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Neue jüdische Presse · 1903-03-06 · Heft 18 (6.3.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 18 (6.3.1903)
Date
1903-03-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Fvsnkfirvlev Monnemmtspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) 'Nostzoiturrgsliste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk., 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt-Expedition: JTmttftfurf su Mt. Brrgerstraße 25, parterre. y-- S Heranszrber: Saly Geis. Jnfertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Rachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. No. 18. Freitag, den 7. Adar 5663 (6. März 1903). No. 18. Jeder Briefträger der deutschen 'Reichspost, sowie jede Postanstalt innerhalb Deutschlands nehmen Bestellungen auf das Frankfurter Israelitische Familienblatt Postzeitungsliste 2741 entgegen. Abonnementspreis für das 2. Quartal 90 Pfg. (e x c l. 12 Pfg. Bestellgeld ) Nachdruck verboten. Amalek und Purim. i. Alljährlich am Sabbat vor Purim mahnt uns die jüdische Sitte an das göttliche Gebet: eingedenk zu bleiben dessen, was Amalek uns gethan auf dem Wege unseres Auszugs aus Mizrajim. Wir entsprechen diesem Gebot, in dem wir es seit undenklichen Zeiten am Sabbat vor Purim in unseren Gotteshäusern aus unserer Thora vorlesen und diese Vorlesung hat dem Sabbat seinen besonderen Namen und seine Bedeutung gegeben. Da erfahren wir nun dieser Tage aus der »Frankfurter Zeitung die verblüffende Neuigkeit, wir seien in Wahrheit nie in Mizrajim gewesen. Wenn wir nie in Mizrajim waren, konnten wir auch nicht aus Mizrajim in die Freiheit ziehen, und Amalek konnte uns auf dem Wege unseres nie erfolgten Auszuges auch nicht entgegen getteten sein. Und worauf gründet sich diese funkelnagelneue Entdeckung? Zunächst auf den Umstand, daß die ägyptischen Schriftdenkmäler aus jener Zeit nichts von den Israeliten erwähnen Man glaubt unwillkürlich, es mit einem Purimscherz zu thun zu haben, wenn man solche Dinge liest, und kann ein Gefühl des Mitleids mit den Schriftdenkmälern/nicht unterdrücken, die unsere Zeit mit solcher Gefliffentlichkeit aus ihren Gräbern erstehen läßt, sie in die Zwangsjacke ihrer Hypothesen und Konjekturen stellt und sie zwingen möchte, alles das zu bezeugen und zu verwerfen, was die Todtengräbergern bezeugt und verworfen haben möchten. Wenn die alten babylonischen Inschriften angeblich Wahrheiten enthalten. welche die ganze Welt bislang dem Judentum zuerkannte, so genügt ein solcher Fund, um der Thora den Charakter einer Gottesoffenbarung und den Juden ihre Mission als das Volk Gottes abzusprechen, und wenn die ägyptischen Schriftdenkmäler nichts von Juden und Judentum enthalten, so folgert man aus dem Schweigen dieser Sieine. was man in Babylon aus ihrem Reden folgert und verweist die Thatsache, au welcher sich das ganze Judentum erhebt, in das Reich der Mythen und des Köhlerglaubens. Viele bedürfen hierzu gar keiner Ausgrabungen; für sie genügt der Um stand, daß der Kaiser den Aufenthalt Israels in Egypten als eine feststehende, historische Thatsache betont hin länglich, um dieses geschichtliche Fakmm als einen kaiserlichen Irrtum zu bezeichnen. Es fehtte, um diesen Purimscherz vollständig zu machen, nur noch, daß man die Existenz der Juden in Vergangenheit und Gegenwart überhaupt leugnete, weil sie in den egypttschen Papyrusrollen nicht erwähnt sein sollen. Das ist allerdings nicht so leicht, weil die Juden, diese leibhafttgen, lebendigen Zeugen Gottes, selbst nach dem Zeugniß unserer Antisemiten, wirklich noch vorhanden sind, jafogar Verleger und Redatteure von Zeitungen sein sollen, die mit kühler Kathederruhe den Boden verleugnen, auf welchem sich das Juden tum erhebt. Aber wer weiß, ob diese vermeintlichen Israeliten nicht eitel maskirte Babylonier und Egypter sind? So kurz vor Purim wäre das alles möglich. Ob die Amalekiter je existirt haben? Man hat weder in den babywnischen Täfelchen noch in dm egypttschen Pyramiden etwas von ihnen gefunden. Aber in der frisch pulsierenden Gegenwart stößt man so vielach auf sie, daß es nicht bloß archäologisches Interesse st. wenn man sich ein wenig mit ihnen beschäftigt. Ob es richtige Ur- und Bollblutamalekller find, die ihren Stammbaumbis zum ersten Trägerdieses Namens, dem Enkel Esaws zurückführen, das ist für unsere Bettachtung gleichgiltig. Uns interessiert es nur, daß heute noch unter uns sogenannte Menschen umherehen, die in ihrer Denk- und Handlungsweise uns kuden gegenüber, den alten Amälekitern viel ähnlicher nd als ein Ei dem onderm, da die Eier in Wirklichkeit die Aehnlichkeit gar nicht in dem Grunde besitzen, die ihnen das Sprichwort zuerkennt. Wir brauchen zu diesem Zwecke das, was uns im WochenabschnittSochor überden allen Amalek aus unseren heutigen Urkunden vorgelesm wird, nur zu vergleichen mit den Antisemiten, wie sie noch heute wild wachsen, um zu begleiten, warum wir dessen immer eingedenk bleiben sollen. Gleich der erste Satz lautet: »Denke was dir Amalek gethan, auf dem Wege Eures Auszuges aus Mizrajim! (V. B. M. Kap. 25. V. 17.) Gewiß wird hier nicht umsonst Zell und Ort des ersten feindlichen Ueberfalls registriert, der uns als Volk widerfahren ist. Wir waren noch auf dem Wege von Mizrajim zum Sinai; wir hatten dm letzteren noch nicht erreicht, hatten also das Gottesgesetz am Sinai noch nicht in den Händen und waren trotzdem Gegenstand des Hasses unseres Erbfeindes. Unser Gottesgesetz kann also die Ursache dieses Hasses nicht sein, die Feind chaft gegen uns ist älter als sein Besitz. Wenn wir e glauben könnten, durch Preisgeben und Verleugnen unseres Gottesgesetzes die Feindschaft unserer Feinde zu entwaffnen und sie gar in Freundschaft umzuwandeln, so hebt Paraschat Sochor mahnend den Finger, und lehrt uns, nicht zu vergessen, was Amalek gethan auf dem Wege unseres Auszuges aus Mizrajim! Es kann auch nicht der Geschästsneid, die Furcht vor der jüdischen Konkurrenz gewesen sein, die den Angriff der Amalekiter auf ein wehrloses Voll plausibel machen könnten. Es war in der Wüste, die allm offen steht, in der es keine Masse zur Ausbeutung giebt, die für alle Raum hat und die mit ihren Schrecken und Gefahrm wahrlich keinen Boden und kein Objekt hat. das auch der gierigsten Scheelsucht ersttebmswert scheinen könnte. Es gab dort keine Moral und keine Brunnen zu vergiften, selbst die Christenkinder fehlten, um einen Ritualmord erdichten zu können, ein Umstand, der in seiner Bedmtsamkell zur Bekämpmng des Blutwahns vielleicht noch nicht genügend gewürdigt wurde. Wenn es wirklich ein so blutrünstiges jüdisches Gesetz gäbe, das Blut von Christenkindem für die Herstellung von Mazzos am Pessachfeste zu verwenden, wie konntm die armen Juden dann in den ersten Jahrtausendm ihres Bestandes vor Existenz des Christentums überhaupt Pessach feiern und Mazzos genießen? Aber was in aller Well war denn das Motiv des amaletttischen Judenhasses? Als ob der Haß je nach Motiven verlegen gewesen wäre, als ob der Haß Motive brauchte, als ob es keinen grundlosen Haß gebe und dieser nicht der allergefährlichste wäre, weil es eben kein Mittel zu seiner Bekämpfung giebt. Es giebt gewiß einen religiösen Haß, der scheel auf jedm blickt der Gott oder die Götter auf anderem Wege zu suchen und zu finden sich anmaßt, als derjenige, der sich im Besitz einer alleinseligmachenden Religion dünkt. Ja es giebt Menschen, die diesm religiösen Fanatismus für eine Tugend, für eine gottgefällige Großthat halten, denen sie sich daher nicht nur nicht schämen, sondern sich sogar seiner rühmen und dafür Kriege führen und zur vermeintlichm Ehre Gottes ganze Länder verwüsten und Böller vernichten. Dieser religiöse Haß, so schrecklich er ist. wird vielfach so wenig in seiner Häßlichkeit erkannt, daß er als Maske und Feigenblatt benützt wird, um die persönlichen geschäftlichen und sozialen Instinkte zu verhüllen welche seine wahre Triebfeder ftnd. Bei aller Verwerflichkeit hat dieser religiöse Haß dm großm Vorteil, daß er seinen Opfern eine Möglichkeit eröffnet, sich dadurch zu schützen, daß er zum Schein oder in Wirklichkeit seine eigene Religion verlmgnet und die feines Verfolgers annimmt. Dieser Religionshaß hat aber nur für Zeiten und Menschen einen Sinn, bei welchen das religiöse Moment hoch im Kurse steht. Wer sich selber aus seiner Religion nichts macht, kann keinen aus religiösm Motiven haffm, kann es vernünftiger Weise keinem andern verübeln, daß er seine religiöse Laxheit nicht teilt Deshalb wird in dem Bericht über das feindliche Zusammentteffen Amaleks mit Israel (ibid. V. 18) daran erinnert, daß Amalek nicht gottessürchttg war. Wmn Amalek Israel ttotzdem haßte, so war es ein eingefressmer Erbhaß, der seine Begründung nicht auf die israelitische Religion, sondem auf die israelitische Abstammung, zurückführt oder um es mit einem einzigen Worte zu agen: Der AmalekitismusdergraumVergangenhell ist ganz genau dasselbe,was der An t i s em i t ismus unserer Tage ist. Wenn das richtig ist, so begreift man dm Emst der Mahnung, dessen eingedenk zu bleibm, was uns Amalek gethan. Es hat eine Zell gegeben und sie liegt nicht well hinter uns, welche allen Emstes von dem Juden verlangt hat. er solle seinerseits alle religiösm Schrankm ablegm, die sein Aufgehen in der großen Masse erchweren, und man wollte dagegen alle sozialen und politischen Scheidewände beseittgen. welche dm jüdischen Bürger von dem nichtjüdischm scheiden. Biele habm diesem Lockmf Folge geleistet, der auf dm Schacher zwischm religiöser Ueberzeugung und sozialen Borteilm, die politische Gleichberechtigung als Prämie setzte. Das Eingehen auf dieses Anerbieten hat den Antisemitismus erzeugt. Der Judenhaß saus phrase unterscheidet sich von dem Antisemitismus dadurch, daß dem ersterm die Religion und dem letzteren die Mstammung als Borwand dient. Der Judenhaß ist so all wie das Judentum und seine Offenbarung am. Sinai (die Weisen bringen den Haß lSinnoh) auch durch seine Lautverwandtschaft mit dem Sinai in Verbindung und leitm den Ramm Sinai von der Sinnoh ab, die er uns gebracht hat), der Antisemitismus ist älter, er ist so all wie der Amalekttismus, denn er ist mit chm chemisch. Der Judmhaß ist wie jeder Religionshaß beklagenswert, aber man wird ihn erklärlich und daher auch in gewissem Grade verzeihlich stndm könnm. Solange das religiöse Mommt eine große Rolle spielt, lassen sich die von ihm Durchdrungenen leicht hinreißm, mit rücksichtsloser äußerer Gewallchätigkell das. wofür sie begeistert warm, auch anderm zum Gegmstand der Verehrung und Ueberzeugung zu machm. Der Jude, der vom Nichtjuden wegen seiner religiösen Ueberzeugung gehaßt und geächtet wurde, hmte die Befriedigung, daß er nicht der einzige Gegmstand dieses Haffes war. Dieser Haß hat zu mörderischen Kämpfen zwischm Christen und Mohamedanem geführt Die Verschiedenhell der religiösen Ueberzeugung HM innerhalb der Christenheit selbst einen beisplellosm, blutigm, dreißigjährigen Krieg mtsepell. Noch heute stehm sich die Anhänger der verschiedenen Bekennmisse innerhalb der Christenheit mit einer Feindseligkeit gegenüber, die dem blindesten Judenhaß oft nicht nachsteht, ihn vielfach sogar noch an Gehässigkell übertrifft. Unter solchen Berhällnisten wußten sich die Juden in guter Gesellschaft, wenn sie unter Haß und Vorurteil schwer zu leidm hatten. Wer als die vor etwas mehr als hundert Jahrm proklamierte Religionslosigkeit immer wettere Kreise ergriff, hatte der Judenhaß keinen Sinn mehr. Wie hätte man den Jmim auch wegen seines Judentums haffm können in einer Zell, wo der alles nwelliermde

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