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Neue jüdische Presse · 1903-03-06 · Heft 18 (6.3.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 18 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Srite 3. ' Nr.' 18. . fsrankfurter Israelitisches Familienblatt. - Welche Vorteile bringt dem g esetzestrenen Juden nun das Stadtleben? Wie kann und soll er auf dem Lande leben? Welche Kämpfe warten seiner hier und dort? — Doch davon vielleicht später. Uebrigens möchte ich hier am Schluffe noch die Bemerkung anfügen, dag man auch schon vor 2000 Jahren die Dorfjudcn achtete, ja mitunter hochschätzte und ehrte.' Daran erinnere ich mich alljährlich zur Winterszeit, mit der man eine gesetzliche Epoche vergleichen könnte-, da fremder Einfluß und eigene Rachahmungssucht wie mit eisiger Kälte jeden guten.Kenn zu ersticken suchten, besonders bei den Vornehmen und Gebildeten. Eine Hand voll Dorfjuden fand jedoch den Weg zum Lichte und sie wurden die Wortführer und Schlachtcnlenker, die Verteidiger und Retter der Gottessache. Ewiger Ruhm umstrahlt heute noch ihren Namen in der Geschichte, so lange unser Volk besteht und lebt, wird es ihrer nicht vergessen, mit Bewunderung, Dankbarkeit und Ehrfurcht zu ihnen nusblicken in jeder Zeit! Und diese Dorsjuden waren — die Makkabäer oder Hasmonäer! — Aus uLter Well. Deutschland. Frankfurt a. M. Wir lesen in der „Magdeburger Zeitung": In der konservativen Presse treten die antisemitischen Neigungen wieder einmal schärfer hervor. Es ist möglich, daß diese Elschcinung sich aus Rücksichten auf die kommenden Wahlen erklärt und auf den unbequemen Wettbewerb, den man bei ihnen von dem reinen Antisenlitismus besorgt. Eine gewisse Vorliebe für den Antisemitismus hat man in konservativen Kreisen trotz aller Verehrung für die Erzväter des Alten Testaments von jeher gehabt. Schon in den ersten Jahrgängen der neugegründctcn .Kreuzzeitung" ließ ein arischer Barde, Graf Schlippenbach, feurige Kriegslicder gegen „Judas goldene Macht" erschallen. Heute läßt das konservative Blatt sich über die „Juden in der Politik" schreiben. In der Tat ein interessantes Thema, zumal, wenn cs nach dem Grundsatz „Charity begins at Lome" behandelt worden wäre. Anstatt sich mit Männern wie Oppert-Blowitz. Georg Brandes, dem „Tribllne"-Korrespondenten Levi, dem italienischen Staatsmann Luzatti und Rudyard Kipling zu befayeu — der letztere ist, beiläufig bemerkt, gar nicht jüdischer - Herkunft — hätte es viel 'näher gelegen, doch einmal - die.Frage zu untersuchen, welchen Einfluß und welche Bedeutung Männer jüdischer Abstammung in der konservativen Partei erlangt haben. Es würde dann zu interessanten Ergebnissen und vielleicht auch zu einem unbefangenen Urteil über diesen Einfluß gekommen sein. Talentvolle Männer jüdischer Abstammung finden wir in allen Parteien; in keiner aber haben sic eine so große Bedeutung erlangt wie in der konservativen . Wenn aus den Wirren, unter denen sich der Nebcrgaug des alten Preußens in das neue vollzog, sich eine konservative Partei mit einem politischen Programm auch bei uns aufrichten konnte, so ist das das Verdienst eines chcnialigen Juden gelvesen, der obendrein aus Süddeutschland, aus Bayern gekommen war, des Professors Stahl. Die konservative Partei hat das auch selbst dankbar anerkannt, indem sie eine bleibende Erinnerung an ihn geschaffen hat. Seine Büste ist noch heute neben der des Fürsten Bismarck im Sitzungssaal des Herrenhauses aufgestellt. Aber auch später und heute noch können wir Männer jüdischer Herkunft in den Reihen der Konservativen finden. Wir nennen nur die Abgeordneten Simon v. Zastroiv, Dr. Hahn, v. Oppcnfeld, um von denen ganz zu schweigen, die durch Heirat jüdisches Blut in ihren Adern haben. Der frühere Obcrverwaltungsgcrichtsrat Dr. Hahn, der Freund Stöckers, hat überdies auch noch eine große' Rolle in der evangelischen Orthodoxie gespielt. Die Kreuzzeitung hätte danach wohl am allerletzten Ursache, von dem „zersetzenden Einfluß der Juden in der Politik" zu sprechen " In Sachen der Kreuzzeitung schreibt die „Magdeburger Zeitung", das führende Organ der Nationalliberalen in der Provinz Sachsen ferner : Unserem Hinweise auf die Männer jüdischer Abstammung, die in der konservativen Partei eine Rolle gespielt, begegnet die „Kreuzztg." mit einem wohlfeilen Einwande. Sie meint, wir verwechselten Abstammung mit Gesinnung. Wenn jemand aufrichtig Christ geworden sei, fragten die Konservativen nicht mehr nach dem Blute. Dem Rassenantiseuutismus sei sie von jeher abhold gewesen. Die letzte Behauptung steht mit den Thatsachen in Widerspruch. Wohl hat der Feigenblattantisemitismüs, Ivie er in konservativen Kreisen gepflegt wird, sich gelegentlich gegen die rohen Ausbrüche des Rassenantisemitismus verwahrt; aber die;Kreuzztg." und ihre Freunde haben es nicht nur geschehen lassen, sondern sie haben direkt mitgeholfen, daß Vertreter desselben, wie Ahlwardt und Herr von Liebermann, in den Reichstag gewählt lvorden sind. Heißt das demRassenantisemitismus abhold sein? Eben so unwahr ist es, wenn das Blatt behauptet, daß die Denkweise des echten Judentums sich vor . allem in Gottes- und Autoritätshaß äußere, und daß die liberalen Juden ihren Ruf ausschließlich dem Eifer verdankten, den sie bei der Bekämpfung der Autorität entwickelt hätten und zum Teil heute noch entwickelten. Wir nehmen an, daß auf diese Behauptung die Antwort von beteiligter Seite nicht ansbleiben wird, und beschränken uns daher auf eine kurze Bemerkung. _ Wenn Männer jüdischen Glaubens, so weit sie am öffentlichen Leben teilnehmen, sich jetzt mehr als früher den radikaleren Parteien zuwenden. worauf anders ist diese Erscheinung zurückzuführen, als auf das Aufkommen jener antisemitischen Strömung, der die „Kreuzztg." abhold sein will, die sie in der That aber nur hat fördern helfen? Mit der Denkweise des „echten Judentums" hat sie sicher nichts zu thun. Aus ihr hat man sich viel eher jene Grundanschauungen konservativer Männer jüdischer Abstammung zu erklären, von denen die „Kreuzztg." selbst heute Stahls berühmt gewordenes Wort: Autorität nicht Majorität! anführt. Sie schreibt, niemand werde-stahl vorwcrfen können, daß er sich in seiner öffentlichen Laufbahn wie in seinem Privatleben gegen diesen Grundsatz jemals vergangen habe. Niemand wird das thun; nur sie selbst wird sich dabei sicher schmerzlich erinnern, wie oft sie und ihre eigenen Freunde gegen diesen Grundsatz ihres Parteistifters gefehlt haben, bei der Kanalvorlage, im Bunde der Landwirte und anderwärts. Was dort aus konservativem Munde über Minister und Regierung an Bemerkungen gekommen ist7 das war wenn nichr Autoritätshaß, so doch Autoritätsverachtung. Schließlich noch eine Frage an ein Blatt, das auch heute wieder von aufrichtigem Christentum spricht. Gehört zu ihm nicht auch, daß man nicht falsches Zeugnis ablegt über seinen Nächsten? Es hat Rudyard Kipling auf seine Liste der „echten Juden" gesetzt. Wir wiederholen noch einmal, er ist weder ein echter noch ein unechter Jude. Darmstadt. Ani nächsten Sonntag, den 8. d. Ai., feiert Herr Kantor Heinrich Oppenheimer seinen 70. Geburtstag. Herr Oppenheimer ist durch seine langjährige Mitwirkung im Mozart- und Musikverein, sowie als Lehrer an deni früheren Aiaurer'schen Institut auch in weiteren Kreisen bekannt und beliebt. Es dürfte daher dem Jubilar, welcher vor einigen Jahren ein 40 jähriges Dienstjttbiläum an der hiesigen israel. Gemeinde feierte und damals Von Sr. Königl. Hoheit dem Großhcrzog durch einen Orden ausgezeichnet wurde, an Ovationen nicht fehlen. Wir wünschen deni Herrn Oppenheimer, der infolge eines Leidens vor Kurzem genötigt war, um seine Pensionierung einzukommen, einen recht langen tind heiteren Lebensabend. Hambprg. Ju^erh ochtzetfischeu Israelitengemeinde fand am Mittwoch die Wahl von Gemeinde- Vertretern statt. Es wurden gelvähit die Herren Wolff Möller und N. B. Levie. Hamburg. Gründung neuer israelitischer Kinderhorte. In der Deutsch-israelitischen Gemeinde hat inan schon längst den Wunsch gehegt, für Kinder minderbegürerter GemcindemitgliederHorte einzurichten Der Plan scheint jetzt der Verwirklichung cntgegenzugchen, da die Henry Jones-Loge, der Israelitisch- Humanitäre Franenverein und eine Anzahl von Lehrkräften die Errichtung dieser Horte energisch in die Hand nehmen wollen. Unter der Leitung von Lehrern und Lehrerinnen soll während der Nachmittagsstunden in räunilich getrennten Knaben- und Mädchenhorten den Kindern Gelegenheit geboten werden, unter Aufsicht ihre Schularbeiten erledigen und spielen zu können Man will nur ein geringes Entgelt erheben. Die Eröffnung des ersten Kinderhorts soll bereits im April erfolgen. Das Komitee besteht aus den Herren Gustav Tuch jBorsitzender). Sigismundo Weil.'Fräulein M. Marcus, Obcrlehrerin der Israelitischen Töchterschule und anderen Danien und Herren. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Zlm 21. v. M. Vormittags erfolgte die Publikation des Testaments des jüngst verstorbenen jüdischen Vhilantropen Ignatz Ritter v. Wechselmann. Das vom 10. Dezember 1801 datirte Testament enthält folgende Bestimmungen: Zur Errichtung eines Blinden-Jnstituts, in das zur Hälfte Angehörige der israelitischen, zur anderen Hälfte Angehörige der christlichen Konfession ausgenommen werden sollen. 700000fl.: zurKreirungeines Pensionsfonds für Volksschullehrer und Lehrerinnen, mit der gleichen, die Konfession betreffenden Bestinimung eine Million Gulden. Die Zinsen dieser Stiftung sollen am Todestage des Stifters als Pension aus Lebensdauer an solche Lehrer oder deren Witwen und Lehrerinnen verteilt werden, welche mindestens 25 Jahre lang wirken und sich weder an sozialdemokratischen noch antisemitischenBew egungen beteiligt haben. Die Stiftungen haben den Nanien des Erblassers und dessen Gattin zu tragen und steht der Pest er israel. Religionsgemeinde hinsichtlich der Verwaltung dieser Stiftung das unumschränkte- Berfügungsrecht zu. Ferner hat Herr Wcchselmann folgende Legate gemacht: Jsr. Knabenwaisenhaus 3000 fl.; isr. Mädchenwaisenhaus 3000 fl., Volksküche des isr. Frauenvcreins loOO fl., isr. Siechenhaus 3000 fl., als Entschädigung für die nunmehr entfallende Kultussteuer des Erblassers 6000 fl., dem Talmudthoraverein 2000 fl., für verwaiste Lehrerkinder 500 sl., der Chewra Kadischa 500 fl., dem isr. Stipendienverein 300 fl., dem isr. Taubstumnien-Jnstitut 500 fl., der Pester Alliance israelite 500 fl., dem isr. Handwerks- und Ackerbauverein 500 fl. und noch vielen anderen Wohlthätigkeitsvereinen 24,000 fl. Rnstland Petersburg. Die Russische Geogravhische Gesellschaft hat beschlossen, die synagogalen Melodien, welche uicter den Juden Rußlands gesungen werden, zu samnrelu und zu veröffentlichen. Kuty, eine Stadt in der Bezirkshauptmannschast Kaffow. ist am 8. v. M. von einer furchtbaren Brandkatastrophe heimgesucht worden, welche 370 Häuser eingeüschert und fünfhundert Familien obdachlos gemacht hat. Die Betroffenen sind zumeist unsere Stammesgenosscn, unter denen wahrhaft gräßliches Elend herrscht. Frankofnrtia. Jüdische Haushaltungsschule. Der Jahresbericht erwähnt zuerst den am 9. September 1902 erfolgten Umzug in das neue Heim und hebt dann hie ihm im letzten Jahre zugewiclencn größeren Spenden hervor: Baron Alphons, Baron Albert von Rothschild und Lord Rothschild 10000 .//, zu den Ilmbaukosten. Jacob H. Schiss in Newyork 501)0 ■!(., Charles L. Hallgarten 1000 . H., Eduard Cohen 1000 .!(. und Wilhelm B. Bonn 500 ,11. In der ersten Borstandssitzung, welche in dem neuen Heim stattfand — es war am 17. September 1902 — sp ach der Vorabende zunächst im Namen al'er Mitglieder und Freunde der Anstack beit menschenfreundlichen Eigen!ümer» des Han es innigen Dank für die lieber'aunng der statt ichen Räume uns und aedache mit Wehmut des fel gen F.eiherru Wilhelm Cal von Rothschild, der hier Iah zehnte gewi kt und dessen rerk ä tec Geist segnend ani die Anstalt herniedcrschauen möge, die so ganz in seinem Sinne gefüh.t wird. Am 29. und 30. Sep'ember waren die Räume der allgemeinen Besichtig;ng geöffnet. Alle Be.uchrr waren der 'Ansicht, daß der Architekt Herr Ernst Schäker, der den Umbau geleitet, seine 'Au gäbe in vorzüglicher Weise gelöst hat. Dar zweite Stock enthält eine sehr geräumige Küche mit 3 Herde» und eine Kasfecküche, links davon Au enthalt - und S leisezimmer für die Zöglinge, sowie ein Bügelzimmer, recht» das Zimmer der Berwa terin, Borstand -zimmer, Speisezimmer der Pen'ionä innen u id Speisekammer. Im dritten stock befinden sich die Schlafzimmer der Pensiouä innen, ein Bade i inner und ein Kcankenzimincr mit Bad; im vierten Stock die Schlafzimmer der Zöglinge und die Wa ch üche. Tie Wohnung des Portiers ist im Erdgeschoß. 11 berall ist elektrisches Licht eingeführt. Hydranten sind in allen Stockwecken: im Portierzimmer ist außerdem ein Feuermelder. Tec Vorstand hat jeden ersten Tien tag i n Monat Vormittags von 10 bis 12 Uhr als Besuchstag bestimmt und wird sich freuen, wenn recht viele Freunde der Schule von dieser Gelegenheit Gebrauch machen. Ta, namentlich ans pcküniä en Gründen, vorerst die Zahl der Pensionärinnen noch nicht vergrößert werden kann, so wurden mehrere Zimmer i;n ersten Stock, cinstwei'en auf ein Iah", dem neu errichteten jüdischen Mädchcnklub unentgeltlich übe lassen. Ter Klub ist eine Schöpfung der Abteilung „Weibliche Fürsorge" des Israelitischen Hül'svereins-, der auch den Vertrag zwischen der Haushaltung: schule und dem Mädchenklub mit unterschrieben hat. Ter jü-, dische Mädchenklub ist geöffnet an Wochentagen Abends von 7 bis 10 Uhr und an Samstagen, Sonntagen und Feiertagen von 4 bis 10 llhr und will seinen Mitgliedern Gelegenheit geben, sich geistig und körperlich zu erfrischen. Auf da» eigentliche Berichtsjahr 1901 02 übergehend, ist zu bemerken, daß von 24-Zöglingen, die die Kurse im letzten Jahr durchgemacht haben, bis jetzt 23 in Stelle gegangen sind. Ein Mädchen mußte wegen Nervosität vor Beendigung der Lehrzeit entlassen werden. Tie Zahl der Pensionärinnen schwankte zwischen 12 und 19. Ein Teil der Mädchen ist nämlich in Saisongeschäften angestelck und wird ock auf Monate entlassen. Es wurde bi her den betreffenden Damen gegen eine kleine Vergütung ihr Platz ossen gehalten. Ta» wird in Zukunst nicht mehr geschehen. Ter Vorstand kann es nicht übers Herz brin en, andere Mädchen, für welche bi lige Pension vielleicht eine Lebensfrage ist, abzuweifen. während so und so viele Belte» Wochen und Monate leer stehen. II d ach, so vielen sind sogar 51 Mk. per Monat ein fast unerschwinglicher Preis! Tenn die Bezahlung der Verkäuferinnen, Modistinnen, Schncideri ine i u s. w. ist oft jamme voll gering. Ta hören wir von 6 ’, 53, 40, ja 30 Mk. per Monat und oft dabei noch unbezahlten Pausen von Monaten! Glücklich, lvcr von Haus eine Unterstützung b kommen kan >! Aber die anderen-?! Immer und immer wieder kommen wir darauf zurück: Ihr Väter, Ihr Mütter, Ihr Vormünder, er iehek die Euch anv.'rtrauten Mädchen so, daß sie sich einen anständigen, auskömmlichen Erwerb verschaffen können! Laset sie die fü: einen Haushalt netwcndigen Kenntnisse erwerben! Als S.ütze der Hausfrau, als Köchin, a's Hausmädchen können sie jederzeit eine passende Stellung finden. — Tie Zahl der Mittagstisch crinnen hat sich unseren Intentionen gemäß abermals verinindert. Ge-

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