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Neue jüdische Presse · 1903-01-16 · Heft 11 (16.1.1903) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 11 (16.1.1903)
Date
1903-01-16
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Rr. 11. befriedigend beantwottet wissen: Was v ersteht man eigentlich unter Charakter? Was will-man damit bezeichnen? — Nun. so sei es mit kurzen Worten angedrutet: Unter Charakter versteht man die Eige lisch ast, das Wesen eines Dinges oder einer Pttson, besser gesagt das Gesamtbild der Eindrücke, die etwas auf uns macht. Die oft wiederkehrende, stark.hervortretcnde Eigenschaft-bestimmt das, was wir Charakter zu nennen »siegen, nicht das einmalige Verhältnis, der ein malige Fall. So ist alsodasStetige,' oftHervortret ende, fast ununterbrochen Scheinende im Wesen einer Person,-ein er Sache, eines Verhältnisses oder Umstandes das, was deren Charakter bezeichnet und ausmacht. Das göttliche Gesetz aber stellt diesen schönen Grundsatz uns Juden immer und immer vor Augen; es möchte uns. zu „charakterfesten" Männern, zu charakterfesten Frauen, zu charakterfesten Jünglingen und Jungfrauen erziehen. Unser Charakter sei ein in allen Lebenslagen und Verhältnissen sich gleich bleibender, also ein „richtiger Charakter." Im Glücke, in der Freude beachte die weise Schranke, die Gottes Wort dir zieht, überschreite nicht die Grenze des-Erlaubten, werde nie stolz und übermütig. Im Unglücke, in Armut und Druck laß dich nicht niederbeugen, verliere deinen Lebensmut, deine Lebensfteude nicht. Nie soll die Verzweiflung dir nahen können. Im Glück wie im Unglücke, in der Freude wie im Leid nehme ruhig deinen Weg — gerade aus. Das ist jüdischer Charakter,- jüdische Lebensanschauung, und ftagst du den Juden, ob er Optimist oder Pegimist ist. so wird er dir nur antworten können: ich bin Beides zugleich! Nur so war es möglich, daß unser Volksdasein das stetige-Rätsel der Wcltgeschichte blieb, angestaunt von allen Forschern und großen Geistern Israel sollte einen sich in allen Jahrhunderten gleichvleiüenden Charakter darstellen, den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht Israel sah das stolze Romdessen Legionen einst den Erdboden erdröhnen gemacht, dem Verfalle und Untergang zueilen, es sah dm Glanz des alten Griechenland neben sich in dm Staub sinken, und — cs blieb das alte Gottesvolk, getreu seinm allen Grundsätzen, konservativ in des Wortes strengstem und schönstem Sinne. - .Ist dieser Sinn über beim modemm Geschlechte in erwünschtmi Maß vorhanden? , Ist der Ausdruck „konservativ" wirklich noch die rechte Bezeichnung des ernsten S rebens, das väterliche Erbe ungeschmälert und dauemd zu erhalten? Zeigt man noch allcnthalbm den jüdischen Charakter, wie er sein sollte, um uns zum Segen zu gereichen? Lieber Leser, freundliche Leserin, die Antwort auf diese Fragen dürste — leider — nicht schwer zu finden sein. Wer Augen hat, zu sehen. wer Ohren besitzt, zu hören, der gewahrt die Schwächm und Gebrechen unserer Zeit gar zu deutlich. Gehet hin in Stadt und „Land", beobachtet Jung und All daheim und in der Fremde, besichtiget die Andachtsstätten hier und dort, sehet den Juden, die Jüdin, ob und — wie sie ihren Schabbos und Jomtof feiem, werfet einm Blick in das jüdische Hauswesen, besonders in die jüdische Küche, prüfet die jüdischen Schulen, den'Geist, der sie durchweht und der das religiöse Gesühl beftuchlen,. zur That spornen soll, fraget danach, wie die Jugend und unter ihr namentlich die „gebildete" sich das Judentum der Zullmft vorstellt, o, hier ist Stoff und Gelegenheit in Ueberfüllc, um jüdische Charakterstudien a-nzustellen. wmn wir auch unsere innerste Stimme hierbei keineswegs befriedigen können. In der Gegenwart mit ihrer stark ausgeprägten materialistischen Wellanschauung, mll ihrem Sttebm nach Besitz und Genuß, in unseren Tagen, wo die'Reklame regiert und man mit nervöser Uebcrstürzung das Veränderliche, das Sensationelle liebt, heute darf mehr denn je an den sich konstant bleibenden „jüdischen Charakter erinnert werden. Nur derCharaktervolle erwirbt sich die Achtung und Anerkennung seiner Miimmschm. Nur wmn wir als Judm uns selbst achtm, könnm wir auf wahre und aufrichtige Wertschätzung unserer Umgebung rechnen. Ja,.lieberLeser, ununterbrochenderGleichesein, das ist jüdischer Charakter. Ihn lehrt uns Gottes Gesetz in einer gar wichtigen bedeutsamen Institution des alten Israel. Wmn du täglich noch dein Gebet., dreimal verrichtest, wie es die Vorfahren gethan und wie es die religiöse Vorschrift verlangt, dann ist dir wohl der Abschnitt „Waj dabeir" nicht unbekannt, dem 4. Buche Moses mtnommm. Dort wird uns berichtet, wie der Herr dem Moscheh, seinem Dimer, für Israel den- Befehl erteilte, im Heiligtum zwei Lämmer täglich darzubringeu, das eine morgens, das andere gegen Abend. Auch ein Mehl- und Weinopfer gehörte hiezu. Beide Opfertiere, — beständige Opfer genannt—vermitteln uns aber die bedmtsame Lehre, daß unser Leben jeden Tag.Gott geweiht sei, und zwar — dm beiden Opferzeiten cntsprcchmd — vom Morgen bis' zum späten Abend. — Zu diesem Opfer trat nun am Sabbat und an den verschiedenen Festzeiten je ein weiteres Opfer, das „Mussaf-" oder Zugabeopfer geheißm. Es soll dem'g e h o b e n en C h a r a k t e r dieserTage entsprechen, es soll uns lehren, wie wir im rechten.Bcgreifm dieser Zell und ihrer Bedeutung unsere jüdische Lebensaufgabe umso innig er erfassen und auffassen mögen, und desto mehr uns dem Dienste des Allgütigm weihen. Für alle Tage des Jahres aber galt die ges^liche Vorschrift:' Das ,>be ständige Opfers hat den Vorzug, es soll die erste und letzte Opferhandlung des Tages vorstellen, sein Vorzug liegt gerade darin, daß es täglich, also beständig zu bringen ist (Menochot). Selbst für den Jomkippür, diesen heiligsten Tag des Jahres, der durch eine Reihe besonders wichtiger und feierlicher Opferhandlungen ausgezeichnet war, auchfürJomk i pp u r blieb die Vorschrift in Kraft: Das beständige, tägliche Opfer hat den Vorrang, den Vorzug! Welch erhabene Lehre hat hier die heilige Thora uns verkündet! Wie logisch richtig, so ganz der menschlichen Vernunft entsprechend erscheint uns die Idee, die darin uns zur Beherzigung gelehrt wird. Und wie oft sehm wir im Lebm unsere Brüder und Schwestern gerade dieser Idee entgegenhandeln. Wenn man jüdische Charakterstudien in der Gegenwart anstellt, so stößt man ungesucht auf die inneren Widersprüche im Verhalten Vieler, aufFnkonsequenzen, die allesamt in der Verkennung der „Tamid"-Lehre wurzeln. Was Regel sein sollte, wird im Leben in die Ausnahmestellung gedrängt! Während im jüdischen Schrifttum der Satz proklamiert wird: Todirwesch'einautodir.todirkaudem, das regelmäßig Widerkehrende hat den Vorzug vor dem Seltneren, huldigt man in weiten Kreisen der Ansicht: das Seltnere verdient mehr Beachtung, es hat etwas „für sich" wie dm Reiz der Neuheit. So kommt die große Menge zu jenen Maßnahmen, die der gesetzeskundige und glaubmstteue Jude als — Verkehrtheiten kennzeichnen muß. Greifen wir einmal hinein in's volle Menschenleben. Gewiß hat der geneigte Leser alljährlich die Beobachtung gemacht, daß gar viele ihre Zugehörigkeit zum Judentum erst uni jene Zeit gewahr werden, wenn „leer die Felder stehen, die Schwalben südwärts zieh'n." Der Bußemonat Elul zwar hat's ihnen noch nicht angethan. Der Schofarton wird „witzig" als das „Winterstgnal" bezeichnet, das ist alles. Kommt aber Roschhaschono und Jomkippur daher, d a n n — ist man mit einen: Male wie umgewandelt. Rasch wird in der Zeitung kund und zu wissen gethan, daß „hoher Feiertage halber" das Geschäft geschlossen bleibt. Die Gotteshäuser in dm Großstädten werden zu klein, so stark ist der Andrang. Betsäle werden als dkotbehelf herangezogen und es beginnt die eifrige Thätigkeit des Billetverkaufs. Ohne Eintrittskarte bleibt die Thüre verschlosten. Das wird ebenfalls zuvor öffentlich bekannt gegeben, auf daß jeder in der Vorzeit — wie die Mischnah sich ausdrückt — sich „vorbereiten kann znm Einlaß in den Palast. Denn „dreimal im Jahre" — Roschhaschono und Jomkippur— möchte doch jeder „vor dem Angesichte des Herm erscheinen." Wenn man nun einem solchen Herbstjuden vorstellen wollte, wie er vielleicht besser daran thue, seinen wöchentlichen Sabbat zu halten, am Neujahrsfest und Versöhnungstage aber ■ Ment, dem Gotteshause sogar fern zu bleiben, so würde er gewiß verwundert aufschauen, es nicht für" möglich halten, eine solche „Ungehmerlichkeit" auszusinnen, geschweige denn auszstsprechen. Unbegreiflich, unfaßbar, diese Ansicht obendrein noch als streng orthodoxe auszugcben! Der wöchentliche Ruhetag soll über Roschhaschono und Jomkippur gehen, undenkbar! — Um die Tamid-Lehre in's rechte Licht zu . setzen, bedarf cs da oft einiger „Vorarbeiten". Zunächst erinnere ich meinen Freund N. an den bekannten Vergleich des Sabbats mit dem Gaste, der wöchentlich uns besucht, aber keine ehrende Beachtung findet. Sein Verwandter, der „Doppelsabbat" Jomkippur wird feierlich empfangen. Der Wochengast erstaunt darüber. Jomkippur aber merkt dieses Staunen, läßt sich Aufklärung geben, und verzichtet ärgerlich auf jede Ehrenbezeugung, die nur äußeres, scheinheiliges Gebühren sein kann Einm jungen Kaufmann, der ebenfalls Neujahrs- und Jomkippurjnde Ivar, ftagte ich einst, warum er gerade an diesen Tagen sein Geschäft schließe und zum Gotteshause eile. Rasch replizierte er, daß diese Tage ja Tage der Prüfung seien, an denen über uns in der Höhe die Würfel rollen. „Nun recht" erwiederte ich. „Was würden Sie aber von einemSchüler hallen, der das ganze Jahr nicht zum Unterrichte geht, von einem Studenten, der nie sein Kolleg hört, aber dennoch zur Prüfung erscheint?" — Das leuchtete allerdings ein. „Sehen Sie," fuhr ich fort, „Gottes Wille möchte aus uns solch fleißige, stetig foriardeitende Schüler machen. Ihnen kann selbst im Examen ein kleiner Lapsus nicht gefährlich sein, die Jahreszensur hat ihn längst zuvor ausgeglichen, das konsequente Arbeiten ist ausschlaggebend. (Fortsetzung folgt.) Briefkasten. B. Wir werden im Laufe des Quartals mehrere wissenschaftliche Arbeiten angesehener Gelehrten bringen. X.' Die Zusendung unserer Zeitung verpflichtet keineswegs zu einem Abonnement. feine Herrenschneiderei Rossmarkt 2L an der Hauptwache, . (Nachdruck verboten). /SirlßK. Aus unfern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Felix, hielt Wort, er blieb bei seinem verwaisten Mitschüler so lange er demselben nützlich sein zu können glaubte. Auf ausdrücklichen Wunsch des Geistlichen . beteiligte er sich sogar an dein Begräbnis-indem-er an der Seite des Leidtragenden blieb. Sein Vorgehenfand allgemeinen Beifall und selbst-der antisemitisch - angehauchte Professor, als er ihm am folgenden Tage - das Entschuldigungsschreiben seines Vaters..überreichte, hatte keinen Tadel, sondem im Gegenteil einige anerkennende Worte für ihn. Als er von der Schule nach Hause ging,, hörte er : leichte Kinderschritte hinter sich und ein Silberstimmchen rief: „Felix! Felix Kobnl ach bitte, laust nicht-so!" Als er sich umwanote, sah er das kleine Mädchen, . das er in der vorige» Woche dem Hunde Wiesners. - entrissen. Sie war vollständig außer Athem, -iht-liev--..' liches Gesichtchen glühte, ttotz der scharfen Luft. „Ich bin Dir schon die ganze Zeit nachgerannt-- aber ich konnte Dir nicht Nachkommen, Du machst immer ' so große Schritte. Bitte, thue's jetzt nicht." Sie hatte bei diesen Worten seine Hand ergriffen und trippelte neben ihm her. „Wie geht es Dir?" ftagte er belustigt durch chre Begleitung, „gehst Du jetzt wieder in die Schule?^ „Ja," erwiderte sie „und gestern habe ich auch schon Deine Strumpfbänder fertig bekommen. .Ich wollte sie Dir gern in Dein Haus bringen, aber die Niutter hat gesagt, bei euch wären immer so viele Menschen und auch so viele Stiegen, da könnte ich leicht fallen oder gestoßen werden. Wirst Du nicht bald zu uns kommen?" „O, wenn ich weiß, daß ich bei Euch schöne Strumpfbänder bekomme, dann komme ich sehr bald, denn auf die Strumpfbänder fteue ich mich sehr." „Wirklich? das ist schön. Und weißt Du, heute ' habe ich in der Schule gesehen, daß ein Kind Hosenträger gesttickt hat und ein anderes Kind hat'eine Geldbörse gesttickt Das könnte ich auch sehr gut. Bitte, sage mir, was hättest Du lieber, Hosenttäger oder eine Geldbörse?" „Das ist eine schwere Frage," erwiderte er, „das muß ich erst überlegen." „Bitte, überlege es und sage es mir dann. Wenn Du wegen der Strumpfbänder, zu uns komnist, wirst Du es mir dann sagen?" „Ganz gewiß werde ich es Dir dann sagen. Aber da sind wtt ja schon bei Deiner Wohnung, kleine Fanni, hier mußt Du hinein gehen." „Das weiß ich wohl," erwiderte sie, -.aber ich möchte noch gern bis zum Ende der Sttaße mit Dir aehen Darf ich?" „Wenn es Dir Vergnügen macht, ich habe nichts dagegen. Aber sage mir doch, Du heißt Fanni. warum hat Dich Dein Vater neulich Begele gerufen?" „Ach," entgegnete sie lächelnd, „der Vater ruft mich häufig Vegele. weil die Großmutter, so geheißen.- hat und die Mutter sagt, ich wäre ein Begele, weil ich beinahe so schnell laufen kann, wie die Vögel fliegen." Er schüttelte den Kopf. -.Bitte doch Deine Eltern, sie möchten Dich nicht mehr Vegele rufen, wenn Dein Vater Dich nicht da neulich Vegele gerufen hätte, so wären die ungezogenen Buben Dir nicht nachgerannt, dann hätte auch der böse Hund nicht Dein Kleid gebissen und Du wärest nicht-ttank geworden." „Das alles ist nur gekommen, weil mich der Vater Vegele gerufen hat? das ist doch komisch. Was kümmert es denn die Buben und den Hund, wie der Vater mich ruft." „Ja, das kann ich Dir nicht-so rasch.-erklären. Aber jetzt mußt Du nach Hause gehen, kleine Fanni. hier ist die Sttaße zu Ende. Grüße Deinen Bruder von mir und sage ihm, ich würde sehr bald zu Euch - kommen, um mir die Strumpfbänder abzuholen, auf die-ich mich sehr fteue." Er nickte ihr freundlich zu und eilte weiter, denn er hatte in einiger Entfernung seinen Vater-gesehen, von dem er nicht gern mit dem kleinen Mädchen an der Hand getroffen werden wollte. Frau Kohn fühlte sich in diesen Tagen überaus glücklich, , es war so selten, daß ihr Gatte das -Thun ihres Sohnes billigte, daßes sie jetzt , doppelt, freute. Felix Name ward in jüngster Zeit in wellesten Kreisen - lobend genannt, man sprach lobend über ihn weg?n - seines Verhallens gegenüber dem. jungen Mesner.und man lobte ihn auch wegen der -Rettung der kleinen, Vogel und machte den; Eltern vielfach Komplimente wegen ihres wohlgeratenen Sohnes. Das schmeichelte dem eitlen Vater, der dafür dem warniherzigcn Sohne manches hingehen ließ, doch.schon nach wenigen Wochen - kam es wieder zu einem,Konflikt, zwischen^beiden.' Einer der jungen Leute im Kohttschen Geschäft hatte im vorigen Jahre das Unglück, beim Einkassieren einer ' eeren Summe achthundert Kronen zu, verlieren? i hätte ihn nichtin- Verdacht, däs Geld veruntreust zwhabenund da-es bekannt-. war. daß. er., feine.<altt -Mutter ernährte, ließ sich sein-Chef berrttifinberymichst

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