Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 14 (6.2.1903)
- Date
- 1903-02-06
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692312--00129-2694480- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
"9^ 14.' Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. Sie blickte zu ihm auf, eine Thräne perlte ui dem klaren Kinderauge. Er wollte sie an sich ziehen, da trat der Spezereihändler in's Zimmer. »Ich wuß sehr nm Entschuldigung bitten, Herr Kohn, aber ich konnte die fremden Leute nicht allein im Laden lassen. Fanni, gehe zur Mutter, sage, ich lasse sie bitten für ein Weilchen in's Aeichäft zu gehen." Tie Kleine eilte hinaus, Vogel ließ sich seinem Gaste gegenüber aus einen der Holzsessel nieder. »Jetzt stehe ich zu Ihrer Verfügung, Herr Kohn." 'Kohn fuhr sich mit seinem Tuche über die feuchten Augen. „Vielleicht können Sie sich denken, weshalb ich zu Ihnen komme —" Vogel blickte ihn befremdet an , Ich bedauere außerordentlich —" »Ich erwähnte doch bereits — es handelt sich um Felix —" „Ich wäre überglücklich, wenn ich für Ihren «ohn, dem ich mich so hoch verpflichtet fühle, irgend etwas thun könnte — aber ich sinne vergebens." „Sie könnten viel für ihn thun", flüsterte der Andere, „Sie sind fromm — Sie könnten für ihn beten —" . „Lieber Herr Kohn, seit ich ersahren habe, daß der herrliche junge Mann erkrankt ist, vergeht kein Tag, an dem ich nicht dreimal zu Gott flehe, daß er denjenigen erhalten möge, der mir mein teures Kind erhalten hat. Sie wissen doch, bei jeder Sch'monoeßre —" Kohn schüttelte den Kopf. „Das ist nicht das Richtige, das genügt nicht." „Aber Herr Kohn —" »Bitte, hören Sie mich au. Mein Sohn hat Ihrem Kinde das Leben gerettet und darum glaube ich Ihnen gern, daß Sie sich für seine Genesung interessieren. Aber, wie gesagt, das genügt nicht. Aber in meiner Jugend oder vielmehr in meiner Kindheit— aber ich erinnere mich noch sehr genau daran —, da ist es in meiner Heimatgemeinde wiederholt vorgekomme», daß Eltern, deren Kind schwer krank darniederlag, dasselbe eineni frommen Manne oder einer frommen Frau verkauft haben und daß das Kind dadurch dem Leben zurück gegeben worden ist." „Aber ich bitte Sie, Herr Kohn, um's Himmels willen, das ist ja der krasseste Aberglauben." „Aberglauben nennen Sie das? ich gebe Ihnen inein Wort darauf, ich habe das als frommen altjiidischen Gebrauch bezeichnen hören." Vogel schüttelte den Kopf. „Ich habe dergleichen nie gehört und halte mich auch überzeugt, daß unsere Weisen gesegneten Andenkens solches nie gebilligt haben würden." „Aber mein Gott, warum denn nicht? Ich sagte Ihnen doch, in allen jenen mir bekannten Fällen sind die derartig verkauften Kinder genesen, da sieht man doch klar und deutlich —" „Daß sie auch ohne jenen Hokuspokus genesen wären." „Aber ich begreife Sie nicht, Sic, ein so frommer Mann und äußern sich in solch' frivoler Weise über das Heiligste.' — Toch gleichviel, was Sie davon halten. Sie werden meine Bitte nicht verweigern." „Wenn es in meiner Macht liegt, Ihre Bitte zu erfüllen, gewiß nicht. Darum sagen Sie mir vor allem —" „Aber ich sagte es Ihnen doch bereits. Sie sind fromm, wenn Sie für Ihren Sohn beten, dann wird Ihr Gebet sicherlich erhört werden. Darum kaufen Sie meinen Sohn, dann ist er der Ihrige, und dann beten Sie für ihn, dann lvird er genesen — Nun, warum zögern Sie? — er hat doch Ihr Kind gerettet und Sie können sich nicht entschließen das Geringste für ihn zu thun? — Ta sieht man — „Was sieht man?" ries Vogel sich nun auch erregend, „Sagen Sie mir nur, wie Sie sich das denken? wie sollte ich Ihren Sohn kaufen?" „Ach nun, ganz einfach. Ich gebe Ihnen eine Summe Geldes, sagen wir zwanzig oder meinethalben hundert Mille und dafür kaufen Sie mir meinen Sohn ab. Wir setzen darüber einen Kaufbrief auf, und dann gehört mein Sohn Ihnen und er ist gerettet und ich bleibe Ihr Schuldner für alle Ewigkeit und mein Sohn gleichfalls. Also besinnen Sie sich nicht lange, schlagen Sie ein!" „Ich kann nicht, Herr Kohn.. Ich will für Ihren Sohn beten Tag und Nacht mit derselben 'Andacht, mit derselben Innigkeit, als ob er mein Sohn wäre. Mer mir dabei den Anschein geben, als ob ich unseren Herrgott täuschen wollte —" er schüttelte den Kopf. „Unmöglich!" „Seien Sie barmherzig-!" flehte Kohn, die gefalteten Hände emporhebend, „ich weiß mir keine andere Hilfe. Ich bin nie fromm gewesen, habe mich mit Beten nie viel abgegeben, darum wird mein Gebet auch jetzt nicht erhört, wenn ich um die Genesung meines Sohnes bete. Bei Ihnen ist das aber ganz 'was anderes, wenn Sie um die Genesung Ihres Sohnes "beten, dann wird er genesen, davon bin ich überzeugt." Vogel schüttelte noch immer abwehrend den Kopf. „(Sitt solches Gebet meinerseits wäre Blasphemie, das könnte unmöglich Erhörung finden." „Aber ich gebe Ihnen mein Wort — wenn Sie wollen, schwöre ich's Ihnen zu, alle jene Kinder sind gerettet worden. Und er hat doch Ihr Kind gerettet. Also, was liegt Ihnen daran?, thun Sie mir den Gefallen, Sie haben doch keinen Schaden davon, im Gegenteil, Sie werden Nutzen davon haben, ich gebe Ihne» mein Wort darauf. Bedenken 'Sie nur, mein Sohn ist mein einziges Kind» wird mein Erbe sein, d. h. Millionär, und wenn er Ihr Sohn ist, so werden Sie der Vater eines Millionärs sein, das ist durchaus nicht zu verachten — Felix läßt sich nicht lumpen—" Vogel war glühend rot geworden. „Sie sind aufgeregt, Herr Kohn, darum will ich Ihnen die Beleidigung, die in Ihren - Worten liegt, nicht übel nehmen, sonst —" „Habe ich Sie beleidigt? — das habe ich, weiß Gytt, nicht gewollt — Aber was soll ich thun? was soll ich thun?, wie kann ich mein Kind retten?" Händeringend rannte er hin und her, tief ergriffen blickte Vogel auf ihn und wollte eben beschwichtigende Worte zu ihm sprechen, als er plötzlich stehen blieb. „Ta fällt mir »och etwas ein, was man auch in meiner Heiniat in derartigen Fällen zu thun pflegte. Alan nahm nämlich genau das Maß von der Länge des Kranken und ließ eine genau so lange Wachskerze anfertigen,' legte die Wachskerze in einen Sarg und ließ dieselbe auf dem Friedhof beerdigen und —" „Und glaubte dann den Todescngel gefoppt zu haben", fiel Vogel ein, „ift's nicht so?" „Aber um Gottes Himmels willen! läßt sich denn gar nichts thun? wissen Sie gar nichts zu raten? — Meine Frau hat schon gestern gesagt, wenn unser Sohn uns erhalten bleibt, dann wird sie einen koschcrn Haushalt führen, lvie sie 's bei ihren Eltern vor sich gesehen hat. Glauben Sie, daß das nützen wird?" Vogel schüttelte den Kopf. „Nein, das glaube ich nicht. Ein anderes wäre es, wenn Frau Kohn gelobt hätte, in jedem Falle den .Haushalt koscher zu führen und sofort damit beginnen würde." „Das, glauben Sie, würde nützen?" „Tas könnte ich nur empfehlen." „Gott lohne es Ihnen!" Fort rannte er wie er gckonuneu war und hatte in wenigen Minuten seine Wohnung erreicht. In athemloser Hast eilte er die Stiegen aufwärts, die zu dem Krankenzimmer führten, dann aber schlich er auf den Fußspitzen zu der Thür desselben. Auf der Schwelle blieb er stehen. Seine Frau saß am Bette und hielt die Hand des Kranken, der jetzt ruhig wie schlummernd dälag. Er winkte ihr, vorsichtig erhob sie sich und schlich zu ihm. „Wie gehts?" fragte er leise. Sie zuckte die 'Achseln. ,Mie vorhin." Er atmete schwer auf, es war beinahe ein Aechze». Tann zog er sie mit sich in's Nebenzimmer. „Lina", begann er von Neuem, „Tu hast gestern gelobt, wenn Felix davon konimen würde, so tviirdest Tu einen koscher» Haushalt sühren —" Sie nickte zustimmend. „Ich werde halten, loas ich gelobt habe, verlaß' Dich drauf." Er schüttelte mit Entschiedenheit den Kopf. „Tas wird nichts nützen, mit dem lieben Gott macht man keine Geschäfte." Sie blickte ihn betroffen an. »Mas willst Tu damit sagen? ich verstehe Tich nicht." „Ich war so eben bei Vogel, Tu weißt doch, dessen Kind Felix gerettet hat —" „Ich weiß — nun?" „Ich habe ihn gefragt, ob Tein Gelöbnis nützen Iverde —" „Nun?" „Er sagte nein, er sagt, Du hättest geloben müssen, in jedenr Falle den Haushalt koscher zu führen und müßtest sofort damit beginnen." Sie fuhr zusammen. „Bei Gott, ich glaube, er hat recht. Und wenn Tirs recht ist, werde ich sofort, das dazu Notwendige veranlassen." „Tarum habe ich Tich ersuchen wollen. Aber was Tu thun willst, thue sofort, es ist ja die höchste Zeit — wenn es noch Zeit ist — Und ich beschwöre Tich, versäume nichts! spare nichts! und wenn Tu Tausende und wenn Tu Zehntausende ausgeben müßtest — nichts ist zu viel — Ich beschwöre Tich, Lina, veranlasse sofort das Erforderliche, damit uns unser Kind erhalten bleibt. — Aber um Gotteswillen! was ist Tir? was hast Tu?" Sie stand da. mit überströmenden Augen, beide Hände gegen die wild pochenden Schläfen gepreßt. „Was hast Tu, Lina? was ist Tir? — überlegst Tu vielleicht, daß Tu nichts vergissest?" Sie schüttelte wie hilflos den Kopf. „Ich möchte ja gern alles, alles thun — wenn ich nur wüßte was —" „Tu weißt es nicht?" „Woher sollte ich es wissen?" „Großer Gott! —" „Warte, ich habe eine Idee! — Ich werde mich an den jüdischen Restaurateur wenden, er soll mir alles sagen und al.es Erforderliche besorgen, so wird es am raschesten gehen." „Tas ist wahr, so wird's gehen. Ich werde sofort anspannen lassen, mache inzwischen Toilette." „Lasse lieber eine Troschke holen, das geht schneller und ich bin gleich fertig." „Auch gut." Er drückte au de» Schellenknopf und befahl dem gleich darauf eintretenden Mädchen, schleunigst eine Troschke zu holen, und noch waren keine zehn Minuten vergangen, als er seine Frau hinunterbcgleitete und ihr in den Wagen half. „Ich bitte Tich, Lina, vergiß nur nichts und gieb nur dem Restaurateur gleich zu verstehen, daß er sich für seine Blühe rechnen kann, was er will." „Sorge nicht, ich werde nichts vergesse», und — ich weiß nicht — aber mir ist mit einem Mal so leicht um's Herz — Ich hoffe zu Gott, unser Felix wird genesen." „Tas gebe der Himmel!" sagte er gepreßt, während er die Wagenthür schloß, dann befahl er dem Kutscher zu der jüdischen Restauration zu fahren- und blickte dem davonrollenden Gefährte seufzend nach. Was für Augen der Restaurateur machen würde! — und was seine Freunde und Bekannten dazu sagen würden! — Ter freigeistige aufgek.äit: M. I. Kvhu einen koscher» Haushalt! — Aber was kümmerte ihn, was die Leute sagen oder denken würden» wenn nur sein Kind erhalten bliebe. Al-s der Wagen seinen Blicken entschwunden war, wandte er sich und war eben im Begriffe, in das Haus zu treten, als der alte Weimaun mit höflichem Gruß auf ihn zu trat. Ter treue Haussreund wagte kaum nach dem Befinden des »ranken zu fragen, das bekümmerte Antlitz des verzweifelnden Vaters sagte ihm alles. Er sprach daher nur flüchtig die Hoffnung aus, daß baldigst eine Wendung zum Bessern eintreten möge, dann fuhr er fort: „Ich habe Ihnen eine eigentümliche Mitteilung zu machen, .Herr Kohn. Ter Josef Meier arbeitet, wie Sie wissen, schon seit Anfang voriger Woche wieder im Bureau, aber erst heute ist mir eingefallen, daß ihm, als Sie ihn neulich entlassen haben, sein Gehalt für das verflossene Vierteljahr nicht ausgezahlt worden ist." „Richtig, richtig, Nun, Sie haben es ihm doch heute gezahlt?" „Ich wollte cs ihm zahlen, aber er hat es nicht angenommen, er sagte. Sie hätten ihm gleich, nachdem Sie ihn entlassen, durch Herrn Felix sein Gehalt geschickt." Kohn starrte ihn sprachlos an. ».Ich hätte ihm sein Gehalt geschickt." . „Mir ist es auch eigentümlich vorgekoimnen,. weil Sie mir nichts davon gesagt haben. Aber Meier behauptet, Herr Felix hätte seiner Mutter in Ihrem Namen sechshundert Kronen übergeben." „Herr des Himmels!" stammelte Kohn, während der letzte Blutstropfen aus seinem Angesicht wich, selbst seine Lippen waren weiß. „Herr Kohn! um Gott! was ist Ihnen?" „Nichts, Weimaun, nichts!" Er lehnte aber doch i,egen Die Mauer, um nicht zu sinken. „Ja, ja — ganz recht — ich entsinne mich, so wird's sein." „Wie meinen Sie?" __ „Ich erinnere mich jetzt, Felix war in der Nähe, als die alte Frau Meier bei mir war. Er hatte Mitleid mit ihr und sagte, er wolle ihr von seinem Geld«, das er zur Konsirmation als^Geschenk erhalten hat, so viel geben, als dem Sohn zugekommen wäre. Tas hat er vermutlich gethan und um seiner Gabe den Schein des Almosens zu nehmen, wird er es in meinem Namen gegeben haben. So vermute ich nämlich." „Und so wird's auch gewesen sein", stimmte Weimaun bei, „das sieht dem braven jungen Herrn ähnlich. Sie werden sehen, Herr Kohn, Gott wird ein Einsehen haben und Sie werden noch viele Freuden an Ihrem prächtigen Sohn erleben." „Tas gebe Gott! —" „Und wie ist's mit Meiers Gehalt, Herr Kohn? Er glaubt es erhalten zu haben." „Nein, das geht doch nicht so — freilich,, jetzt erinnere ich mich, Felix sprach davon, es ihr als Darlehen zu geben — aber das scheint er doch nicht gethan zu haben." . „Freilich nicht, sonst hätte Meier eS wohl ge,agt. „Also soll er es als Geschenk von Felix betrachten und Sie zahlen ihm wie gewöhnlich sein Gehalt." „Tas habe ich mir auch gedacht. Und Sie werden sehen, Herr Kohn, eS wird noch alles gut. werden. Unser alter Gott lebt noch und wenn die Not am größten ist, dann ist seine Hilfe am nächsten." Kohn murmelte einige ihm selbst unverständliche Worte, grüßte den treuen Alten, und mit schweren Schritten und schwerem Herzen schwankte er die Stiegen aufwärts und trat in das Krankenzimmer. Ter barmherzige Bruder, der an dem Bette saß, erhob sich bei seinem Eintritt. , „Ich habe ihn soeben gemessen," sagte er leise, „der Thermometer ist um einen Drittel Grad gesunken." Ungeheures Aussehen erregte es, als es bekannt wurde, daß Frau Kohn ihren Haushalt koscher eingerichtet und eine streng religiöse Haushälterin ausgenommen hatte. Tie Einen lächelten, die Anderen schüttelten die Köpfe, wieder Andere zuckten die Achseln und noch Andere fanden es begreiflich, daß die verzweifelnden Eltern alles Erdenkliche versuchten. Allgemein freudige Teilnahme erregte es jedoch, als bekannt wurde, daß eine entschiedene Besse-