Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 14 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. indes ausschließlich von der jeweiligen Jahrescrescenz entnommen werden. Es war verboten, für ein Fruchtquantum den Zehnten abzugeben von einer v o rj ä h r i g e n oder auch nächstjährigen Ernte entnommen. Für die Baumfrüchte wurde der fünfzehnte Sch'wat als die scheidende Jahresgrenze aufgestellt und anerkannt. Alle Früchte die bis zum genannten Zeitpunkte »Knotenköpfe" gebildet hatten, gehörten zum alten Jahre, andernfalls wurden sie zur neuen Ernte gezählt.*) Je nachdem hatte man sich mit dem Zehnten danach zu richten. Sehen wir einmal von der hier dargelegtcn Bedeutung des »Neujahrsfestes der Bäume" ab, da wir Len Konsequenzen im praktischen Leben z.Z ferne stehen. Führen wir uns vielmehr den Gedanken vor die Seele, daß wir mitten im Winter die Lenzesfreude ahnen, daß wir jetzt schon, wo rauhe Winde über die Höhen brausen und Berg und Thal mit Schnee bedeckt sind, von den neuen Lebenssäften der Bäume sprechen, obwohl der größereTeil der winterlichen Jahreszeit noch aussteht! Wer sollte auch glauben, daß in den unter Frost und Schnee sich biegenden Aesten noch Leben zu finden sei? Welcher Gegensatz zwischen dem farbenprächtigen Blütenschmuck, den saftigen, uns anlachenden Früchten des Sommers und der kahlen, scheinbar dürren Baumkrone des Winters! Und doch, heute .ist das Neujahrsfest für die Bäume, heute bekommen sie frische Säfte und Kräfte! Es entspricht ganz der jüdischen Eigenart, dem jüdischen Wesen mit seinem in die Zukunft strebenden, in die Zeitenferue gerichteten Gedankenleben, heute schon andendürren Aelten und Zweigen sich Knospen, Blätter, Blüten und Früchte vorzu st eilen, wo der natürliche Sinn, wo das leibliche Auge sie n o ch n i ch t zu gewahren vermag. Und mögen bis zu letzterem Ziele auch noch Wochen und Monde ins Land gehen, unsere Zuversichtstehtunerschütterlich fest — heute schon. Heute schon ist es uns zur Gewißheit geworden, daß geheimnißvoll im Innern des Baumes das Lebenselement vorhanden und wirkt, am Chamischo-osor »steigt der Leben und Gedeihen gewährende Saft empor". Führt der soeben entwickelte Gedankengang nicht unwillkürlich hin zu einer vergleichenden Betrachtung des Volksdaseins Israels? Ist der kahle, schmucklose Baum mit der lebendigen Triebkraft im mit den auch zur rauhen Winter zeit nicht erstorbenen Säften nicht ein Bild des schwachen, in alle Welt zerstreuten, mißachteten, gar oft gedrückten und verfolgten jüdischen Stammes, dertrotz aller S t ü r m e, die über ihn dahingegangcn. seine Lebenskraft nicht eingebüßt?! — Ja, trefflich er könnte man uns nicht vergleichen, als mit den Bäumen zur Chamischo- Osor-Zeit. Unsere große Vergangenheit ist eine gi oße Leidensnacht gewesen, in der wir stets hoffnungsstark vorwärtsgeschaut, vertrauensvoll hingeblickt auf die ftohe Stunde des lichtbringenden Morgens, Gewaltige Stürme rüttelten am jüdischen Lebensbaume und drohien ihn zu entwurzeln; mächtige Erdenvölker haben ihn unter die »dürren Hölzer" gezählt, die der verzehrenden Macht des Feuers harren. Doch siehe, o, Wunder! Der Baum entwickelte stets neue Triebe, grünte und wuchs, blühte und brachte köstliche Früchte zur Reife Man hatte sich verrechnet. Die äußere Erscheinung täuschte hinweg über die im Innern ftisch gebliebene Lebenskraft. Israel bewahrheitet in seiner Geschichte wie kein anderes Volk der Er de das große Wort des Dichters: Es ist der Geist, der sich den Körper schafft! —Und dieser Geist, der unsere Lebensfähigkeit, unsere Stärke, unsere Entwicklung und Lebensdauer bedeutet, ist unser göttliches Gesetz, die heilige Thora. Sie ist der Saft, der unfern Stamm jederzeit verjüngte. — Da kam Babylons Macht und beugte Israel unter fein Szepter, zerstörte unser herrliches Gotteshaus und führte die Blüte unserer Nation gefangen fort in Feindesland. Doch der Baum war nicht dürr.. Die Zuchtrute wirkte heilsam. Israel fand den Weg zu seinem Gott wieder. Nach 70 Jahren sollte ein zweiter Tempel erstehen. Esra und Nehemia, Josua und Serubabel wie Mordochai sind Namen, deren Glanz sich über jene Periode strahlend breitet. — Der Zauber griechischer Kunst und Wissenschaft bestrickt wenige Jahrhunderte später Herz und Sinn unserer Ahnen. Im Gewände der Schönheit tritt eine neue Welt ihnen entgegen, gar reizend und verlockend. Aber sie trübt die Reinheit unserer Sitten, die innere Wahrheit des Judentums. Tausende und Abertausende vermögen nicht zu widerstehen, nicht Schein und Sein zu unterscheiden. Ein Wurnr nagt an der Wurzel unseres Stammes, wie Mehltau legt stch's auf dessen Blätter und Blüten. Da erstehen Mathisjähu und seine Söhne als Retter. Das Heldengeschlecht der Makkabäer reinigt den Baum von seinen Schädlingen und führt chm neue^Kräfte und Säfte zu. — Nicht viele Jahrhunderte später erscheint das stolze, mächtige Rom auf Israels geheiligtem Boden. Unter dem Fußtritte seiner gewaltigen Legionen erdröhnt die Erde. Immer näher rückt das Verhängnis, immer enger legt sich der eiserne Gürtel um Jerusalems Mauern. Israel scheint rettungslos und für alle Zeiten verloren. Da schreitet durch Jerusalems Thore ein Mann von ragender Gestalt und gar ehrwürdigem Aussehen, Rabbi Jochanan ben Sakkai ist sein Name. Hin zum feindlichen Feldherrn lenkt er feinen Schritt, zum mächtigen Befehlshaber ungezählter *) Es wird indes diese Jahresscheidung noch in anderer Hinsicht erklärt und begründet. (R. Hasch. 1.1.) Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Kriegsknechte, und dieser wähnt in ihm den l ä n g st erwarteten Friedensparlamentär, der die endliche Uebergabe der Stadt anzeigen wolle. Doch w i e erstaunt ist der Feldherr, von den Lippen Rabbi Jochanans nur die bescheidene Bitte zu vernehmen, der Eroberer möge auf seinem Siegeszuge doch die Stadt Jabne, ihre Schulen und Gelehrten verschonen! — Der Römer willigte ein; er ahnte kaum, daß hierinit unsere Thora gerettet und Israels Fortbestand gesichert >ei. — Der Tempel fiel in Asche und Trümmer, Judas Söhne und Töchter ließen auf blutiger Wahlstatt ihr Leben oder folgten als Sklaven dem Triumphzuge nach Rom. Im heiligen Lande und in Babylonien aber füllten sich große Lehrhäuser mit ungezählten Scharen lembegieriger Schüler, die den berühmtesten Meistern zu Füßen saßen. Das Thorastudium nahm einen ungeahnten Aufschwung, wie nur der prophetische Scharfblick des Rabbi Jochanan es geschaut. Rabbi Jehuda »der Fürst" sammelt die Mischnah in sechs Bänden und drei Jahrhunderte später steht das Riesenwerk des Talmud vollendet da. Frisch grünt und blüht es in Israel — die Thora bleibt sein Lebenssaft auch in den späteren Jahrhunderten und in den räumlich so weit getrennten Ländern der jüdischen Diaspora. Wohl erfahren wir noch die Leiden des finstern Mittelalters, es wüten die Kreuzfahrer gegen uns in den gesegnetsten Gauen unseres Vaterlandes, in Spanien feiert die Schreckensherrschaft der Inquisition ihre blutigen Triumphe, haarsträubende Märchen, alberne Beschuldigungen, böswillige Berläumdungen aller Art bringen grausame Verfolgungen, Folterqualen. Kerker und Tod in unsere Reihen. Doch auch in solcher Sturmeszeit wird unser Stamm nicht dürr. Es leuchten als Helle Sterne in dieser Nacht ein Maimonides, ein Jakob Ascheri, ein Josef Karo und das ganze Heer der Kasuisten und Dccisoren: der Saft steigt belebend auf im Stamme! — Und wenn auch in milderen Zeiten noch so manche Fessel uns zum Drucke geblieben, wenn so manche Demütigung und Zurücksetzung wir unser Teil nennen müssen, ja, wenn der alte Judenhaß von neuem die lichte Zivilisation unseres Jahrhunderts zu verfinstern droht: auch dann muß der Gedanke uns beseelen, daß unser Lebenssaft nichts anderes als das Gottesgesetz, nichts anderes als unsere hl. Thora sein kann und darf. Merkt es euch ihr Söhne und Töchter unserer Zeit, dir ja wie keine andere zuvor eifrig ist im Begründen von Vereinen, Vereinigungen, Verbänden, Schulen. Instituten und Anstalten aller Art, im Abhalten von Kongressen, Generalversammlungen, »Abenden" und »Tagen" zu den verschiedensten Zwecken. Merkt euch: Sollen diese Unternehmungen wahrhaft und dauernd zur Ehre und zum Heile des Judentums wirken, dann müssen sie von göttlichem Geiste getragen, von der Thora Geist durchweht sein; ki hi ez chajim. lecliulom cliajim, sie ist der Lebensbaum, bedeutet Leben für alle Vereine, welche die »religiösen Fragen grundsätzlich ausschließen" unterbinden gleichsam den jüdischen Lebensnerv. Schulen und Anstalten, die uni Sabbat und Feiertage sich nicht kümmern, in denen die Speisegesetze und andere wichtige Religionsbestimmungen kaltblütig umgangen werden, sie dürfen sich nicht als lebensfähige Teile am jüdischen Levensbaume betrachten. Der Saft ist cs, der Blätter, Blüten und Knospen treibt, der Saft ist's, der die Frucht zeitigt, der in die fernsten Wipfel des Baumes dringt. Ohne neue Säfte kann manches noch längere Zeit fort vegetieren; ihm gehört jedoch nicht die Zukunft Chamischo osor bringt uns die frohe Gewißheit, daß unser Wünschen und Hoffen nicht eitler Traum ist, wenn auf jüdisch er Welranschauung, aufjüdischer Lebensauffassung sie emporwuchsen. Heute steigt der Saft in die Bäume! Und stehen sie auch noch kahl und .dürr" vor unseren Augen, tragen sie gleich des Winters Kleid, wir sehen trotzdem im Geiste schon das grüne Blatt, die duftende Blüte, die saftigen Früchte, den reichen Segen. Es ist ja Chamischo osor, und — der Saft steigt in die Bäume) Nachdruck verboten. Die Bedeutung der jüdischen Frau. Der dieswöchcntliche Wochcnabschnitt bringt mir den Ausspruch unserer Weisen in Erinnerung: „Des Verdienstes frommer Frauen wegen sind unsere Väter aus Mizraim erlöst worden." Dieser Ausspruch, so schwer er auf den ersten Blick erscheint, hat eine ganz einfache Lösung und das für unsere jüdischen Frauen in diesen Worten enthaltene Lob leuchtet Jedem ein, der schon einmal Gelegenheit ' hatte, das Wirken einer wahrhaft frommen jüdischen Frau in ihrem Reiche, ihrer Häuslichkeit, zu beobachten. Ich nenne das Haus das gleich der jüdischen Frau und wahrlich mit Recht. Wieviel zu schalten und zu walten giebt es in diesem Hause, wie mannigfaltig sind die Allforderungen und Pflichten, die an eine pflichtgetreue Beherrscherin eines solchen Reiches herantreten. So eng auch die Grenzen eines solchen Reiches sind, die wahrhaft: Jüdin findet sie nicht zu eng, sic findet keine Zeit, sich viel mit der Außenwelt zu beschäftigen. Die Gestalt einer wahrhaft frommen Frau, einer Frau, wie sie König Salomo zum Vorbild gedient Nr. 14. haben mag, als er das Hohelied der jüdischen Frau iir seinem „Esches Chajil" anstimnlte, steht mir beim Schreiben dieser Zeilen vor Augen. Sie betrachtete gleich unserer Mutier Sarah ihr Haus als das Reich ihrer Wirksamkeit. Und wie eng auch die Grenzen dieses Reiches abgesteckt wären, wieviel fand sie trotzdem in ihm zu thun! Ta gab es keinen Schritt, den sie nicht selbst ging, kein Handumdrehen, das sie nicht selbst tyat oder doch selbst beaufsichtigte. Alles, auch das scheinbar Unbedeutendste, war ihr wichtig genug, unl es selbst zu überwachen, und so schützend über die Reinheit und das Kaschruth ihres Hauses zu stehen. Sie suchte und fand ihr Glück in ihrem Hause, Vergnügungen außerhalb gab es nicht für sie. Als ich vor Jahresfrist am Grabeshügel dieser Frau gestanden, da hörte ich hinter mir die Worte: „Gegönnt hat sich diese Frau gar nichts, sie ging keinem Vergnügen nach, rein für uns und in ihrem Haushalt ging sie aus." Trotz des herben Wehes und des großen Schmerzes, der mein Innerstes in diesem Momente durchtobte, inußte ich lächeln über die mir zufällig gewordene Aeußerung. . Worte des Tadels sollten cs sein, jene Worte, und wahrlich ein herrlicheres Lob konnte es für die Verklärte nicht geben. Ja, diese Kurzsichtigen! Wie oft sagte mir diese herrliche Frau, wie glücklich sie sei, wie sie mit keiner Königin tauschen möchte. Sie war ja in Wirklichkeit selbst eine Königin, eine Krone der herrlichsten Tugenden schmückte ihr Haupt. Wie innig hielt sie ihren Sabbath, wie freudig erregt war sie beim Herannahen des jungfräulichen Freitag-Abends, wie wehmütig gestimmt beim Scheiden der Sabbath-Braut. Sie, die gegen Jeden die Liebe und Barmherzigkeit selbst war, kannte kein falsches Erbarmen ihren Kindern gegenüber, sic' störte ihnen den Schlaf, wenn es Zeit war, zur Synagoge zu eilen, um gemeinsam mit der versammelten Gemeinde das Morgengebct zu verrichten. Wie sah sie in ihrem frommen, ihr ebenbürtigen Gatten das .Ideal eines Mannes. Mit 'welchen! Stolz sah sie zu ihni auf, wie konnte sie, die sonst so Sanftmütige, sich ausregen, ivenn sich die Bosheit an ihrem Gatten heranwagte. Sie erkannte es, daß her Vater, den der Beruf als Ernährer der Familie zeitweilig ihrem Kreise entzog, nicht allein im Stande sei, die Erziehung der Kinder zu leiten, daß es zum großen Teile auch der Mutter obliegt, dieser heiligen Pf.icht nachzukommen. Arme und Trostesbedürstige waren ihre Hausgenossen und sie war glücklich und reich, wenn sic geben durste. Welche unbeschreibliche Verehrung bewahrte sie ihren frommen Eltern weit über, das Grab hinaus; diese Verehrung, nicht nur durch das Wort, sondern auch durch die Thatkrast bekundend, die sich darin zeigte, daß sie als wahrhafte Jüdin die überkommenen Gesetze und Bräuche ihrer Religion hochhielt. Unsere Weisen erzählen uns, durch den harten Druck, den die Egypter ans unsere Väter ausübten, würden sie ihrer Vergangenheit vergessen haben, wenn ihre Frauen nicht die Tradition bewahrt und in ihren Kindern, fortgepslanzt hätten. So glaube ich den an die Spitze dieser Zeilen gesetzten Ausspruch unserer Weisen zu verstehen. Möchten auch unsere Frauen ihre Pflichten so auffassen, daß sie durch treue und ernste Erfüllung derselben mit dazu beitragen, das Endziel unseres Golus herbeizuführen; bimhero bejomenu! Rosenfelder&Trepp Feine Herrenschneiderei Rossmarkt 2L an der Hauptwache, (Nachdruck verboten). Aus unseru Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) - „Guten Tag!" sagte sie und bot ihm das rosige Händchen znm Gruß. Unwillkürlich erwiderte er den Gruß und nahm ihre Hand. „Du bist das kleine Mädchen, das neulich von einem Hund angefallen worden ist?" „Von einem bösen Hund", erwiderte sie, „aber Felix Kohn hat mich weggcrissen. Kennen Sie Felix Kohn? ich habe ihn sehr sehr lieb, aber jetzt ist er krank — das thut mir so leid, o, so leid." Kohn bis in's Innerste feines Herzens ergriffen, neigte sich zu dem Kinde. „Bitte den lieben Gott, daß er Felix gesund werden lasse", sagte er gepreßt, „willst Du?" „Aber das thu' ich ja schon immer", versicherte sie, „alle Abend und alle Morgen sage ich: bitte lieber Gott, lasse Felix bald wieder gesund werden!"