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Neue jüdische Presse · 1903-02-13 · Heft 15 (13.2.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 15 (13.2.1903)
Date
1903-02-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 15. erleichtern könne. Hernach verabschiedeten sie sich von einander und Jithro kehrte in seine Heimat zurück. Unsere alten Schristerklärer hielten diese, an und für sich so einfache und unauffällige verwandschaftliche Begegnung für ein wichtiges, bedeutungsvolles Ereignis; sie sahen darin ein Pfand der Verwirklichung einer sehnlichen Hoffnung. Dieses Ereignis habe nämlich gezeigt, daß noch eine Zeit kommmen werde, da die fremden DöÜer freundlich Jißrael und seinem Gesetze sich nähern werden, da sie erkennen werden, welch köstliche Wahrheit Jißrael in seiner Lehre durch die Stürme der Geschichte für die Zukunft der Menschheit ausbewahrte, zu ihrem endlichen Heil und Glück. Der Umstand, daß Jithro die Geschchniffe vernahm — so sagen unsere Weisen im Midrasch — hatte denselben Erfolg, als was der Prophet für die Zukunft prophezeite: daß die Nationen von allen Enden der Erde zu Gott unserem Beschützer, unserem Hort und unserer Zuflucht herbeiströmen werden Jithro's Fall beweist uns, daß Jißrael imstande ist, das Herz der Böller zu sich zu neigen, er verleiht uns auch die Gewißheit, daß es noch Jithros geben werde, die, wenn sie vernehmen all das Leid, das uns während unseres langen Manderns durch die Weltgeschichte traf, in dieser wunderbaren Erscheinung das mächtige, menschheiterziehende Watten Gottes und den priesterlichen, nationalen Beruf seines Volles erkennen. Ost wird von verschiedenen Setten die Anklage gegen uns erhoben — und das leider manchmal mit Recht —, daß wir Juden um jeden Preis, häufig auch um den Preis der Verleugnung unseres Judentums und der Unterdrückung unseres berechtigtesten Selbstbewußtseins, nach der Gunst unserer nichtjüdischen Brüder stteben, ja»buhlen. Und doch sehen wir, daß unsere Weisen selbst uns gleichsam dazu anzuspornen scheinen,- indem sie bei der Erinnerung an die Ankunft ves midjanttischen Jithro inr jüdischen Lager, hoffnungsvoll in die Zukunft schauend, mit Jubel, ausriefen: „Gott, meine Stätte und mein Schutz bist Dul" Und so scheint es, als müßten auch wir uns danach sehnen und stteben, daß Jithros sich immer zahtteicher uns nähern möchten. Wodurch wir aber die Freundschaft unserer nichtjüdischen Menschen erstteben können — das ist eine Frage, die wichtig genug ist, einmal ernstlich darüber nachzudenken, zumal dieselbe heute bei der furchtbaren Währung sowohl im Kreise der Judenheit, wie in der nichtjüdischen Wett, wieder einmal — nicht zum erstenmal und gewiß auch nicht zum letztenmal — aktuell geworden ist. Um hierauf die richtige Antwort zu finden, wenden wir uns zu den Weisheitssprüchen unserer allen Lehrer, worjrmen dieselben, wie auf manch andere schwierigen Fragen, uns die Lösung hinterlaffcn haben. Was war denn eigentlich, was Jithro gehört hat, daß es ihn bewog, das wüstenwandernde Jißrael aufzusuchen? — so fragen unsere Weisen im Midrasch. Nach Rabbi Jehoschuah war cs der mit Amelek geführte Kampf, der ihn zu Jißrael hinzog. Rabbi Eliescr meint dagegen, er hätte Kunde ett)alten von der Offenbarung des Gesetzes am Sinai; auf diese Kunde hin ellte er in das jüdische Lager. Was bedeutet die Frage und was die Antwott? — das wollen wir zu beleuchten versuchen. Welche Kunde gelangte zu Jithro, die ihn bewog. Jißraels Lager mifzusuchen? — so müffen auch wir mit unseren Weisen fragen. Waren es nur verwandschaMche Gefühle, die den midjanttischen Hohepriester zu Moscheh hinzogen, warum waren diese Gefühle bis jetzt verborgen, warum äußetten sie sich ftüher nicht, da doch Gelegenhett dazu genug geboten war? Die wichtigen Ereignisse, wobei sein Schwiegersohn die größtt Rolle spielte, sind doch gewiß zu ihm gelangt: hätten diese den greisen Hohepriester katt gelassen? Als Moscheh der von Gott berufene Führer des Sklavenvolles wurde und den Kampf mit dem ttotzigen und hartnäckigen Pharao aufnahm, wo blieb danials Jithro? Als jener eine Plage nach der anderen über Mizraim vettündetc und seine Brüder doch nicht zu besteien vermochte, als selbst diese ihn verlcunidet und gekränkt hatten, warum kam Jithro damals nicht, um seinen Schwiegersohn zu trösten, aufzunchtcn, ihm Mut zuzusprechen und mit seinem weisen Rate ihm zur Seite zu stehen? Und als die Stunde der Erlösung kam, - das aus tausend Wunden blutende Egypten, nach Gottes wundersamer Fügung, die Fesseln von dem geknechteten Judenvolk gelöst und dieses, an seiner Spitze der Gottesmann Moscheh, ausziehen durfte in die Freiheit, und von den nacheilenden Peinigern, das Meer durchschreitend, zum zwcitenmalc errettet, das ewig denkwürdige, großartige Sieg-und Dankeslied anstimmte, warum kam Jithro damals nicht, damit er mit aufrichüger, teilnehmender Freude das befreite Volk und den gottgesandten Befteier begrüße? Warum kam er gerade jetzt, da sozusagen nichts geschah. Auf diese Fragen geben nun unsere Weisen die Antwort. Jithro, der Miojantte. wenn er auch Moschehs Verwandte war, hegtt doch gegen das jüdische Volk keine gute Gesinnung. Aus seinem langen Fernbleiben können wir folgern, daß er Sympathien weder für das besteiende Bestreben seines Eidams, noch für die Erfolge Jißraels empfand. Als das Voll noch unter der peinvollen Knechtschaft litt und ächzte, da kam Jithro nicht mit teilnehmendem Herzen, weil sein Leid und Weh, seine Peinigung und Unterdrückung kein Mitleid und keine Entrüstung in ihm erweckte. Wundem wir uns darüber nicht I Sind wir-doch daran gewöhnt. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. daß in Leid und Not, in Elend und Drangsal der Jude keinen anderen Freund hat als sich selbst. Wieviel Bitternisse haben die vergangenen Jahrhundette, ja Jahttausende unserem Volke gebracht, wer erhob da eine Sttmme in unserem Jntereffe, wer stteckte uns >a seine helfende Hand aus, wer bot uns da sein mitühlendes Herz an? Niemand! Und wenn unsere Brüder eines Ortes, jetzt gezwungen wären den Wandertab zu ergreifen — was ja vor nicht langer Zeit thatächlich geschehen —, weil man sie von ihren: Herde icrttiebe — wessen Herz würde sich über die Wiederholung dieser mittelatterlichen Grausamkeiten empören? Nur das unsrige; der anderen nicht. Wenn man Menschen eines anderen Stammes und Glaubens angreift, so ttifft sich sofort eine Macht, die ein ganzes Heer aus schickt, um den Schuldigen die gebührende Züchtigung zu erteilen. Aber wenn die unsrigen angegriffen, gehetzt und gejagt werden, wenn ihnen künstlich das tägliche Brot entzogen wird, da macht man nicht viel Aufhebens davon; man verspottet höchstens den Juden, wenn er es wagt, sich zu verteidigen und die an ihn: verübte Grausamkeit ungerecht und niederträchtig zu finden. So ist es, jawohl, in der Not, da üstiben wir allein, ohne Stütze, ohne Hilfe seitens unserer Mitmenschen, da finden wir keinen Freund in der Außenwelt, da kehtt man uns mit Gleichmut, oder gar mit offener oder verhaltener Schadensteude den Rücken. Auch Jithro war nicht anders; und das erklärt, wamm er nicht zu den Juden kam, als diese noch in der Knechtschaft schmachteten. Aber auch dann, als Pharao's Macht gebrochen ward und das geknechtete Judenvoll' mit erhobenem Arm in die Freiheit zog, auch dann eilte Jithro nicht zu ihnen. Denn auch über den Sieg und Triumph, über das Erblühen und Gedeihen Jißraels kann kein anderer sich steuen, denn wir allein; die übrigen alle sehen mit Neid und Mißgunst auf die Erfolge unseres heißen Bemühens und Sttebens. So hat auch Jithro, trotzdem er Moschehs nahe Verwandte war, über die Befteiung der Stammesbrüder seines Eidams sich nicht steuen können. Ja, von ihm sagen unsere Alten, daß er. als er die wunderbare Erlösung Jißraels aus Mizraim erfuhr, das Gefühl hatte, als hätte man in sein eigen Fleisch geschnitten. Wahrlich, weder das Elend der Juden, noch ihr Glück zog den Priester des stemden Volkes zu ihnen hin Stur zwei Nachrichten konnten es sein, die seinen Haß gedämpft, besiegt hatten und ihn zwangen, sich mit Anerkennung Jißrael zu nähern. Die eine Nachricht war, daß Jißrael einen Kampf mit Amalek geführt. Dieser Vollsstamm, der den ersten Angriff gegen die friedlich durch die Wüste ziehenden jüdischen Scharen geführt hat, wurde seit uralten Zeiten, als der Repräsentant der Hinterlist und Schlauheit, der Gehässigkeit und Grausamkeit, des Mordes und Raubes bettachtet. Und Jißrael kämpfte mit ihm am Anbruch seiner Freiheit, schlug seinen Angriff zurück, und, gleichsam als höchstes Ziel seines Lebens, gelobte es mit einem Schwure: durch ewige Zeiten den Geist Amaleks zu bekämpfen, bis daß dieser ausgerottet werde aus dem Kreise der Menschen, und seine Stätte der Geist der Liebe und des Fiedens, der Gerechtigkeit und des Erbarmens füllen wird. Die Kunde dieses Ereignisses entwaffnete die feindliche Gesinnung Jithro's, und nach der Ansicht Rabbi Jehoschua's war dies der Grund seines steundlichen Näherns. Nach der Ansicht des Rabbi Elieser aber reichte der Kampf Jißraels gegen den. Geist des Bösen nicht hin, Jithro mit Freundschaft und Anerkennung und Begeisterung für den Gotteskämpfer zu erfüllen. Er mußte noch Kunde erhalten von jenem göttlichen Gesetze, das am Sinai Jißrael überantwortet wurde. Er mußte erfahren, daß Jißrael als Träger und Wächter dieses Gesetzes geweiht wurde, die höchsten Ideen, die lautersten Wahrheiten, die erhabensten Lehren, die menschenerziehenden Sittengesetze der Thora, in alle Völker und durch alle Zeiten zu ttagen und zu bewachen. Diese beiden weltgeschichtlichen Aufgaben Jißraels begeisterten Jithro, zwangen ihn zur Anerkennung und Huldigung des jüdischen Geistes. Und diese beiden Aufgaben sind cs noch heute, Ivodurch — so wir sie tteu erfüllen — die Schadensteude und der Gleichmut, der Haß und der Neid der Völler gegen uns gebrochen werden. Die Zeit ist wohl nicht nah, oberes steht bei uns sie näher zu bringen! res®?® Amkketon. Aus unfern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Inzwischen war es Frühling geworden, alles grünte und blühte in duftender Pracht. Die Fenster waren geöffnet und aus dem Garten sttömte balsamisch duftende Luft herauf, die. der bleiche Knabe, der dort in seinem Krankenscssel lehnte, mit wonnigem Behagen einsog. Der Vater, der neben ihm stand, zog jedoch vorsorglich den Pleid, der au« des Knaben Füßen lag, etwas höher hinaus. „Tn bist allzu ängstlich, Papa", sagte Felix lächelnd. „Man kann nicht vorsichtig genug sein. Bist Du doch heute zum ersten Mal wieder auf —" „Ach, wie schön ist's, wieder aus zu sein," jagte Felix sich behaglich ausstteckend, „ich glaube, es war hauptsächlich das Bett, das mich so krank - gemacht hat. Jetzt, da ich wieder auf bin, fühle ich mich risch und wohl." „Gott sei Dank! aber man darf des Guten doch nicht zu viel thun. Namentlich heute zum ersten mal darfst Du nicht allzulange,ausbleiben, das hat der Sanitätsrat ausdrücklich gesagt." „Ach, was kümmert mich der Sanitätsrat!" »Felix, sei nicht undankbar!" „Nun, ich weiß wohl, daß ich ihm Dank schuldig bin, wenn er mir irgend etwas «Dummes verordnet hätte, hätte er mich leicht anderswohin .spedieren können, aber —" „Aber wenn Du erst wüßtest, ivas «er heute verordnet hat, dann würdest Du Dich ihm vermutlich noch mehr verpflichtet fühlen." „Wirklich? Was hat er denn gesagt?" „Er hat gesagt, in einigen Wochen, wenn Dn kräftig genug sein wirst, dann solle die Mama mit Dir nach der Schweiz reisen, einige Wochen auf dem Rigi, das würde die beste Kur -für Dich sein." Felix brach in lauten Jubel aus, eine Reise nach der Schweiz war längst sein sehnlichster Wunsch gewesen und. beinahe bereute Kohn, ihm schon jetzt die Verordnung des Arztes mitgeteilt zu haben, weil es ihn allzusehr aufzuregen schien. Aber er erkannte bald, daß diese Aufregung nicht geschadet hatte, sie schien im Gegenteil die Rekonvaleszenz zu fördern. Von Tag zu Tag hoben sich die Kräfte und sehr bald erklärte der Arzt, daß auch Besuche zugelassen werden könnten. „Soll ich Dir vielleicht einige Deiner Mitschüler einladen?" fragte der Vater. Felix zuckte wegwerfend die Achseln. „Ach, die — sie haben sich in jüngster Zeit sämtlich so häßlich gezeigt." „Das darfst Dn ihnen nicht gar so übel nehmen. Mehrere von ihnen haben sich wiederholt mach Deinem Befinden erkundigt." , „Sie sind doch falsch", erklärte Felix, „ich mag sie nicht. Ja wenn Ernst Vogel zu mir kommen würde — aber von dem willst Dil wieder nichts wissen." „Was fällt Dir ein!" eiferte Kohn. „Aber Dn hast doch gesagt, er 'dürfe Dir nicht in's Haus kommen, weil er so jüdisch aussieht." „Ach, Unsinn, Unsinn!" „Ja, es ist mir auch wie 'Unsinn vorgekommen, aber gesagt hast Du es doch. Und überdies, sein Vater hat ihm verboten, in unser Haus zu kommen, weil Du ihn beleidigt hast." „Daran denkt heute kein Mensch mehr. Ich bin ja mit seinem Vater ganz intim, bin erst in der vorigen Woche einen ganzen Abend bei ihm gewesen." „Tu, Papa, bist bei Vogels gewesen?" rief Felix mit dem Ausdruck höchsten «Staunens, „aber was hast Dn denn bei ihm gemacht?" % t „Ich — habe ihm gedankt." „Dn hast Ernst's Vater gedankt? — hat er Dir denn eine'Gefälligkett erwiesen?" „Mehr als das, er hat mir einen Rat erteilt, einen geradezu wunderbaren Mt, den ich «befolgt habe, und der einen herrlichen Erfolg hatte." Felix schüttelte noch immer staunend den Kopf, „Möchtest Dn mir das nicht näher imitteilen, Papa?" „Ein anderes mal, liebes Kind", und er streichelte liebkosend das neugierig zu 'ihm gewandte Gesicht des Knaben. „Ich habe das jetzt nur erwähnt, damit Du siehst, daß Deinem Wunsche, Ernst Vogel bei Dir zu sehen, nichts entgegensteht. Also ich werde ihn wissen lassen, daß es Dich steuen "würde, wenn er Dich besuchen würde." „Dank Dir lieber Papa, das würde mich in Wirklichkeit steuen." „So ftene Dich nur, ich stehe/Dir dafür, er wird noch heute zu Dir kommen." Es war seltsam, während Felix sich an alles Frühere erinnerte, das, was seiner Krankheit uninittelbar vorausgegangen, sowie das, was sie veranlaßt hatte, war vollständig seinem Gedächtnisse entrückt. Kvhn hatte die Erinnerung daran sehr gefürchtet und um sich zu vergewissern, daß sie in Wirklichkeit geschwunden, erzählte er eines Tages jbei Tische, daß er den Josef Meier wieder engagiert habe. . „Dn hast ihn wieder engagiert?" fragte -relix verwundert, „er ist doch schon seit zwei Jahren bei uns." „Ich habe ihn doch einmal sortgeschickt, weil er keck gewesen ist. Erinnerst Du Dich nicht?" „Nein," erwiderte der Knabe, „das war vermutlich während meiner Krankheit." Kohn atmete erleichtert auf, eine schwere Sorge war ihm vom Herzen genommen. Um jedoch vollständig sicher zu gehen, stagte er noch: „Kennst Du die alte Frau Meier?" »Jostf Meiers Mutter? — nicht daß ich wüßte. Aber bitte, Papa, weshalb fragst Du?" -

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