Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 16 (20.2.1903)
- Date
- 1903-02-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Wanderungsplätzen geeignete Filialen batte, leicht beseitigen, und wir können zu unserer großen Genugthuung nur Mitteilen, daß.der erste Schritt zur Gründung eines solchen Bureaus bereits im Gange ist. Wie Mr. M. L. Cohen in der Sitzung des Londoner Board os Deputies vom 25. Januar mitteilen konnte, wird in den nächsten Wochen schon in London ein „Jnformationsbureau für jüdische Auswanderer" eröffnet werden.^ Dasselbe wird hauptsächlich über England und dessen Kolonien Auskunft erteilen und die Auswanderer über die Plätze unterrichten, wo bereits jüdische Gemeinden bestehen oder in denen Nachfrage nach bestimmten Kategorien von Arbeitern und Handwerkern vorhanden ist. Es ist das noch nicht sehr viel, über der 'Anfang ist gemacht und wir zweifeln nicht, daß die neue Institution sich mit der Zeit zu dem so sehr dringend notwendigen Auswanderungsburcau nuswachsen wird. Frankosnrtm. . In einer öffentlichen Versammlung der „Deutschsozialen Reformpartei" sprach vorige Woche der antisemitische Reichstagsabgeordnete Zimmermann- Dresden über „Die politische Stellung-und die wirtschaftliche Bedeutung des Mittelstandes". Wir verzichten, auf die Ausführungen des Redners einzugehen, denn jeder unserer Leser weiß, wie unberechtigt die Anklagen der Herren Antisemiten sind. Wir hätten vielleicht sogar daraus verzichtet, auch nur die Thatsache des Vortrages in unseren Spalten zu registrieren, wenn wir nicht ein Vorkommnis sestnageln möchten. Der bekannte Frankfurter Judenfeind, Herr Stadtverordneter Hettler, hatte vor dem Einfluß der „jüdischen" Führer auf die 'Arbeiter gewarnt. Ein Sozialdemokrat namens Becker, der sich über die Angriffe Hettlers entrüstete, gab nun daraufhin sehr merkwürdige Anschauungen preis. Er sagte nämlich, daß auch die Sozialdeinokraten gegen die Juden seien. „Wenn Sie wüßten, was in unseren Herzen vorgeht, würden Sie uns nicht so angreifen; wir können jetzt nicht anders!" Es steht uns fern, aus der Ansicht eines Einzelnen einen Strick für eine ganze Partei zu drehen. Trotzdem sind uns die Worte des antisemitischen Sozialdeinokraten Ivieder einmal der Beweis dafür, daß der Jude sich bei seiner Entscheidung für eine Parteirichtung nur von seiner politischen Anschauung leiten taffen soll. Antisemitismus herrscht in einer jeden Partei, und solange derselbe von einer Partei nicht in ihrem Programm offiziell vertreten wird, liegt unseres Erachtens nach für einen Juden keine Beranlaffung vor, den stärkeren oder schwächeren antisemitischen Zug in derselben zum Schaden seines politischen Bekenntnisses gar zu scharf zu nehmen. * * * Vergangenen Samstag Abend sprach der Geheime Regierungsrat, Herr Prof. vr. Cohen aus Marburg, ini Saale der Frankfurt-Loge über >,Die Bedeutung des Judentums für die Kultur". Wir können den Bortrag, der sowohl seiner Form als auch seinem Inhalte nach fein durchdacht war, nur in kurzen Umrissen wiedergeben, da jicr Herr Professor, um das Judentum in das richtige Licht zu setzen, notgedrungen demselben als Parallele das Christentum gegenüberstellen mußte und wir .an dieser Stelle nicht auf die Unterschiede der beiden Religionen näher entgehen möchten. „Das Judentum", so führte Herr Professor vr. Cohen aus, „hat seine Wurzel in Gott, dem Schöpfer und Leiter des Weltalls sowie jedes einzelnen Teilchen in ihm, also auch das Schicksal eines jeden einzelnen Menschen. Die jüdische Religion bedeutet ein nationales, ein staatliches Dasein. Des letzteren ist sie allerdings verlustig gegangen. Die jüdische Religion schließt Gesetze in sich, die für die tvirtschaftlichen Verhältnisse grundlegende und einzigartig mustergültige 'Normen enthalten. Der Begriff des Rechts ist durch das jüdische Volk zu einem hohen Grad der Ausbildung gebrecht worden. Das Judentum wurde durch die Einführung der Sabbathrnhe der Besteier der Sklaven; hier sind Herr und Knecht auf eine Stufe gestellt. Nächstenliebe, Recht und Gerechtigkeit werden im alten Testament gefordert. Das Buch Mosis hat das Schamgefühl gefördert wie keine andere Gesetzgebung. Dies war sein Schutz und seine Stärke, um im Vandalismus des Mittelalters Stand zu halten. Der Vortragende schilderte sodann das jüdische Strafrecht, das auch dem Sklaven die Würde der Person gibt. Wird ein Sklave von seinem Herrn anr Körper geschädigt, so muß der Herr den Sklave freigeben. Auch die politische Wehrhaftniachung des Armen ist ein Gebot der jüdischen Sittlichkeit. Das mosaische Recht kennt nur die Würde der Person; deshalb kennt es auch nicht den Begriff „Almosen", sondern der Anne hat gesetzlich das Recht, ausreichende Nahrung zu verlangen; das Gebot, ihm den Zehnten zu geben, sorgt schon dasür, daß sein gesetzliches Recht erfüllt wird. Der Blick der jüdischen Religion ist in die Zukunft gerichtet. Das Judentum hat den Begriff der Menschlichkeit im Sinnbild des Meffias erschaffen. Der Messias soll den Krieg abschassen. Allerdings ist dies heute noch eine Utopie, aber allinählich dämmert es auch, auf diesem Gebiete schon auf. Der Aleffiasgedanke läßt den Unterschied zwischen den Völkern verschwinden, er bedeutet die Einheit der Menschheit. Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Christus ist für die Menschheit, die der Meffias erst in Zukunft schaffen soll, das Ideal der Sittlichkeit in Wirklichkeit und Person geworden. Hierin liegt die sittliche und religiöse Differenz' zwischen den beiden Bekenntnissen. Die tragische Kraft ruht in der Ausmalung der Elementargewalt des Todes. Die jüdische Religion kennt keinen andern Erlöser wie Gott; er erlöst auch vom Tode. Der Tod bedeutet nur den liebergang zuin anderen Leben. Im Christentum erwirbt Christus das andere Leberi denen, die an ihn glauben. Nach der jüdischen Religionslehre muß der Mensch seine Erlösung selbst vollbringen, Gott kann nur Helsen, wie er immer zum Guten hilft. Eine Religion mit so klaren und tiefen Kulturaufgaben,, wie sie die jüdische aufweist, wird nie vom Schauplatz verschwinden. Da nun die Religion aber keine Privatsache — wie eine beliebte Phrase lautet —, sondern die wichtigste Frage für die politische Kultur ist, so kann man es nur als eine Schandthat bezeichnen, wenn ein Jude sich taufen läßt; veranlassen ihn zu diesen! Schritte in der Regel doch nur rein materielle Gründe, wodurch er beweist, daß ihm die wichtigste Kulturfrage gleichgültig ist. Der Schaden, der uns Juden du'ch die Taufen zugefügt wird, ist weniger ein Numerischer, als die geschichtliche Thatsache, daß zu alten Zeiten aus den Reihen der getauften Juden die ärgsten Judenfeinde entstanden sind. Immer und immer wieder sind es getaufte Juden, die das neue gegen das alte Testament ausspielen und die die giftigen Pfeile der Verleumdung gegen Bibel und Talmud schleudern. Das Martyrium, das jeder Jude in seiner Eigenschaft als Jude zu erdulden hat, und die Ehrfurcht vor den Ahnen schon allein müssen genügen, der angestammten Religion die Treue zu bewahren. Ohne Treue gibt es keine Gesinnung, ohne Treue kein Gefühl." Das waren in wenigen Strichen die Worte des Gelehrten. Die Wärme und die Begeisterung aber, so aus seinen Worten heraussprachen und das Herz der Zuhörer ergriffen, kann der kalte Griffel nicht wicdergcben. * * * Ein Mitglied des hiesigen israelitischen Vereins „Edle Tat" wurde durch Beschluß des Vorstandes desselben von der Mitgliedschaft ausgeschlossen, weil es wiederholt ohne Grund die Gebctsver>ammlungen versäumt hatte. Das allsgeschlossene Mitglied bestritt die Rechtsgültigkeit dieses Beschlusses, weil geniäß der §8 5 und 16 des Statuts nur die Mitgliederversammlung und nicht der Borstarid zum Erlaß desselben berechtigt sei. Das Amtsgericht als erste Instanz trat dieser Auffassung des Klägers bei und erkannte nach dem Klageanträge. Das Landgericht dagegen, welches sich in der Berufungsinstanz niit dieser Sache zu beschäftigen hatte, hält geinäß der Statllten den Vereins- Vorstand zum Erlaß des von ihm gefaßten Beschlusses an sich für zuständig, und ordnet durch Beweisbeschluß an, Zeugen darüber zu veniehmen, ob der Kläger öfters Gcbetsversammlungen versäumt und sich auch geweigert habe, einen Stellvertreter zu denselbcn zu bestellen. -- * Nachstehendes Vorkommnis dürfte nicht ohne Interesse sein. In unserem Nachbarort Heddernheim starb vor Kurzein ein 'Arzt christlichen Bekenntnisses. Dessen Praxis,übernahm ein jüdischer Arzt unter fteundlichster und dringendster Empfehlung. Alle Patienten des Verstorbenen erklärten sich einverstanden, nur das Augusta-Biktoria-Stift ließ dem Arzt durch ein Mädchen sagen, sie bedauerten sehr, sie könnten aber in ihrem christlichen Stift keinen Israeliten anstellen! Dies thut die Verwaltung einer Anstalt, die wesentlich durch die Unterstützung von Juden gegründet wurde und unterhalten wird, einer Anstalt, die sich stets als „iiiterkonfessionell" ausgab! Sollten die Damen der betreffenden Verwaltung nicht einsehen, welchen Schaden sie sich und Andern durch solches Verfahren zufügen? Ans den Literatnrvereinen. Karl Emil Franzos. Braunschtoeig. Der Verein für jüdische Literatur und Geschichte lmtte am Mittwoch Abend in „Schräders Hotel" einen Vortragsabend reranstaltet. Als Redner war der bekannte Schriftsteller Karl Emil Franzos-Berlin gewonnen worden, der es in vorzüglicher Weise verstand, seinen Zuhörern ein fesselndes Bild seiner Jugenderlebnisse und der Geschichte seiner Familie zu zeichnen. Es dürfte wohl kaunr eine weitere jüdische Familie geben, die ihren Stammbaum so weit zurück verfolgen kann, wie die Familie Franzos und Rapaport. Bis ins graueste Mittelalter hinein ist der Stammbaum dieser Familien bekannt; die Familie Franzos kann den ihrigen zurück verfolgen bis ins 14. Jahrhundert. Zu jener Zeit war die Familie Franzos in Portugal ansässig. Als Weinbauern lebten die Mitglieder der Familie 1510 in Biverda in Portugal. Tie poetische Wer, welche noch heute in der Fanlilie herrscht, war schon damals vorhanden, denn die Familienchronik erzählt von einem Familienmitgliede, das den Wein und die schönen Frauen besang. Nach ihrem Wohnorte nannte sich die Familie damals Biverda. Tem Fanatismus her das Land beherrschenden Spanier Erste 3. fiel auch die Familie Biverda zum Opfer. Als die Biverdas dem Glauben ihrer' Väter nicht untreu, werden wollten, mußten sie, wie so viele andere spanische Jude», den Feuertod erleiden. Nur ein vierzehnjähriger Knabe entrann den.Häschern und flüchtete, dem Rate seines Oheims folgend, nach Holland, wo er in 'Amsterdam bei einem jüdischen Wachszieher dessen Handwerk erlernte. Sein Onkel hatte ihm die bisherigen Schicksale der Familie handschriftlich hinterlassen und diesem Umstande verdankt die Familie Franzos das Glück, über ihre Vorfahren erheblich besser unterrichtet zu sein, als viele andere jüdische Familien. Ter junge Biverda, welcher als Letzter^ seines Namens dem religiösen Fanatismus der Spanier entronnen war und in Amsterdam eine zweite Heimat gesunden hatte, wanderte später nach Frankreich und trat als Gehülfe in das Geschäft eines jüdischen Wachsziehers in Nancy ein. Er heiratete die Tochter seines Meisters und so ging das Geschäft aus ihn über. Seine Nachkonnneu waren ebenfalls Lichtzieher. Nur einer von ihnen, der Urgroßvater des Vortragenden, der 1698 geborene Michel Biverda oder Vivert, wie sich die Familie in Frankreich nannte, war wieder Arzt, Dichter und Künstler. Es ging überhaupt ein weltlicher Zug durch die Familie: in den entschwundenen sechs Jahrhunderten ist aus ihr kein Theologe hervorgegangen, aber auch kein Kaufmann. Michel Vivert liebte besonders das Modellieren und brachte es darin zu großer Kunstfertigkeit, Tank seiner anatomischen Kenntnisse. Er hatte in Utrecht den Doktorhut erworben, übte aber die medizinische Wissenschaft nicht prakt'sch aus, da er später das väterliche Geschäft übernehmen muffte. Unter seiner Leitung wurde die bis dah'n handwerksmäßig betriebene Wachszieherei in einen Fabrlkbet.ieb umgewandelt. In 'Nancy hatte Frankreich dem Polenkönige Stanislaus Lesczinsli eine F eistatt gewährt, der während seines dortigen Aufenthaltes auch Michel Vivert kennen lernte. Ter Po enkönig interessierte sich für denselben und verschaffte ihm Geschäftsverbindungen mit polnischen Ed lleuten, die recht gewinnbringend gewesen zu sein scheinen, wenn auch die polnischen Magnaten ab und z» einmal eine Rechnung zu bezahlen vergaßen. In Nan'Y wurde 1750 der Großvater des Vortragenden geboren. Für diesen und einen anderen Sohn rich'ete Michel Vivert zwei Wachsziehereien in Polen s.lbst ein, um die dortigen Geschäftsverbindungen besser betreiben zu können. Eine dieser Fabriken lag bei Warschau, die zweite, welche der Großvater von Karl Emil Franzos erhielt, in Galizien und so geriet die Familie im Jahxe 1772 bei der Teilung Polens in den österreichischen Unterthanenverband. Ter künstl rische Zug, welcher durch das Wesen des Urgroßvaters ging, trat auch bei dem G-oßvater in Erscheinung. Er wäre am liebsten 'Schriftsteller geworden. Noch in seinem 41. Jahre bezog er die deut'che Univer ität Lemberg und studierte Jura. S in Ziel war, di: polnische Jugend der deutschen Kultur zuzusühren. Seine Liebhaberei kostete aber viel Geld und die Fabrik wurde vernachlässigt. Von der österreichischen Re, ierung wurde der Großvater des Dichters sehr geschätzt wegen seines Wirkens für das Deutschtum. Eines konnte jedoch der ausgellärte Alaun dem österreichischen Regimente nie verzeihen: daß man ihm seinen alten Namen Vivert genommen und rhm dafür den Namen Franzos geg b:n hatte. Als das Gesetz erlassen worden, daß alle Juden einen Familiennamen anzunehmen hatten, wurde auch Vivert vor die zu diesem Zwecke eingesetzte Militärkommissiou geladen und der Vorsitzende, ein Rittmeister, empfing ihn mit den Worten: „Jud, wie willst Tu heißen?" Vivert antwortete: „Bruder Rittmeister, Du brauchst mir keinen Rainen zu geben. Ich heiße Vivert und bin ein Franzose". Ter Rittmeister hielt sich aber an den Buchstaben des Ge'ctzes und de-, kretierte kurzweg, daß Vivert jetzt Franzos heiße. Außerdem mußte der Umgetaufte 50 Gulden S'ra'e zahlen, weil er sich erlaubt hatte, den Rittmeister zu duzen. Ter neue Name pa'te Vivert durchaus nicht, und er fand sich init der Veränderung nur dadurch in etwas ab, daß er den Ton auf» die erste Silbe leg'e und sich Franzos nannte. Im Jahre 1808 wurde ihm ein Sohn geboren, der der Vater des Vortragenden wurde. In dem Sturm- und Drangjahre 1848 erblickte Kart Emil Franzos das Licht der Welt. Dessen erster Lehrer war ciu hannoverscher Kandidat der Theologie. Seinem Vater, der als Arzt in Galizien wirkte, hat Karl Emil Franzos in seinem Werke „Moschko von Parma" ein Denkmal gesetzt. Wie der Großvater, so wirkte auch der Vater kräftig für die Ausbreitung des Deutschtums. Cr hatte in Erlangen studiert, und war Burschenschafter gewesen und das schwarz-rot-goldene Band, das der Vater getragen, hatte auch den Sohn mit dem Deutschtum verbunden. Als 1849di: Insurrektion die ungarischen und polnischen Länder der österreichischen Krone überzogen hatte, da flüchtete der Vater des Vortragenden mit seiner Fami.ie über die russische Grenz:, zu einem einsam wohnenden Förster, der aus dem Württembergischen stammte. In dessen Hause wurde am 25. Oktober 1848 Karl Emil Franzos geboren. Das Haus ist nicht mehr vorhanden. Eine Feuersbrunst hat es vernichtet und es ist nicht wieder aufgebant ivorden.