Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 18 (6.3.1903)
- Date
- 1903-03-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692316--00164-2694519- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2.- Materialismus aus Christen und Juden in ganz gleicher Weise thatsächlich moderne Heiden gemacht hatte, die sich in ihrem Thun und Lagen durch nichts als durch Abstammung und vielleicht noch durch Physignomie unterschieden? In seiner Verlcgcnlicit nach einer genügenden Fornr grig der alte verjährte Judenhaß diese einzige Verschiedenheit der Abstammung und der Gcsichtsbildmrg zu seiner Legitimierung auf, und gab vor, die Juden zu Haffen, nicht wegen ihrer religiösen UeüerzeuguNg, sondern wegen ihrer Abstammung von Sem, wegen der Glut ihrer Augen, und wegen der Form ihrer Nasen, durch welche sich diese Abstammung verriet Gegen den Judenhaß, wenn er ehrlich ist, giebt es ein Mittel. Man giebt den Gegenstand des Haffes, das Judentum, preis, indem man es in einigen Tropfen Taufwaffcr ersäuft. Aber gegen, den Amalckitismus vulgo Antisemitismusgiebt es kein Mittel. Alles Taufwasser der Welt kann die Thatsache der Abstammung und die Gesichtszüge nicht hinwegspüftn. Der Judenhaß, wenn er redlich verdient ist, edelt seine Opfer. Auf der einen Seite aller Wahn, aller Haß. alles Herbe und Trübe und auf der anderen Seite etwas Wasser und etwas Heuchelei und dazu den ünverkümmertcn Vollgenuß des Lebens. Zehnjahrhundertelang zwischen diese Alternative gestellt, und sich lieber tausendfach kränken als um solchen Preis ehren lassen, bekundet ein solches Martyrium nicht einen Adel des Geistes und des Herzens, der in seiner Art einzig dastcht? Aber ohne diese Ueberzeugung im Herzen, gekränkt, gehaßt und vcrfchmt zu werden, locil man von einem Manne Namens Sem abstammt, und weil man > eine Nase besitzt, die vielleicht etwas mehr gebogen ist, als die Mehrzahl der gewöhnlichen Nörmalnasen, dieser Hohn ist uneriräglich. Diese Unerträglichkeit ihrer Lage haben diejenigen geschaffen, die durch Abstreifen des Judentums, dem alten Haß nichts mehr zu beschnüffeln übrig gelassen haben, als die Abstammung. Im Kapitel 11 des erstell Buches Samuel wird von einem Ammoniterkönig Nachasch erzählt, er habe sich bereit erklärt, mit den Israeliten ein Bündnis zu schließen, wenn sie sich das rechte Auge ausstechcn ließen. Dieser Unhold war noch die liebenswürdigste Genügsamkeit gegen unsere Antisemiten, die sich an der orientalischen Glut unserer beiden Augen stoßen und auch noch die Nase für den Preis eines Bündnisses mit un§ fordern l Es ist dies ein Ableger des alten Amalekitismus, dem wir auch sonst in der jüdischen Geschichte begegnen, der aber in der Art und Weise, wie er in unserer Purimgeschichte sich gellend macht, besonders instruktiv ist! Deshalb werden wir alljährlich am Sabbat vor Purim besonders eindringlich gemahnt, nicht zu vcr gessen, was uns Amalek gethan. Wir wollen daher den Arußerungen des Amalekismus, wie er sich in der Purimgeschichte äußert, lwch unsere Betrachtung zuwenden. (Schluß folgt). (Nachdruck verboten.) Stadt und Land. Bon Albert Wahrmund. Versprechen macht Schulden! Das ist ein altes Sprichwort, dessen kernige, innere Wahrheit wohlmanchem zu ungelegener Zeit zum Bewußtsein kommt. Doch wer mit der Moral sich nicht auf gespanntem Fuße befindet, der empfindet ob eines gegebenen Versprechens ein gewisses .drückendes" Gefühl, das ihm zuraunt: Halle was Du versprochen, wisse, daß jener vielbelesenc Gläubiger nicht io unrecht hatte, da er seinem Schuldner in zartsinnigcr Weise einst nichts weiter zusandte als den Schluß des bekminten Schiller'schcn Dramas: Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Der Uebel größtes aber ist die Schuld! Auch ich erinnere mich heute an eine Schuld, an mein jüngst gegebenes Versprechen nämlich, über .Stadt und Land" etwas zu plaudern. Ich muß mein Wort einlösen, wenngleich mir das Wort eines alten Mischnahlehrers in mein geistiges Ohr klingt: Schesikoseich jofi loch midibureich, Schweigen wäre hier vielleicht eher am Platze, als Reden. Ist es doch thatsächlich in diesem Falle schwer, eine Satire nicht zu schreiben. Freilich kommt es ganz und gar darauf an, von welchem Gesichtspunkte aus der Vergleich zwischen .Stadt und Land" angestellt werden soll. Da ich nun ausschließllch die religiösen Verhältnisse zu berühren bcabsichttge, so kann der denkende Leser cs mir wohl nicht sehr verübeln, wenn ich mit einem guten Quantum von Unlustgefühlen an die Lösung meines Versprechens gehe. Denn — uni gleich io meäia res einzutreten — hier wie dort bietet sich nicht viel Erfreuliches für den .jüdisch" fühlenden Beobachter. Zwar sollen die großen Städte sich iji religiöser Hinsicht alle Zeit vorteilhaft abheben von kleineren Plätzen,, von Flecken und Dörfern, nach der allen Lebensrcgel: wer viel besitzt, von dem kann viel verlangt werden. Und die Städter bewachten sich ja als die Repräsentanten der Kultur, der Bildung, der Aufklärung und des Fortschrittes. . Die Städte sind die Centten der Kunst und Wissenschaft, die dort in den mannigfachsten Instituten und . Institutionen eifrige Pstcge und Förderung finden. Sollte man ihnen daher nicht auch die Führerrülle in religiöser Hinsicht ohne weiteres zugestehen? Weist Frankfurter Israelitisches Familienblatt. doch schon unsere geschichtliche Vergangenheit darauf hin. , So hören wir dieser.Tage anläßlich des Purimestes von Stadt- und Landlcuten, die in der Mischnah scharf unterschieden werden. In Maffechet Mcgillah wird uns gemeldet, daß die Dorfleute das Privilegium hatten, das Estcrbuch schon am Montage oder Donnerstage vor dem eigentlichen Purimfeste zu lesen bczw. lesen zu hören. An diesen beiden Wochentagen gingen sie gewöhnlich ohnehin in die Stadt, um ihre landwirtschaftlichen Produkte zu Markte zu bringen, um den Gerichtssitzungen am Montage und Donnerstage beizuwohnen, endlich auch um das Kriashatoroh, die Thoravdrlcsung mitanzuhören, da sie clbst gewöhnlich des Lesens unkundig waren Auch erhielt fett alten Tagen jene Gemeinde, die als geistige Führerin in der jüd. Diaspora bekannt und anerkannt wurde, den schönen Ehrentitel „Ir wo cim b'jisroeil", eine Stadt und Mutter in Israel * Selbstredend stiegen gerade große, an Seelenzahl bettächtliche Gemeinden zu dieser Bedeutung enrpor. Indes gelangten nicht selten auch mittlere und kleinere Gemeinden zu dem ehrenhaften Ruf einer .Ir wo eim b'jisroeil". Spielt doch die Seelen zahl, an sich in Israel keine ausschlaggebende Rolle, hat doch der himmliche Vater es. deutlich in seiner hl. Thora verkündet: Nicht weil ihr die meisten seid von allen Nationen wählte ich euch mir zum Volke aus; denn ihr seid gerade die Minderzähligen. Und der Talmud meint ganz ttcffend: Nicht der Platz ehrt den Mann, sondern der Mann muß seinen Platz zu Ehren bringen. Lebte da in einen! kleineren Orte ein großer Rabbi, dessen Gelehrsamkeit, dessen Wissen und Können ihn weit und breit berühmt machte, schuf er sich in seinem engeren Wirkungskreise musterhafte jüdische Jnstituttoncn, die auch nach seinem Hintritt. noch ftisch und kräftig weiter blühen nnd zu denen man allerwätts mit Achtung und ehrstrrchtsvoller Anerkennung ausschaut, so ist doch wohl ein solch jüdisches Gemeinwesen eine „Ir wo eim b'jisroeil" zu nennen! Das muß deutlich ausgesprochen werden angesichts der Thatsache, daß man heutzutage ohne Weiteres der größten Gemeinde, d. h. der an Seelenzahl beträchtlichsten die Führerrolle viikdiziert: Nach jüdischer Au ffas sung, nach altjüdischer Anschauung ist aber nur diejenigeGcm ein de wahrhaft zur Führer in würdig und berufen, die durch musterhafte jüdische Institutionen der verschiedensten Art weithin in der Diaspora hervorlcuchtet. Nach diesem Grundsätze habe ich mir längst incin Urteil über Stadt und Land gebildet. Es leuchtet nach obigen Darlegungen ein, dag die Städter durchaus nicht Grund und Ursache haben, geringschätzig auf die Dorfjuden herabzublicken, ganz abgesehen davon, daß ein solcher Gedanke in einem wahrhaft jüdischen Herzen überhaupt nicht Raum finden darf. Wohl haben unsere großen Stadtgcmeinden unter ihren Mitgliedern eine viel größere Anzahl von Glaubensgenossen, die durch Intelligenz und Bildung, ebenso durch ihre soziale Stellung sich auszeichnen. Das liegt.in der Natur der Sache und der Verhältnisse. Ebendarum fällt es ihnen auch leichter, größeren Projekten näher zu tteten, besonders auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit, zu der es ja allzureichliche Gelegenheit giebt. Dagegen inuß aber behauptet werden, daß im P u n kt c d er R e l i g i ö s it ä t, der strengen Gesetzcstteue den Städtern durchaus nicht die Ruhmespalme gereicht werden darf. Täuschen wir uns nicht selbst! Wir wissen alle, daß der Jndifferentismus und der Materialismus hier und dort, in Stadt und Landam Lebens marke des Judentums zehrt. Hier wie dott erschreckendeUnkenntnis unserer religiösen Vorschriften und damit im Zusammenhänge die Vernachlässigung der religiösen Pflichten. Was man nicht gelernt hat, das weiß man nicht, was man nicht weiß, nicht kennt, das kann.man auch nicht üben und erfüllen! Das wird jeder zugeben. Und es ist doch kein Unterschied, ob der Jude in der Stadt keine rituelle Hauswirtschaft oder auf dem Lande, ob er in der Stadt seinen Laden am Sabbath offen hält oder auf dem Lande, ob er in der Stadt dem jüdischen Gemeindeleben ferne steht oder auf dem Lande. Und all das ist hier w i e dort anzutrcffen. Und doch — es muß ttotzdem ein Unterschied .gemacht werden) wenn man die V e r h ä l t n i s z a h l e n in's Auge faßt. Wenn man je in Stadt und Land die Gesctzestteüen zählen wollte, so fiele die prozentuale Abwägung entschieden zu grinsten der kleineren Otte noch aus. Prozentualiter sind die Dorfjuden hinsichtlich der religiösen Gesinnung und Lebensart sicher den Großstädtern .über." (Ich spreche hier selbstredend im allgemeinen und sehe von Ausnahmen auf beiden Seiten ab.) Ich kenne gar viele Dörfer, woselbst kein Gehöft am Sabbat offen ist, wo'noch jeder .seine koschere Haushaltturg" führt nnd jeder beim Gottesdienste sich einfindet. Damit soll nicht gesagt sein, daß kein Chilul Schaübos vorkommt und jedes jüdische Haus rituell zuverlässige Küche besitzt. Allein offiziell öffnet keiner seinen Laden, öffentlich ißt keiner ttcfa, wie man das so häufig in Großstädten wahrnimmt. Und es wird doch im jüdischen * Der Ausdruck ist dem Buche Samuel 1 entlehnt. Nr. 18. Schrifttum ein großer Unterschied gemacht zwischen dem, der solche Sünden inehr zufällig, vorübergehend oder im Geheimen begeht, und demjenigen, der b'pharhesja handelt, sich nicht scheut, vor aller Welt die wichtigsten Gebote zu übertteten. Auf kleineren Plätzen kann man oft die allgemeine Entrüstung gewahren, wenn einer beispielsweise mit der brennenden Zigarre am Sabbat über die Sttaße geht o. dgl. „Auf eineiii größeren Platze darf N. N. sich so etwas erlauben, hier bei uns ist das eine Dreistigkeit, die öffentliches Aergernis erregt." Diese Meinungsäußerung kann .man oft hören. Sie beweist einerseits, daß das religiöse Gefühl noch lebendig geblieben, anderseits aber, daß man den irreligiösen Lebenswandel in der Großstadt für etwas Alltägliches, ja fast für etwas Selbstverständliches hält. Um aber in meiner Bettachtung über Stadt und Land gerecht zu sein, und damit auch den „Ländlern" nicht gar so sehr der Kamm steigt, muß hinzugefügt werden, daß in den größeren Städten die Zahl der Sabbatschänder und der religiösen Indifferenten sich gerade aus dem .Zuzug vom Lande" oft rekrutiert. Es sind Leute, die vielleicht bessere Bildung sich erworben, die vom Glücke begünstigt sich häuslich niederlassen oder geschäftlich sich in der Stadt etablieren konnten. Ihre Eltern und Vorfahren im Dorfe, ihre noch dort lebenden Anverwandten waren bezw. sind noch stteng religiöse Israeliten, undsie selbst waren ja dem Väterglauben tteu geblieben in Gesinnung und That, bis — das „Glück" sie in die Großstadt führte. Da ging es Nichtmehr anders! Das böse Beispiel und der Reiz der Verführung übten ihre verderbliche Wirkung, man „emanzipierte" sich einfach. Solch tieftraurige Erscheinungen illustrieren gar häufig das alte Wort: wajischman Jeschurun wajivot, im Ucbernmt schlägt Israel aus. In bescheidenen Verhältnissen bleibt der Jude vielfach, seinem Gotte treuer als auf der Sonnenhöhe des Glückes, geblendet vom Glanze des Reichtums, der Ehre und des Ansehens. Auch in dieser Hinsicht gibt uns also die vergleichende Bcttachtung zwischen Stadt und Land viel zu denken. - Wenn nun auch auf dem Lande im ganzen ein noch mehr konservativer Sinn zu finden ist, so muß doch — wie eingangs schon berührt — zugegeben werden, daß auch hier die religiöse Gesinnung keineswegs im Steigen begriffen. Für heute will ich nur noch einen Punkt in dieser Beziehung berühren, d. i. das Eingehen so vieler Rabbinatssitze!! Vor fünf Dezennien konnte tiian noch eine sehr große Anzahl von Rabbinatssitzen zählen, die jetzt längst eingegangcn. Aus eigener Erfahrung vermag ich deren mehr als dreißig in Süd- und Südwest-Deutschland zu nennen. Das war gar keine Seltenheit, daß in dem Dörfchen A., in dem Flecken B. ein Rabbiner sich fand. Zu meinen schönsten Erinnerungen zählt es, wenn ich an die Stunden zurückdenke, .welche ich in K„ einem kleinen Dorfe, bei dem Rabbi C. hin und wieder verbrachte. Das bescheidene Häuschen des Rabbi lag etwas abseits von der Hauptstraße des Dorfes, man überschritt einen hölzernen Steg, um es zu erreichen, denn es lag an einem Graben. Keine elektrische Glocke hatte ich zu ziehen, kein dienstbarer Geist erschien, um mich im „Salon" auf den Herrn Doktor warten zu heißen. Aus der zu ebener Erde gelegenen Wohnstube trat nieistens der Rabbi selbst heraus, mir die Hand zuni.Scholauni «lechem" entgcgenstteckcnd. In dem bescheidenen Heim mit der noch bescheideneren Einrichtung konnte cs jedem behaglich und wohl sein. Alles erstrahlte von der Liebe, Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Aufmerksamkeit des Herrn Rabbiners. Heute ist der Sitz — wie so viele andere — verwaist, um nie wieder besetzt zu werden. Ein elegisches'Gefühl muß aber jeden beschleichen angesichts solcher Thatsachcn. Es ist das Echo des alten Liedes: Mai mehani lonu rabbonon? Was nützen uns die Rabbis. Offenbar bedarf man ihrer nicht, wie in ftüherer Zeit, wo man „Schaalos" aller Art zu stellen hatte Dem Zuge der Zeit folgend, verlegt man die Rabb.inatssitze fast ausschließlich in größere Städte, die Flecken und Dörfer gehen leer aus. Disttikts- oder Bezirksrabbinate nehmen durch Einbeziehung neuer Gemeinden einen unheimlich großen Umfang an, in pekuniärer Hinsicht zwar nicht zum Nachteile des Herrn Rabbiners, vom idealen Standpunkte aus aber höchst bedenklich und bedauerlich! Ist es nicht bezeichnend, daß in unserem Baterlande 2000 Gemeinden ohne Rabbiner sind? Liegt darin nicht eine Anklage, gegen diejenigen Gemeinden, welche ihre Rabbinatssitze eingehen ließen? Tragen da nicht die Dorfjuden ebensoviel Schuld als die Städter? Mag man noch so viel über Grund und Ursache der Erscheinung Nachdenken, der Jndifferentismus muß in erster und letzter Linie als Ausgangspunkt für das Ganze hingestellt werden. Dsroxora mataotur! Im Dorfe konnte man ftüher einen Rabbiner finden, im Dorfe mehr Sukkaus sehen, als heute in einer Großstadt, im Dorfe in unmittelbarer Anschauung alle die Vorbereitungen beobachtenwelche das Pesachfest erfordert, im Dorfe den abschließenden Eruf-Draht eher Herstellen als in der Residenzstadt, im Dorfe finden wir heute noch Synagogen nach dem altjüdischen Synagogensthl erbaut, der durch seine ehrwürdige Vergangenheit mit eigenem Zauber auf uns wirkt, , alles Dinge, die unser Denken und Nachdenken in verschiedener Richtung anregen können. Wir könnten die Frage daran knüpfen: