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Neue jüdische Presse · 1903-02-27 · Heft 17 (27.2.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 17 (27.2.1903)
Date
1903-02-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 17. ungepflasterten Straßen, die wie Pilze aus der Erde wachsen und sich doch alle besiedeln. Zögernd nahm er Ueberrock und Zylinder....... Er ging nun zur Zollsträße, ohne sich zu beeilen, ohne des trüben, nassen Wetters zu achten, und je näher er dem Hause kam, dessen zweiten Stock seine Berwandten bewohnten, desto mehr verlangsamten sich seine Schritte.' Endlich hatte er es erreicht. Ein Riesenkasten von 5 Stockwerken, wo noch alles nach Tünche roch und Lanze Fluchten leer standen, . . mit unzähligen Fenstern und ohne jede Verzierung. Es fror ihn ordenüich, so kalt und unfreundlich sah es aus. Und hier sollte sie wohnen die kleine Marianne, der wilde Bub mit der reichen Phantasie und dem aufgeweckten Köpfchen . . . Zögernd nur entschloß er sich hineinzugehen, und kopfschüttelnd sch ilt er endlich die Stufen hinan bis zum zweiten Stock. - Rechts und links eine Thür. . . . Hier ein Porzellanschild, „Sondheim" stand in einfachen Lettern daran/. Wiede: stand er eine Weile unschlüssig, und wie mechanisch hob sich endlich seine Hand, um zu klingeln. ,/Schade,'- gings ihm in diesem Moment durch den Sinn, „das sie nicht mehr da ist, die kleine, gemütvolle Tante ihm nicht mehr entgegcnkommt in ihrer herzlichen Weise, wie damals vor langer Zeit, schadet" ... . Ein kleines sauberes Mädchen öffnete und fragte nach seinem Begehr. Er konnte sich nun doch nicht entschließen, seinen Namen zu nennen, weil er eine Abweisung fürchtete und die Jugendgefährtin jetzt gerne gesehen hätte. So sagte er nur: „Bitte, ich möchte Fräulein Sondheim in dringender Angelegenheit sprechen, melden Sie das!" . . . Das Mädchen machte ein erstauntes Gesicht, kam aber bald zurück und führte ihn über einen kleinen Flur in ein mäßig großes Zimmer, wo sie ihn bat, Platz zu nehmen und ein wenig zu warten. Ab,er er blieb wie gebannt stehen, nicht wagend, sich zu setzen. Mn eigentümlicher Geruch durchzog das Zimmer, trotzdem , die Fenster weit geöffnet waren. Mn feuchter, weicher Wind wehte herein und. blähte die weißen Gardinen auf. Spiegel und Bilder waren verhängt, auch das Bild ihres gemeinschaftlichen Urahnen, das ihn nun, da der Wind just den leichten, schützenden Vorhang emporjagte, unwillkürlich an die „Hcinebilder" erinnerte, wie man sie auf den meisten Titelbildern von Heinrich Heine's Werken sieht. Hier hatte sie wohl die letztd Rast gehalten, seine zierliche, kleine Tante. . . . Wieder überkam es ihn wie ein Traum, wie ein Märchen auslängst verklungener Zeit. . . . Dort das ehrwürdig alte, grüne Sofa, der mächtige, eichene Schrank und in der Me die uralte Wanduhr, ein Prachtstück in seiner Art, von dem die Tante sich nicht hatte trennen können. Nur dort neben dem-kleinen Ofen als einziges modernes Stück ein praktischer, -großer Schreibtisch, über und über mit Büchern und Schriften beladen. Wer hier wohl schreiben und lehren mochte! Etwa ein Mieter, so einer, der ohne jedes Interesse zwischen diesen alten Möbeln leben würde! Doch wohl nicht! So sah dieses Zimmer nicht aus! Es lag ein feiner Duft über allem, so etwas rein Persönliches, Gemütvolles. Hier mochte die kleine Kusine hausen, und wie sie damals in gespanntester Erwartung ihrer Mutter die köstlichen Geschichten von den Lippen gelesen, würde sie heute nicht müde werden, zu lesen und wieder zu lesen. Aber wovon sie leben mochte! Das Vermögen konnte nur unbedeutend sein..... Er war so in diese Gedanken vertieft» daß es chm völlig entging, wie Jemand die Thür öffnete und eintrat und erst als die graziöse, leichte Mädchengestalt dicht vor chm stand, blickte er auf. . . ' (Schluß folgt.) Aus unser« Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) ‘ „Ist das wahr? das ist mir etwas Mues. ' Möchte wohl einmal so 'nen geborenen jüdischen Priester sehen." - „O, den kann ich Dir leicht zeigen," und mit einem Ruck drehte er ihn zum Spiegel um, „da, schau' hinein, da schaut Dir ein geborener jüdischer Priester entgegen." „Aber mache doch keinen dummen Wch!" „Ich mache keinen Witz, Du bist in Wirklichkeit ^als Priester geboren wie alle männlichen Nachkommen Arons, der der erste Priester oder Kvhn war, weshalb die meisten seiner Nachkommen Kohn heißen." Es war unmöglich, ernsthaft zu bleiben bei dem geradezu verblüfften Gesicht des jungen Mannes.. „Also wirklich, ich wäre ein Priester? Aber das kann ich. mir gar nicht denken. Glaubst Du's, Arnold?" „Ja, warum denn nicht? es kommt doch in der biblischen Geschichte vor, Aron war der Bruder von Moses, und er und seine Söhne waren Priester. Jsfs nicht so Ernst?" ‘ „Allerdings." , - „Es kommt mir wirklich auch vor, mal derartiges gehört zu haben! — Na, Jungens, jetzt müßt Ihr.aber Respekt vor mir haben!" - „O nein," versetzte Ernst lachend, „nicht einmal der Hohepriester flößt Respekt ein, wenn er ein Ignorant ist." Die Knaben unterhielten sich noch längere Zeit über Felix's Priesterschaft in heiterster Weise. „Aber Scherz bei Seite.. Felix," sagte Arnold endlich, „ich finde es seltsam, daß Du von eurer Religion so wenig weißt." Der Angeredete zuckte die Achseln. „Hand auf's Herz, Arnold, hast Du vor Deinem Mp tritt in das -Seminar von eurer Religion viel mehr gewußt?" „Ganz gewiß. In der Handelsschule hatten wir doch auch Religion. Allerdings kann ich nicht in Abrede stellen, daß der Religionsunterricht in ''er Handelsschule ein äußerst mangelhafter war und daß man trotz desselben sehr gut ein Atheist werben .Lunte, was doch das denrbar Schrecklichste ist. Erst jetzt im Seminar habe ich unsere heilige Religion in ihrer Heiligkeit und Schönheit näher kennen gelernt. Kann'man sich z.B. ein erhabeneres Gebot denken als: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie &id)- selbst?" „Aber das ist ja ein jüdisches Gebot," fiel Ernst ein, „das kommt im Alten Testament. vor." „Wirklich? fragte Arnold errötend, „irrst Du Dich - nicht?" „Nein, gewiß nicht. Hier bei Felix findet man wohl keine Bibel, aber wenn wir nachher fortgehen, komme einen Augenblick mit mir in unsere Wohnung,. da werde ich Mr in einer übersetzten Bibel schwarz auf weiß zeigen, baß dieser Ausspruch im Alten Testament vorkommt." „Wirklich? — das würde mich in der That interessieren. Ich weiß zwar wohl, daß in unserer Religion manches vorkommt, was auch in der jüdischen Religion enthalten ist. Unser Herr war ja selbst ein Jude, und es ist daher ganz natürlich, daß er alles Schöne, was in der jüdischen Religion unzweifelhaft vorkommt, mit hinüber genommen hat in den neuen Bund. Aber speziell die Gebote der Liebe in ihrer Alles umfassenden Innigkeit, die finden sich doch erst in unserer Religion, die ja doch die Religion der Liebe par Excellenz ist und alle Härten und alles Rachgierige der jüdischen Religion zurückweist." „Alle Härten und alles Rachgierige der jüdischen Religion?" wiederholte Ernst, „was willst Du damit sagen?" „Nun,, es . ist doch bekannt. Der jüdische Gott ist der Gott der Rache, unser Gott aber ist der Gott der Liebe." , „Du bist im Irrtum, auch, wir beten zu dem Gott der Liebe- und des unendlichen Erbarmens, ein Gott der Rache ist mir unbekannt." „Aber ich. habe doch gehört, daß es in euren Gebeten heißt, Gott rächt die Sünden der Väter an ihren Kindern und Kinüeskinbern." ,,D« bist Du falsch berichtet, es heißt nicht, Gott rächt die Sünden usw., es heißt vielmehr, Gott gedenkt der Sünden der Väter ihren Kindern und Kindeskindern denen, die. ihn hassen." „Nun, das ist doch einerlei." „Wer sägt Dir das?.Sollte nicht vielmehr das Gedenken der Sünden der Väter an ihren sündigen Kindern und Enkeln den höchsten . Grad von Gerechtigkeit und Liebe umfassen? Wenn Du den Sohn eines Verbrechers auf Abwege geraten sichst, und Du Dich des bösen Beispiels erinnerst, das ihm. von seinem Vater geworden ist, wird er Dir da nicht weniger strafbar erscheinen?" „Und das glaubst Du?" / „Ich kann mir -das Walten des allgerechten Richters nicht anders denken." „Möglich, daß Du Recht hast und daß nur die schlechte Uebersetzung die Fabel von dem rächenden Judengott aufgebracht hat. Jedenfalls bitte ich Dich, überzeugt zu sein, daß ich eurer Religion nicht zu nahe treten wollte." „Aber das ist ja selbstverständlich, wir haben uns doch nur so unterhalten." - „Freilich, freilich. Und sage mir doch, habt Ihr auch den Ausspruch, der Gerechte erbarmt sich seines Viehes?" „Allerdings, das ist auch ein echt jüdischer Ausspruch und wenn er bei euch auch vorkommt, so ist er euch auch nur von uns überkommen." „Ich danke Dir, dies alles interessiert mich ungemein. Habt Ihr auch das Gebot: Liebet eure Feinde?" ' „Ein Gebot, liebxt eure Feinde/ ist mir nicht bekannt, und ich kann mir auch nicht , denken, daß ein solches Gebot existiert, denn die jüdische Religion gebietet nur das Mögliche; aber Feinde zu lieben, erscheint doch schwer möglich. Wir dürfen uns an unfern Feinden nicht rächen, das ist uns strengstens untersagt, aber daß-wir, sie lieben müßten —" , „Da geht unsere Religion in ihren Anforderungen in Bezug auf Liebe doch weiter als die eure, das eben wollte ich konstatieren." Ernst zuckte die Achseln und erwiderte nichts, in seiner Minnerung aber sah er diesen Herold der Religion der Liebe seinem Schwesterchen nachrennen und den Hund auf sie hetzen- „Nun, unsere SKe'ig'on geht auch ii ihren diesbezüglichen Anforderun en seh: w it", sagte er nach kurzer Pause. „So -heißt es ausdrück.'ich: wenn Tu das Vieh Deines Feindes unter seiner Last erlig'n iehst, so nmßt Du ihm helfen. Durch dieses Gebot könnte sogar der eigentümliche Fall eintreten, daß, wenn wir gleichzeitig das Vieh unseres Feindes und das unseres Freundes unter seiner Last erliegen sehen würden, wir erst dem Tiere unseres Feindes helfen müßten und dann erst dem Tiere unseres Freundes helfen dürften. Denn nur Ersteres ist uns ausdrücklich, geboten." „Das ist in der That seltsam, aber, offen gestanden, ich finde nichts B so.idwes darin." „Und ich habe doch recht," fiel Felix lachend ein> „man erkennt in euch die künftigen Kollegen." „Ich weise die Kollegial tät nicht zurück," sagte Arnold. „Aber sage mir doch, Mnst, habt Ihr auch das Gebot: So Dich Jemand auf die rechte Wange schlägt, reiche ihm auch die linke zum Schläge?" - „Nein," erwiderte Ernst. Um Felix Mundwiikel zuckte der Schalk. „Sage mir doch, Ärnold, hast Du schon Jemanden gesehen, der dieses Gebot befolgt hat?" , Osten gestanden, n in." „Und wie würdest Du denjenigen nennen, der es befolgen würde?" „Einen Heiligen." „Weißt Du, wie ich ihn nennen würde?" „Nun?" „Einen Narren," rief er lachend. Ernst warf ihm einen mißbilligenden Blick zu, Arnold aber sagte: „Ich glaube, man würde ihn allgemein als Narren be eichnen, aber das Urteil der Welt darf doch nicht maßgebend für uns sein, wenn es sich gegen ein ausdrückliches Schrif'wort wendet." „Ach, ich bitte euch ums Himmelswillen, lasset für heute eure theologische Kontroverse ruhen. Kommt hinunter in den Garten und lasset uns Fußball spielen." Alle begaben sich hinunter auf den schattigen Spielplatz und. bald flog der große Kautschukball hinüber und herüber begleitet von den heitern Scherzworten der munteren Knaben. Frau Kohn sah vom.Fenster aus dem anmutigen Treiben zu und ein heißes Dankgebet stieg empor aus ihrem Herzen, als sie ihren Knaben da so frisch und munter sah und sich vergegenwärtigte, wie er noch vor wenigen Wochen kraft- und bewußtlos und nahezu hoffnungslos daniedergelegen. Dann aber lehnte sie sich aus dem Fenster und rief sorgend: „Felix, ich bitte Dich, erhitze Dich nicht." „Sei unbesorgt, Mama", erwiderte er. sein glühendes Antlitz emporwendend, , ich erhitze mich nicht." Ernst aber unterbrach das Spiel. „Wenn Du Dich nicht erhitzen darfst, müssen'wir aufhören, denn Du bist ja bereits ganz echauffiert. Komm Arnold, nehmen wir das Weltkind in die Mitte, damit es der Welt erhalten bleibt." „Es ist doch gut, daß Mnst Vogel mit uns reisen wird," sagte Frau Kvhn zu ihrem Gatten, „er ist weit vorsichtiger, als Felix und hat mehr Mnfluß auf ihn als rch." „Freilich ist das gut," entgegnete Herr Kohn zustimmend, „Ernst ist ein besonnener und wackerer junger Mann, ich werde ihn dieser Tage zu dem Sanitätsvat schicken, der ihm Verhaltungsmaßregeln für Felix erteilen soll,, dann können wir darauf rechnen, daß dieselben eingehalten werden." ' ■ (Fortsetzung folgt.) Wochen-Kalender. Sabbath-Anfang: 5 Uhr 35 Minuten. Sabbath-Ausgang: 6 Uhr 50 Minuten. Wilhelm Qlücklich Gegr. Schillerstrasse 4,1. Gegr. , 1879. Frankfurt a. M. 1879. Immobilien, Hypotheken. Abonnements and Inserate ~ für das „frankfurter Israelit, familienblatt“ nehmen die hiesigen Buchhandlungen:' A. Rothschild, Börnestrasss 88, A. J. 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