Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 13 (30.1.1903)
- Date
- 1903-01-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. heit nicht mehr Pathe steht, wenn man in nichtjüdischen Kreisen anfängt, den Juden als einen Menschen zu betrachten, der wie andere Menschen von den Verhältnissen, die auf ihn einwirken, geformt und gebildet wird, dann darf sich die Gesamtheit gratulieren, da bei den .schon so schwierigen sozialen Fragen der Jetztzeit jedes den klaren Blick verwirrende Moment den größten Schaden anstiften kann. Das Verlangen des Verfassers, den Ritualmord vor einem Forum gelehrter christlicher Persönlichkeiten endgiltig aburteilen zu lassen, ist freilich zwecklos. Erstens haben die angesehenstenKirchenfürstenund die bedeutendsten christlichen Gelehrten längst die absolute Unmöglichkeit des Vorhandenseins eines Ritualmordes beteuert und nachgewiesen und dann will der Antisemitismus in seiner demagogischen Gehässigkeit nicht belehrt sein. Wir lassen nunmehr den Artikel selbst folgen: Das jüdische Volk ist im Altertum das meist gehaßte und unterjochte gewesen. AuS dem Vaterlande vertrieben und nach allen Weltgegendcn geflüchtet und zerstreut, wurden die Juden in ungesunde, abgeschlossene und verachtete Stadtteile (Ghetto) und meist auf Erwerb im Handel verwiesen. Es gab häufig gesetzlich hervorgerufene Gelegenheit, das Wort: „Ter Jude wird verbrannt" zur Thatsache zu bringen. Die Schandthaten der Ehristcn sind nun freilich eingestellt und die Zeiten haben sich für die Juden gebessert, aber es wird ihnen Dies und Jenes, als nur ihnen verächtlich anhaftend, vorgeworsen, besonders die Uebcrvorteilung Andersgläubigen gegenüber. Wo sängt aber Uebervorteilung im Verdienst an, von dem man im Handel und Wandel doch leben muß; wo fängt die Uebcrvorteilung überhaupt auch bei anderen Erwerbszweigen an? Jeder Gegenstand und jede Leistung hat einen Wert, der durch Nachfrage und 'Angebot bedingt wird, so auch in den Handwerken, Künsten und Wissenschaften. Für ein Kunstwerk giebt es keine Uebervortcilung, ebensowenig sür eine wissenschaftliche Leistung, z. B. sür eine Operation, wobei sogar nur der Patient ein Risiko hat, uäinlich für sein Leben. Im Handel hat doch der Verkäufer oder Fabrikant auch zu riskieren, seine Ware nicht los zu Iverden. Wer als Arier (wie Unterzeichneter) im Handel gearbeitet hat, besonders mit Geldwerten im Wechsel-, Bank- und Börsengeschäft, hat viel mit Juden zu thun gehabt und wird gefunden haben, daß Unredlichkeit bei ihnen nicht mehr anzutrefsen ist als bei den Christen. Bon einer Partei wird nun besonders wieder in neuer Zeit den Juden der „Ritualnwrd" als Schandmal vorgeworfen. Es ist demnach hoch endlich erforderlich, über das Wahre und Unwahre dieser Beschuldigung allgemeine Klärung durch wissenschaftliche Untersuchung nach beiden Richtungen vorzunchmen und zu verbreiten. „Durch Klarheit zur Wahrhut," das ist ein guter Lehrsatz. Reiflich überlegen, erwägen mit ruhiger Besonnenheit, um zum richtigen Urteil zu gelangen. Mit Schimpfen auf einander, d:.s weder bei den Auserwählten des Volkes in PaAamcnten noch bei den hochgebildeten Gelehrten in Zeitungsfehden geeignet ist, gelangt man nicht zum Ziel. Es mag im nun Folgenden spöttisch belächelt werden, daß der Unterzeichnete als Arier in der Zergliederung des Wortes „Ritualmord" von hinten anfängt, also von rechts nach links, wie die Juden hebräisch lesen. Doch geschieht cs lediglich, weil die Hauptsache die Beschuldigung des Mordes ist. Jeder gutgläubige Christ muß tvie die Juden wissen, daß es in den beiden Religionslchren huligen zehn Geboten nach wortgetreuer richtiger Uebersctzung verordnet ist: „Du sollst nicht morden!" Es bedarf daher keiner weiteren Auseinaildersetzung, daß den Juden wie auch den Christen der Mord entschieden, ohne jede Ausnahme verboten ist, demnach a so auch der „Ritualmord", und zwar noch auf folgenden Gründen. In den 5 Büchern Moses, dem israelitischen Gesetzbuch, ist der Genuß von Blut der Tiere auss Strengste untersagt. Das Blut der Menschen zu genießen, wie es bezüglich des Ritualmordes behauptet wird, ist demnach gelinde gesagt: widersinnig. Tie Angabe, daß es von einer jüdischen Sekte aus geführt wird, ist ebenso erlogen, weil es bei den Juden keine Seiten giebt. Das jüdische Glaubensbekenntnis, auch das Per freien Richtung, ist auf der ganzen Erde gleich. Soweit Ansicht des Laien. Nunmehr werden die sachverständigen Gelehrten über den „jüdischen Ritualmord" zu urteilen gebeten, gleichviel, ob sie sich sür oder gegen aussprechen. Tie gewonnene begründete Ueberzeugung eines jeden Ehrenmannes ist zu achten. Am einfachsten wäre es, die Herren Rabbiner zu befragen, die unbestritten gut das .Hebräische kennen; aber es könnte behauptet werden, und zwar Von skrupulösen Männern, daß jene nicht Alles aussagen, was sie davon wissen. Demnach ist es ratsam, andere Sachverständige zu bitten, sich 51t äußern. Die Gerichtsverhandlung in Berlin am 11. November vorigen Jahres hat den Ritualmord nur gestreift, Ivie dies aus den Zeitungsberichten ersichtlich ist. Aber die Wahrheit über den jüdischen Ritualmord muß endlich zum vollständigen Äustrag kommen. Es sei deshalb hiermit öffentlich die ergebene, auch privatim folgende Bitte um gütige Beteiligung gerichtet an: 1. den katholischen Kanonikus Professor Dr. Rohling in Prag. 2. den protestantischen Professor der Theologie Dr. Strack in Berlin, ihre begründeten Ansichten über den „jüdischen Ritualmord" schriftlich oder gedruckt einsenden zu wollen, an 3. den Herrn Erzbischof, Grafen Szepitzki in Lemberg, der hebräisch spricht und schreibt und eine anerkannte Autorität in dieser Sprache und Litteratur ist. Dieser Herr wird dann gebeten, über die beiden Nachweise seine Urteile abzugeben und diese mit den beiden Nachweisen an das Seminar für orientalische Sprachen in Berlin, als unbeteiligtes amtliches Institut, zur gefälligen Verwertung gütigst zu senden. — Wie der mittelalterliche Aberglaube an Hexen unter Gebildeten ausgerottet werde, so ist es auch für den Glauben an jüdischen Ritualmord zu wünschen. Wenn er als erdichtet nachgciviesen ist, so sollten Belehrungen seitens der Herren Lehrer und Geistlichen aller Konfessionen weiterverbreitend helfen, damit das leicht zu erregende Volk nicht inehr durch diesen Aberglauben fanatisiert wird und Gerüchte entstehen, wie in kanten uitd Könitz und daraufhin sogar Meineide geschworen werden Derartige Exzesse müssen endlich aushören, damit Friede und Eintracht unter Bürgern verschiedener Religionen herrsche. — Bei den Chinesen besteht der Volksglaube, daß die christlichen Missionare den chinesischen Kindern die Augen ausstechcn, um diese zur Zauberei zu benutzen. — „Durch Klarheit zur Wahrheit," das ist der Zweck des Vorstehenden. Monte Carlo. W. A. Securius. Aus a1Xev WeLI. Deutschland. Berlin. Kein hebräischer Unterricht in den jüdischen Gemeindeschulen. Das Provinzialschulkollegium hat in einem Schreiben an den Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde die Ablehnung der Aufnahme des Hebräischen in den Lehrplan sür den jüdischen Religionsunterricht in der Volksschule verfügt. Der betreffende Erlaß lautet im wesentlichen: »Gegen die Aufnahme des Hebräischen in den Religionsunterricht der Gemeindcschulen sind von der gesamten städtischen Behörde grundsätzliche Bedenken geltend gemacht. In Würdigung dieser Bedenken können auch wir uns der Erwägung nicht verschließen, daß die Einführung eines Unterrichts im Hebräischen über die Ziele, die der Volksschule gesteckt'sind, hinausgreifen würde. Wir verkennen dabei nicht, daß die Entscheidung der Frage, ob und inwieweit der bezeichnele Unterricht als ein wesentlicher Teil des jüdischen Religionsunterrichts auzusehcn ist, nicht von uns, sondern von dem Vorstande der Jüdischen Gemeinde zu treffen sein wird, aber selbst wenn wir uns auf den Boden der dortseits in der Frage vertretenen Auffassung stellen, müssen wir daran festhalten, daß es nicht Aufgabe des Bolksschulunterrichts sein kann, durch Aufnahme des hebräischen Unterrichis Ziele zu verfolgen, die sich nicht mehr in den der Volksschule gezogenen Grenzen bewegen. 'Aus diesem Grunde wird es Sache der jüdischen Kultusgemeinde sein müssen, für den Unterricht im Hebräischen durch Errichtung besonderer Kurse Sorge zu tragen “ Des weiteren wird noch betont, daß auch in jüdischen Kreisen vielfach auf den Unterricht im Hebräischen kein Gewicht gelegt wird. Berlin, 23. Jan. Dem dritten Jahresberichte des »Vereins für Stellenvermittlung und Versicherung gegen Stellenlosigkeit" (Schomre Schabbos» Berlin, Bureau: Große Hamburgerstraße 18/14 entnehmen wir: Der Rückblick auf das verflossene Jahr gibt dem Unterzeichneten Vorstand Veranlassung, nicht bloß in kurzen und knappen Zahlen sein Arbeitswerk den verehrten Mitgliedern und Gönnern mitzuteilen, sondern neben dem Dank ftir die treue Unterstützung auch an diejenigen unserer Glaubensgenossen, die bisher unserem Streben wohlwollend, aber unbeteiligt gegenüber standeu, die herzliche Bitte zu richten: Tretet unserem Verein bei, wenn auch mit kleinen Mitgliederbeiträgen. Wir kämpfen anders, als so viele andere Vereine: nicht blos für materielle Güter, wir kämpfen auch für ein Ideal, und zwar für das Ideal, welches am meisten den heutigen Juden verloren zu gehen scheint — für den Sabbat. Was war der Schabbos früher und was ist er heute? Der sog. .Kampf um's Dasein" schätzt die materiellen Güter höher ein. als die Ueberzeugung, den Sabbat halten zu müssen, und dieser wird als der leichter Entbehrliche oft ohne Kanipf aufgegeben. Ratlos und thatlos sehen die Meisten unter uns zu und glauben: .Das ist nicht mehr zu ändern, der «abbat geht allmälig verloren," Dem ist aber nicht so. Schon unsere Zahlen beweisen, daß unsere Thätigkeit notwendig und von Nutzen ist. So mancher unter den Hundert durch uns in Stellung Gebrachten hätte vielleicht ohne nnser Zuthun den Sabbat aufgegeben. Aber wir könnten viel, viel mehr leisten, wenn uns von all' den Seiten, die den Sabbat für einen untrennbaren Bestandteil des Judentunrs halten, Unterstützung zu Teil würde. Unsere Mitgliederliste sollte ein Spiegelbild der Kreise sein, die diese ihre Ueberzeugung zum Ausdruck bringen wollen. Wer darin fehlt, der hält unseren Kampf für zwecklos und scheut selbst das kleine Opfer, das er seinerseits zur Erhaltung des Sabbat-Ideales beitragen könnte. Wir mußten, wie alle Vermittelungs-Vereine, einen regen Briefwechsel mit ca. 850 hiesigen und auswärtigen, am Sabbat geschlossenen Firmen unterhalten und verwenden dazu fast unseren gesamten Etat. Wir plazierten im Jahre 1802 89 Personen, und zwar: 31 männliche und 18 weibliche Bewerber. Hiervon entfielen : 86 Stellen auf Berlin, 13 auf Auswärts. Dem Berufe nach verteilen sich diese auf: 71 kaufmännische und 28 gewerbliche Stellungen. Es waren gegen Stellenlosigkeit 18 Mitglieder, mit einem Bersicherungskapital von Mk. 10 440 und jährlichen Polizenbeittägen von 174 Mk., versichert. Bon dieseir traten 7 im Laufe des Jahres aus, während 2 neue Versicherte hinzukamen. Nürnberg. Wegversetzung israelitischer Lehrer von der Simultanschule. Wie der .Fränkische Kurier" mitteilt, drängt die Regierung auf die Wegversetzung der zwei israelitischen Lehrer von der Siinultanschule. Bisher lehnte der Magisttat ein kürzlich gestellles gleiches Verlangen der Regierung ab. Frankreich. Paris. Die uralte Sttaße »Rue des Juifs" (Judenstraße) unweit des Rathauses ist in .Rue Ferdinand Duval" umgetauft worden. Der bisherige, Name der Sttaße datiert noch von der ersten Niederlassung der Juden in Paris. Bekanntlich war es schon inr fünften Jahrhundert in Paris den Geistlichen verboten. bei Juden zu speisen, ein Beweis dafür, daß in Paris zu dieser Zeit schon Juden seßhaft waren. Obgleich die Jtiden niehrereinale aus den jranzösischcn Provinzen vertrieben wurden, hat cs in Paris doch immer Juden gegeben. Das Zentrum dieser Judenansicdlung bildete die Rue des Juifs. Rußland. Petersburg. Der D irig i erend eS enat hat eine Erklärung veröffentlicht, daß Personen jüdischen Glaubens nach einem eventuellen lleberttitt znnr Islam nicht das den Muhammedanern zugestandene Recht einer fteien Wahl ihres Wohnortes im gleiche genießen. Zum Islam übergettetene Inden bleiben in ihrem Wohnrecht ebenso beschränkt, wie ihre ursprünglichen Glaubensbrüder. Charkow. Wie groß die Berarnrung der Juden in Rußland ist, kann man aus folgender Thatsache ersehen, welche die rein russische Zeitschrift .Wjestnik Juga" (Bote des Südens) in einer ihrer jüngsten Wummern mitteilt. Danach wurde das jüdische Bethaus der Aschkenasim zu Charkow von der Charkower Bodenttedil-Bank zur öffentlichen Versteigerung bestimmt, weil das Bethaus nicht imstande war, die Rate zur Tilgung seiner Schuld bei der Bank zum festgesetzten Termin einzuzahlen. Und die Rate bettug im ganzen die Summe von 150 Rubeln! Die jüdischen Einwohner von Charkow, welche einst zu den wohlhabenden Bürgern der Stadt zählten, sind im Laufe der Jahre materiell so heruntergekommen, daß sie ihr Heiligtum der öffentlichen Lizitation verfallen sehen, ohne die nötige Sumnie beibringen zu können. Sie apvellieren jetzt an den Wohlthätigkeitssinn der Juden in Rußland, um ihr Gotteshaus der Bersteigerutig entziehen zu können. Afrika. Marokko. Dem Madrider..Heraldo" wird aus Melitta gemeldet: Die Juden, welche von dem Prätendenten zur Zahlung von 8000 Duras verurteilt worden waren, sandten eine Abordnung zu letzterem, uni den Erlaß der Sttafe zu erwirken, die Delegation ist jedoch bishernicht zurückgekehrt; man vermutet, daß sie ermordet worden ist. _ Eingesandt. (Für diese Rubrik übernehmen wir keine redattionelle Verantwortung.) Verehrliche Redaktioir! Die Fortsetzung der zionistischen Diskussion im »Nachlaß-Zwi" fand am 14. des Monats unter gleich großer Beteiligung statt. Der erste Redner, Herr Bankier Wolf, meint, der Umstand, daß die Führer der Zionisten keine Religionsjuden sind, bilde kein Hindernis zum Anschluß gesetzestteuer Juden. Seiner Ansicht nach ist der einzige Weigerungsgrund, daß der Zionismus eine Utopie sei. Jni Uebrigen verweist er auf das alte jüdische »Rachmonus", das auch jetzt noch bei jeder Gelegenheit sich bewähre. Herr Cohn schilderte nun. wie die Wiener Allianz mit den unglücklichen rumänischen Juden verfahren ist. Wie diese sogenannten Glaubensgenossen es fertig gebracht haben, gegen diese schutzsuchenden hilflosen Wesen ärger als mit Sklaven umzugehen, denn die Thora gebietet, »du sollst den geflohenen Sklaven nicht seinem Herrn ausliefern!" Diese Herrn aber haben es nicht nur gethan, sie haben es auch noch in grausamer Weise vollführt, sodaß einige von den Bedauernswetten vor dieser Art von »Rachmonus" in den Fluten der Donau Schutz zu finden versuchten. Es haben sicherlich viele barmherzige Stammesbrüder nach Kräften gespendet, aber abgesehen davon, daß solche Hilfsmittel bei derartigen Katastrophen nicht ausreichen, wurden sie noch obendrein herzlich schlecht verwaltet. Die Leute wurden, bevor man sie mit Gewalt abgeschoben, einfach auf dem Pflaster gelassen, und hätten sich ihrer die zion. Studenten Wiens nicht angenommen, die von Haus zu Haus gehend Nahrung, Kleider und Geld sammelten,' die Armen konnten verhungern. Nein