Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 15 (13.2.1903)
- Date
- 1903-02-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692313--00136-2694488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 15. Sirte 3. weist das kürzlich vom Abgeordnetenhause angenommene Einwandernngsgeseh und zeigen auch die obigen Berichte. Dänemark. Kopenhagen. Oberrabbiner Dr. Leeweustein- Haag wurde einstimmig zum Nachfolger des Oberrabbiners Simonsen gewählt. Der Wahl ging keine Probepredigt voraus und hat sich die Kopenhagener Genieinde mit der Beobachtung dieses echt jüdischen Modus ihrer Eigenschaft als die führende jüdische Gemeinde Dänemarks würdig gezeigt. Schweiz. Basel. Numerische Stärke der Hauptreligione n. Der »Allgem. Missions-Zeitschrift" entnehmen wir die nachfolgende interessante Zusammenstellung über die numerische Stärke der hauptsächlichen Religionen. Ans 1000 Menschen kommen: 346 Christen, 7 Israeliten, 114 Mohammedaner, 139 Brahnianen, 78 Buddhisten, 195 Confutse-Anhänger, 9 Schintoisten, 112 Polytheisten, 0,1 sonstige Religionen. Insgesamt gibt es 534,940.000 Christen, 10,860.000 Israeliten, 175,290,000 Mohammedaner, 214,570,000 Brahmanen, 120,750.000 Buddhisten, 300,630,000 Confetse-Anhänger, 14,000,000 Schintoisten, 173,300,000 Polytheisten, 170,000 Sonstige. Die Summa aller Erdbewohner ist 1,544,510,000. England. London. Die »Central News" meldet aus Kapstadt: Einer großen Anzahl jüdischer Einwanderer, die mit dem Dampfer „Doune Castle" angekommen waren, um sich in Südafrika niedcrzulassen, wurde die Erlaubniß zur Landung verweigert. Die Einwanderer werden wahrscheinlich auf Kosten der Daiiipfcrgesellschaft nach England znrückgeschickt Damit hat die Regierung der Kapkolonie zum ersten Male das neue Einwandernngsgesctz zur Anwendung gebracht. London, den 5. Februar. Englische Kausleutc in Südafrika scheinen die Rand-Millionäre jetzt als Juden und als Deutsche bekämpfen zn wollen, und ihre Anschuldigungen finden auch in der Londoner Tagespreffe Raum, ohne daß dieser Presie ciufiele, darauf aufmerksam zu machen, daß die Angeschuldigten längst ihrer Nationalität und ihrer Gesiunuiig nach Stockeng' ländcr, ja zum Teil sogar Jingos, geworden sind. Die den Millionären feindlich gesinnten Herren in Südafrika wißen aber sehr gut, daß mau einen Mann in England verhaßt machen kann, wenn man ihn einen »Deutschen" nennt und daher ist wahrscheinlich diese merkwürdige Mischung von Antisemitismus und Deutschenhaß zu erklären. Wir geben nachstehend die Klage eines Kapkaufmannes wieder, die in dem »Daily Chronicle" Abdruck gefunden hat: „Ich zweifle nicht im mindesten daran, daß Chambcrlain's Besuch in jeder Beziehung wohlthuend wirken ivird. Die härteste Ruß, die er zu knacken hat, ist die Beseitigung der Suprematie der deutschen Juden in Johannesburg und damit in Transvaal. Das Vorgehen dieser Leute ist einfach tyrannisch und sie haben mit Erfolg die öffentliche Stimme erstickt, indeni sie die Presse aufgekauft haben. Einige Blätter sind bereits ganz unter ihrem Einfluß und augenblicklich schweben Verhandlungen über den Aufkauf dreier lveiterer Cap-Zeitungen. Es ist einfach traurig, zu sehen, wie Tausende so demoralisiert sind, daß sie diesen Leuten ihr Gewissen und ihre Stimmen verkaufen. Es ist ein Haus vorhanden, dem alle anderen Firmengruppen untergeordnet sind, das ist die Firma I. B. Robinson. Diese Firmen bilden einen festen Ring, die Bergwerkskammer ist nichts weiter als ein Scheingebilde unter ihrer Aufsicht. Man ist gespannt darauf, ivas Chamberlain thun ivird. Diese Frage ist bei Weitem die wichtigste, die ihm gestellt ist, aber es ist unmöglich, das; er sie einfach unangerührt lassen sollte." Rußland. Warschau. Wie die Zeitschrift »Pribaltijskij Kraj" meldet, hat der Oberpolizeimeistcr von Warschau dieser Tage 45 Juden wegen Tragens jüdischer Tracht (langer Kaftan, lange Peas, Streimel, weiße Strümpfe und Halbschuhe) zu einer Geldstrafe von fünf Rubeln oder Arreststrafe in der Dauer eines Tages verurteilt... Frankofnrtia. Auf Einladung der Herren Lehrer Gans, vr. meä. Hanauer, vr. meä. Meyer und Fritz Sondheimer fand Mittwoch Abend im »Hotel zum Schwanen" eine Konferenz statt, die sich mit der Errichtung einer Lesehalle beschäftigte. * * * * Nach den vielen musikalischen, theatralischen und deklamatorischen Leistungen, die uns in dieser Saison in unserer kunstliebenden Stadt von ersten Künstlern bereits geboten worden sind, dürfte man auch einmal das Bedürfnis haben, deni Spiele künstlerisch veranlagter Dilettanten zuzusehen. Hierzu war uns letzten Samstag Abend Gelegenheit geboten. Der unter der Leitung des Herrn Oberlehrer vr. I. . Bondi stehende »Lese- _ und Bortrags-Verein" feierte einen Triumph niit seinem literarisch-deklamatorischen Abends Genannter Verein nahm damit Gelegenheit, der Oeyentlichkeit zu zeigen. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. wie rastlos er auf dem Acker der schöngeistigen Literatur gearbeitet hat. Die meisten Mitglieder des Vereines suchen die Pflege jüdischen Wissens mit der Pflege allgemeinen Wissens harmonisch zu vereinen, und war es uns deshalb ein erhöhter Genuß, uns an den Früchten ihres Fleißes zu erfreuen. Das Programm umfaßte außer dem von den Herren Ernst Hertz und Emst Vogel verfaßten und von Fräulein Else' Winter und Herrn Heinrich Wertheim vorgetragenen Prolog die Aufführung des Drama von Wilhelm Henzen »Der Tod des Tiberius" und des Schwankes »Höllenqualen". Es fehlt uns leider bei der Eigenart unseres Blattes der Raum, die Leistungen eines jeden Einzelnen zu würdigen; wir wünschen aber dem Verein aus vollem Herzen weiteres Gedeihen. In der Zionistischen Vereinigung wird nächsten Montag Herr Rabbiner vr. Goldschmidt, Offenbach einen Bortrag über »Bibel und Babel" halten. Aus den Literatirrveremen. Hamburg. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach am Mittwoch Abend Herr Tr. I. Löwenberg-Hamburg über Otto Ludwig's dramalisches Meisterwerk „D i e M a k k a - b ä e r". Redner hob einleitend den gewaltigen Einfluß hervor, den die Bibel auf die modernen Kulturvölker ausgeübt, ein Einfluß, der sich auf Sitte und Sittlichkeit, auf Gesetz und Anschauung, auf Dichtung und bildende Kunst, ja selbst auf die Sprache des Tages geltend gemacht hat. Schon das genügt als Zeugnis ih.er Größe, schon das rechtfertigt ihren Namen als Buch der Bücher. Und nicht nur die biblischen, auch die nachbiblischen, die apokryphische» Bücher waren von ähnlichem Einfluß. Tie beiden größten deutschen Dramatiker aus der Mitte des 19. Jahrhunderts haben ihnen Stoffe zn größeren Werken entnommen. Friedrich Hebbel schuf seine „Judith" und „HerodeS und Mariamne", und Otto Ludwigs größtes Trama heißt „die Makkabäer". — Nach einer kurze» Biographie des Tichlers ging der Vortragende auf das Traina näher ein. Ter Dichter hat jahrelang mit dem Stoff gerungen. In der ersten Bearbeitung 1850 hieß das Werk „die Makkabäerin" und obgleich auch hier schon der todesmutige Heldenkampf der Juden mit den Syrern geschildert war, so stand doch im Vordergründe des .dramatischen Interesses der Kampf zwischen den beiden Frauen Judahs, der stolzen starken herbe» Lea und der zarten demütigen Thirza. Auf den Rat des berühmten Schauspielers Eduard Tevrient inacht er Lea zur 'Mutter Judahs, ließ aber den Kampf zwischen den beiden Frauen fortb. stehen und so entstand die zweite Bearbeitung „Tie Mutter der Makkabäer". Aber erst die dritte Fassung aus dem Jahre 1852, in der Judah noch mehr in den Vordergrund tritt, toar die endgültige und jetzt vorliegende. Nach einer Analyse des Stückes, die durch den Bortrag einzelner bedeutsamer Szenen erläutert wurde, wies der Redner darauf hin, wie in vielfacher Beziehung das Traina von der Geschichte abwcicht. Aber dennoch sei das Werk trotz aller historischen llngenanigkeiten im höchsten Sinne historisch. Wer das Trama unbefangen auf sich ivreken läßt, der spürt den Hauch der Geschichte aus jeder Zeile. Ta ist der Kampf, die Begeisterung jener gr.oßen Zeit. Ta ist das ivankelmütige Volk, der Zwiesralt der Gebildeten zivischen jüdischer und hellenischer Kultur, der Abfall, der Verrat und da ist auch die glanbensmutige Hingabe und Aufopferung. Auch die Sprache, die Bilder sind der Zeit, dem Volke und dem Lande angemessen. Wie Trauertöne ans den Klageliedern, wie Jnbelfrohlocken aus den Psalmen tönt es uns aus der Dichtung entgegen. Seine höchste Kunst zeigt aber der Dichter in der Gestaltung und Vertiefung der Charaktere. Es sei hier nur von den scharfen Charakterzeichnungen, die der Redner nachschuf, die der Lea hervorgehob.n. Zwei Seelen streiten sich in ihrer Brust. Die Liebe zu ihrem Volke, die Liebe zu ihren Kindern. Ihr Volk soll frei, und durch die Freiheit ihres Volkes sollen ihre Kinder groß werden. In dieser Vermischung des allgemeinen Wohles mit dem persönlichen liegt ihre tragische Schuld, wie ihre Sühne darin liegt, daß sie ihr persönliches Glück, das Leben ihrer Kinder doch schließlich dem allgemeinen Besten freiwillig opfert. So webt sich durch sie Familientragödie und Volkstragödie ineinander. Und wenn Judah sie zuerst dahin richtig charakterisiert: „Kein Weib war größer, keine Mutter thörichter!" so läßt sich doch zum Schluß sagen: Kein Weib war weiser, keine Mutter größer. — Tas Trama übte anfangs auch auf der Bühne keine volle Wirkung ans. Zwar der zweite und fünfte Akt wirkten sofort in ihrer gewaltigen Größe erschütternd und packend, aber dem dritten Akt fehlte der Höhepunkt und das beeinträchtigte den Eindruck des Ganzen. Trotzdem wird dieser überall, wo das Drama in guter Aufführung zur Darstellung kommt, ein großer, mächtiger sein, wie er nur von einer echten Dichtung ausgehen kann. Das erkannte auch sofort Emmanuel.Geibel, der dem Tichter schrieb: „So lange ich las, kam ich gar nicht zur Reflexion; ich hatte die Empfindung, daß etwas Ilebermächtiges mich anrührte, und mich überkam ein Schauer, welcher der Menschheit bestes Teil ist, und der über alle Theorie hinaus die Gegenwart des Genius offenbart. Tie deutsche Nation mag stolz darauf sein, daß einer ihrer Söhne dieses Werk zu schaffen vermochte." Nordhausen, 24. Januar. Der Nordhäuser Geschichts-und Altertumsverein hielt gestern Abend in Kohlmanns Restaurant seine Januarsitzung ab, in der Bolksschullehrer Karl Meyer einen interessanten, auf urkundlichen Quellen beruhenden Vortrag über „Tie Geschichte der Juden in Nordhause n" hielt und mitteilte, daß schon im 13. Jahrhundert Juden in Nordhausen gewohnt haben, die ihre Synagoge in der Hütersgassc und ihren Friedhof in der Südostecke des Rähnenplatzes gehabt habe». Tie vorhandenen Quellen berichten über die kleine Nordhäuscr Judengemeinde seit dem Jahre 1300. Jnr Frühling 1349 sind die hiesigen Juden erschlagen, »ach einer legendenhaften Erzählung am 5. Mai 1349 auf ihrem Friedhose auf dem Rühmen verbrannt worden. Seit dem Anfänge des 14. Jahrhunderts befand sich die zweite Synagoge im 3. Hause (von oben) in der Jüdengasse bis 1344, wo sie der Rat verkaufte. König Karl IV. hat das Gut der in Nordhausen 1349 erschlagenen Juden dein Grafen Heinrich v. Hohnstein- Sondershausen verliehen uird dieser hat es für 400 Mark lötigen Silbers an den Rat der Reichsstadt Nordhausen abgetreten. Bon 1350 an kamen wieder einige Inden nach Nordhausen, die aber, wie _ die Juden im ganzen deutschen Reiche, unter König Wenzel um 1391 eine arge Bedrückung erfuhren. Aus dem 15. Jahrhundert sind vier Grabsteine mit hebräischen Inschriften, die von dem Judenfriedhof auf denr Rühmen stammen, an dem auf deni Rühmen stehenden sog. „Judenturm" eingemauert. Bis zum Jahre 1544 saß in dem Judenhause in der Jüdengasse der Ratsfchutzjnde, bei dem dessen von auswärts nach Nordhausen kommende Glaubensgenossen Nachtherberge finde» konnten. Jnr 16. Jahrhundert suchte der Rat den (Geschäftsverkehr der Inden in Nordhausen einzuschränken, verbot ihnen das Begräbnis ihrer Toten auf dem Judenkirchhofe zu Nordhausen und gebot ihnen das öffentliche Tragen des Judenzeichens (eines großen gelben Ringes) am Arm. Infolge einer leichtsinnige» Aeußerung des Ratsschntzjuden Joachim Färber über Jesus im Herbste 1550 ging der Rat, angereizt durch eine Predigt und Vorstellung von Dr. Justus JonaS, energischer gegen die Juden vor und verschaffte sich vom Kaiser Karl V. ein Privilegium, in dem den Juden das Wohnen in der Stadt Nordhausen verboten wurde. Ter Rat ivies die Juden nun aus der Stadt und schaffte um 1558 auch den Ratsjuden ab. Ten bisherigen Judenfriedhof übergab er-den Tuchmachern als Rähmenplatz. Das dritte und letzte Judenhaus (Synagoge) befand sich von- 1544 bis 1558 in der Kiekersgasse (neuen Straße). Kaiser Ferdinand l. gab 1559 dem Rate der Reichsstadt Nordhausen eine Urkunde, in der das Privilegium Kaiser Karls V. bestätigt und dahin ausgedehnt wurde, daß den Juden aller Handels- und Geldverkehr mit den Nordhäuser Bürgern verboten wurde; Kapital und Zinsen sollen als verwirkt dem Rate zufallen. Ter Nordhäuser Rat verbot nun seinerseits den Bürgern, Handels- und Geldgeschäfte mit den Juden, die von auswärts in die Stadt kommen, zu treiben. Seit 1581 hatten die Juden im Nachbardorfe Salza gewohnt. Jetzt zogen sie von Salza fort nach Sülzhain und Werna, wo sie unter dem Schutze des Herrn v. Spiegel wohnten, und nach Immenrode, wo sie unter deni Schutze der Grafen v. Schwarzbnrg wohnten. Von 1558 bis 1803 haben Juden ständig in Nordhausen nicht gewohnt (nur vorübergehend auf einige Zeit). Erst als Nordhausen eine westfälische Stadt geworden, wurde am 1. Juli 1808 wieder ein Jude als Nordhäuser Bürger ausgenommen; er hieß Meyer Jlberg. Seitdem sind nach und nach die Juden von Sülzhain, Werna und Immenrode größtenteils wieder nach Nordhauscn gezogen; 1822 waren in Nordhausen 150 Juden, jetzt gegen 500 (nach der Volkszählung von 1900 wohnten 474 Juden in Nordhausen). Sie erbauten sich am Pfcrdemarkt eine Synagoge, die am 12. September 1845 und nach einer Renovation abermals am 17.. August 1888 eingeweiht worden ist. Nachdruck verboten. Israel und die Völker. Eine Betrachtung zum Wochenabschnitt »Jithrc" von Benno Fischer, caack. phil., Bern. Neben jenen großartigen Ereignissen, die zwischen dem Auszuge aus Mizraim und der Offenbarung am Sinai verliefen, spielte sich noch eine kleine Episode ab, wovon die Thora am Anfang unserer gegenwärtigen Sidrah uns erzählt. Es geschah nämlich nach dem Zusammenstoß mit Amalek, daß der Schwiegervater Moscheh's, der midjanitische Hohepriester Jithro zu Moscheh ins Lager kam. Nachdem sie sich einander begrüßt hatten, erzählte Moscheh alles, was Gott an Pharao um Jißraels willen gethan und all jene Mühseligkeiten, die sie auf dem Wege trafen, und wie Gott sie errettete. Dann saß Moscheh, wie gewöhnlich, wn das Volk zu richten, bei welcher Gelegenheit Jithro ihn durch kluge Ratschläge lehrte, wie er sich die Arbeit