Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 13 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Xr. 18. „Gewiß sind wir einverstanden." versicherte Kohn, „Wolken Sie nur alles Erforderliche anordnen, Herr Sanitätsrat, es ist unser einziges Kind —" „St, st!" Der Arzt winkte dem sich mehr und mehr Aufregenden beschwichtigend zu. „Es wird sich ja mit Gottes Hilfe. schon machen, nur darf nichts versäumt werden." Frau Kohn blickte angstvoll auf den alten bewährten Hausarzt, dieser vermied es jedoch, ihrem Blicke zu begegnen, und ausdrücklich zu fragen getraute sie sich nicht. Ihr Gatte jedoch begleitete den Arzt hinaus und beschwor ihn, ihm die Wahrheit zu sagen, wie er den Kranken finde. „Lieber guter Freund, wenn Sie durchaus Wahrheit Von mir verlangen, so kann ich Ihnen nicht verhehlen, daß die Sache ernst, sehr ernst ist, — aber verloren geben wir sie 'darum doch noch nicht, noch wollen wir das Beste hoffen." Ein Wimmern entrang sich der Brust des reichen Kaufherrn und Plötzlich stürzte ihm ein Strom von Thränen aus den Augen und nur mit übergroßer Anstrengung hielt er ein lautes Schluchzen zurück. Der Sanitätsrat war entsetzt, einen solchen Ausbruch der Verzweiflung hatte er dem ruhigen, eher kalt scheinende Geschäftsmanne nicht zugetraut. „Herr Kohn, ich bitte Sie um's Hiinmelswillen! mäßigen Sie sich, so trostlos steht die Sache ja doch nicht. Das heißt, ich hoffe sogar mit Zuversicht, daß wir den prächtigen Jungen durchbringen werden. Ich habe Ihnen vielleicht unwil.kürlich die Hölle zu heiß gemacht, weil ich mich, offen gestanden, über Ihren Jähzorn geärgert habe. Aber Sie werden sich dergleichen nie wieder zu Schulden kommen lassen, davon bin ich fest überzeugt. Und darum gebe ich Ihnen nochmals die Versicherung, ich hoffe, es wird mit Gottes Hilfe gut gehen. — Mer Sie müssen sich zusammennehmen, schon um Ihrer Frau willen, der Sie Stütze sein müssen. Ich hoffe zwar. Ihnen sofort einen Pfleger schicken zu können, aber mit Gewißheit kann ich es nicht sagen, denn es ist bereits zehn Uhr. Keinesfalls dürfen Sie aber Ihrer zarten Frau während der Nacht die Pflege allein überlassen." „Freilich nicht," flüsterte Kohn, nach Fassung ringend, „aber — aber — ist es in Wirklichkeit Gehirnerschütterung?" Der Sanitätsrat zuckte die Achseln. „Das Gehirn ist angegriffen, das steht sest — und ich kann Ihnen nicht verhehlen, ich fürchte, wir haben es mit einer Gehirnentzündung zu thun. — Mer um Gotteswillen! fangen Sie nicht von vorn an! Sie müssen sich beherrschen und müssen jetzt sofort Ihre Frau bei der Pflege unterstützen. Nehmen Sie sich ein Beispiel an ihr, sie ist ebenso besorgt wie Sie und doch, wie ruhig, wie umsichtig, wie —" „Sie hat es nicht verschuldet," flüsterte der . andere gepreßt. „Das ist wahr, aber gerade deshalb sind Sie um so mehr verpflichtet, alles mögliche aufzubietcn, das, was Sie verschuldet haben, wieder gut zu machen. Das aber können Sie nicht, wenn Sie sich, >vie eben jetzt, einer geradezu unmännlichen Verzweiflung überlassen. — Entschuldigen Sie, daß ich so unumwunden mit Ihnen rede, aber —" Ich habe nichts zu entschuldigen," sagte Kohn, indem er die Hand des Sanitätsrats ergriff und mit seinen beiden Händen preßte. „Retten Sie mein Kind! retten -Sie's um Gotteswillen! und reden Sie zu mir, wie Sie wollen und fordern Sie von mir, was Sie wollen." „Ich kann Ihnen nur nochmals wiederholen, ich hoffe, es wird mit Gottes Hilfe gut gehen. — Daß nichts versäumt wird, davon können Sie überzeugt sein. Ich. werde jetzt mein Möglichstes thun. Ihnen noch heute einen Pfleger oder eine Pflegerin zu schicken, gelingt es mir heute nicht, so müssen wir bis morgen warten. Jedenfalls rechne ich darauf, daß Sie dafür sorgen, daß Ihre Frau sich nicht allzusehr anstrengt, vielleicht wäre einer Ihrer Leute geeignet, sie zu unterstützen?" „Ich gehe sofort hinauf und werde mein Möglichstes thun." „Thun Sie das und lassen Sie nur um's Himmelswillen Ihre Frau Ihre Mutlosigkeit nicht gewahren, ich wiederhole nochmals, ich habe die Hoffnung keineswegs aufgegeben." Der Arzt empfahl sich, Kohn schlich hinauf in's Krankenzimmer, seine Fran saß am Bette, wechselte unaufhörlich die auf dem Eise gekühlten Tücher, die noch rascher als vorhin auf der Stirn des Kranken wann wurden, denn die Hitze hatte sichtlich zugenommen, das vorhin so bleiche Angesicht war jetzt glühend rot, hin und wieder bewegte er auch die Lippen, unverständliche Worte murmelnd. Ter unglückliche Vater hätte laut aufschreien mögen in namenlosem Jammer, aber die Zurechtweisung des Arztes hatte ihren Zweck nicht verfehlt. Er neigte sich zu seiner Frau und flüsterte ihr zu: „Der Sanitätsrat hat wiederholt versichert, daß er das Beste hofft." Sie atmete schwer auf und nickte wie dankend mit 'dem Köpfe, aber sie ließ sich nicht täuschen. Es -war dem - Sanitätsrat gelungen, sofort einen zuverlässigen Krankenwärter zu verschaffen, auf Frankfurter Israelitisches Familienblaü. den sich, nach Versicherung des Arztes, die Eltern vollständig verlassen konnten. Kurz vor Mitternacht traf derselbe ein, trotzdem dachten sie nicht daran, sich zur Ruhe zu begeben. Nur den dringendsten Vorstellungen des Gatten gelang es, seine Frau zu bewegen, sich im anstoßenden Zimmer auf eine Chaiselongue zu legen, während er selbst im Zimmer seines Sohnes blieb, die Pflege desselben zu beaufsichtigen. Ter barmherzige Bruder that sein Möglichstes. Als die Hitze noch zuzunehmen schien, füllte er einen Eisbeutel und ohne den Kranken zu berühren, hielt er den Beutel möglichst nahe über das Haupt desselben. Schon nach kurzer Zeit atmete der Kranke sichtlich erleichtert auf und die Worte, die er vor sich hin murmelte, waren hin und wieder verständlich. Der Vater trat zum Kopfende des Betles und beugte sich lauschend nieder, „Mama," vernahm er, „liebe Mama! — ich muß Dir 'was sagen — ach, ich hab's vergessen! — ich weiß nicht — ich weiß nicht! —" und dann kamen wieder unzusammenhängende Worte und unverständliche. Es war eine grauenvolle Nacht. Gegen Morgen schien eine leichte Besserung cinzutreten und Kohn hatte auch die Genugthuung, seine vollständig erschöpfte Gattin von einem ruhigen Schlummer übermannt zu sehen, er selbst hatte keinen Moment die Augen geschlossen. Als der Sanitätsrat seine Morgegvisite machte, konnte er nur wiederholen, was er am Abend zuvor gesagt hatte, er niachte jedoch dem verzweifelnden Vater den Vorschlag, aus der benachbarten Universitätsstadt einen Professor, Spezialisten für G> hirnkranlheiten, zu berufen. Kohn war selbstverständlich einverstanden und sandte sofort eine Depesche an den ihm bezeichneten Professor. Er hatte sich im Geschäft heute durch seinen Prokuristen vertrete» lassen, im Laufe des Vormittags jedoch ließ ihn der alte Weiman» um eine Unterredung bitten. Weimann war der Senior des Personals und kam als solcher, um sich vor allem nach dem Befinden des Patienten zu erkundigen. Kohn zuckte seufzend die Achseln und erwiderte, daß er den Professor erwarte. „Ich bitte, .Herr Kohn, verlieren Sie nur den Mut nicht. Junge Leute können gar viel vertragen, und Ihr lieber Sohn war doch immer ein kerngesunder kräftiger Knabe, der wird mit Gottes Hilfe schon durchkommen. — Wer was ist noch habe sagen wollen, wissen Sie schon, Herr Kohn, daß fünfzehn von Ihren Leuten ausgeblieben sind?" „Fünfzehn sind ausgeblieben? was geht denn vor?" „Mer erinnern Sie sich denn nicht? — Sie haben ihnen doch gestern eine Rede gehalten, haben gesagt, wer kein gutes Gewissen hat, soll sich bei Zeiten aus dem Staube machen — nun, das haben diese fünfzehn gethan." „Jst's möglich! — Also fünfzehn Diebe haben wir im Hause gehabt, da bin ich Ihnen in der That verpflichtet, Weimann. — Wer ich möchte Sie noch um eine Gefälligkeit ersuchen." „Befehlen Sie über mich, Herr Kohn." „Sie wissen, ich habe gestern den Josef Meier entlassen, er Ivar keck, ich wollte mir das nicht gefallen lassen." „Das weiß ich, aber ehrlich ist der Meier doch." „Daran zweifle ich auch nicht, und gestern ist seine Mutter bei mir g-wesen und — kur', es wäre mir lieb, wenn Sie ihm schreiben oder vielleicht sagen wollten, daß, wenn er wol.te, er wieder eintreten könnte." „Das will ich gern thun, Herr Kohn, Meier wohnt in meiner Nachbarschaft, wenn ich Mittags nach Hause gehe mache ich einen Sprung zu ihm hinauf, lind Sie haben, weiß Gott, recht. Es war eine Tumniheit von dem Meier, daß er keck gegen sie gewesen ist, aber sonst ist er brav und sine Mutter ist auch brav und sie lebt nur von der Unterstützung ihres Sohnes. Ta thun Sie in Wirklichkeit ein gottgefälliges Werk und bas w:l! man ja, namentlich wenn mau einen so teuren Kranken hat." Kohn reichte ihm die Hand. ,.Sie verstehen mich, Weimann, und ich danke Ihnen." Der Professor war dagcwesen. Er hatte die Diagnose des Sanitättrates bestä igt und des en Behandlungsweise nach jeder Richtung h.n gntgch ißen. Auch er hatte dem Vater die Gefahr nicht ve.h h't, in der der Kranke schwebte, hatte jedoch hinzugefügt, daß man den Fall keineswegs als hoffnungslos bezeichnen könne. Mehrere Tage verstrichen, das Befinden des Kranken war wechselnd, bald schien eine leichte Be serung eingetreten, bald glaubte man die Katastrophe unmittelbar bevorstehend. Beide Eltern litten unsäglich, doch war es allgemein auffallend, daß die zarte Frau, die zärtlichste Mutter sich weit ruhiger, weit gefaßter zeigte als ihr Gatte, der, ein. Bild der Verzweiflung, von Tag zu Tag mehr und mehr dahin zu schwinden schien. Freilich, wenn der Kranke oft unruhig war und ohne die Augen zu öffnen „Mama! Mama!" flüsterte, wenn sie sich dann an sein Bett setzte, seine fieberglühende Hand in die ihre nahm und leise streichelte, oder sich, wenn der Umschlag gewechselt wurde, über ihn neigt» und Seite 5. einen Kuß auf seine Stirn hauchte, dann ward er ruhig und zuweilen huschte es wie ein Lächeln über sein entstelltes Gesicht. Wenn aber der Vater zuweilen die Hand des Knaben berührte, dann zuckte dieser zusaminen und ward jedesmal unruhiger. O, wie beneidete der Unglückliche seine Frau wegen der Beweise von Liebe, die sie von ihrem bewußtlosen Kinde empfing — die Hälfte seines Vermögens hätte er darum gegeben, hätte er ihn nur ein einziges mal Papa rufen gehört. So aber verzehrte er sich in unsäglichem Weh. Wieder hatte das Fieber den höchsten Grad erreicht, selbst der Sanitätsrat sprach nicht mehr von Hoffnung. Händeringend rannte der verzweifelnde Vater in seinem Zimmer hin und her und flehte zu Gott um Rettung seines Kindes. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, hastig griff er nach seinem Hut und ohne auch nur einen Ueberrock zu nehnren, eilte er die Stiegen hinunter auf die Straße. Kopfschüttelnd sahen ihm die Leute nach, als er ganz gegen seine Gepflogenheit im einfachen Hausrock dahinrannte. Er sah aber nicht nach Rechts und nicht nach Links, grüßte Keinen und erwiderte keinen Gruß, jetzt hatte er die Ecke der Straße erreicht, bog in eine andere ein und befand sich nach wenigen Minuten vor dem Verkaussladen des Spezereihändlers Vogel. Hastig öffnete er die Thür und trat ein. Ter Spezereihändler, eben im Begriff einige Kunden zu bedienen, war sichtlich überrascht, den stolzen reichen Kaufherrn in seinem ziemlich ärmlichen Laden zu sehen. „Ergebener Diener, Herr Kohn! — Womit kann ich dienen? was verschafft mir die Ehre?" Der Angeredete fuhr sich mit seinem Tuche über die Stirn und murmelte einige unverständliche Worte. Er konnte noch nicht sprechen, war noch athemlos von der ungewohnten raschen Bewegung. „Darf ich mir erlauben, mich nach dem Befinden des Herrn Sohnes zu erkundigen? Hoffentlich geht es etwas besser —" Kohn schüttelte verneinend den Kopf. „Nein." stammelte er, „nein — es geht nicht gut. — Deshalb — seinetwegen möchte ich mit Ihnen sprechen, Herr Vogel." „Ich stehe sofort zu Diensten. Bitte, bemühen Sie fich hier herein, ich komme sogleich." Er geleitete ihn bei diesen Worten in das anstoßende Wohnzimmer, reichte ihm einen Seffel und versicherte, sogleich wieder da zu sein. Kohn ließ sich nieder und blickte unwillkürlich in dem einfachen freundlichen Raume umher. Das Zimmer war leer, aber da öffnete sich von der entgegengesetzten Seite eine Thür, die kleine Fannt trat ein. Ueberrascht blieb sie einen Moment auf der Schwelle stehen als sie den Fremden erblickte, dann aber trippelte sie zwar schüchtern aber doch nicht gerade besangen auf ihn zu. (Fortsetzung folgt.) Aus dem Geschaftsleben. Die Firma Josef Pleser, Cranachstr. 5, bringt unter dem Namen Gesundheits - Hafer-Zwieback ein ges. gesch. Nahrungsmittel in Handel. Dieser Zwieback, welcher ohne jegliche Beimischung animalischen Fettes und ohne Milch hergestellt wird, wird von ärztlichen Autoritäten als ein komplettes Nahrungsmittel zur Entwickelung, Fördenmg des Stoffwechsels. Kräftigung des menschlichen Körpers bei Kindern und Erwachsenen empfohlen. Der Zwieback wird nach ganz neuem Backverfahren hergestellt und ist ein beliebtes Genußmittel. Ausführliche Prospekte versendet die Firma kostenlos. Briefkasten. B. Ueber den Bortrag des Herrn Dr. Heinemann werden wir in der nächsten Runnner berichten. M. Auch den Bericht bezüglich der Ueberreichung einer Adresse seitens des Schulrates der Volksschule von Herrn Meier Selig Goldschmidt als Vertreter der Familie Goldschmidt müssen wir wegen Raummangel bis zur nächsten Nummer zurückstellen. Wachen-Kalender. Sabbath-Anfang: 4 Uhr 50 Minuten. Sabbath-Ausgang: 6 Uhr 5 Minuten. Wilhelm Glücklich Gegr. i| Schillerstrasse 4, K Gegr. 1879.!| Frankfurt a. "W. 1879. Immobilien, Hypotheken.