Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 10 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 10. Sinn und Auge nach Osten gerichtet? Jerusalem und Erez Israel. Und wieviel Anziehungskraft, welchen Zauber euch alten sic heute noch trotz der Feme an Raum und Zeit für jedes jüdische Herz! Sind nicht, als wir vor kurzem eine erfolgreiche Kollekte für die Arnum des heiligen Landes und der heiligen Stadt veranlagten, sind da nicht die Worte der Thora zur Geltung gekommen: „Die Stätte, die Euer Gott auscrwählt, dort sollt ihr Euere Opfer hinbringen" (5. B. M. Kap-12)? Ist nicht auch dieses ein Kulturzionismus zu nennen, in dem Sinne, dass wir das wesentliche dessen, was den kulturellen Zustand, das kulturelle Glück Zions einst ausmachte, auch in der Diaspora pflegen? ° Suchen wir das Schifflein unseres Berufes so zu leiten, unser Leben so cinzurichten, daß es mit den Mizwas eng verbunden, zwischen Arbeit und Pflicht das Gleichgewicht hält, dann dürfen wir's getrost mit unserem großen Urahnen sagen: Fremd und heimisch bin ich bei Euch. Haben wir doch dadurch für unser Erdcnleben, das wie ein Traum verfliegt, die dauernde Weltbürgerschaft erworben, uns ewige Denkmäler errichtet, die das Leben überdauern und weit, weit über das Grab hinaus emporragen. So hängt es in jedem Falle stets -von unserer Willenskraft ab, ob wir als Ger, als vorübergehender Fremdling, von dannen ziehen oder als Toschcw durch ideales Handeln im Dienste Gottes und der Nebennienschen ein dauerndes Wohnrecht uns hienieden verschaffen. Religiöse Belehrungen. Es ist einer jüdischen Zeitung unabweisbare Pflicht, neben unterhaltender Lektüre und Berichterstattung über Vorgänge und Ereignisse, die das Interesse der Gesamtjudenheit zu. erregen und wach zu erhalten nnet erscheinen, in religiösen Fragen Unwissende elehr^n und falschen Auffassungen zu begegnen Der Väter Brauch ist den Kindern heilig, und ist es daher erklärlich, daß bei Vielen der gebotene Bruch eines falschen Brauchs als eine Verletzung der kindlichen Pietät angesehen und infolgedessen unterlagen wird. Wo ein auf dem Boden des gesctzcstreuen Judentums stehender Rabbiner am Orte ist, werden sowohl von der Kanzel als auch vom Katheder aus Belehrungen über die zu beobachtenden religiösen Satzungen und Vorschriften erteilt. Anders ist cs in kleineren Gemeinden, die'züweilen sogar eines Rcligionslehrers entbehren müssen. Da ist es geboten, durch eine Zeitschrift die Lücke auszufüllen. Ist nun gar der Abonncmentpreis einer solchen, wie dies beim Frankfurter Israel. Familienblatt der Fall, ein durchaus bescheidener, so kann es nicht fehlen, daß mit der Zeit ein stattlicher Leserkreis sich einstellt und dadurch der Bestand eines Blattes gesichert ist, das sich in den Dienst des unverfälschten Judentums stellt und das religiöse MomeM zu heben und zu fördern "sucht. Es soll in diesen Zeilen auf eine das interne jüdische Leben berührende Frage hingewiesen werden. Als bekannt darf vorausgesetzt werden, daß Fleisch innerhalb der nächsten 3 mal 24 Stunden nach dem Schächten „koscher" gemacht, d. h. begossen und gesalzen werden muß. Ist jedoch das Fleisch nach Ablauf der 3 mal 24 Stunden, vom Schächten an'gerechnet, nicht „koscher" gemacht, d. h. nicht vorschriftsmäßig gesalzen u. s. w., so ist.es zum Genüsse verboten. Das Fleisch bleibt jedoch noch weitere 3 mal 24 Stunden weniger Stunde, ohne .vorher „koscher" gemacht zu sein zum Genüsse erlaubt, wenn folgende Bedingungen erfüllt sind. Es muß vor Ablauf der ersten 3 mal 24 Stunden „gcporscht" (in andern Gegenden wird es „gettiebert" genannt) und ungefähr V2 Stunde in Wasser gelegt worden sein. .. (Nachdruck verboten). Am Vorabend des Versöhmmgstages. Von Sara Meyer, Schülerin der II. Klasse des Dr. Heinemann'schen Instituts. Es war mn Erew Jom Kippur, dem Msttage zum Versöhnungsfeste, an dem ich zum ersten Male einen ganzen Tag fasten sollte, und ich hatte Furcht vor dem Hunger, der mich quälen würde;, denn essen und trinken ist gar so schön, besonders wenn man so wie eben an reich besetzter Tafel sitzt. Wie immer bei jeder Sorge klagte ich auch heute der Mutter, aber sie hatte nicht wie sonst Mitleid mit mir, sondern sprach vielmehr in ernste» Worten davon, wie glücklich und stolz ich mich fühlen müsse, von mm an in die Reihe, der Erwachsenen eingetreten zu sein und teilnehmen zu dürfen an Men, Rechten und Pflichten der jüdischen Religion. 'Sie jagte, daß man an solchem Tage überhaupt keinen Hunger fühle, auch kein Bedürfnis nach Zerstreuung irgend welcher Art; denn ein ftommer Jude gebe sich in so ernsten Stunden ganz der Andacht hin, dmnit ihm keine Gedankm an anderes kommen, und er feikre den Bersöhnungstag als. den schönsten des ganzen Jahres, obgleich er an demselben keinerlei Genuß wie an anderen Feiertagen zu Hause habe, sondern ihn ganz dem Gottesdienste weihe So ernst wie die Mutter empfand ich nicht, aber ich dachte doch darüber nach und half noch bei dm verschiedenen Vorbereitungen im Hause bis kurz vor Beginn des Festes. Dann sah ich den Vater festlich gekleidetmit schwarzem Anzuge und weißer Halsbinde, die Muster trug zu ihremsstzellen,-seidenen Kleide ein weißes Häubchen, und ich selbst dürfte ein weißes Kleid anziehen. Alles im Hause war so feierlich; außer den Sabbathkerzen standen noch Gedächtnislichte für die Heimgegangenen Großeltern im Zimmer, und nur ein halbes Stündchen fehlte noch zum Beginn des Gottesdienstes. Da nahm die Mutter ein schönes Buch zur Hand, aus dem sie mir schon oftmals vorgelesen hatte, und in dem alle Feiertage beschrieben sind: sie schlug ein Kapitel auf, das von dem Elternfegen vor Eintritt des Versöhnungstages handelt und las uns dasselbe vor. Es war wunderbar ergreifend zu hören, was alles die Eltern für ihre Kinder vom lieben Gott erbitten, und wie sie in dieser ernsten Stunde nichts von dem ergehen, woran man sich wohl sonst erfteut, sondem nur ftomme Gedankm hegen und den Kindern Liebe zu Gott und Freude an dm Geboten wünschen. Die Mutter kämpfte mit Thränen, auch der Vater, und, wir alle waren tief gerührt, und als dann die lieben Eltern mit diesem schönen Segen uns die Hand aufs Haupt legten, da wußte ich, was der Jom Kippur bedeutet, und faßte den Vorsatz, alles so zu erfüllen, wie es der liebe Gott geboten, und Eltem und Lehrer lehren. Es ist mir auch gar nicht schwer, geworden, den ganzen Tag zu fasten, ich habe nur eine halbe Stunde die Synagoge verlassen und immer mitgebetet. Wenn ich auch nicht alle Gebete verstanden habe, so hat mich doch der schöne Vorttag erfteut, und. ich habe mir vorgenommm, immer mehr zu lemen, damit ich in jedem Jahre mehr Verständnis davon habe, wie erhaben die jüdische Religion ist, und wie man sich bestreben muß, hrer würdig zu werden. (Nachdmck verboten). Aus «nseru Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Doch ein Prachtjunge, unser Felix," sagte Kohn, „es macht sich ganz ausgezeichnet, - daß grade er sich des unglücklichen Knaben annimmt, der von allen seinen andern Kameraden, verlassen ist — und daß die Familie sich seiner nicht annimmt. Da sieht man so recht den Unterschied zwischen ihnen und uns — sie ließen ihre eigenen Leute zu Grunde gehen, wenn wir uns derselben nicht annehmen. — Dies werde ich gehörig unter die Leute bringen." Felix war indessen raschen Schrittes der Wohnung seines ttauernden Mitschülers wieder zugceilt. Das Mädchen, das ihm die Hausthür öffnete, nickte ihm freundlich zu: „Das ist schön von Ihnen, junger Herr, daß Sie schon wieder da sind, es sieht sich ja sonst kein Mensch nach demAermsten um. Das heißt, grade jetzt ist ein geistlicher Herr bei ihm, mir scheint ein Vetter oder ein Bruder vom Herrn; aber der hat gleich gesagt, daß er bald wieder fort muß. Gehen Sie man hinein." Felix klopfte an die ihm bezeichnest Thür und ttat gleich darauf in dasselbe Zimmer, indem er vormittags seinen Kameraden gettossen hatte. Jetzt sah er dort auch einen Geistlichen in Ordenstracht. Ein Aufleuchten in den vom Weinen geröteten Augen des Trauernden lohnte den Kameraden.' Arnold erhob sich und ging ihm mit ausgcstteckter Hand entgegen: — „Ich danke Dir," sagte er leise. Dann wandte er sich an den Geistlichen. „Lieber Onkel, hier ist Felix Kohn, von dem Ich Dir erzählt habe." Auch der Geistliche reichte dem sich vor ihm Ver neigenden die Hand. „Mein Neffe hat mir viel Schönes und Gutes von Ihnen erzählt, junger Herr, ich danke Ihnen hcrzlichst für die ihm erwiesene Freundlichkeit. Felix hatte sich auf dem ihm angewiesenen Sessel niedergelassen, und auch Arnold hatte seinen früheren Sitz wieder eingenommen, aber während sein Onkel mit seinem Kameraden einige Worte wechselte, war der Kopf des von den schmerzlichsten AufteguNgen vollständig erschöpften Knaben zurückgesunken und seine Augen schlossen sich. Mitleidig zuckte es um die Mundwinkel des Geistlichen, geräuschlos erhob er sich, war dem andern Knaben einen sprechenden Blick zu und deutete auf das anstoßende Zimmer, dem er zufchritt Felix folgte ihm dorthin. „Armer Knabe." sagte der Priester, „der Herr hat ihm eine schwere Prüfung auferlegt, gesegnet seien diejenigen, die sie ihm ertragen helfen." . „Er schien schon gestern kaum im Stande sich aufrecht zu halten," bcmertte Felix, „und nun heute noch der entsetzliche Schlag." - Der Geistliche wiegte bedächtig das Haupt. „Die Wege des Herrn sind unerforschlich und seine Hand trifft oft gar schwer, aber sie eriveckt auch Freunde in der Slot.. Wie lange können Sie bei dem armen Jungen bleiben, junger Herr?" „Arnold war vormittags furchtbar aufgeregt, meine Eltern haben mir daher erlaubt, hier zu bleiben, so lange ich von Nutzen sein könnte." „Das ist schön,: das ehrt Sie und Ihre Eltern und niir nimmt cs eine schwere Sorge vom Herzen, denn meine Berufsgeschäste gestatten mir nicht, lange auszubleiben, in einer halben Stunde muß ich wieder fort und es wäre mir überaus hart gewesen, hen Bedauernswetten'Mein zurückzulaffen- Es'war,deshalb meine Absicht, einen Laienbruder herzuschicken. — Aber ein ganz Fremder, der wäre auch nicht von großem Wert. — Aber ein jugendlicher Freund, der ihm so lieb und - teuer ist, wie Sie, junger Herr, und zu dem er mit olch hoher Wertschätzung emporblickt, der ist in diesem Falle unersetzlich. Könnten Sie auch über Nacht hier bleiben?" „Wenn es gewünscht wttd, bin -ich bereit." - Der Geistliche ergriff beide Hände des Knaben und drückte sie herzlich. „Ich danke Ihnen, mein jünger Zreund, und ich verlasse mich vollständig auf Sie. Gott 'egne Sie und lohne Ihnen, was Sie an Ihrem freunde thun und behüte Sie vor jeder ähnlichen Prüfung. — Aber jetzt scheint er gut zu schlafen." „So scheint es," stimmte Felix zu, „wenn er nur recht lange schlafen würde —" „Das wäre, allerdings wünschenswert. Im Schlafe - hat er wenigstens Ruhe und Frieden, die er sich wachend erst erringen muß. — Also mein lieber, junger Freund. . ich rechne auf Sie, Sie bleiben über Nacht hier und morgen —" , „Morgen ist ein schulfteier Tag, da könnte ich auch hier fein." „Das eben habe ich sagen und darum habe ich Sie innigst bitten wollen, aber Sie sind mit Ihrer fteundlichen Bereitwilligkeit meiner Bitte zuvorgekomnien, denn Sie scheinen zu denjenigen zu gehören, die ein ftommes Werk nicht halb thun wollen. Empfangen Sie, junger Herr, den Ausdruck meiner vollkommensten Hochachtung, wie ich solche jungen Herrn Ihres Alters selten entgegenbringe. — Aber unser teuerer Arnold scheint inWirklichkeit sich eines erquickenden Schlummers zu erfteuen. Sehen Sie nur, wie sanft und regelmäßig sich seine Brust hebt und senkt. Gebe der Himmel, daß dieser Schlaf recht lange anhalte. Aber mich ruft die Pflicht, ich kann sein Erwachen nicht abwarten. Darf ich Sie bitten, junger Herr, meinen Neffe» von mir grüßen zu wollen?" Er schlich noch einmal zurüchjü das andere Zimmer, neigte sich über den Schlummernden und machte das Zeichen des Kreuzes über ihn. Dann schüttelte er Felix nochmals die Hand. „Leben Sie Wohl, mein lieber, junger Freund, es hat mich aufrichtig gefreut, Ihre werte' Bekanntschaft zu machen. Auf Wiedersehn!" Felix geleitete den sich Entfernenden bis zur Thür, dann schlich er zurück zu dem Schlafenden, nahm ein Buch und setzte sich ihm gegenüber. Arnold schlief mehrere Stunden bis der Abend vollständig hereingebrochen war, er gewahrte es nicht einmal, daß das Mädchen eine brennende Lanipe hereinbrachte, deren allzuhelle Flamme Felix jedoch vorsorglich mit dem Lampenschirm deckte. Die Freundliche hatte ihm, auch auf Veranlassung des Geistlichen, zur Besperzeit Kaffee und Kuchen gebracht und ihni mitgeteilt, daß sie beauftragt sei, für feine Verpflegung zu forgen. Dann hatte sie ihn auch im Flüsterton ge- Bt, ob er nicht den Schlaf des Verwaisten benützen e,um die Leiche anzusehen, die bereits aufgebahrt und mit Kränzen umgeben war. Innerlich erschauernd hatte er abwehrend den Kopf geschüttelt, er wolle den Freund nicht allein lassen. Als Arnold spät am Abend erwachte, blickte er zuerst wirr um sich, erst als Felix ihm Grüße seines Onkels überbrachte, kam er Mittler zu Bewußtsein seiner Lage. Aechzend reichte er dem andern die Hand. „Und Du bist noch immer hier! — Das werde ich Dir nie nie vergelten können^" „Dein Onkel hat mich ersucht, bis übermorgen hier zu bleiben — ist es Dir recht?" „Welche Frage! — kejn Mensch könnte mir gegenwättig eine größere Güte erweisen, als Du mir er-. weisest — uno wie ich Dich beleidigt, wie ich Dich beschimpft habe! — " . „Ach, fange doch davon nicht immer an. D ein Onkel läßt Dir sagen, daß er übermorgen früh wieder hier sein werde, und daß er hoffe, bis dahin alles, geordnet zu haben." „Das hat er mir auch gesagt. Uebermorgen uni zehn Uhr ist - nämlich das — das Begräbnis — und nach demselben wünscht mein Onkel, daß ich gleich mitihm abreise." „Wohin?" ftagte Felix, „wo'wohnt Dein Onkel? Er ist ein sehr freundlicher, angenehmer Herr." „Er ist mein einziger Verwandter. Er wohnt in C.. und ist Direktor des dortigen katholischen Priesterseminars." . „Du wirst bei Deinem Onkel wohnen?" „Ich werde in das Seminar eintteten." „Du?" ftagte Felix mit dem Ausdruck höchsten Staunens. „Willst Du denn Priester werden?" Arnold attnete schwer aüf. „Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben. Ich habe das vorhin eingehend mit meinem Onkel besprochen. — Die hiesige Handelsakademie könnte ich nicht wieder besuchenum leinen Preis—" „Aber es müßte doch nicht grade eine hiesige Schule sein —in C -.. wird es vermutlich ähnliche Anstalten geben und wenn Du bei Deinem Onkel wärest —" „Ich glanbe nicht, daß ich bei meinem Onkel sein könnte, namentlich .wenn ich das Seminar nicht befuchen würde. — Und überdies glaube ich, daß mein Onkel recht hat, daß ich, ich möchte fast sagen, verpflichtet bin, mein Leben Gott zu weihen, nachdem meine Eltern —" ...... „Davon verstehe ich. nichts --7 aber ichkann Dich mir nicht'als.Priester, denken.". - -- ' -; v ,