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Neue jüdische Presse · 1903-01-23 · Heft 12 (23.1.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 12 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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; .Nr. .12. Aus aller Well. Dentschland. Berlin. Die Fortschritte in einigen Branchen des Berliner Geschäftslebens ersieht man aus der Zusammensetzung der Fachausschüsse, die von der neuen Berliner Handelskammer gebildet worden sind. Im Fachausschüsse für Konfektion findet sich unter 17 Mitgliedern ein Nichtjude, im Fachausschüsse für Wäschefabrikation unter 17 Mitgliedern ebenfalls ein Nichtjude, der Fachausschuß der Textilindustrie hat unter 24 Mitgliedern nur etwa 6 Nichtjuden. Auch in den Fachausschüssen für Agenten, für den Ausfuhrhandel, für Verkehr und Spedition überwiegen die Juden. Mit einer Ausnahme sind alle Vorsitzenden und alle stellvertretenden Vorsitzenden Juden. Ratibor, 15. Januar. Der Rabbiner Dr. Blumenthal ist heute früh 5 Uhr nach kurzem, schweren Leiden im Alter von 40 Jahren gestorben. Am Dienstag Vormittag war er noch amtlich thätig. am Abend erkrankte er an Darmverschlingung, gestern Nachmittag wurde, wie der Rat. Anz. mitteiit, von Professor Tietz aus Breslau eine Operation vollzogen; der operative Eingriff war vergeblich, der Erkrankte war dem Tode verfallen. Die jüdische Gemeinde verliert in dem Dahingeschiedenen einen Lehrer, an dem sie mit höchster Ehrerbietung hing. München, 14. Jan. Die Beschwerde von zwei Mitgliedern der israelitischen Kultusgemeinde in Augsburg gegen den Beschluß des Stadtmagistraies daselbst wegen erhöhter Umlagenzahlung für den Synagogenneubau wurde als unbegründet kostenfällig verworfen unter Festsetzung der Beschlußgebühr auf 20 Mark. Nach den Entscheidungsgründen steht die Berechtigung der Kultusgemeinde zur Erhebung von Umlagen für Kultuszwccke außer Frage, wie der Gerichtshof bereits in einer Reihe von Entscheidungen sich ausgesprochen hat. Der Gemeinde steht zur Deckung ihrer Kültüsbeüürfnifse Finanzgemalt nut Besteuerungsrecht zu. Diese Befugnis leitet sich aus altem Gewohnheitsrechte ab in Uebcreinstimmung mit dem Judenedikte vom 10. Juni 1613. Zu den Kultuszwecken gehört selbstverständlich auch die Unterhaltung einer der Würde und dem Zwecke ihrer Bestimnuing entsprechenden Synagoge. Hirschberg, 2. Januar. In unserer Zeit der Intoleranz berührt die folgende Zuschrift eines evangelischen Pastors an den »Boten nutz dem Riescngcbirge" sehr wohlthuend. Die. Zuschrift lautet: »Am 18. Februar nächsten Jahres wird Herr Pastor Dr. lic. Schian aus Görlitz im großen Saale des „Kronprinzen" einen Vortrag halten über Nietzsches Philosophie und Religion. Die Veranstalter des Vortragsabends sind hie Herren Rabbiner Dr. Biram, Stadtpfarrcr Forche und Pastor Gebhardt. Warum diese drei Herren einen Vortragsabend über Nietzsche gemeinsam veranstalten, erklärt sich daraus, daß sie sich als Bundesgenossen fühlen gegenüber einer Anschauung, der.zufolge sowohl der Gottesglaube als auch die christliche Sittlicbkeit bczw. edle Menschlichkeit als abgethan gelten soll. Immerhin, daß der jüdische Rabbiner, der katholische Pfarrer und der evangelische Pastor gemeinsam zu einem Bortrage einladen. läßt noch etwas anderes erkennen: die echte Toleranz, welche trotz des sachlichen Kampfes um die persönliche Herzenswahrheit die Achtung vor der Person behauptet, bei allem Trennenden das Gemeinsame betont und über die Schranken des Eigenglaubens hinweg die Herzen miteinander verbindet zu gemeinsamem Wirken. Oesterreich-Ungarn. Budapest. Im A b g e o r d u e t e u h a u s e führte der Ministerpräsident Szeil zur Einwanderungsvorlage aus, daß er bei der Einbringung der Vorlage wohl darauf gefaßt gewesen sei, Angriffen zu begegnen, welche besagen, daß die Regierung sich eine übermäßige diskretionäre Gewalt vindiziere und mit gewissen doktrinären liberalen Gesichtspunkten in Widerspruch gerate. Er habe sich aber durch diese Bedenken nicht abhalten lassen, denn er sei der Ansicht gewesen, daß das eingewurzelte Uebel, wovon die Rede ist, mit Zuckerwasser und Limonade nicht kuriert werden könne. lZusiimmung rechts) .Darauf sei er aber nicht gefaßt ewesen, daß' die Vorlage gerade, die Volkspartei, welche ie, Folgen der Einwanderung stets allzuschwarz aufgetragen hat,, zur Gegnerin haben werde'. lZusiimmung rechts.) Uray gegenüber bemerkt Redner, daß es immerhin noch besser sei, spät als gar nicht deni Uebel entgegenzutreten.. Im" Interesse jener sozialpolitischen und nationalen Gesichtspunkte, die Redner durch die Vorlage Sewahrt wissen möchte, wäre es freilich besser gewesen, :üher zu kommen. - Auch gewisse gehässige Schlagworte hätten gewiß nicht so zugcspitzt werden können, wenn die Vorlage früher unterbreitet worden wäre, denn es steht gerade , im Interesse des ungarischen Judentums, des ein. so'wertvolles Element unserer sozialen und wirtschaftlichen Gesellschaft bildenden ehrlichen und patriotischen Judentums, das dem Einströmen der in Rede stehenden Elemente ein Damm entgegengesetzt werde. Es giebt in diesem Lande Wohl kaum , einen aufgeklärten Ungar mosaischen Glaubens, der mit den -Tendenzen, dieser Vorlage nicht einverstanden wäre. lLebhafter Beifall rechts.) Eben darum sei es auch schade, .Gesichtspunkte für die Annahme oder Ablehnung Frankfurter Israelitisches Familienblatl. der Vorlage in die Debatte zu tragen, wie solches seitens Zboray's und Buzath's geschah, die, wenn auch verhüllt, sich beeilten zu erklären, daß sie den ehrlichen Juden mögen und in ihrer Kritik dennoch konfessionelle ja sogar direkt gehässig antisemitische Töne anschlugen. Die wahre liberale Auffassung hat sich niemals darum zu kehren, ob sie hie und da gegen doktrinäre Gesichtspunkte verstoße. Der Effekt dieser Vorlage soll gegen das Hereinströmen gewisser galizischer und russischer, in den nordöstlichen Teilen Ungarns vagierender noch immer als ausländisch und freind erachteter Elemente (Rufe bei der Volkspartei: Juden!) gerichtet sein. Der Unterschied ist nur. daß diese Vorlage weder den Prämissen noch den Konklusionen der Redner der Bolkspartei entspricht und daß sie gegen die betreffenden Elemente gerichtet ist. nicht deshalb, weil sie Juden sind, sondern weil sie nicht hierher gehören, sondern im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und nationalen Leben des Landes^ verdächtige Elemente sind, die abgestoßen werden müssen. (Stürmischer Beifall rechts.) Und darum genügt es nicht, zu sagen, ich mag den ehrlichen Juden sehr wohl, sondern man muß sich auf den Standpunkt stellen: alle guten Patrioten und Ungarn sind unsere Mitbürger, mögen sie welchen Glaubens immer sein. (Stürmischer Beifall rechts.) Visontai gegenüber bemerkt Ministerpräsident Szell, der die Auswanderung der Juven aus Rumänien zur Sprache gebracht und gefragt hat. warum Ungarn gegen das Vorgehen Rumäniens nicht protestiert, bemerkt der Minister, daß er sich bereits wiederholt darüber geäußert habe, wie sehr er die großen Dimensionen beachte, in weichen in den letzten zwei-drei Jahren die Juden Rumäniens auswandern. Es wurden sehr detaillierte und wirksame Maßnahmen getroffen, damit nur Jene über die Grenze zu uns herein gelangen können, die nachzuweisen vermögen, daß sie nicht in Ungarn verbleiben. sondern Weiterreisen wollen, und die im Besitze von Fahrkarte und Reiscspesen sind. Die ganze Truppe wurde von Orsova herwärts unter ständiger Kontrolle gehalten und sozusagen in geschloffenen Waggons über die Grenze befördert. Was die Haltung Rumäniens gegenüber dem Berliner Vertrag betrifft, so glaube ich nicht, daß Rumänien in diesem Belange ein begründeter Vorwurf treffen könnte, da es seine bestandenen legalen Beschlüsse dem betreffenden Punkte des Berliner Vertrages entsprechend umgestaltet hat. Daß hernach vielleicht ein oder das andere geschehen ist, was die Maffenauswanderung zur Folge haben konnte, das ist eine Frage, in deren Erörterung ich nicht einzutreten wünsche. (Beifall rechts.) Ich glaube übrigens, daß Rumänien Vieles davon, was hier als Beschwerdepunkt angeführt worden ist, saniert habe. Unter allen Umständen ist dies jedoch eine innere Angelegenheit Rumäniens, in welche ich mich absolut nicht einmischcn will (Beifall), da, wie ich weiß. Rumänien sich den Bestimmungen des Berliner Vertrags nicht widerletzt, sondern denselben angepaßt hat. Redner empfahl nach alledem die Vorlage zur Annahme. (Lebhafter Beifall und Eljenruse rechts und im Zentrum.) Das Haus nahni hierauf die Vorlage im Allgemeinen an und vertagte die Spezialdebatte auf Montag. Budapest. Der Budapester Magistrat beschloß jüngstens, an jeder Kommunalschule der Hauptstadt ein Kinderheim zu errichten. Hier sollen nämlich jene armen Kinder während des ganzen Tagen beaussichtigt werden und die Kost gratis erhalten, deren Eltern tagsüber in der Arbeit sind. Es sind aber unter den Kleinen sehr viele Juden, die auf Wunsch ihrer Eltern nur Koscheres essen wollen. Der Magistrat ordnete nun an, diesem gerechten Verlangen strengstens nachzukommen. Preßburg. Einen Erfolg der hiesigen Zionisten bedeutet der Beschluß der Repräsentanz der orth. isr Gemeinde wegen Aufnahme des Nationalfondes in die Reihe derjenigen Vereine, für welche im großen Tempel gespendet werden darf. Großbritannien. London, 10.Jan. Das ausländische Element ist letzthin in den englischen Gerichtshösen mit Bezug auf Verbrechen der verschiedenilichsten Art —Diebstahl. Raub, Einbruch, Mordversuche, Falschmünzerei u. s. w. — in ganz ungewöhnlich großer Zahl vertreten gewesen. Unter den vor den Londoner Gerichten erscheinenden Angeklagten sind im Durchschnitt nicht weniger als 18 v. H. Ausländer. Leider sind die Deutschen nicht unbedeutend in der Verbrecherwelt der britischen Hauptstadt vertreten Am meisten aber geben der Londoner Gerichtsbarkeit und Armenunterstützung die polnischen, russischen und rumänischen Juden zu schaffen, die seit Jahr und Tag ununterbrochen in starken Kontingenten und mit schwachen Mitteln auf englischem Boden landen und jetzt ganze Stadtviertel im Ostende Londons einnehmen, so daß in einzelnen Straßen kein einziger englischer Bewohner mehr zu finden ist. Man wird sich einen Begriff von der. Stärke der Einwandenmg machen können, wenn wir erwähnen, daß sich im Dezember vergangenen Jahres 5525 Ausländer—wovon 2982 auf London entfielen — in England ansässig machten. Im ganzen Verlaufe des Jahres 1902 betrug die Zahl der Einwanderer 8l 402, während sie sich im Jahre 1901 nur auf 70610 (immerhin auch eine beträchtliche Höhe) belief. Indes dürfte in Wirklichkeit der jährliche Zuwachs an Ausländern in England noch größer sein, denn von den europäischen Auswanderern — 118466 im Jahre 1902 —, die in cng- S^te 3. lischen Häfen „en route nach überseeischen Ländern" landen, bleiben — außer den vorerwähnten Einwanderungen — Tausende wegen Mangels an Reisemitteln auf englischem Boden ntzen und vermehren in den großen Städten das Heer der „völlig Unbemittelten" und der Verbrecher. In der Londoner Stadtgemeinde St. George's East allein werden im Durchschnitt jährlich tausend Ausländer auf Kosten der Steuerzahler unterstützt, und die Polizeigerichtsoerhandlungen in allen Londoner Stadtgemeinoen. namentlich den ärmeren, legen, wie gesagt, Zeugnis davon ab, wie stark die Zahl der ausländischen Verbrecher ist, die sich die Fünfmillionenstadt als Arbeitsfeld aussuchen. Verschiedene Richter haben sich daher in den letzten Tagen beiAburtheilungen von Ausländern zu der Erklärung veranlaßt gesehen, daß es für die Regierung an der Zeit sei, durch ein neues Gesetz dem „Abschaum des Kontinents" die Thür zu schließen und nur noch diejenigen Eleniente hereinzulassen, von denen anzunehmen wäre, daß sie dem Lande nicht als Bettler oder Verbrecher zur Last fallen würden. Die Agitation gegen die Einwandcrungsfreiheit wächst mit jedem Tage. An 60 Parlamentsmitglieder haben sich verpflichtet, auf die Regierung einznwirkcn, daß sie die Frage als dringlich behandle, und 43 Arbeiterorganisationen, 14 Londoner Armenpflegeämter und 16 örtliche Behörden haben neuerdings Proteste gegen die unbeschränkte Zulassung des „europäischen Auswurfs" eingereicht. Im Ostende Londons richtet sich die Erbitterung der englischen Arbeiter im besonderen gegen die jüdischen Einwanderer aus Polen und Rußland, die zu so unglaublich niedrigen Lohnsätzen arbeiten, daß Tausende von einheimischen Arbeitern beschäftigungs- und brodlos geworden sind. (Bojsische Zeitung.» — Vorstehender Bericht ist ziemlich tlnklar gehalten, denn in wieweit das jüdische Element an den Verbrechen beteiligt ist. kann man nicht ersehen. Der osteuropäische Jude geht aus bitterer Not nach London, während andere 'Ausländer häufig nur die eine Absicht treibt, in dem Strudel der Fünfmillionenstadt zu verschwinden, nachdem ihnen in ihrem Heimatslande der Boden unter den Füßen zu heiß geworden ist. Wir glauben deshalb, daß an den kriminellen Vergehen der Ausländer der osteuropäische Jude verhältnismäßig am geringsten beteiligt ist. Er, der seinem Schöpfer dankt, unter dem Schutze der britischen Regierung wenigstens frei atmen zu dürfen, sollte auf einmal seine Natur so ändern, daß er aus einem friedliebenden Menschen nun zu einem Verbrecher geworden wäre: — das ist doch nicht gut denkbar! Rumänien. Bukarest, 14. Jan. Die zwischen den Regierungen Ungarns und Rumäniens geführten Verhandlungen betreffend die Auswanderung von Israeliten aus Runiänien haben zu folgendem Ergebnis geführt: Die rumänischen Behörden machen dem österreichisch-ungarischen Generalkonsulat zu Bukarest von jedem an jüdische Auswanderer verabfolgten Auslandspaß Mitteilung. sofern die Auswanderer ihren Weg über ungarisches Gebiet nehmen wollen. Die ungarischen Behörden werden diese Auswanderer genau überwachen und haben das Recht, jeden derselben, der binnen acht Tagen innerhalb Ungarns wegen Mittellosigkeit anaehalten wird, nach Rumänien zurückzubefördern. Ist diese Frist verstrichen, so braucht Rumänien etwaige Zwangs-Rückwanderer nur dann aufzunehmen, wenn dieselben rumänische Staatsbürger waren. — Während der Verhandlungen wurde übrigens festgestellt, daß sich im Laufe des Jahres 1902 nur 21 jüdische Familien aus Rumänien in Ungarn ansässig gemacht haben. Es konnte daher von einer Ueberflutung Ungarns mit mittellosen rumänischen Israeliten, worüber im ungarischen Reichstage wiederholt geklagt wurde, gar nicht die Rede sein. Frankofurtia. Dem Jahresberichte des Vereines „Montefiore" entnehmen wir, daß die Thätigkeit dieses Vereines in der Hauptsache Borträge aus allen Gebieten des allgemeinen und des jüdischen Wissens umfaßt. Es wurden im abgelaufenen Bereinsjahre anläßlich Purim und Chanuka 2 größere Festlichkeiten veranstaltet; auch wurden einige gesellige Zusammenkünfte entriert, doch waren die. letzteren nur spärlich besucht. Der Verein giebt eine Monatszeitung heraus, die bezweckt, das Bereinsinteresse der Mitglieder zu heben In der letzthin stattgehebten Haupt-Versammlung wurden die folgenden Herren neu- resp. wiedergewählt: S. Singer (1. Vorsitzender); Dr. I. Heinemann (2. Vorsitzender); H Ettinger. S. Spangenthal (Schriftführer); W. Mainz. F. Meyer (Kassier); H Rothschild (Bibliothekar); I. B. Levy. I. Löwenthal, A. Mayer, M. Eisenkrämer (Beisitzer). Die Mitgliederzahl beträgt augenblicklich 6 bis 700. Der Verein wird demnächst eine Turnabteilung einrichten. Zum Schluffe bemerken wir noch, daß am Mittwoch, den 28. Januar, abends 9 Uhr. Herr Ch Lipinsky im Bereinshause, Theobaldstraße 5, einen Bortrag über „Die Juden in Rußland" halten wird. Wie die Tageszeitungen nieldcn. spricht Herr Professor Dr. Hilprecht am Freitag, den 23. und an, Samstag, den 24., abends 7 Uhr. im Saale des

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