Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 11 (16.1.1903)
- Date
- 1903-01-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr.' 11. ' Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. benssofortigen Ersatz der ganzen Summe zu beanspruchen, sondern sich ßefriebiflt zu erklären, daß dem Betreffenden zwölf Kronen monatlich vom Gehalt abgezogen werde ' Nun hätte sich der junge Mann jedoch abermals eine NachlässiÄeit zu Schulden kommen laffen, Kohn hatte ihn-zur Rede gestellt, vermutlich nicht in sehr , glimpflicher Weise, aber der unbesonnene junge Mann hatte sich dadurch zu Keckheiten Hinreißen laffen, weshalb er Knall und Fäll entlassen worden war. Und als er seinen Vierteljährigen Gehalt verlangt, der jetzt fällig war, ward ihm bedeutet, daß derselbe als Ersatz für die verlorene Summe zurückbehalten werde. Das war eirr harter Schlag für den Unglücklichen. Vergebens bat und flehte er, man möge ihm den Gehalt ausfolgen)' er werde gewissenhaft wie bisher allmonatlich zwölf. Kronen bezahlen. — Der Großhändler war unerbittlich. -7- Wie vernichtet schwanlte der junge Mann fort und gleich darauf kam seine Mutter, eine alle gebrechliche Frau. Weinend und schluchzend warf sie sich dem reichen Mann zu Füßen und flehte um Erbarmen, sie verlange ja nichts geschenkt, ihr Sohn wollte alles bezahlen bis auf den letzten Pfennig, nur nicht fofort — alles umsonst. Durch Zufall hatte Felix in' einem anstoßenden Zimmer die Unterredung seines Vaters mit der Unglücklichen mit angehört. Heiße. Thränen drängten sich in.seine.Augen als er die alte Frau, die einst begere Tage gesehen hatte, laut schluchzen hörte. Mit Gewalt mußte er sich zurückhalten, nicht hineinzustürzen, um vereint mit ihr den Vater um Erbarnren anzuflehen. Aber: er wußte, das hätte keinen Erfolg gehabt, deshalb blieb er fern. Als die Frau sich jedoch entfernt hatte, begab er sich zu seinem Vater und ersuchte ihn in bescheidenster Weise um einen Teil jener Wertpapiere, die er. an seinem Barmizwahfeste von einigen Verwandten und Freunden erhalten hatte. >„Was willst Du damit anfangen?" fragte der Vater „willst Du auf eigene Faust Geschäfte machen?" „Ja," erwiderleder Knäbe, während ein schüchternes Lächeln um seine Lippen spielte, „ich möchte einmal allein ein Geschäft machen." „Dagegen hätte ich nichts einzuwenden, nur möchte ich wiffen, um was es sich handelt." „Bitte, Papa, .überlasse mir das. Du wirst sehen, ich werde nichts verlieren." „Das hoffe ich auch, aber es könnte doch nichts schaden, wenn Du mir Deinen Plan mittcilen würdest. Etwas besser als Du verstehe ich das Geschäftliche doch. Also?—" „Also — ich will ja kein eigentliches Geschäft machen — aber ich bin überzeugt, ich werde nichts dabei verlieren. — Die alte Frau scheint doch so brav und so ehrlich — und sie ist so unglücklich. — Bitte, lieber Papa, gieb mir einige von meinen Papieren, ich niöchte sie ihr leihen — sie wird sie mir sicherlich zurückgeben." . Kohn brach in ein lautes, ärgerliches Lachen aus. „Dacht' ich's doch! — Du bist mir der Rechte um Geschäfte zu machen! — Aber für so dumm hätte ich Dich doch nicht gehalten, daß Du hast glauben können, ich würde Dir das Geld geben, damit Du es zum Fenster hinauswirfst." „Ich will es nicht zum Fenster hinauswerfen, ich werde es zurück bekommen, die Frau ist ehrlich und ihr Sohn ist auch ehrlich. Denn wenn er auch ftech war, so ist er darum noch kein Bettüger." „Bist Du noch nicht fettig? Hast sonst keine Schmerzen?" „Lieber Papa, ich bitte Dich, gieb mir das Geld." „Hör' schon endlich auf mit Deinen Dummheiten." „Nein, ich höre nicht auf. Papa, Du mußt mir die Papiere geben!" rief der Knabe, sich mehr und mehr vergessend. „Ich muß, Bube? — ich muß? —" „Ja, Du mußt! — Die Papiere gehören mir, und ich will und muß sie haben!" Ein paar schallende Ohrfeigen waren die Antwort. Dann nahm ihn der Vater beim Kragen, schob ihn zur Thür und stieß ihn aus dem Zimmer. „Mach' daß Du weiter kommst!" Bebend vor Wut und vor Schinerz lehnte der Knabe gegen die Mauer. Seiner Sinne kaum mächtig wußte er im Augenblick nicht, wo ersich befand. Uebrigens wußte auch Kohn schwerlich, wohin er ihn gestoßen hatte, glaubte höchst wahrscheinlich, er hätte ihn hinaus in die Hausflur gedrängt. Als Felix jedoch einigermaßen zu sich gekonrmen um sich schaute, erkannte er den Raum, in dem der Kassaschrank sich befand. Kein Mensch >var hier, aber der Schlüssel steckte in dem Schrank und auf dcmAbsatz vor derKaffa lagen mehrere hundert Kronen-Scheine. Der Kassier schien eben hier gewesen zu sein und das Zimmer nur auf einen Augenblick verlassen zu haben. Stieren Blickes bettachtete der Knabe die Kassenscheine und wie der Blitz fuhr ihm ein entsetzlicher Gedanke durch sein noch nicht ganz klares Gehirn. Er stürzte hin zu den Kassenscheinen, steckte sechs davon in die Tasche, dann öffnete er ein Fenster, das zu dem Hoi hinausführte und schwang sich hinarrs. Und fort rannte er nun so rasch ihn seine Füße ttagen konnten zu der Wohnung jener Wittwe, die vorhin vergebens zu seinem Vater gefleht hatte. Er ttaf sic in ihrem Zimmer, sie war allein. Hastig übergab er ihr die sechshundert Kronen. „Bon Herrn Kohn," flüsterte er mit seltsam heiserer Stimme) „aber er will keinen Dank, Sie sollen nichts darüber reden" und ohne Gruß eilte er wieder hinaus. Wohin? — Das wußte er selbst nicht. — Und plötzlich überkani ihn das Bewußtsein des Ensetzlichen, das er gethan hatte—er hatte gestohlen! — Mitten auf der Straße blieb er steheir und blickte scheu um sich. Ihm wars als blickten alle Leute aus ihn und könnten ihm das Verbrechen, das er begangen von der Stirn ablesen. „Dieb! Dieb!" hallte es ihm in den Ohren. Planlos rannte er davon als säßen ihm die Furien auf den Fersen, planlos rannte er in „ der Stadt umher stundenlang, ohne daß es ihm auch nur einfiel, daß die Eltern ihn daheim ermatten konnten. Es war gegen Abend. Der Inhaber des Kauf-- Hauses M. F. Kohn & Sohn saß in seinem Arbeitszimmer und sann eben über die Chancen eines neuen Artikels, den er den zahlwsen, die er fühtte, noch hinzufügen wollte, als die Thür des Nebenzimmers sich unhörbar in ihren Angeln drehte und ein ältlicher Herr mit bereits weiß schimmernden Haaren langsamen Schrittes in's Zimmer ttat. „Nun, Weimann, was giebt's?" rief sein Chef ihm entgegen, „Sie machen ja ein Gesicht wie 'n Topf voll Mäuse. Stimmt's etwa wieder nicht?" „Freilich stimmt es nicht. Herr Kohn," versetzte der Angeredeie, „und dieses mal weiß ich's sogar mit Bestinimlheit, sechs hundert- Krvnenscheine, die ich mit einigen andern auf den Tisch gelegt hatte, sind fort. Es ist mir gradezu unbegreiflich, - wohin dieselben gekommen sein können." Herr Kohn zog die Stttn in Falten. „Das ist allerdings ärgerlich im höchsten Grade. Es vergeht in jüngster Zeit doch kaum eine Woche, in der man mir nicht größere oder kleinere Abgänge meldet. Haben Sie auf Niemanden Verdacht?" Weimann schüttelte verneinend den Kopf. „Es muß Jemand drinnen gewesen sein, der die Kassenscheine vom Tisch genommen hat, wer das gewesen ist? —" „Aber waren Sie denn nicht beständig drinnen?" „Auf einige Minuten habe ich allerdings das Zinimer verlassen —" „Und während dieser Zeit ist das Geld auf dein Tisch gelegen?" (Fottsetzung folgt.) Woche«-Kalender. Sabbath-Anfang r 4 Uhr 30 Minuten. Sabbath-Ausgang: 5 Uhr 45 Minuten. Wilhelm Glücklich ~Gegr. =; Schillerstrasse 4,1. I 1879. Frankfurt a.3K. I 1879. jj Immobilien, Hypotheken. Für den Inseratenteil übernehmen wir nur die pretzgesetzliche Verantwortung. Ang. Ferd. Holtmaim Neue Zeil 25 empfiehlt sich Neue Zeil 25 in Anfertigung von Jouquets, Kränzen und Körben. 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