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Neue jüdische Presse · 1903-01-16 · Heft 11 (16.1.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 11 (16.1.1903)
Date
1903-01-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 11: lassung größererSchuldsnbeträge von hier verschwunden. : Dem Bemehmen nach liegen dem Abgängigen auch l , verschiedene Betrugsvergehen zur Last.! Oesterreich. > Wien. Nirgends ist die Gleichgültigkeit in jüdischen Dingen größer und die Verleugnung des Judentumso allgemein, als in unserer herrlichen Donaustadt mit ihren 100000 jüdischen Seelen; in keiner Stadt Westeuropas aber treibt auch der Antisemitismus solche Blüten, wie hier. Tagtäglich ließen sich Berichte melden, die auf die unhaltbare und lächerliche Situation der Wiener konfessionslosen Juden und auf die Ausbreitung des Antisemitismus grelle Streiflichter werfen. So wurde hier kürzlich unter der Leitung des bekannten Klerikalen Dr. Kaspar Schwarz ein „Verein der christlichen Aerzte" gegründet, dessen Tendenz es ist, das jüdische Element im Aerztestande zurückzudrängen Die Boykottierung der Juden im Erwerbsleben nimmt immer mehr überhand. Leider treibt das jüdische Publikum seine Vogelstrauß-Politik ruhig fort; steht auch weiter dem Glauben seiner Bäter kalt und unwissend gegenüber, schwärmt auch weiter ftir die allgemeine Menschenverbrüderung. ist auch weiter argwöhnisch und ungerecht gegen seine eigenen Brüder So hat letzthin Baron Rothschild dem „Hilfsverein für Lungenkranke", in dessen Präsidium die Antisemitenhäuptlinge Dr. Lueger, Dr. Weißkirchner, Leopold Steiner und Emil Homer sitzen. 50 000 Kronen gespendet; dagegen existiert ein jüdischer Hilfsverein für Lungenkranke, der wegen Mangel an Spenden, sich noch immer kein eigenes Heim errichten kann. Wie wenig. Dank Baron Rothschild sich für die vielen Hundertlausende, die er für „interkonfessionelle" Zwecke äusgiebt.und bei denen jüdische Mandanten nach Wiener Sitte stets leer ausgehen, sich erwirbt, zeigt ein Aussatz „Die größten Millionäre" in dem tschechischen, politischen Bartovec'schen Kalender, wo es am Schluß heißt: „Daß irgend ein Rothschild, sagen wir bloß eine Million für irgend ein (wirklich) gutes Werk gewidmet hätte, oder daß er wenigstens — nach deni Beispiele des auch jüdischen Baron Hirsch — seinen armen Glaubensgenossen mit irgend einem Millionengeschenk beigesprungen, davon weiß die Welt nichts zu erzählen." Das kann höchstens auf die Wiener Rothschilds Bezug haben, denn unsere Frankfurter Rothschilds haben stets viel Gutes gethan. Wien. (Namensänderung.) Sr. Ehrwürden Herr „Mayer" Stein, der weit und breit berühmte Rabbiner der isr. status guo-Gemeinde zu Nagyßombat (Tyrnau) und Schwiegersohn des Karczager Gaon's, hat seinen etwas semitisch klingenden Namen „Mayer" in „Maxiniilian" unigeändert. England. London. Jüdische Soldaten. Anläßlich der Mitteilung, daß jüngst der englische Oberbefehlshaber Lord Roberts in einer der Hauptsynagogen Londons einem besonderen Gottesdienst für jüdische Soldaten beigewohnt habe, kommt einArtikeldes Wochenblattes „Spectator" auf die Vertretung der Judenschaft im englischen und in ausländischen Heeren zu sprechen. Dabei wird unter anderm erwähnt, daß im südafrikanischen Kriege über 1200 Mann jüdischer Abkunft als Offiziere und Soldaten gekämpft haben. Die Zahl der Toten und Verwundeten unter ihnen soll einen ungewöhnlich hohen Prozentsatz ergeben. Unter aktiven höheren Offizieren israelitischer Abkunfl und Bekenntnisses werden die Obersten Montefiore, Leverson und Goldsmid erwähnt. Wollte man nur die Abkunft in Betracht ziehen, so könnte man auch noch höher hinauf jüdische Soldaten finden, die aber heute dem christlichen Bekenntnis angehöien. Auch im indischen Heere unter den eingeborenen Tmppenteilen sollen Juden verhältnismäßig zahlreich vertreten sein. Sie entstammen zum guten Teil einer Judenkolonie in Bombay, die als die Beni Uisrael bekannt ist. Merkwürdigerweise ist dieser Bevölkerungsbruchteil, der seit uralten Zeiten dort seßhaft ist. der einzige, dessen Hauptbeschäftigung als Soldatendienst in den amtlichen Listen verzeichnet ist Seine Söhne haben seit mehr als hundert Jahren den indischen Regimentern eine Menge eingeborener Offi- . ziere geliefert, von denen sich manche bis in neuerer Zeit glänzend hervorgethan und mit Ruhm und Auszeichnung bedeckt haben. Nach dem Gewährsmann des „Spectators" dienen volle 50 000 Juden in den Reihen des russischen Heeres und der größere Teil des Erfatzes, der aus Galizien dem österreichisch-ungarischen Heere zugeführt wird, gehört ebenfalls zum auserwählten Volke. Auch im italienischen Heere sind sie im Offizierkorps wie im Gliede nicht spärlich vertreten. Daß aber General Ottolenghi, der heutige Kriegsminister und kommandierende General des wichtigsten Korpsbezirks ein strenggläubiger Jude ist, ist bekannt. Amerika. ' New-Aort. Aus Rio de Janeiro, der Hauptstadt Brasiliens, wird dem „American Jsraelite" gemeldet, daß es dort heuer in allen drei Synagogen der Stadt am Vorabend des Rosch-Haschono nicht gelungen ist, ein Minjau zusammenzubringen, trotzdem die Stadt über 3000 jüdische.Seelen zählt. New-Aork. In Watertown wurde die jüdische Synagoge in brutalster Weise entweiht. Man fand die außerordentlich, wertvolle Bundeslade erbrochen Frankfurter Israelitisches Familienblatt. and mit Asche und Wasser gefüllt. Die Thorarollrn sagen zerschnitten und mit Schmutz bedeckt auf dem Loden umher. Der seidene Vorhang war in Fetzen zerrissen und alle Gegenstände waren mit Kalkkreuzen versehen. Man nimmt an, daß ein religiöser Fanatiker die That begangen hat. Frankofurtia. Einbruch. In der vorletzten Nacht wurde in das Bureau des israelitischen Handwerkervereins, Friedberger Landstraße 21, eingebrochen. Die Diebe — es müssen mehrere gewesen sein — schleppten eine schwere eiserne Kiste mit sämtlichen Büchern des Vereins weg und stahlen einen Geldbetrag. Für die Herbeichaffung der Bücher hat der Verein eine Belohnung gesetzt. __ Ans den Literatnrvereinen. Hamburg. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur sprach kürzlich Herr Dr. Bamberger aus Wandsbeck über „Judentum und Islam." Nach einer historischen Einleitung über die älteste Berührung der Juden mit den Arabern wies der Redner darauf hin, daß Mohammed durch das Judentum zur Gründung der neuen Religion angeregt worden sei, die er „Islam", das heißt „Ergebung ‘ genannt habe und deren Bekenner sich „Muslim", .sich Ergebende" nannten. In den feierlichen Zusammenkünften in Mekka hörte Mohammed viel von den religiösen und sittlichen Einrichtungen des Judentums sprechen; sein leicht empfänglicher Sinn wurde davon ergriffen, er fühlte sich zum Religionsstifter berufen und gründete den „Islam". Biele Gebote und Glaubensansichten der neuen Lehre sind fast ausschließlich dem Judentum entlehnt. So hat Mohammed die Schöpftmgsgeschichte säst buchstäblich der Bibel entnommen. Mit großer Ausführlichkeit stellt Mohammed die Freuden des Paradieses dar und verweilt mit besonderer Vorliebe bei der Beschreibung der Hölle. So nennt er sieben Höllen, die auch zugleich als Stufen der Bestrafung gelten. Auch die Köstlichkeit des ewigen Lebens ist im Koran mit der jüdischen Auffassung gleich. Die Aussprüche über die Ankunft des Messias hat Mohammed dem jüngsten Tage beiaelegt. Erst an ihm soll Vergeltung, das heißt Belohnung und Bestrafung gewährt werden. Eine nähere Angabe über den Termin des jüngsten Tages vermied Mohammed. trotzdem man ihn von allen Seiten dazu drängte. Mohammed wollte seine neu gegründete Religion als eine Offenbarungsreligion anerkannt wissen, deshalb durfte selbstverständlich keine Trennung zwischen Religion und Sittlichkeit bestehen. Das Hauptgewicht legte er auf die Verrichtung des Gebetes. Auch ein Teil des im Koran vorgeschriebenen Speisegesetzes sind dem Judentum entlehnt, wie der Vortragende an vielen Beispielen näher ausführte. Die Morallehren des Islams entsprechen meistens denen des Judentums. nur die Stellung der Frau hat Mohammed wesentlich so gelassen, wie er sie bei seinen Stammesgenoffen fand und nur die Vielweiberei etwas eingeschränkt. Nach einer eingehenden Parallele zwischen der Bibel und dem Koran kam der Redner zu dem Schluffe, daß die Lichtstrahlen, die Mohammed dem Judentum entlehnt habe, dieKraft in sich trügen, dem Islam und seinen Bekennern einen Jahrhunderte langen Bestand zu sichern. — Die Ausführungen des Vortragenden fanden bei dem zahlreich erschienenen Auditorium lebhaften Beifall. (Nackdruck verboten). Zu Paraschat Schmos. Am Eingang unseres Wochenabschnittes zählt uns die heilige Schrift nochmals die Namen der Söhne Jakobs auf: „siebenzig war die Zahl der Nachkommen Jakobs, und Joseph war in Aegypten." Da bleibt die Weisheit unserer Weisen stehen und fragt: dieses letztere wäre doch eigentlich unnötig, wir wissen ja bereits, daß Joseph in Aegypten weilte, ist er ja auch unter den siebenzig mit inbegriffen? Aber — antworten unsere großen Erklärer — das Goiteswort deutet uns hier die Thatsache an, daß Joseph auch in Aegypten noch immer der alte.Joseph"'war, der als siebzehnjähriger Jüngling das Vaterhaus verlassen. Nicht die Gunst seines Herrn, nicht das verführerische Weib Potiphars, nicht die hohe Stellung im Pharaonenreiche, dem Reiche der höchsten Kultur, aber auch der entartesten Unsittlichkeit, konnten den eckten Jakobssproß abtrünnig machen dem Gott seiner Bäter. Es war derselbe Joseph der in Kanaans Weidentristen Schafe hütete, und 22 Jahre später aus dem Gefängniß heraus auf den Fürstenthron gesetzt über das Wohl und Wehe eines Volkes entschied. Im Großen hat unser Bolkskörper dieselben Wandelungen durchgemacht wie Joseph. Friedliche Ackerbebauer und Hirten waren wir einst. Unser Tempel zerstört — unser Staat aufgelöst — unsere Selbständigkeit dahin und wir, wir hinaus in eine Welt, die uns stemd — zersprengt in alle Richtungen der Windrose. Zuerst war auch unsere Verbannung keine so harte. Geachtetet und geehrt war unser Volk in Spanien, gar mancher Herrscher setzte einen Sohn unseres Volkes ein „zum Verwalter seines Hauses." Dir aber bewährten unsere Joseph-treue schon damals nicht. Es klagen einzelne Zeitgenossen über die betändigen Zwistigkeiten und Reibereien innerhalb Israels, über die Härte, mit welcher der auf höherer LebenSstufe stehende, den weniger angesehenen Bruder behandelte. Ein interessantes Büchlein «Or Hachajim" von R. Joseph Jabez erzählt uns aus jenen Zeiten, in denen faul war der Kern in der glänzenden Schale. Und es begannen jene finsteren Jahrhunderte der Kreuzzüge, des schwarzen Todes, der Pest. Frankreich, England, Deutschland. Polen; kein Land, keine Slätte, aus demunserBolksich ruhigniederlassenkonnte. Und es kam das Ghetto — das gelbe Abzeichen, der Judenzoll und wie sie alle hießen, jene zahlreichen Er,chwerungen und Plackereien, mit denen der Jude sein Daeinsrecht erkaufen mußte. Und doch waren sie glückicheMenschen, glücklich in all ihrem Jammer und Elend. Ueber seinen Talmud gebeugt vergaß der Jude all daS Bittere und Herbe, das ihn traf. Zu seinem Gotte gewandt flehte er. hoffte er auf die Zeit, die seinem Leiden ein Ende machen sollte; er hoffte auf die Zeit, die ihm wieder ein menschenwürdiges Dasein gestatte. Und die Hoffnung war ihm so sicher, so fest, so innig, daß er sich schon in die Zeit der Erlösung versetzt, glaubte. Aegypten, Amalek, Peiser, Syrier Babylonier, hatten Ich alle an ihm die Zähne stumpf gebissen, waren verchwunden von der Bühne der Weltgeschichte und er, der gehetzte, geplackte Jude war geblieben: Freudig bestieg er, den Namen Gottes heiligend, den Scheiterhaufen. noch im Märtyrertode aufjauchzend zu dem Gotte, für dessen Gesetz er sein Leben hingab. Und die Zeiten wurden lichter, die Völker rafften sich auf. Jahrhunderte alter Wahn schwand. Die Schranken, die Mensch von Mensch trennten, fielen und auch des Ghettos dunkle Gassen wurden heller. Die Völker lösten dem Bruderstamm die Fesseln und endlich, endlich wurde auch der Jude anerkannt als Mensch mit gleichem Recht auf all das, was der Menschheit Gut war — Joseph wurde aus dem Kerker befreit. — Aber „Jeschurun wurde fett und schlug aus." Die Emanzipation war teuer — gar zu teuer erkauft. Ihres Gottes Lehre, die sie.hoch gehalten in der tausendjährigen Gelußnacht, gaben sie preis, verschacherten ihr Heiligstes für — nichts. Denn sie hatten nichts von ihrer Charakterlosigkeit. Jeder ehrliche Nichtjude wandte sich mit Verachtung hinweg; der getaufte Jude blieb auch nach der Taufe der getaufte Jude. Den Gott ihrer Bäter hatten sie preisgegeben und keinen Ersatz dafür gefunden, waren hier und dort verloren. So erklärt sich die Erscheinung, daß wir immer Juden an der Spitze jener dem neunzehnten Jahrhundert so charakteristischen, fleptischen und pessimistischen Strömungen sehen. Also zurück, zurück in's alte dunkle Ghetto.'? Nein, tausendmal nein. Laßt's uns ergreifen, was die Bruderhand uns gereicht. Seien wir Menschen, die alles Schöne und Wahre, was ihnen von außen gereicht wird, in sich aufnehmen, die sich freuen. mitstreben zu können zu den Hochzielen der Mitbrüder und doch Juden. Freie, offene Juden, dürfen wir's doch gottlob jetzt zeigen, daß wir Juden sind, können wir doch das, was unsere Ahnen nur schwer und unter unsäglichem Druck und Jammer zu erfüllen vermochten, unbehelligt unter dem Schutze einer rechtliebenden Obrigkeit ausüben. Laßt's uns zeigen, daß wir nicht unwürdige Enkel jenes Josephs )md, der als König noch dasselbe hoch und heilig hielt, was der Vater den Hirtenknaben lehrte. E. Nachdruck verboten. Jüdische Eharakterstudien. Eine Plauderei. — Bon Albert Wahrmund. Charakterstudien anzustellen, sind wohl Unzählige bereit, gerne bereit zu jeder Stunde und bei allen erdenklichen Gelegenheiten. Mit Vorliebe pflegen jedoch unsere Glaubensgenossen diesen, oft nicht grade empfehlenswerten Sport. Es liegt dies schon in unserem ganzen Naturell, in welchem ein reges Geschäfts» und Gedankenleben vorherrschend ist Ganz besonders aber nennen wir ein stark entwickeltes Jndividualitätsgefüh l. ein scharfausgeprägtes Selbstbewußtsein unser Eigen, Die Bibel erzählt so manches von diesem «Bolkszuge", wenn auch gerade nicht in rühmlicher Weise. Sie nennt Israel das «Am kschei Oref", das Volk mit dem «harten Nacken", dem unbeugsamen Rückgrate. Guter Moses! Wie oft ward dein selbstloses und bescheidenes Wesen auf harte Probe gestellt, wie manches mal selbst das hohe Maß deiner Geduld erschöpft, wenn so sechsmalhunderttausend Mann, „ohne die Frauen und die Kinder" ihre «Charakterstudien" über dich anstellten! „Ging Moses frühe von daheim weg, dann ftagte man: «Ei, warum bleibt er nicht zu Hause? Gewiß ist er da nicht wohlgelitten. Berließ er spät das Zelt, so hieß es wiederum: Wo er nur bleiben mag? Glaubt ihr nicht alle, daß er dort sitzt und brütet böse Pläne gegen uns aus?" (Sifti zu deuteron. 1. 12.) So war es früher, so ist's heute noch. Das Volk stellt über seine Führer, Lehrer und Berater sehr gerne Charakterstudien an. Es gehört ja auch gerade nicht viel Witz und Scharfsinn dazu. Man setzt einfach die Brille des- Weltverbesserers auf, und dann — nur man los l Doch halt! Ich komme beinahe schon etwas zu stark, in's Fahrwayer herein, der Strudel der Begeisterung reißt mich hin. Ich möchte doch zuerst die nötige Borftage

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