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Neue jüdische Presse · 1903-02-06 · Heft 14 (6.2.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 14 (6.2.1903)
Date
1903-02-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Srite 3. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. man schwarzen Kaffee in meinen Hausicrkasten gegossen undso den größten Teil meiner Spitzen verdorben hatte. In meiner rechten Rocktasche spürte ich eine klebrige Nässe. Man hatte mir Bier hineingeschüttet — also waren auch meine Ansichtskarten beim Teufel. Ein solches Ende nahm mein hausieren. Tie wenigeil Bilder, die ich gab, genügen wohl, um eine Vorstellung von dem zu geben, was ich erlebt habe und was ein Hausierer erleben kann. Aus aflter Wett. Deutschland. Kassel, 1. Febr. Unter außerordentlich großer Teilnahme und in Anwesenheit von Vertretern der Königlichen Staatsregierung und der Stadt Kassel beging heute hier die israelitische Gesellschaft »Humanität" die Feier ihres hundertjährigen Bestehens. Die Festrede hielt Landesrabbiner Dr Prager. Er sprach über die Humanität im Sinne des Bibelwortes von der Nächstenliebe. Der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau. Graf v. Zedlitz- Trützschler, wünschte in kurzer Ansprache der Gesellschaft weiteres Blühen und Gedeihen, indem er gleichzeitig den hohen ethischen und sozialen Zielen der Gesellschaft Anerkennung zollte. - Marburg. Seit einiger Zeit bereist die Atarburger Gegend Herr Risse, ein Wanderredner des Bundes der Landwirte, und hält in Dorf für Dorf seine Reden, die sich durch eine fast rührende Unkenntnis der einfachsten Thatsachen, die ein Politiker von Fach wissen sollte, auszeichnen In jeder Versammlung tritt ihm der bekannte nationalsoziale Führer, Herr von Gerlach, gegenüber und treibt ihn in die Enge. Als Herr Risse sich letzthin in Nicderweimar gegen die Argumente des Herrn von Gerlach garnicht mehr zu retten wußte, da verflieg er sich zu der Aeußerung. die Hessische Landeszeitung, Herrn von Gerlachs Organ, würde von den Juden über Wasser gehalten. Es ist doch wirklich betrübend, zu sehen, mit welchen haltlosen, aus der Luft gegriffenen, kleinlichen Waffen man bei uns politischen Gegnern gegenübertritt und noch trauriger, daß immer wir Juden yerhalten müssen. Bremen. Herr RabbinerDr. Rosenak, derauf besonderen Wunsch des deutschen Rabbinerverbandcs von der hiesigen israelitischen Gemeinde zu einer Studienreise nach Galizien beurlaubt war, ist nunmehr von seiner vierwöchigen Reise zurückgekehrt. Es handelt sich bei dieser Reise um die Studien der sozialen und ökonomischen Verhältnisse der galizischen Juden, um an Ort und Stelle mit den maßgebenden Instanzen zu beraten, wie die ökonomischen Verhältnisse der bedauernswerten galizischen Juden verbessert werden könnten. In Begleitung des Herrn Dr. Rosenak befand sich der Generalsekretär der Baron Hirsch-Stiftung. Herr Dr. Rotter aus Wien, ein genauer Kenner der galizischen Verhältnisse. Das Referat über diese Resse liegt zwar noch nicht im Drucke vor, aber wir sind jetzt schon in der Lage niittzuteilen, daß eine größere Anzahl wichtiger Industriezweige den Anregungen des Herrn Dr. Rosenak ihr Entstehen verdanken wird. Posen. lieber die Generalversammlung des hiesigen jüd. Turnvereines (»Neuer Turnverein") können wir berichten, daß die sehr zahlreich besuchte Versammlung das beste Zeichen von dem Erfolge des erst vor */. Jahre gegründeten Vereines sein dürfte. Die Hauptanträge: Gründung einer 'Alten Herren- und Zöqlmgs- Riege, Einrichtung von Turnspielen und für den Sommer Turnausflüge wurden angenommen; während der Antrag, die Mitglieder gegen Unfälle beiin Turnen zu versichern, wegen der damit verbundenen hohen Kosten abgelehnt werden mußte. Zur Zöglingsriege haben sich bereits 41 junge Leute gemeldet (cs wurden bisher nur Herren über 18 Jahre ausgenommen, die Zöglingsriege wird aus Mitgliedern unter 18 Jahre bestehen). Wir wünschen dem Verein weiter besten Erfolg. Russland. Petersburg. Das Unterrichtsministerium hat dieser Tage verfügt, daß Jüdinnen, welche im Besitze eines Maturitäts-Zeugnisses eines Staatsgymnasiums zum römisch-katholischen Glauben übertreten, um das Recht einer Haus- oder Privatlehrerin zu erwerben, einer Extraprüfung in russischer Religion und Kirchengeschichte unterzogen werden müssen. Rumänien. Bukarest, 29. Januar. Welche Anomalie die in Rumänien bestehende Gesetzgebung zeitigt, welche die hier geborenen Juden als Rumänen nicht anerkennt, beweist der folgende Fall. Ein rumänischer Jude wurde wegen eines Deliktes bestraft und nach Abbützung seiner Strafe, da er als Fremder betrachtet wurde, des Landes verwiesen. Er wurde über die ungarische Grenze gebracht, doch brachten die dortigen Behörden den arbeitsnnd mittellosen Menschen per Schub nach Rumänien zurück, wo er wegen »unerlaubter" Rückkehr eingesperrt und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nach Abbüßung dieser Strafe wurde der Jude über die bulgarische Grenze abgeschafft, doch auch die Bulgaren schickten ihn mit Zwangspaß zurück Darauf wieder Einsperrung und Aburteilung und demnächst Abschaffung, diesmal nach Serbien. Aber auch dvlt wurde der Jude mit Dank abgelehnt und nach Rumänien zurückexpediert. Hier wiederum Einsperrung, Aburteilung und Landesverweisung, aber mit keinem besseren Er folge. - Dieser Vorgang hat sich bis jetzt vier- bis fünfmal wiederholt, und der arme Teufel, der so zwischen Gefängnis, Ausweisung und zwangsweisem Rücktransport hin- und herpendelt, wurde mit immer härteren Strafen belegt, zuletzt gestern, wo ihn das Tribunal wegen verbotener Rückkehr zu fünf Monaten Gefängnis verurteilte. Serbien. Juden ausgeschlossen. Aus Belgrad wird uns geschrieben: Im Rathause zu Belgrad prangt seit einiger Zeit eine amtliche Kundmachung, in welcher bekanntgegeben wird, daß die Bier- und Weinlieserung für die städtischen Anstalten auf längere Zeit verpachtet werden sollen. Unter den Bedingungen befindet sich auch eine Klausel: Juden sind vom Vertrage auch als Teilhaber ausgeschlossen. Diese Verfügung ist uni so auffälliger, als sie im serbischen Gesetze nicht begründet erscheint, und in allen anderen Städten des Landes die Juden zu allen Lieferungen zugelaffen werden. Amerika. Aus New-Aork wird berichtet: Die ersteConnecticuter Zionisten-Garde hat an der Parade der Freiwilligen zum erstenmale in der Uniform der amerikanischen Armee und mit Gewehren bewaffnet, teilgenommen. Frankofnrtia. In Würdigung der Verdienste, welche die Familie Goldschmidt sich um die Israel. Volksschule erworben hat, ließ die Verwaltungs-Konimission dieser Schule von der Silberwarenfabrik Lazmus Posen Wwe. eine prächtige Adresse anfertigen. Die Adresse hat auf ihrer Außenseite 2 Medaillen; auf der einen Medaille stehen die Worte: „Die Israel. Volksschule in Dankbarkeit der Familie Selig und Clementine Goldschmidt." und auf der anderen Medaille die Worte: „Durch Weisheit wird ein Haus gebaut und durch Verstand erhalten. Bei Ueberreichung der Adresse war die Familie Goldschmidt vollzählig anwesend. Das Schulratsnlitglied, Herr Michael Rapp, sprach im Namen seiner Kollegen und im Namen der Schule. Er betonte in seiner Rede, obwohl die Verwaltungs-Kommission überzeugt sei. daß die Familie Goldschmidt auf prunkende Worte der Anerkennung nicht Anspruch mache, so habe sie einmal die Gelegenheit ergreifen müssen, der Familie einen Ausdruck tiefgefühlten Dankes für die vielen Beweise ihrer außerordentlichen Munificenz und ihres stets warmen Interesses der Israel. Volksschule gegenüber niederzulegen. Man habe in dankbarer, pietätvoller Verehrung des Begründers der Schule, Herrn Selig Goldschmidt s. A., der im Verein mit seiner Gemahlin die Wichtigkeit der Schule anerkannte, und ihre Zwecke mit Energie und Selbstlosigkeit förderte, dessen heutigen Jahrzeitstag, den 27. Tewes, zur Uebergaber der Adresse-gewählt; denn unter den vielen Schöpfungen in seinem gottbegnadeten Leben bildete die Israel. Volksschule eines seiner bedeutungsvollsten Werke. Dem Verwaltungsrat gereiche es zur aufrichtigen Freude, zu sehen, 'wie die Kinder das Werk der Eltern fortsetzen und er hoffe, daß das Interesse der Familie Goldschmidt stets ungeschwächt mit dem der Volksschule verküpst bleibe. Herr Meier Selig Goldschmidt dankte hierauf namens seiner Geschwister in warm bewegten Worten. Sprechsaal. (Für diese Rubrik übernehmen wir keine redaktionelle Verantwortung.) Frankfurt«. M., den 1. Febr. 1903. Löbl. Redaktion des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. In den beiden letzten Numniern Ihres gesch. Blattes veröffentlichen Sie über die zionistischen Abende im Vereine »Nachalath Z'wi" — allerdings unter Ablehnung der redakt. Verantwortlichkeit — einen Bericht, dessen tendenziöser Charakter sofort in die Augen springt. Meine Sympathie für das naive Ungestüm mit dem die jugendlichen Vertreter des Zionisnius ihre Sache zu führen Pflegen und das auch den anonymen Verfasser jenes Berichts beseelt, hindert mich, ihn so abzufertigen, wie er es nach dem gehässigen Ton feiner Ausführungen verdiente. 4kur gegen eine Unterstellung von vielen möchte ich Verwahrung einlegen. Der anonyme Referent läßt mich den talmudischen Satz „Obgleich er gefehlt, ist er Jude" durch eine »sonderbare Auslegung" in »sein Gegenteil verkehren", schiebt mir also die Meinung unter, der neologe Jude könne nicht mehr als Jude betrachtet werden. Es ist mir natürlich nicht eingefallen. solchen Unsinn zu vertreten. Jedem von einer jüdischen Mutter Geborenen, wohin ihn Leben und Geistesrichtung auch geworfen, bleibt vielmehr der Name und die Bestimmung als Jude unverjährbar ausgeprägt, und ewig steht er uns, seinen Brüdern, wie sehr er sie auch verleugne, als Jude da, mit allen religionsgesetzlichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Wenn aber der wahre Satz »Obgleich er gefehlt, bleibt er Jude" von zionistischer Seite nach berühmten Mustern und aä majorsm zionismi gloriam mit Emphase so interpretiert wird: »Obgleich einer im Leben die Grundgesetze des Judentums verleugnet, bleibt er ein guter, national gleichwertiger Jude", wenn die Herren auf diese Weise, um ihre Sache zu retten, den Talmud seine eigene Absetzung dekretieren lassen, so ist das — gelinde gesagt — ein Unfug, gegen den ich allerdings zu protestieren verpflichtet war und in dessen Verurteilung die redlich Denkenden aller Parteien einig sein dürften. Zu welchen Konsequenzen übrigens die erwähnte Interpretation unöjiie auf gleicher Höhe stehende Identifikation der Begrisse Gott-Thora-Nation führt, das wolle man in dem lichtvollen, sehr lehrreichen Aufsatze Bernfelds im Jüdischen Almanach, »Das Wesen des Judentums", Nachlesen. Hochachtungsvoll Jacob Rosenhetm. 'Nachdem wir in Würdigung des Standpunktes „ünckiatar st sltsra pars" der Erwiderung des Herrn Rosenheim Aufnahme gewährt haben, schließen wir die Diskussion über die beiden zionistischen Vereinsabende im »Nachalath-Z'wi". Die Redattion. (Nachdruck verboten.) Der Geburtstag der Bäume. Eine Chamischo-Osor-Betrachtung. Bon Menachemsohn. Jeder Jude müßte ein Raturfteund sein; wenigstens kann ich mir den wahren Juden nicht denken, ohne dessen aufmerksames Interesse an den großen und kleinen Vorgängen in der Natur. Die allgemein menschliche Betrachtung all der Dinge über uns, neben und um uns, das Bewußtsein in den Millionen Geschöpfen nichts als Werke von Gottes Hand zu erblicken, dies allein erbebt den Gedanken schon auf eine sittlich erbabene Stufe, weiht ihn zu einem innigreligiüsen. Seit Jahrtausenden hat unser Gottesgesetz dafür gesorgt, daß wir nicht gedankenlos des Wegs dahin gehen, achtlos das Auge wegwenden vom blauen Firmament mit seinen zahllosen Sternen über uns, vom Baume mit seinem Blütenschmuck und seinen saftigen Früchten, vom wogenden Getteideseld mit seinem Segen, von der wohlriechenden Blume, vom farbenprächttgen Regenbogen, vom sich erneuenden Mondlichte, vom zuckenden Blitzsttahle, von alle den Wundern in der Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt. Und die Weisen unseres Volkes gingen uns an die Hand mit zahlreichen Segenssprüchen bei den verschiedensten Betrachtungen von Naturvorgängen wie beim Aneignen und Verwenden ihrer Gaben. Auch in dieser Beziehung können wir stolz ausrufen: 17ml keamcho Jisroeil goi echod, Wer ist wie Dein Volk Israel eine in ihrer Eigenart einzig dastehende Nation? Welche Natton hätte etwas Aehnliches aufzuweisen wie die Thatsache, daß beispielsweise der Jude keinen Schluck Wasser nimmt, ohne Gott zuvor und wohl auch danach zu loben und zu preisen, daß er keiner Blume Wohlgeruch, keiner Pflanze Duft einatmet, ohne an den gütigen Vater im Himmel zu .denken, der uns das alles reicht?! Alle Vorgänge, alle Dinge um uns setzen wir Juden in Beziehung zu unserem allmächtigen und allweisen Schöpfer. Als unsere Ahnen noch aus der heimischen Scholle saßen, da weckte schon die Beachtung der vielen, oft subtilen Vorschriften inbezug auf die gesetzlichen Bodenabgaben ein reges Interesse an der Natur, ihrem Schaffen und Weben. Saatfeld und Weinberg; Frucht- und Waldbaum, Kraut- und Unkraut, Frühreife und Spätteife, Fruchtgattung und Abart, Säen und Ernten, alles ist mit dem Auge des Sachkenners zu bettachten, um die „Mizwaus bat' lujaos boorez“, die für den Ackerbau im hl. Lande geltenden wichtigen Vorschriften zu erfüllen. Ein ganzer Band unserer Mischnah — Seraim — beschäftigt sich mit diesen Verordnungen, die allerdings zum großen Teil für uns nicht mehr von »praktischem Interesse" sind, nachdem wir längst vom Lande der Väter entfernt leben. In diesen Tagen aber denken wir lebhafter denn sonst an jene entschwundene, herrliche Vergangenheit zurück. »Am fünfzehnten Sch'wat ist das Neujahrsfest der Bäume", lesen wir in der Mischnah. Am fünfzehnten Sch'wat steigt der Saft wieder in die Bäume; die bei der winterlichen Kälte erstarrten Kräfte der Natur beginnen von neuem sich zu regen, als frohes Vorzeichen des nahenden Frühlings. Zunächst einige Worte über den Ausdruck »Neujahrsfest der Bäume". Wie wir im bürgerlichen Leben ein allgemeines, ein Schul-, ein Etats-, ein Militärjahr und andere mit den verschiedensten Anfangszeiten kennen, so gab es auch im alten Israel für die verschiedensten Beziehungen im Leben verschiedene Jahresziklen mit von einander abweichenden Beginnzeiten. Solcher Jahresziklen bezw. Jahresanfänge werden uns mehrere aufgezählt im Traktat »Rosch-haschonoh", darunter auch das »Neujahrsfest der Bäume" am fünfzehnten Sch'wat. Jeder Jsraelite hatte nämlich die Pflicht, von seinen Bodenfrüchten »Maaser zu geben", d. h. den Zehnten abzusondern. Dieser Zehnte mußte

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