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Neue jüdische Presse · 1903-02-20 · Heft 16 (20.2.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 16 (20.2.1903)
Date
1903-02-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. In Ermangelung einer Wi'g: wurde der Neugeborene nach einiger Zeit in einem R is kesser über die Grenze zurückgejchafft. Seine eisten Kiiiderjahrr verlebte er einsam, zeige aber schon früh die Lust am Fabulieren und Phantasieren. Als er einmal eine Erzählung von Paris gelesen ha'te, machte er sich auf den Weg nach der Metropole, kam aber nur bis zur nächsten Stadt. Ein Gastwirt brachte den Knaben ins Vaterhaus zurück. Nach dem Tcde des Vaters besuchte Karl Emil Franzos das. Gymnasium in Czernowitz und studierte dann von 1867—1871 in Wien und Graz. .Ws Student mußte er für seinen Unterhalt se bst sorgen. Schon als Student verlobte er sich mit einer Christin, aber der Herzensbund ging wieder auseinander, als an ihn das Ans'nnen gestellt wurde, ebenso ls Christ zu werden. Karl Emil Franzos blieb dem Glauben treu, für den seine Väter gelitten und in den Tod gegangen waren. Dagegen jst der noch heute in Nancy blühende Zweig seiner Familie, der noch 'immer die Wachskerzenfabrikaten betreibt. jetzt streng ka'hoTsch. Die erste schriftstellerische Arbeit, die den Namen Karl Emil Franzos in der deutschen Literatur b kannt machte, war eine Novelle, die der Dichter g schri brn hatte, als seine Braut in Graz die Verlobung löste, weil er nicht zum christlichen Glauben übertreten mochte. Diese Novelle, von der ein Grazer Redakteur behauptet, sie sei das albernste und dümmste Zeug, das je geschrieben, wurde 1870 zuerst in Braunschweig gedruckt und zwar erschien sie in den Westermannschen Monatsheften. Der Dichter erhielt dafür ein Honorar von 20 Thalern und wurde zur Einsendung weiterer Beiträge aufgefordert. Das erste Buch des Dichters erschien 1876; 18 Ver'eger hatten es abgelehnt, das Werk in Verlag zu nehmen, der 18. nahm es an und hatte einen guten Erfolg damit. Mit einem Appell an seine Zuhörer, in Treue festzuhalten an dem Glauben der Väter und an dem Deutschtum, schloß der Vortragende seine Ausführungen. — Wir aber möchten noch nachfügen, daß eine Treue, die nur darin besteht, daß man zu keinem anderen Glauben Übertritt, bei aller Anerkennung doch nicht Treue zu nennen ist. Treue an dem Glauben der Väter verlangt ein festes Anschmiegen an diesen Glauben. Diese Treue fehlt wie so vielen anderen, auch Karl Emil Franzos, und deshalb sind seine Werke in jüdischer Hinsicht leider eherverderblichalsnützlich, denn die Liebe zum Judentum und zu Lessen Bek nnern fördern sie unserm Empfinden nach keineswegs. * * Der Orient und die Kulturarbeit iu Palästina. Tilsit. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am Dienstag Herr Schriftsteller Erichsen aus Breslau einen Vortrag über obiges Thema. Redner, bat das Morgenland wiederholt be sucht: sowohl als Vergnügung .r.isend:r, wie auch a s Journalist. Das herrliche Land Kanaan, das man zu finden glaubt, ist nicht mehr. Die türkische Mißwirtschaft hat dem Lande unendlich geschadet, die Weinberge lieen ve.wüstet, die Wälder abgeschlaien, die Felder ze.stört. Freilich zur Lsterz it, der Zeit der Blüte, gewährt Palästina einen hüb.chen Anbli k. Redner gedenkt der anhaitenden Tü ren, dir dort herrschen: so hat es vom 31. Oktober 1883 bis zum Mai 189i) do t nicht geregnet. R.dner betritt Palästina in Bayrut, schildert die schweren Mizständ: auf der dortigen, einer türkischen Ces llschast ge hörigen^ Eisenbahn, gedenkt der Trägh it und entsetzlichen Gleichgültigkeit -der Türken, die in dem Worte „Metschallah", „Allah hat es so. gewollt!", oder mit anderen Worten: „Was können wir dafür?" bei jeder Gelegenheit zum Ausdruck kommt. Tie gewalligen Ueberreste des Heliostempels, zu dessen Bau nicht weniger als 10 Jahre hindurch 61 Schiffe das Baumaterial — karrarischer M rmor — lirfrten, zeugen von der Großa.ügk it dieses Tauwcr's. Die noch» stehenden SäulMrHxxchen von dem einstig n gewaltigen Bau: sie mef'en 187 Me.ec H.he. V.rb i gehtS dann an dem-einst so herrlichen Libanon dessen jetzt sehr geringer Cedernb stand eingczäunt ist und alljährlich von Regierung: b.amttn g zählt wird. Endlich gelangt man nach Tana Tueiner der schönsten und inleres antesten Städte, welcher man die Namen Pforte des Paradie.e ,-Perlede: Schönhell ufw. beige.'ezt hat. Mo ammed nannte es ein irdisches Paradies. Ein Prachtbau, die Moschee, im „Damaszener Siil" gebaut, an die Alhambra erinnernd, wurde leider ein Raub der Flammen. Zwischen dem Orientalen und dem Europäer besteht nach Ansicht des Redners eine g oge, nie zu ülerbrückende Kluft, den», während der Europäer aufstrebend und geistig rege thättg ist, ist der Türke streng konservativ, hält zähe am. Üeberlieferten (Metschailah) fest und legt die Händi: in den Schoß.? In Damaskus kommt das o ien'.a'ische Leben unve filscht zum Ansdruck, Laiselbe Familienleben spiet sich auf der Straße ab. Redner kommt nun nach Nazareth, einem ungemein lieblichen Städtchen, es ist der einzige Ort der sich unverändert erhalten hat, dem See Genezareth und dem Städtchen Liberia-, in welchem sich der Rest der berühmten Talmudist.nschule b findet. Dort wohnen etwa zwanzig Ten. sch -, d.neu ein deutscher Konsul Leigegeben ist, der nicht w.ig, was er dort soll. Von hier gings. nach der Hauptstadt Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 16. Sichem, in welchem 150 Samaritaner, die sich von dem Judentum abzweigten, ihr Leben fristen. Sie besitzen einen Original-Pentateuch. Bon hier kommt man nach Jaffa, das sich auch einer Eisenbahn, die von einer englischen Gesellschaft gegründet ist, erfreut. Um 8 Uhr früh ging's bei einer Hitze von 43 Grad R. durch wüstenartige Gegenden in 7 Stunden (die Stunde zu 200 Minuten gerechnet) nach Jerusalem/ Die hriiige Stadt wird gegenwärtig noch als Festung angesehen, ihrer natürlichen Lage nach eignet sie sich auch hierzu, außerdem ist sie von einer Mauer, die mit vielen Türmen versehen ist, umgeben. Die Omar-Moschee überstrahlt sämtliche Bauten der Hauptstadt Palästinas. Wir wandeln nun mit dem Redner den Weg zum Oelberg empor, welchen eine Kirche krönt, in der das „Gebet des Herrn" (Vaterunser) in einem Stein eingemeißelt sich befindet. Es giebt in ganz Palästina nichts, was den Vorstellungen der Besucher entspräche. Redner schildert die heilige Grabeskirche, fünf Konfessionen stteiten sich um deren Besitz. Diese Zerwürfnisse arten oft genug in Kämpfe aus, so am Karsteitag 1846 zwischen der römischen und griechischen Geistlichkeit, wobei die Kirchenleuchter als Keulen, die Prozessionsfahnen als Sperre benutzt wurden. Der Vortragende entwirft nun ein Bild der prächtigen und mächtigen Omar-Moschee. Dort befindet sich der 13 Meter lange Opferstein. Die Klagemauer der Juden ist der letzte Nest des Tempels Salomos. Einmal in der Woche, am Freitag Abend, dem Beginn des jüdischen Sabbath und dem Schluß des türkischen Festtages (Selamik) versammeln sich dort Türken und Juden zum gemeinsamen Gebet. lieber Palästina im allgemeinen herrschen sehr falsche Vorstellungen, Palästina leidet sehr unter der Korruption des islamitischen Bcanitentnms. Diese Provinz ist in 4 Bei.ke geteilt, da die Beamten wissen, da) ihres Blcibens doch nicht lange, so scheuen sie keine Mittel, sich zu bereichern und ziehen die Steuern für 1 bis 2 Jahre im voraus ein. Grenzenlose Willkür herrscht. Tie christliche Cinwohnerschastbesteht zum größten Teil aus Würllembergern, die sich bald nach Uebcrsiedelung auf das Entsetzlichste betrogen sahen: so wurden die abgeschlossenen Kaufverträge über Ländereien in den Büchern nur als Pachtverträge eingetragen usw. Die Kaiserreise hat ja allerdings viel gemildert, weil die Betrogenen mit einer Ta legung der Berhä tnissr dreh cn- Die- Juden teilen sich in zwei K äsen, s eie Bewohner und Kolonisten. Jerusalem hat ca. 60000 Einwohner, darunter 30000 Juden. In Palästina sind im ganzen 58—60 000. Zillen, es zählt 600 000 Seelen überhaupt. Mit einem Worte kann man Palästina als eine große Steinwüste bezeichnen, wenn man auch gelegentlich der Kaiserreise durch künstliche Palmenwälder ihm ein freundliches Ansehen zu geben bemüht war. Mn Paradies dagegen in Aftika ist Egypten., Redner fährt nun nach Kairo mit seinen herrlichen Boulevards, ' seinem Luxus, seinem teuren Hotelleben und schildert den Nil, dessen Fluten am 18. August jeden Jahres ihren Höhepunkt erreicht haben. Ter egypiische Bauer erntet alljährlich drei- bis viermal. Wir betreten die Wüste, sehen die Pyramiden, die Sphinx, welche auf ein 6000jähriges Alter zurückblickt. Noch einen Rückblick auf das Dahinschwinden aller Größe irdischer Macht, des gewaltigen Pharaonenlandes, des römischen Weltteichs, der herrlichen Kunst Griechenlands wirst Redner, um zu schließen mit dem alten Wort: „Sictransitgloriamundi!" Rosenfelder &Trepp Feine Herrenschneiderei Rossmarkt 2L an der Hauptwache. Aus unfern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Erinnerst Du Dich, Felix, daß Du mich im Winter ersucht hast. Dich unsere Religion kennen zu lehren?" „Ja, ja, ich erinnere mich. Aber das ist nicht mehr notwendig." „Weshalb nicht?" „Weil ich .— ich wollte sagen, well Du doch recht gehabt hast; ich habe gesehen, es wäre meiner Mama schrecklich, wenn ich mich lausen lassen würbe und darum habe ich ihr versprochen und ihr die Hand darauf gegeben, daß ich mich) nie und unter k inrn Verhältnissen vom Glauben unserer Väter lossagen werde. Üebrigens," fügte er lachend hinzu, „es wäre geradezu ein Kunststück, wenn ich mich von dem lossagen wollte, was ich Nie gehabt habe und nicht habe." „Felix!" „Unbesorgt, .Herr Moralist, ich habe eben nur einen dummen Witz gemacht, nichts weiter. In Wirklichkeit — ich erinnere mich, jetzt ganz genau — habe ich meiner Maina; mit Mund und Hand versprochen, nie auszutreten aus der jüdischen Religionsgenossenschast. Das ist doch klar und deutlich. Und außerdem gestehe ich Dir offen, meine Mama hat mich überzeugt, daß cs unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine offenbare Feigheit und Gemeinheit wäre, aus der jüdischen- Kirche auszutreten Und zu der herrschenden überzutreten aus keinem anderen Grunde, als weil die Mitglieder der letzteren die der ersteren bejchimpsen, bedrücken usw. usw." „Das ist richtig. Aber wenn Du das, was Du-. die jüdische Kirche nennst, kennen würdest, so würdest Du an den von Dir soeben angegebenen Grund nicht einmal denken." . ,; „Das ist möglich. Aber da ich doch mut einmal gelobt habe, bis an mein seliges Ende dem Glauben meines Vaters tten zu bleiben — Papa glaubt nämlich genau so wenig wie ich — und nie aus der jüdischen Religionsgemeinschaft austreten werde, so sehe ich in der That nicht ein, weshalb ich die jüdische Religion kennen lernen sollte." „Du bist ein komischer Kauz", versetzte der andere ärgerlich lachend. , „Mn komischer Kauz bin ich nicht. Du selbst hast damals, als wir davon sprachen, gesagt, wenn man etwas ausgeben will, so muß man doch auch wissen, was man aufgiebt. Das hat mir eingeleuchtet und deshalb habe ich Dich ersucht, mich gelegentlich die jüdische Religion kennen zu lehren. Aber nun, da ich doch nicht mehr daran denke, sie äuszugeben, wüßte ich doch nicht, weshalb ich sie kennen lernen sollte." Ernst schüttelte unmutig den Kops. ,Mit Dir wird man nicht ferttg." „Das solltest Du schon wissen," cntgegnete Felix lachend und sich behaglich dehnend. „Nur Mner könnte mit mir fertig werden, oder vielmehr Mne —" „Eine? — Deine Mama?" „Nein, nicht meine Mama — Du mußt raten — also rate!" „Ja, ich weiß nicht —" „Freilich weißt Du's nicht, sonst könntest es doch nicht raten." „Aber ich kann es auch so nicht raten. Also, wer ist die Mne, die mit Mr fertig werden könnte?" „Dein Schwesterchen." „Fanni? — ist's möglich!" „Ja so ist's. Erinnerst Du Dich iroch, als ich zum ersten mal wieder bei euch war? Zuerst hat sie gemeint, ist wäre wohl kein Jude, ich wäre wohl so wie eure Sabbathfvau, und als ich dem widersprochen und mich als Jude vorge'tellt habe, da hat sie gesagt, am Sabbath darf man doch nicht tragen. Und das hat sie so ernst gesagt und dabei ein so wunderliebliches Gesicht gemacht, daß es mir beständig im Kopf herumgegangen ist. Und Samstag in der Schule, als ich nach Hause gehen wollte, da ist mir das liebe Gestchtchen wieder so lebhaft vor Augen gestanden, daß ich — ich habe über mich selbst lachen müssen — aber ich habe mein Reißbrett nicht nach Hause getragen, ist habe es in der Schule gelassen." Auch Ernst lachte herzlich. „Aber gezeichnet hast Du Samstag?" „Ja, warum denn nicht? 'Zeichnen hat Klein- Fanni nicht verboten." „Wenn sie das wüßte! — Aber ehe ich daran Vergesse, Arnold Wiesner läßt Dich grüßen." „Arnold Wiesner? ist er hier?" „Nein, aber ich habe Briefe von ihm. , Er hat erfahren, daß Du krank gewesen bist und hat mich ersucht, ihm mitzutellen, wie es Dir jetzt geht und ob Du schon Besuche empfängst. Ich habe ihm geschrieben, daß ich täglich die Ehre habe, von Dir empfangen zu werden und vermute, daß er auch demnächst diese Ehre anstreben wird. Vielleicht kommt er Sonntag." „Hoffentlich nächsten Sonntag, denn Sonntag über acht Tage werden wir unsere Reise antrten." „So bald schon?" „Der Sanitötsrat hat es heute dekretiert." „Dtts ist schön, das freut mich außerordenllich." „Du .freust.,Dich, daß,sich/.fortgehe? Du bist mir ein schöner Freund." s, „Freilich' orn ich Mr zwar kein schöner; aber ein gutes Freund, denn ich hoffe mit Zuversicht, daß Du recht ftisch und gekräftigt zurückkommen wirst." „Das hoffe ich auch. Wer weißt Du, Ernst, was schön wäre? — wenn Du mit uns reisen würdest. Die Mama ist keine' gute Fußgängerin, aber wenn Du mitkommen würdest, was wir da für herrliche Touren machen könnten!" „Ja," sagte Ernst, „schön wäre das, wohl, aber da es in Wirklichkeit nicht sein kann, werde ich Dich in Gedanken begleiten und ich hoffe. Du wirst mir alle die Ausflüge, die Du machen wirst und alle die großen Naturwunder, die Du bettachten, wirst, in Deinen Briefen schlldern und auch Deine Gedanken darüber und Deine Betrachtungen. Das wird, gleichzeitig eine vorzügliche Stilübung für Dich sein," fügte er neckend hinzu. „Spottest Du wieder einmal über meinen Besenstil?" fragte Felix scherzhaft schmollend, „aber —" . „Aber Felix hat recht," siel sein Vater ein, der vor wenigen Minuten in das Zimmer getreten war und die Unterhaltung der Knaben mll angehöct hatte, „es wäre für Felix nicht nur angenehm, sondern auch von' besonderem Vorteil, wenn Sie, lieber Ernst, sich entschließen würden, ihn zu begleiten. Meine t

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