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Neue jüdische Presse · 1903-01-23 · Heft 12 (23.1.1903) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 12 (23.1.1903)
Date
1903-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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’T-r&RKV. 4 'füTTiriTPHWIl J :> FvÄnkfuvtev Zstaclitislhes iamilinibldl. s B Abonnementspreis Ml. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Kostzeilurrgskiste 2741. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. i.50 vierteljährlich < Ausland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt ^Erpedition: Irrrnkfurl s. M. Dergerstrshe 25, parterre. Herauszeber: Kaly Geis. Jnsertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg.. für die Reklame-Zeile Mk. 1.-, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht. Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. No. 12. Freitag, den 21. Tewes 5663 (23. Jannar 1963). Ro. 12. (Nachdruck verboten.) Tie steinernen Tafeln nnd die irdenen Täfelchen. i. Das .Israelitische Familienblatt" hat in seiner ersten Ausgabe auf die irdenen Täfelchen in deni alten Ninive aufmerksam gemacht, deren Ausgrabung und Entzifferung ein amerikanischer Gelehrter sein Leben gewidmet hat. Der Gegenstand ist in allerneuester Zeit von allgemeinem .Interesse geworden, weil Herr Prof. D elitzsch darüber unter dem Titel .Babel und Bibel" vor den kaiserlichen Majestäten und einem distinguierten Publikunr berichtet hat. Es ist dies zum ersten Male vor Jahresfrist geschehen. Die Ausführungen des Vortragenden sind später in einer besonderen Schrift erschienen, welche eine ganze Litteratur erzeugt hat, die sich aus Publikationen zustimmenden und opponierenden Inhalts zusammensetzt. Dieser Tage hat nun Prof. Delitzsch einen zweiten Bortrag über dasselbe Thema gehalten, über welchen zur Zeit nur mehr oder weniger eingehende Zeitungsreferate vorliegen. Ein abschließendes Urteil über denselben wird erst möglich sein, wenn derselbe ebenfalls im Wortlaut vorliegt. Da aber schon jetzt durch Zeitungsreklamen die breiten Massen über den Gegenstand in tendenziöser, einseitiger Weise unterrichtet werden, so scheint es auch geboten, mit den kritischen Bedenken nicht zurückhalten, zu welchen die Delitzsch'schen Ausführungen vielfach anregrn. Da dies zunächst nur auf Grund der darüber berichtenden Zeitungsstimmen möglich ist. so sind der Kritik allerdings Schranken gezogen, die erst durch den veröffentlichten Wortlaut der Delitzsch'schen Ausführungen Wegfällen. Aber die verschiedenen Zeitungsberichte stimmen fast wörtlich darin überein, .daß die Betrachtungen des Redners. sich genau in derselben Rich ung bewegten, wie im vorigen Jahre, und daß die Forschungen eine fundamentalr Wendung seitdem nicht genomnien haben." — Die vor Jahresfrist erfolgten ersten Darlegungen haben eine scharfe Zurückweisung l icht nur seitens der Theologen, sondern auch von Meistern der semitischen Altertumskunde erfahren, welche durch das theologische Moment zum Teil in gar keiner Weise und zunr Teil jedenfalls nicht in dem Grade beeinflußt sind, wie dies bei Herrn Professor Delitzsch selbst der Fall ist. In den uns vorliegenden Referaten wird nun lediglich von einer Zurückweisung der Theologen berichtet, die der zweite Delitzsch'sche Bortrag gebracht haben soll. Aber es waien, wie gesagt, nicht nur Theologen, welche die Delitzsch'schen Ausführungen bekämpften. Es waren Archäologen und Philologen, welche in rein sachlicher Weise Aas Unhaltbare der Delitzsch'schen Hypothesen mit überzeugender Schärfe nachgewiesen haben. Ein tieferes Eingehen auf den archäologischen und philologischen Teil dieser Ausführungen ist bei einer Besprechung in einer volkstümlichen Zeitung ebenso ausgeschlossen, wie in den Zeitungsreferaten, welche für die Delitz'sche Ideen Propaganda machen. Aber das Unwahrscheinliche, ja geradezu Unmögliche des ganzen Delitz'schen Gedankengangs liegt so auf der Hand, daß es auch ohne Zuhilsenahme des philologischen und archäologischen Apparates jedem Unbefangenen sofort einleuchtet. — Uns interessiert hier selbstredend nur dasjenige was Professor Delitzsch zur Diskreditierung des Judentunis und seiner Bekenntnisschriften geltend macht. Und da erstaunt man zunächst, daß gegen das alte Testament, nichts als die alteu, seit undenklichen Zeiten vorgebrachten und längst widerlegten Parade- Zitate iuS Treffen geführt werden, ohne chnen ein einziges neues Moment hinzuzusügen. Seitdem es christliche Theologen giebt, welche die Bibel durch ihre tendenziös gefärbte Brille betrachten, finden dieselben an der heiligen Gottesschrist des Alten Testanients genau dasselbe auszusctzcn, was Herr Professor Delitzsch noch heute da» an zu bemängeln hat: 1. Es sei die größte Verirrung des nieuschlichen Geistes zu glauben, das alte Testament sei eine pervnliche und allein den Israeliten gewährte Offenbarung Gottes. 2. Der Gottcsgedanke sei von den Israeliten den Heiden entlehnt worden, und sei daher keine israelitische sondern eine ältere heidnische Eigentümlichkeit. 3. Selbst die Zehn Gebote seien heidnischen Urvrungs und keine den Israeliten gewordene göttliche Offenbarung. 4. Namentlich sei die Stellung der Frau, die bei den Israeliten nicht viel mehr als eine Sklavin gewesen sei, während sie bei den Babyloniern eine wesentlich sittlichere, freier zu würdigende war. ein Beweis mr die Inferiorität der Israeliten im Vergleich zu den Babyloniern. 5. Durch das Christentum sei der jüdische Monotheismus überwunden und dem Alten Testament der Charakter einer Offenbarung genommen worden. Diese fünf Hauptpunkte hebt ein uns vorliegendes, ziemlich ausführliches Zeitungsreferat hervor. Der unbefangene Beobachter fühlt sofort heraus, daß es dieser fünfte und letzte Punkt ist. auf welcheu alles ankonimr und daß er dir eigentliche Tendenz ist. in deren Dienst alles andere steht. Die Erwählung Israels durch Gott war zu allen Zeiten den Tochterreligionen des Judentums eine sehr unbequeme Thaisache, mir der man nicht fertig wird, ohne jede göttliche Offenbarung an Jsiael zu leugnen. Diese Leugnung haben schon vor Professor Delitzsch viele andere versucht, und werden auch noch andere voraussichtlich versuchen. Aber es war bislang eben nur ein Versuch, eine These und Hypothese, die man mit Aufgebot mehr oder weniger iniponirenden Scharfsinns aufzustellen und zu verteidigen suchte. Sie blieben eben Thesen und Hypoihesen, da sie außerhalb der subjektiven Anlicht derer, die sie ausgestellt hatten, keinerlei Stützpunkt und beweisende Kraft halten. Die Not, die sonst erfinderisch macht, war nicht in der Lage, für diese tendenziösen Behauptungen Dokumente und Thatsachen zur Rechtfertigung vorzubringen. Die Zahl derjenigen, die sich zu diesen Anschauungen bekannte. ging deshalb nicht weit über die engbcgrenzte christlich-theologischen Kreise hinaus. Die breiten Massen verhielten sich skeptisch, kalt und teilnahmslos diesen eigenmtigen Heileswahrheiten gegenüber. Dieicm Mißstand sucht nun Prof. Delitzsch durch seinen Hinweis auf die irdenen Täfelchen abzuhelscn. auf die man bei den babylonischen Ausgrabungen gestoßen ist. Sie sollen d»rs längst ersehnte Documeni und den unanfechtbaren Beweis für die Thatsackie abgeben. daß im alten, jüdischen Babylon die Golteserkenntniß. die Gesittung und Bildung schon Jahrhunderte vor der .sogenannten" göttlichen Offenbarung in einer Weise heimisch waren, wie sie vvn den Israeliten nie erreicht wurden. Das bischen Wahre und Gute, das sich in den Erkenntnißschriflen der Israeliten findet, ist nur ein Abglanz babylonischer Wahrheit und Bortrcffiichkcit, aber nichts weniger als eine göttliche den den Israeliten gewordene Offenbarung, kluock erat ckswoudtrouckuw. Bon Gott hat schon der alte, heidnische Bileam gelehrt, daß er kein Mann der Täuschung und nicht ein Mensch ist. der etwas zurücknimmt. Hätte Gott die Juden einmal als sein Volk wiiklich erwählt, so gäbe es keine Macht aus Erden, diese Erwählung zu anullieren, dann sind und bleiben für alle Zeiten die Juden das Volk Gottes. Das wäre für viele, ja für die Majorität der Menschheit eine sehr unbequeme Wahrheit, deren Unbequemlichkeit man die Juden oft fühlen ließ. Und diese seit Jahrhunderten von der ganzen Kulturmcnschheit anerkannte und mit unzähligem Ströme Tyränen und Blutes besiegelte Wahrheit, wird nun durch die ausgegrabenen irdenen Täjelchen vollständig »ck absurdum geführt, und der staunenden Welt als die größte Verirrung des meiischlicheu Geistes gelehrt! Was dieses neue Evangelium aber besonders auszeichnet, das ist wie bei allen Edelsteinen, die Fassung, in der es der staunenden Welt vorgeführt wird. Es sind populäre Vorträge, gehalten in Gegegenwart der kaiserlichen Majestäten, des Reichskanzlers. des Cultusministcrs und der höchsten Notabilitätcn des Landes. Sie erhalten, von der pcrsönlischen Auszeichnung des Vortragenden abgesehen, dadurch in ven Augen des Volkes vic höchste Sanktion. Wer sich in der Freiheit und Sclstständigkeit des Denkens durch diese glänzenden, äußern Zuthaien nicht beirren läßt, wird sich daduich allerdings nicht zurückhalten lassen, der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Die Wahrheit ist füglich ihr eigener Zeuge; sie kann deshalb auf die äußeren, glänzenden Behelfe leichten, heiteren Herzens verzichten. Für diejenigen unter uns Juden, die geblendet von den Resultaten dieser modernen Forschung Gefahr lausen, ihr kaltes Blut zu verlieren, sei in den solgenden Zeilen kurz die Stellung skizziert, die wir dazu cinzunehmen haben. — Es giebt kein menschliches Wissen, keine Thatsache auf weiter Erde, die so verbrieft, so über allen Zweifel und alle Täfelchen erhaben wäre, als die Erwählung Israels, als die ihm gewordeneOffeubarung Gottes. Kein Professor, kein Beweis, kein Dokument ist starr genug, diese Thatsache je zu entkräften oder auch nur' irgendwie in Frage zu stellen. Es hat zu keiner Zeit an Bestrebungen gefehlt, diese Ueberzeugung uns zu erschüttern. Der religiöse Leichtsinn und der wiffenschas'liche Ernst haben sich im Laufe der Jahrtausende oft genug verbunden um das Bündnis zwischen Gott und seinen! Volke als ein Phanthom hinzustellen. Die Naturgeschichte hat die in der Bibel gelehrte göttliche Ebenbildlichkeit des Menschen zunr Gelächter gemacht und ihn zum höheren Affen degradiert: die Chemie hat die Seele des Menschen geleugnet, weil man sie nicht chemisch analysieren, nicht sezieren und nicht anatomisch zerlegen kann. Die Philosophie hat die Freiheit des menschlichen Wollens verleugnet und damit deni Menschen den ganzen Adel der Gesinnung geraubt, den das an die Menschheit gerichtete Gotlesgesev zur stillschweigenden, unerläßlichen Voraussetzung hat. Die Philologie, die Bibelkritik und eine gewisse Theologie haben das Alter unserer Bekcnntnisschristen angezweiselt und sie nicht lies genug Hinabdrücken können, um sie schon durch die Zeit, die sie als die ihres Entstehens an der Stirne tragen, als großen, ftomnien Pfaffentrug brandniarken zu können Und da kommt nun mit ihrem Ärahscheid die Archäologie uilt> kann im Gegenteil unsere heilige Schriften nicht weit genug in das höchste Alterthum zurückversetzen, nur uni ihren Ausgrabungen ein noch höheres, ehrwürdigeres Alter zu siche» n! Diese Anschauungen und Strömungen kommen und gehen; sie halten sich gewöhnlich zehn bis zwanzig Jahre en vogue. berücken die Schwachen und Blinden, die Arnrcn an Einsicht und Vertrauen, preisen sich ihnen als Rat und Stütze sür alle Fahrnisse des Lebens an und zerfließen in Dunst und Nebel, sobald man sie ernst nehmen möchte. Mit Büchner's „Kraft u. Stoff' hat der Materialismus begonnen, um in der Darwin'- schen Entwicklungslehre fe.nen höchsten Gipfelpunkt zu erreichen. Heute sind dies' alles „überwundene Srandpnnkte", die keiner mehr ernst nimmt. Sie heben sich gegenseitig selber auf. die Toten begraben die Toten oder wie es in der Sprache der Psalmen heißt: „Du aber kannst immerhin in Deiner Höhe verbleiben, o

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