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Neue jüdische Presse · 1903-01-30 · Heft 13 (30.1.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 13 (30.1.1903)
Date
1903-01-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 13. Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. meine Herrn, schließt Redner, mit solchem „Rachmonus" ist keinem geholfen, am allerwenigsten einem ganzen leidenden Volke: Da müssen schon ganz andere Mittel und Wege gesucht werden. Herr Professor Sulzbach führte aus: Nachdem sich viele „Gaonim" Rußlands, zu denen er mit der größten Ehrfurcht hinaufbiickt, dem Zionismus angeschlossen haben, würde er es niemals wagen, die Ansicht zu verttcten, daß gegen diese Bewegung irgendwelche religiöse Bedenken bestehen. Was ihm Bedenken macht, ist die Frage: Wer soll den Schutz des entstandenen jüdischen Staates bilden, und wer soll sich seiner in der Stunde der Gefahr annchmen? Hierauf wäre wohl zu erwiedern: Dieselben Faktoren die ihn entstehen lassen, also die durch die Einwanderung der Juden erstarkte Türkei und die Großmächte, in deren eigenem Interesse es liegt, daß Palästina nicht in den Alleinbesitz einer von ihnen komme, werde auck, wenn es der Wille des Lenkers der Schicksale des Einzelnen und der Völker sein wird, für die Sicherung seines Bestehens ausreichen. — Der folgende Redner, Herr Berlowitz giebt seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß diejenigen Juden, die es mit ihrem Judentum ehrlich meinen zum Zionismus kommen müssen, es sei nur eine Frage der Zeit, und nur um diese geht der Kampf. - Herr Lewin wiederholt so ziemlich alle bereits gehörten Einwände und Bedenken, aber er versichert, daß «r ein Gegner aber kein Feind des Zionismus sei. Sicherlich wallet da ein großer Unterschied ob, und wir wissen da ganz genau zu unterscheiden, aber Herr Lewin: „Wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns." Hierauf erhält Herr Wolf das Wort zur Verlesung eines Referates, das Herr Aronson auSgearbeitet hat; dasselbe bestand aus vielen Bibel- und Talmudstellen. welche beweisen, daß es Pflicht der gesepestreuen Juden ist, sich dem Zionismus anzuschließen. Herr Aronsohn wird seine Arbeit in einer Broschüre, „Aurchodosch" betttett, der Ocffentlichkeit übergeben; der Reinerttag soll zur Hälfte der zion. Ortsgruppe zufallen. Den Glanzpunkt des Abends bildete unbestteitüar die fornivollenoete Rede des nächsten zion. Redners. terr Assessor Dr Friedemann ist dem hiesigen jüd. ublikum als Redner vorteilhaft bekannt, diesmal aber überttaf er sich selbst, indem er Herzenstönc anschlug, deren Zauber sich wohl niemand der Anwesenden zu entziehen vermochte. Wir können des Raummangels wegen nur einiges hervorheben: „Ich bekenne inich", sagt Redner „und zwar recht gern als Anhänger der sogenannten „Utopie". Wenn da Männer wie der Großherzog von Baden und andere große Staatsmänner und glorreiche Herrscher den Zionismus als im Bereiche der Möglichkeit liegend betrachten, so wird es wohl auch mir, der ich kein Berufspolitiker bin. gestattet sein, dieselbe Ansicht zu hegen. Als im vorigen Sommer anläßlich des Mannheimer Delegittentages eine zion. Deputatton vonr Großherzog empfangen wurde, hatte Redner selbst die Ehre aus dem Munde Sr. Kgl. Hoheit die bedeutsamen Wotte zu hören: „Es sei sehr bedauerlich, daß in Deutschland noch solche Vorurteile gegen den Zionismus herrschten!" Es dentt doch kein Mensch, daß die Juden aus Deutschland auswandern sollten, es ist nur wegen ihren Stammesgenossen, die im Osten so diel leiden müssen . . . .! Das sogen, jüd. Rochniorus, verjährt, wie jener Mann, der auf einen schadhaft gewordenen Rock einen Flicken auf den andern ansetzt, der Rock wird dadurch sicherlich nicht schöner und die etwaigen Reparaturen kosten am Ende mehr, als ein neuer Rock. Lasset uns doch den Heimatlosen unseres Volkes einen Ort geben, wo sie ihr Brod mit schwerer, aber ehrlicher Arbeit verdienen können; eine Stätte, wo sie ihr müdes Haupt niederlegen, sie lechzen ja danach! Dreimal täglich beten wir um die Rückkehr in das Land unserer Väter; da soll man doch meinen, daß man das, worauf 'Man hofft und wofür man betet, auch durch die That beweisen muß, daß es einem mit seinem Gebete ernst ist; man ttitt doch nicht mit Phrasen vor seinen Schöpfer! Daß aber die frommen Juden, von allem dem abgesehen, die Verdienste des Zionismus um das Judentum verkennen, ist merkwürdig. „Bin ich doch", sagt Redner, „ein lebendes Beispiel dafür. Meine Familie, eine der ältesten unter den Juden Deutschlands, war es, die in Berlin die Reformgemeinde gründete, und wenn diese Entwicklung wie üblich fortgegangen wäre, so wäre ich schon längst getau't. Daß ich es nicht bin und von Tag zu Tag mehr Jude werde, danke ich einzig und allein dem Zionismus!" Der Eindruck dieser Rede war ein gewaltiger, der Beifall erneute sich immer wieder und wollte schier nickt enden. So manches gute Zionistenherz mag dabei hoffnungsireudig geschlagen baden, in der Erwarmng es werde eine große Anzahl der Anwesenden ihren Beitritt erklären. Daß dies nickt geschah, ist einzig unr allein das Verdienst des Herrn Rosenheim. Derselbe besitzt augenscheinlich auf die junge Gcne-ation einen großen Einfluß und benutzt denselben, um die Jugend vom Anschluß an die Bewegung, der ihr Her; entgegenschlägt, zurückzuhalten. — Herr Rosenheim, der als nächster Redner das Wort ergriff, bewies diesmal seine glänzende Redekunst, daß er eine Stunde lang sprach, ohne etwas Greisbares zu sagen. Ueberdies ist sein Standpunkt so inertwürdig verklauseiiert, daß es schwer ist. ihn herauszufinden. Ueberdies war es ersichtlich, daß Herr Rosenheim das Gefühl hatte, eine verlorene Position zu verteidigen, die am allerwenigsten vom Standpunkte deS orthodoxenJndentums zu verteidigen sei. Herr Rosenheim stellte nämlich eine These auf. die besagt, man dürfe das Gute nicht thun, wenn man befürchte es könnte daraus etwas Schlechtes entstehen- Nun mit einem solchen Motto kann man sich ja bequem von jeder guten Handlung befreien! Was soll man ferner dazu sagen, wenn Herr Rosenheim, um der zum Dogma erhobenen Behauptung von der Unausführbarkeit des zionistischen Programms willen, die Sacke so dar zustcllcn versucht, als ob das Ganze nur von unerfahrenen Leuten angezetielt worden wäre, die mit dem Schicksale eines ganzes Volkes ihr Spiel treiben. Und weiter, der Sultan empfängt vr. Herzl, weil derselbe in Wien eine einflußreiche Persönlichkeit ist! Also, der Sultan berief den Führer der Zionisten telegraphisch nach Konstantinovel. wo er sein Gast war. eine Ehre, die sonst nur Fürstlichkeiten zu Teil wird; die Verhandlungen dauerten 10 Tage und wurden unterbrochen, da Herzl erklärte, die ihm bisher gemachten Konzessionen, -eichten nicht ans, um das Baseler Programm als voll und ganz erfüllt zu betrachten — Das Alles also sei nur geschehen durch die einflußreiche Stellung vr. Herzl's, die nicht einmal vorhanden ist, das ist doch mehr wie unwahrscheinlich. Der Großherzog wieder hat jene denkwürdigen Worte darum gesprochen, weil er bei seinen Audienzen besttcbt ist, liebenswürdig zu sein! Waren es wieder einflußreiche Personen, die der Großherzog hat empfangen müssen? Oder war es nicht vielmehr sein edles Herz, das ihn dazu veranlaßte, einer Bewegung wie die Zionistische, die sich die Aufgabe gestellt hat, einem ganzen leidenden Volke Rctiung zu bringen, seine Sympathie und den Männern, die ihre Kraft, ihre Zeit und ihr Geld in ihren Dienst gestellt haben, seine Achtung zu bezeugen? Wenn Herr Rosenheim ferner seine Zuhörer gruseln machen will über die große Verantwortung, die ein jeder orthodoxe Jude, der sich dem Zionismus anschlicßt, auf sich nimmt, indem er behauptet, die ganze Orthodoxie in Rußland warte aus das Signal das ihnen von Deutschland gegeben werden soll, um sich allesammt dem Zionismus zu verschreiben, so ist es ein wenig komisch. Also Herrn Rosenheim sind die russischen „Gaonim" nicht maß-?gebend, wenn sie auch Zionisten sind. Und er muß ehr vorsichtig sein, denn die Augen ganz Israels sind auf ihn gerichtet! Herr Rosenheim sollte doch wissen, daß mit dem Einttitt der papierenen Emanzipation und der ihr auf dem Fuße folgenden Assiniilation die Führerschaft in religiösen Dingen der deutschen Judenheit verloren gegangen ist. Auch haben viele Gemeinden mit ihrem Rabbiner sich dem Zionismus angeschlossen, ohne auf das Signal zu warten. Die Hauptthcsen, die Herr Rosenheinr aufstellte, sind: Der Zionismus kann nur dann Erfolg haben, wenn er den nationalen Monient voranstellt; dies aber widerspreche den Prinzipien aller Otthodoxen. Wir dürfen von diesem Prinzipe kein Jota preisgeben, sollte auch darum das Judentum und das jüdische Volk zu Grunde gehen. (Solche Prinzipien giebt es nicht im Judentum, die Thora ist keine Lehre des Todes, sondern die des Lebens! Ferner glaubt Herr Rosenheim, daß er berechtigt sei, denjenigen Juden der den Sabbath öffentlich ententweiht, als nicht zum Judentum gehörig zu bettachten, ttotzdem unsere Weisen sagen: „Wiewohl sie gefehlt haben, so sind sie doch Juden!" — Diese Stelle, die von der Erleuchtung und der Milde unserer Weisen ein beredtes Zeugniß ablegt, verwandelt Herr Rosenheim durch eine merkwürdige Auslegung in ihr Gegenteil. — Er könne daher mit den; Zionismus nicht zusammen arbeiten, vielleicht ließe sich eine gesonderte zionisttsche Organisation ins Leben rufen, um getrennt zu marschieren und vereint zu schlagen. (Lies, sich vereint zu schlagen!) Herr Berlowitz, der das Schlußwort erhielt, bekämpfte diese Ansichten aufs Hefligste. Er führte, in Kürze wiedergcgeben. Folgendes aus: Jeder, der die Bibel, wenn auch nur in einer Uebersegung, gelesen hat weiß, daß „Ahawoß-Jissroel" eine religiöse Pflicht ist. Ueberdies ist es selbstverständlich, daß derjenige, der das Judentum liebt, auch seinen Träger die Judenheit lieben wird, denn mit deni Tage, wo die Judenheit verschwindet, ist cs auch der Fall mit dem Judentum. Der ganze Satz gilt auch umgekehrt. Es ist nicht zu ersehen, welche Sünde die begehen würden, die das Judentum lieben werden, weil sie die Judenheit lieben. Ueberhaupt ist diese willkürliche Trennung eine Spitzfindigkeit, unsere Weisen kennen sie nicht, denn sie sprachen die bedeutsamen Worte: „Kudscho-brich-huwe-jissroel chad hu!" Ja sie gehen soweit, daß sie denjenigen, der sich vom jüd. Volk lossagt, als einen Gottesleugner bezeichnen: ülfi schchozi ess Azmau min haklal kofas beikar . . .! — Damit ist auch die zweite These des Herrn Rosenheinr widerlegt. Wie nun jemand sagen kann, ich habe ein Prinzip — das bei Lichte besehen, obendrein noch kein jüd. ist —, und wenn dieses Prinzip nicht eingehalten wird, nrag Judentum und Judenheit unlergehen, dies ist für mich überhaupt unfaßbar, und aus diesem Grunde kann ich darauf nicht antworten. Ich bleibe dabei, schließt Redner, ein guter. Jude ist der, der zugleich Zionist ist. — Herr Rosenhein schließt die Versammlung in später Nachtstunde mit Dankesworten an die Anwesenden insbesondere die Zionisten. Er meint, es sei doch gut, wenn zwei Parteien, die soviele Berührungspunkte haben, sich aussprechen und gegenseittg kennen lernen. L. Z. * * 4- Berehrliche Redaktion! . Frankfurt hat die bedeutendste jüdische Gemeinde Deutschlands, und die hiesige Israelitische Religionsgesellfchaft ist die größte, imponierendste und mustergiltigste Vereinigung religiöser Juden in ganz Westeuropa. Als die Centtale jüdischen Denkens und Fühlens soll die hiesige Religionsgesellschaft mit lebhaftem, ftischem Jnrpulse stets thatkräftig vorangehen, wann und wo es gilt, wahrhaft jüdische Interessen zu fördern, doch macht sich leider bei ihr schon seit langer Zeit eine gewisse Stagnation bemerkbar. Man scheint sich eben sehr wohl in den Geleisen zu fühlen, die von einer nun bald verschwundenen Generation gelegt worden sind. (Die Kräfte der Religionsgesellschast werden seit dem Tode des Herrn Baron von Rothschild auf dem Gebiete der Wohlthätigkeit so stark in Anspruch genommen, daß dadurch vielleicht notgedrungen manches Andere leiden muß. D. Nedakt.) Ich möchte heute nur die Lehrthätigkeit des Vereines Mekor Chajim zum Vorwurf meiner Kritik nehmen. Der Verein Mekor Chajim leistet gewiß in einer unermüdlichen Schaffenskraft außerordentlich ziel und nur dankbar ist fein Wirken anzuerkennen; ttohdeni dürfte er innerhalb der ihm gezogenen Grenzen die Resultate seiner segensreichen Thätigkeit bedeutend vergrößern, wenn er seine Lehrweise den veränderten Zeitverhältnissen mehr anpassen würde. Bei dem Ueberluß an Zeit, der früher dem Lernenden zur Verfügung tand, war die Methode, im Talniudunterricht bei jedem Satze — ja oft bei dem einzelnen Worte — stehen zu bleiben, Schritt für Schritt jede Einzelheit, unter Hinzunahme der vorhandenen Komentare, zu beleuchten, vielleicht sehr praklisch; bei der kurzen Zeit, die uns heute zur Verfügung steht, ist die gewöhnlich 5 ständige Beschäftigung mit einer einzigen Talmudseite im höchsten Grade unzweckmäßig, denn sie verfehlt ihren Zweck, dem Schüler ein Verständnis der jüdischen Gesetzgebung zu geben und ihm so jüdisches Bewußtsein einzuimpfen. Meiner Ansicht nach iollte der Lehrer erst den Text glatt durchübersetzen lassen, dann einen durchdachten Ueberblick über die gesamte Materie geben, in der er seine Meisterschaft in der plastischen Gestaltung des Stoffes zu beweisen und so die Kenntnisse und das jüdifche Bewußtsein seiner Zuhörer zu vertiefen hat. Bei weiser, pädagogischer Beschränkung dürste auf die Talmudseite aus diese Weise nicht mehr wie im Durchschnitt eine halbe stunde zu verwenden sein, der Unterricht würde stch lebendiger gestalten und das Interesse der Zuhörer würde zunehmen und es würden so zum Segen des Ganzen fruchtbringendere Resultate erzielt werden, da ja der Verein Mekor Chajim wohl nicht die Aufgabe für sich in Anspruch nimmt. Schriftgelehrte zu erziehen, sondern nur den jungen Kaufleuten Interesse für unser jüdisches Gesetz einpflanzen will. Verus. AemKeton. (Nachdruck verboten). Aus unfern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Was wollen Sie mir sagen?" fragte dieser befremdet. „Aber meine Frau darf es nicht erfahren, um keinen Preis." „Reden Sie doch keine Thorheiten, der Arzt ist kein Herumträger. Wso?" „Ich habe mich heute Nachmittag über Felix geärgert, ich war ohnehin schon ärgerlich, und da —" er stockte. „Nun, und da?" „Und da habe ich ihm in meinem Unmut — oder vielmehr in der Wut zwei, ich fürchte allzu wuchtige Ohrfeigen gegeben." Der Arzt preßte die Lippen aufeinander. „Dann ist meine Diagnose zweifellos richtig." „Glauben Sie, daß Gefahr vorhanden?" Der Sanitätsrat zuckte die Achseln. „Ich muß den Patienten sehen." Beide begaben sich hinauf in das Zimmer des Knaben. Die Mutter saß an seinem Bette und legte ihm feuchte Tücher auf den Kopf, die sie auf dem Eise gekühlt hatte und schon nach wenigen Minuten dampfend von der Sttrn des Kranken nahm. Der Sanitätsrat nickte zustimmend: „Das ist das Beste, was sich thun läßt, oder vielmehr vorläufig das Einzig:. Ich werde jedoch cinen barmherzig n Bruder herschicken, denn die Eistücher müssen unaufhörlich fortgesetzt werden, die ganze Nacht hindurch." „Ich werde sie ihm unaufhörlich machen," versicherte die Mutter. Der Sanitätsrat blickte mitleidig lächelnd zu-ihr nieder. „Daß Sie die Absicht haben, bezweifle ich nicht und es ist Luch möglich, daß Sie es die eine Nacht austzalten. Wer dann werden Sie morgen so erschöpft sein, daß Sie nicht im Stande sein werden, die weitere Pflege auch nur zu beaufsichtigen, was doch unbedingt notwendig sein wird. Also ich denke. Sie sind einverstanden, daß ich Ihnen einen zuverlässigen. Krankenpfleger schicke," < -

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