Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 12 (23.1.1903)
- Date
- 1903-01-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches gamilienblatt. Nc. 12. Gott, denn siehe Deine Feinde, o Gott, richten Deine Feinde zu Grunde, es zersprengen sich selber alle, welche vollbringen, was Unrecht ist" (Ps. 92. 10,) Während dic^ zersetzende Bibelkritik es mit ihrem literarischen Gewigen nicht mehr vereinbaren zu können vorgab, an das Aller unserer biblischen Uttundc zu glauben, weisen? unsere Archäologen gerade das hohe Wer dieser Schriften nach, um darin eine Folie für das noch höhere Alter ihrer ausgegrabenen Funde zu besitzen. Wenn diese archäologischen Bestrebungen gar kein anderes Verdienst hätten, als dieses ihr an der ausschweifenden Bibelkritik vollzogenes Nachrichtentum, so genügte dieser eine Umstand, um ihr unsere Sympathien zu sichern. Aber diese Sympathie könnte uns doch nicht blind für das Vage, Schwierige, Unreife und Unvollendete machen, das zur Zeit allen diesen Bestrebungen anhaftet. Je größer die Hochachtung und je aufrichtiger die Sympathien sind, die man diesen Ausgrabungen von Hause aus mitbringt, um so sicherer wird die Ueberzeugung gefestigt, daß die hier erlangten Resultate noch viel zu fragwürdig, ftagmentarisch und dunkel sind, als daß sie stark genug wären, das fest gefügte Gebäude unserer religiösen Welt- und Lebensanschauung irgendwie zu erschüttern, geschweige denn zu zerstören. Man braucht sich die irdenen Täfelchen und ihren Inhalt nur einmal ein wenig ansehen, um auch den Laien zu überzeugen, daß man damit die göttlichen, steinernen Bundestafeln nicht zerstören, ja nicht einmal erreichen kann. Und das ist ein Glück für die — Täfelchen. Diese und nicht die steinernen Bundestaseln zerschellen, wenn man auf Quadern mit Scherben wirft. Es gehött ein großer Scharfsinn, eine ungeheure sprachliche Befähigung und eine seltene, selbstlose Hingebung dazu, die Zeichen dieser Täfelchen auch nur zu entziffern. Ist diese Entzifferung. glücklich erfolgt, so erfordett die Dechifferieriing dieser entzifferten Zeichen eine ganz ungewöhnliche Begabung. Hat man diese Dechissericrung glücklich überwunden, so bereitet das bloße Lesen und gar das Verständnis des Gelesenen eine ungeahnte Schwierigkeit. Der in Paris aufbewahtte Mefarstein mit seiner bekannten Inschrift ist von jedem Gelehrten, der ihn zum Gegenstand des Studiums gemacht hat. anders gelesen und kommenttett worden > Jeder hält seine Lesart für die richttge und verwirft die der anderen. Und dabei ist es dott nur ein Stein. Hier aber handelt es sich um Hundetttausende von Täfelchen, deren Entzifferung und Kommenüerung alle lebenden Fachmänner mehr als ein Jahrhundett lang unablässig beschäftigen würde. Der im .Israelitischen Familienblatt" erwähnte amerikanische Gelehrte Professor Hilprecht in Philadelphia, der in religiöser Hinsicht zu anderen Resultaten als Professor Delitzsch gäangt ist, hat während einer9-12 jährigen unablässigen Thätigkeit—81 sage und schreibe einundachzig solcher Täfelchen dechifftiert! Nehmen wir an, daß Herr Professor Delitzsch doppelt so lang und doppelt so rasch an der Entzifferung seiner Täfelchen gearbeitet habe, daß er alles richttg gelesen, richtig verstanden und richtig verwettet hätte, so bleibt die Ausbeute demnach ein so winziger Bruchteil des noch zu bewältigenden Materials, daß es mindestens versucht und gewagt erscheint auf Grund des bislang Erreichten so kühne Folgerungen zubauen.wieesHerrProfessorDelitzschthut. Nun aber sind die Entgegnungen, die Professor Delitzsch's Darlegungen erfahren haben, zum Teil so vernichtend, daß auch dem Laien Bedenken und Zweifel gegen die Zuverlässigkeit der Delitzsch'schcn Prämissen und Folgerungen sich regen. Man dar . nickt vergessen, daß die Jnferiotttät der Bibel und der Bekenner einer göttlichen Offenbarung für Delitzsch feststand, bevor er noch ein Täfelchen in der Hand hatte. Und wenn wir auch in die Fähigkeit und Redlichkeit dieses Forschers nicht den leisesten Zweifel fetzen, so sind wir doch ebenso fest überzeugt, daß die vorher fettige Tendenz auch bei der reinsten Absicht nicht ohne Einfluß auf das Resultat dieser Forschungen geblieben sein kann. Wie sehr dieser Forscher von dieser seiner Tendenz beeinflußt wird, dafür haben wir einen Beweis in Händen, den jeder auf seine Richtigkeit nachprüfen kann, wenn ihm auch die babylonischen Täfelchen und ihr Inhalt völlig unbekannt sind. Ueber die Fähigkeit Delitzsch's, diese alten Denkmäler zu entziffern und sie dann ttchttg zu lesen und zu verwetten, steht uns kein Urteil zu, das müssen wir den Fachmännern überlassen, die ihr Urteil bereits abgegeben haben und es gewiß noch fernerhin abgeben werden. Aber die in dreihundert Sprachen übettragene Bibel, das behaupten wir und stellen es hiermit unter Beweis, die Bibel, das alte Testament, versteht Herr Professor Delitzsch nicht vorurteilsfrei zu lesen und ohne chttstliche-theologische Tendenz zu beurteilen. Je mehr wir von seiner Redlichkeit und seinem Stteben nach Wahrheit überzeugt sind, je mehr wir davon durchdrungen sind, daß er weit davon entfernt ist, der Bibtt falsche Ansichten und Absichten anzudichten und ihre klar ausgesprochenen Wahrheiten zu ignorieren, umsomehr müssen wir annehmen,' daß es nur ganz primitive Unkenntnis des Alten Testaments sein kann, welche diese schiefen Utteile veranlaßt hat. Wir wollen diese Urteile nun Revue passieren lassen. (Fortsetzung folgt.) Der russisch-polnische Jude in New-Aork. Von Edward A- Steiner. *) (Schluß) Die Mehrzahl der Ghetto-Rabbiner, wie Mr. Levinsou, sind Ehevermittler und nichts weiter, sie sind romm. aber nickt tief religiös und bem-ssen die Religion eines Mannes nach seiner Observenz der Fest- oder Fasttage; sie sind in jeder Literatur unwissend, außer d,m Talmud, jenem Schatz von jüdischen Gedanken und Geiängnis von jüdischen Seelen. (?) Sie find so abergläubig, als ihre Gesetzgebung und oft weniger ehrlich, aber in nickt wenigen Fällen wahrhaft treu und mitleidsvoll. Es flieht keine kirchliche Kontrolle über diese Rabbiner und sie sind in manchen Fällen „selkumäs" Männer im schlimmsten Sinne des Wortes; ihr Einfluß auf das ethiicke Leben des Ghettos ist fast null. Die jüdischen Gesetze, welche Ritual-Fragen behandlen, gelten der großen Mehrzahl der Ghetlobewohner nichts im praktischen Leben. Der eine große, geistige nud ethische Mittelpunkt des Ghettos ist das Erziehungsgebäude, welches nach verschiedenen Richtungen ausgedehnt ist, cs ist ein Gebäude, dem sich auch junge christliche Manschen zu einer auserlesenen Geseülchait von der Kindheit an bis z»m hohen Alter zugesellt haben. Israels geistiger Hunger ist so groß als seine sprichwörtlich gewordene Sucht nach Gesundheit, und dieses Rieiengebände faßt 43 Klassenzimmer, eingerichtet, um jeder Nachfrage zu entsprechen. Der Haupteingang ist immer belagert, es sieben stets zwei Polizisten da, um die Ordnung bei dem gemeinen Volk aufrecht zu halten. Ick besuchte die Anstalt an einem heißen Sonntag Nachmittag im Monat Juli, und fand das große Lesezimmer vollgefüllt mit jungen Leuten. Auf dem Dach oben ist ein Tummelplatz für Tausends der immer überfüllt ist mit Kindern, welche vertieft en ihr Spiel sind und sich's wohl sein lassen. Der jährliche Bericht liest sich wie eine schöne Erzählung, in hohem Grade geeignet, sich ein Bild von den verschiedensten Situationen zu machen. Bäder, Näh- und Kochschulen sind dort eingerichtet; von allen verschiedenen andern Sachen noch hier zu sprechen, würde den hier verfügbaren Raum überschreiten. Es giebt auch mehrere christliche Kirchen in diesem Viertel, ob und welchen Einfluß sie auf den Neuangekommenen auSLben, kann ich nicht bestimmen. Aber dos muß ich doch sagen, sie mischen sich mit wenigen Ausnahmen nickt ein in daS, was um sie herum vorgeht. Der Jude verdächtigt jeden Bekehrten und verdücktigtund haßt die Missionare. Sein eigener religiöser Glaube mag ihm wenig Halt bieten,, aber er ist der Proselhtenmackerei feindlich, sowohl für sich als auch für seine Brüder. Er kennt das Christentum von seiner schlechtesten Seite und sieht es auch bei diesen Missionaren nicht von seiner besten Seite. Denn jedes religiöse Werk, welches nur Anstrengung macht, jährlich recht aufgeblasene Berichte zu geben, muß oberflächlich und manchmal auch unehrlich sein und die Versuchung Konvertiten zn machen, ist sehr groß, besonders wenn die Mittel nicht die lautersten sind. Das Werk der jüdischen Mission sollte die Erklärung des Geistes des Christentums sein, dann könnte es Verdacht und Vorurteil beseitigen, statt ihn wie jetzt zu bestärken. Konvertiten machen auf mechanischen, Wege, ist dem vernünftigen Christen grade so verwerflich, als es bei den einsichtsvollen Inden der Fall ist, weil der bekehrte Jude durch sein Beispiel mehr Schlechtes zeigt als Gutes. Eine wahre Auslegung des Christentums in und außerhalb der Äircke durch Christen, etwas Güte und Zärtlichkeit hier und dort, obne den Gedanken an einen Nebenzweck, den Juden als Menschen behandelt und nickt als eine besondere Rasse, würde mehr nützen, als jede mir bekannte organisierte Anstrengung der Missionare. Ich möchte bei diesem Anlaß zwei mir bekannte Missionare nicht unerwähnt lassen. Sie sind ohne Zweifel reckt und ernst gesinnt.. Sie beißen Reo. Bernhard Angell in New-Aork und der Rev. Isidor Cohen aus Brooklyn. Es sind zwei vernünftige Menschen, frei von Fanatismus und äußerst gewissenhaft. Ein sehr wickttger Faktor in dem Ghetto ist die Zeitung, wovon 4-5 in jüdisch geschrieben sind, und alle gut redigiert. Das meist gelesene Blatt auf der Straße ist die „Jewish Vorwaerts". das sozialdemokratische Organ- Wenn alle seine Leser Anhänger von dessen politischem Glauben wären, wären dieselben iebr.zahlreick. So hiebt es nur 300» Sozialdemokraten im Ghetto- Die Politik des Ghettos ist sehr einförmig, es war stets demokratisch gesinnt- Vor Jahren war ein jüdischer Republikaner eine Seltenheit, heute ist er eine sehr wichtige Minorität. Tammanh hat eine sehr strenge Aussicht über diesen Distrikt und selbst heute ist Vatrik Mc-Kane, der „Irish Zew", wie er genannt wird, sein politisch heiliger Patron. Ich stimmte für den demokratischen Zettel vor drei Jahren, sagte ein jüdischer Arbeiter zu mir; ein Jahr stimmte ich für die Sozialdemokraten und jetzt bin ich Republikaner. Charles T.'s Vater der Pfandvetteiher ist ein Demokrat. Anhänger Tammanys. wenn auch noch kein Führer. Ich besickttgte eine Anzahl ihrer Läden und fand, obgleich das Gesetz es nicht erlaubt, daß Pfänder versetzt werden dürfen von Kindern *) Der Autor ist Christ. unter 16 Jabren, jo kommen doch 5 und 6 jährig Kinder mit Händen voll Hausrat, welcher angenommen wird. Bei Charles T-'s Va er ist Patrick Mc. Kaste ein großer Mann, er wird 1000 Meilen gehen, um iür einen Juden etwas zu tbun und das deckt die Menge der Sünden zu. Patrick Mc- Keine istder Typus des erfolgreichen (Britten) Menschen, welcher sagt: „Alle Dinge an alle Menschen'' „und jedes Ding iür mich." Er liebt beit Juden und wenn der Chinese io zahlreich wäre und könnte feine Stimme abgeben, so würde er auch de» Chinesen lieben, denn obgleich er guter römi'cker Katholik ist, so hat er dock keine religiöse Skrupeln wie manche Protestanten, die Propaganda macken und dies ist doch ein Hauptiaktor bei den amerikanischen Bürgern- Er hat keine Vorurteile, hat ein weites Herz, eine offene Börse-und dasletzte ist das schwerwiegendste bei ihm. Ich fand viel Opposition gegen Tammanh im Ghetto, was die Dämmerung besserer Tage anzeigt. Die Mehrzahl der älteren Auswanderer beteiligen sich nickt an der Politik und ungesähr 75 unter 100, die wahlberechtigt wären, find keine Bürger, wollen auch keine sein und passen auch nickt daiür. Sie entziehen sich dieser Aufgabe und überlassen sie ihren Kindern, welche die öffentliche Schulen durchgemacht haben und Unter eicht im Bürgerrecht erhallen haben Der jüdische Auswanderer erhält seinen ersten Unterricht im Bürgerrecht in einer der Logen oder Vereinigungen,' von denen cs dort viele giebt Hier erhält er seine erste individuelle Gewissenhaftigkeit, denn er ist wahlberechtigt und kann über alles sprechen und es übersehen- Da giebt es besondere jüdische Vereinigungen wie die „B'nai B'ritb," und Odd Fellows Logen und Daughters of Rebekah. wo Inden vorherrschend sind- Im Ghetto ist Freitag, der Tag vor dem Sabba'h, ein Tag der Aufregung, des Kostens und Backens und Einlaufens. Samstag ist der Tag des Nachdenkens, auf dem Gesichte liegt. Feierlichkeit und.obgleich viele arbeiten müss.n, ist überall eine bemerkbare Stille. Mit andächtig frommer Miene gehen der Rabbiner und du G'meindemitglieder zur Synagoge und unterKlagenl?) und Thränen (?) preisen und segnen sie Gott. Die zweite Generation der ansgewanderten Juden bat ihre Zugehörigkeit zn der heiligen Beobachtung des Ruhetages verloren; ist und trinkt, wo es auch sei, raucht Cigarren am Sabbath, eine gt oße Sünde und geht nur zweimal im Jahre zur Synagoae. Das „Amerikathum" bedeutet bei den meisten Juden gleich dem, was „Christ werden" heißt. Das ist ein besonderes Aergernis bei einem groben Teil von ihnen,, besonders bei der jüngeren Generation, die sich doch über alles hinwegsetzt, was den Juden kennzeichnet. Ick hörte einige der schärfsten jüdischen Kritiken über derartige Leute. Der amerikanische Jude ist zu gewissenhaft gegen die Fehler seiner Rasse und haßt das Wort Jude und ist beleidigt, wenn es auf ibn angewendet wird. Die Juden, aus verschieden europäischen Gegenden stehen sich gegenseitig unsympatiick ja gehäßig gegenüber-.Der Ungar oder deutsche Jude sieht mit der größten Verachtung auf den Polen und Russen. Diese letzten zwei Nationalitäten sind körperlich und physisch stärker, ihre Bedürfnisse sind kleiner, ihr Witz ist schärfer. Er ist keine von Vorurteil eingenommene Natur, seine Gestalt und sein Gesicht sind oft abstoßend und ebenso seine Gewohnheiten, aber er hat einen großen Ehrgeiz und einen Uebetfluß an Schärfe des Geistes, die wenn richtig ongewendet, zu etwas Großem führen könn-n. East- Broadway, der Haupldistrikt de« Ghetto, leidet viel unter iolwem Talente. Die Fädigkeit für den Handel und rasches Denken kann nirgendswo besser sich zeigen als in New-Aork abscit der Wall Street. Große Verbrechen werden selten dem russischen Juden zur Last gelegt. Im Ganzen genommen, ist er ehrlich, fleißig und mäßig und es steckt vor Allen ein Mann in ihm. Er hat nicht so viel Fehler, - als leine Feinde ihm andichten, aber er hat jo viele Tugenden, als man vernünftiger Weise von ihm erwarten kann- Er ist gefürchtet, nicht wegen seiner Schwäche, sondern wegen seiner Stärke, er ist hier, um zu bleiben, er begehrt nicht nach Rußland zurück zu kehren, und er kann auch nicht, wenn er selbst wollte. Die russische Regierung sieht streng darauf. Wenn er zu Besuch nach Hause kommt, so ändert er seinen Namen, lügt und lässt seine Kinder die Aufgeblasenen spielen und sagt, er: sei -Protestant, aber er bat eine schwere Zeit vurchzümachen, die Beamten zu überzeugen und oft ist er gezwungen zurück zu kehren, ohne sein Heimatsort geiehen zu haben. Das Ghetto ist kein ideales Wohnhaus, sein Nähe zur Bowery. die Einschränkung seiner Wohnhäuser, seine ererbten Schwächen und Fehler nehmen gegen dasselbe ein.' Trotzdem habe ich nie einend betrunkenen Mann in einen seiner Straße gesehen, und war nur Zeuge eines einzigen Streites' der aber nicht heftiger war, als man ihn auch anderwärts trifft. Jetzt ist das Ghetto eine friedfertige Gemeinde, wenn auch nicht ideal; es ist ein' großes Problem für den Bürger von New-Aork und. für die ganze Gegend, denn es ist das große Sammel-- Bassin, von dem kleine Ströme durch unser ganzes Land und durch unser soziales- Leben gehen-