfang: 5 Uhr 45 Minuten. Sabbath-Äusgang: 7 Uhr 5 Minuten. Wilhelm Glücklich Gegr. SeMllerstrasse 4,1. Gegr. ' 1 1879. Frankfurt a. 91. 1879. | Immobilien, Hypotheken. Für den Inseratenteil übernehmen wir nnr die pretzgeseizliche Verantwortung. 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