Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 10 (9.1.1903)
- Date
- 1903-01-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 10.' sich ber Lehrer der Mathematik die ordinärsten Ausfälle gegen die Juden angesichts der ganzen Klasse: „Du sollst lieber ein Handljud werden! Du sollst faule Kirschen verkaufen! JudI" — derlei Ausdrücke bekommen die jüdischen Zöglinge immer zu hören. Tosnowice, 29. Dezbr. DerCzenstochauer Krawall gegen die Juden wurde von einem besonders eingesetzten Gericht in mehrtägiger Verhandlung in Czenstochau selbst abgeurteilt. Am 24. Dezember, Abends 8 Uhr wurde das Urteil gesprochen. Bon den 71 Angeklagten wurden 54 für schuldig befunden. Sechs wurden aller bürgerlichen Rechte und Privilegien für verlustig erklärt und zuZioangsarbeitverurteilt. Zwanzig erhielten je 8Monat Gefängnis und Verlust aller bürger- - lichen Rechte. Einer erhielt 4 Monate Gefängnis, ebenfalls mit Verlust der genannten Rechte. Alle die vorgenannten Verurteilten werden nach Verbüßung ihrer Strafen vier Jahre hindurch unter Polizeiaufsicht gestellt werden. Ohne Verlust der Bürgerrechte ■ erhielten einer 1 Jahr, zwölf 4 Monate und sechs je 2 Monate Gefängnis. Zu Polizeiarrest wurden verurteilt: einer . zu 5, zwei zu je 3 Monaten und einer zu 7 Tagen. —Den geschädigten jüdischen V ewohnern von Czenstochau wurde eine Gesamtentschädigung von 6700 Rubeln zucrkannt. ' Rumänien. Bukarest. Im rumänischen Senat vertrat ein Senator bei der Beratung des Ansuchens „eine s" Juden um Naturalisierung die Ansicht, die gesetzgebenden Körperschaften Rumäniens sollten angesichts der von den Juden im Ausland gegen Rumänien verbreiteten Verleumdungen eine gewisse Zelt hindurch, Juden das Heimatsrecht nicht verleihen. Senator Gradisteanu bekämpfte diesen Antrag. " Unterrichtsminister Haret erklärte naniens der Regierung, es gehe nicht an, einen Unterschied in der Behandlung der Ausländer zu machen. Man muffe die Gesetze gegenüber Jedermann mit Gerechtigkeit und Gleichheit in Anwendung bringen. 'Was die gegen Rumänien in so reichem Maße verbreiteten Verleumdungen betrifft, so wolle sie. der Minister nicht näher beleuchten. Die Wahrheit werde an den Tag kommen und man werde einräumen nrüffen, daß Rlimänien tolerant und wohlwollend gegen Jedermann, selbst gegen seine Feinde sei (!); man dürfe aber den Berleuindern keinen Borwand bieten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Das in Verhandlung stehende Ansuchen wurde bewilligt. Frankofurtia. Frankfurt a. M., den 8. Januar 1903. Die , „Bereinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschauung (Nachalas Z'mi)", hier, versammelte gestern abend ihre Mitglieder und Freunde zu einem Vereinsabend, für welchen „die zionistische Bewegung" auf der Tagesordnung stand. Um dem Thema mit größter Objektivität gerecht werden zu können, war auch an die hiesige zionistische Bereinigung eine Einladung ergangen und waren als Referent ein Gegner Herr Moritz A. Loeb, als Korreferent Herr Dr. Jos. Mayer ausersehen. Herr Loeb erklärte, daß im Prinzip eigentlich gar nichts gegen den Zionisnms vorliege, dag aber sich der Ausführung des Basler Programnis, nämlich eine öffentliche rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu schaffen", sowohl in politischer wie in volkswirtschaftlicher Hinsicht derartig ungeheure Schwierigkeiten in den Weg stellten, daß der Versuch derBerwirklichung dieses Programms ein riesiges Wagnis sein würde, und daß ferner die ganzen Verhandlungen in den offiziellen Kongressen die religiösen Einrichtungen, die in einenr jüdischen Staate Hauptsache sein müssen, so völlig ignoriert wurden, daß es zum Mindesten zweifelhaft erscheine, ob ein orthodoxer Jude sich an der Bewegung beteiligen dürfe. Herr Dr. Mayer entgegnete, daß in der ganzen Bestrebung des Zionismus sich nichts befinde, was dem jüd. Gesetz zuwiderlaufe, führte dagegen eine ganze Reihe von Belegstellen, aus Bibel, Talmud und rabbinischen Autoritäten an, nach welchen es sogar Pflicht eines jeden Juden sei, die nationalen Bestrebungen des Zionismus zu unterstützen. Auch viele Bedenken des Herrn Loeb, bezüglich der politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten wußte Herr Dr. Mayer abzuschwächen oder zu entkräften. Auch die Herren, welche sich an der Diskussion beteiligten, die Herren Cohn, Berlowitz, Sondheimer. Cahn, Rosenheim, behandelten das Thema mit größter Objektivität und suchten durch sehr interessante Ausführungen nach Möglichkeit zur Klärung der i hochwichtigen Frage das ihrige beizutragen. Der vorgerückten Zejt wegen wurde der Vereinsabend gegen zwölf Uhr auf den nächsten Mittwoch vertagt. Herr Rosenheim bewies sich auch bei dieser sehr erregten und außerordentlich stark besuchten Versammlung wieder als gewandter, sich seiner Aufgabe voll bewußter Präsident, der bei größtem Entgegenkommen gegen alle doch die Zügel stets fest in der Hand behält. Wir waren der Kürze der Zeit wegen gezwungen, uns für heute kurz zu fassen und behalten uns vor niit größerer Ausführlichkeit auf den Abend nochmals zurück zu kommen. ' A. Am Samstag, den 27. Dezember, 8'/« Uhr abends, hielt die jüdisch-nationale Frauenvereinigung eine Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Makkabäerfeier ab, die sich eines lebhaften Zuspruchs seitens des Publikunrs erfreute. Nach Begrüßung der Gäste durch die Vorsitzende, Frl. Grünblatt, ergriff Herr I. Simon-Mannheim, der dem Frankfurter Publikum seit der letzten zionistischen Versammlung im kaufmännischen Verein als wirkungsvoller Redner bekannt ist, das Wort, um in fast anderthalbstündiger Rede die Zuhörer gefesselt zu halten. Er entwarf zunächst ein farbenreiches und lebensgetreues Bild der Makkabäerepoche, ging sodann auf die gegenwärtigen Zustände über und entwickelte im Anschluß an eine geistreiche Parallele zu den Makkabäerkämpfen in begeisterten, von hohem Schwung getragenen Worten Ursachen? Wesen und Ziele des nwdernen Zionismus, in dem er die einzig mögliche Abhilfe der materiellen Judennot erblickt. An der Hand der wichtigsten vier Neuerscheinungen der jungjüdischen Litteratur, der „Lieder des Ghetto" von Morris Rosenfeld, ins Deutsche übertragen von Berihold Feiwel, der Gedichte Th. Zloristi's „vom teimweh", des „Jüdischen Almanachs" und Theodor erzl's „Altneuland" besprach sodann der Redner die im Zeichen des Zionismus stehende modern-jüdische Litteratur, die in letzter Zeit auch in deutscher Sprache — von Hebräisch und Jargon ganz abgesehen — einen großen Aufschwung genommen hat. Mit eineni Appell an die anwesenden Gäste schloß der Redner seine interessanten Ausführungen. Bon dem übrigen Teil des Abends verdienen besonders hervorgehöben zu werden die glänzende, in perfektem klassischem Hebräisch gehaltene Ansprache der Frau R. Goldmann und ein hebräisches, formvollendetes Gedicht von Herrn Schriftsteller S. Goldmann, vorgetragen vom Knaben Leo Kohn; beide Nummern entfeyelten stürmischen Beifall. Den Glanzpunkt des unterhaltenden Teiles bildele ein gelungener, von Herrn Siegmund Fischer eigens für die Feier verfaßter Einakter mit zionistischer Tendenz, der von den Damen Bäckermann, Wolf und Wolze vortrefflich aufgeführt wurde. Der gesangliche Teil lag in den Händen des Frl. Simon und des Herrn Weißmann, die wohlverdienten Beifall ernteten. Ein Appell des Festredners zu Gunsten des jüdischen Nationalfonds hatte die Sammlung einer beträchtlichen Summe für diese zionistische Institution zur Folge. Reproduktionen jung-jüdischer Kunst zirkulierten im Saale in Form von Ansichtskarten, welche reißenden Absatz fanden. Unter Absingung. der Nationalhymne „Aud lau owdo tikwoße nu" (Noch ist unsere Hoffnung nicht verloren) schloß um l Uhr die anregende und wohlgelungene Feier. * * * Es sprachen: ani letzten Donnerstag Herr Stiftsrabbiner Blumgrund aus Karlsruhe im Verein Nachalas Z'wi über „Megilath Tanith". ani letzten Sonntag Herr Provinzialrabbiner Dr. Bamberger aus Hanau im Verein Mekor Chojim über „Rabbi Mkir aus Rothenburg" und am vorigen Montag im Verein für jüdische Geschichte und Litteratur Herr Privatdozent Dr. Joseph Horovitz aus Berlin über „Die Juden in Arabien". * * * Der Verein Montefiore veranstaltete am 28. Dezbr. seine Chanukafeier. mit einem glänzenden Programm. Herr Oberlehrer Dr. I. Heinemann hielt in gewohnter Meisterschaft die Festrede. Die Gesangvorträge hatte Miß Berthe Salomon und Herr Oberkantor Ogutsch, die Rezitationen Herr Alfred Auerbach und die Klaviervorträge Herr Siegfried May übernommen. Am Schluß wurde „s' Lorle" von Birch-Pfeiffer aufgeführt, und dann blieben die Gäste noch lange bei fröhlichem Tanze zusammen. (Nachdruck verboten.) Fremd und heimisch. Bon S. Schachnowitz in Endingen (Schweiz). (Schluß). Was hätten unsere Brüder in Spanien vor 400 Jahren gethan, als sie ihre zweite Heimat, die ihnen soviel Glück geboten, so plötzlich wie jene vermeintliche Insel von sich stieß, wenn sie nicht ihr Schifflein bereit und anstatt des baaren Geldes ihr Vermögen in Spaniens heiligem Boden liegen gehabt hätten? Gewiß wäre auch dieses den edlen Spaniern, die es schon ohnedies verstanden, billig und ehrlich in den Besitz der Häuser und aller intransporiablen Güter der Exulanten zu gelangen, zu gute gekommen. Oder unsere Brüder in Frankreich und in England und überall, wenn ihnen im Mittelalter auch noch dieses einzige Mittel zur Flucht gefehlt hätte? Und auch noch heute! Man denke nur an die russischen und rumänischen Judenverfolgungen. Es klingt daher wie eine Lebensweisheit, die auf Erfahrung von Jahrtausenden beruht, wie ein Seufzer und eine Warnung zugleich aus der bitteren Vergangenheit, wenn der Talmud in Baba Meziah 42 lehrt: „Immer lege man sein Vermögen so an, daß einem die Verfügung desselben in Händen bleibt." Es gab freilich eine Zeit — die schönste unserer Vergangenheit — in welcher auch der Jude einen Achtung gebietenden Ackerbau bettieb, einen solchen, von dem, wie überall, der. Wohlstand und die Lebenskraft des Volkes äbhing. In jenen glücklichen Zeiten Israels, auf seinem heiligen Lande, wo es nicht fremd. sondern heimisch, ein Eingeborener auf heimatlichem Boden, am Fuße seines Weinberges und im Schatten seines Feigenbaumes war — zu jener Zeit war auch seine Landwirtschaft eine ansehnliche. Nach den Häfen aller Länder, nach Zor und Zidon, nach Tarschisch und Niniveh konnte es seine voll beladenen Schiffe senden. Der jüdische Bauer ttat damals nicht nur im sozialen und politischen Leben hervor, sondern nahm auch im religionsgesetzlichen Leben eine hervorragende Stellung ein. Ein guter Teil der Thora ist sozusagen nur für ihn berechnet. Hier liegt der Schwerpunkt des Ganzen, oas Charakteristikum der jüdischen Kolonisation. Das göttliche Gesetz hat dafür gesorgt, daß der jüdische Landmann auch nicht für einen Moment vergessen kann, daß er trotz seines unbeschränkten Eigentumsrechtes doch nur ein Fremdling, ein vorüberzievender Wanderer ist. Erinnern ihn doch seine Berusspflichten, die an die Bebauung des heiligen Landes geknüpft sind, auf Schritt und Tritt daran, daß Gott allein der alleinige und absolute Herr der Erde ist. Ist der jüdische Bauer am Pflügen seines Feldes, so muß er sich das Verbot gegenwärtig halten, nicht mit zweierlei Tiergattungen zu arbeiten und ferner darauf achten, daß er nicht mit dem Pfluge das Gebiet seines Nächsten stteift (5 B. M. 22. und n. m.) Stteut er seine Saat, so sagt ihm jede Furche, lehrt ihn jedes Saatkorn: daß er sein Feld nicht mit verbotener Pflanzen-Mischung besäe. — Keine Mischung der Handlungen, keine Verwirrung der Begriffe! Denn Klarheit und Reinheit, abgrenzende Vollkommenheit und heilige Absonderung sind die Kennzeichen des Judentums. Hat gar die rege Erntezeit begonnen, dann hat sich dem jüdischen Landmann mit der Unmaffe schwerer Arbeit auch eine solche von wichtigen Pflichten eröffnet. Die Ecken des Feldes, die Nachlese des Weinberges sind den Arnien zu überlassen. Die Erstlinge der Früchte werden; nach Jerusalem gebracht, wo der Ueberbringer in der heiligen Zentrale seines Volles, in der Machtstätte seines Gottes das Bekenntnis ablegt, daß der Herr, dem er sich dankend naht, der Herr der Erde ist. Die Gabe für den Kohen und der Zehnte des Leviten, die Borschristen über die jungen Baumftüchte und das Gesetz der Landesruhe und Ackerrast, lauter Maßregeln und Verordnungen, die zur Folge haben, den Sinn des Landmanns, der nach der Natur seiner Arbeit Gefahr läuft, dem exttemsten Materialismus anheimzufallen, nach Möglichkeit zu idealisieren, ihn vor allem daran zu hindern, ein Sklave seines Bodens zu werden, ihm stets vor Augen zu führen, daß er doch nur ein Gast hinieden ist und seinem Eigentumsrechte Grenzen gesetzt sind von der Allmacht dessen, der spricht: „Mein ist die ganze Erde!" Im Augenblicke, als Israel seines Bodens und mit ihm der Mizwos, die daran geknüpft sind, verlustig wurde, mußte die göttliche Bor,ehung es auch fügen, daß ihm der Beruf der Landarbeit unzugänglich wird. Wären die Juden im Exile der Landwirtschaft treu geblieben, so könnte dieselbe keine jüdische sein. Bon den Landesgesetzen der Thora, die außerhalb des heiligen Landes außer Kraft tteten, losgelöst, würde die Bodenbebauung nur noch ihre materielle Seite behalten haben. In den andern Berusskategorien jedoch, die Israel zugewiesen sind, kann es die meisten und wesentlichsten jenes Mizwos, wenn auch nur ihrem Sinne nach, halten. Der Jude, der es weiß, was er als solcher seinem Gotte und seinen Rebennienschen schuldet, wird heute noch, wie der jüdische Landmann dazumal, darauf bedacht sein, bei der Verwertung seines Erwerbes die ihm von Gott gesetzten Grenzen inne zu halten. „Bewege Dich in Deinen Grenzen und stteise nicht in das Gebiet anderer." Dieses Verbot ist heute noch für jede Berufskategorie bindend. Er wird es ferner über sich bringen — und erfordert es auch Opfer — sich bei der Ausübung dieser Arbeit von Kilajim, von jeder unlauteren Mischung fern zu halten. Die Absonderung zwischen dem Heiligen und Profanen durch die Ruhe und Weihe des Schabbes zu bezeugen, die Scheidung des Reinen vom Unreinen durch stteng rituelle Lebensweise zu bethättgen, durch Vermeidung von verbotenen Speisen und Gettänken und so unsere höchsten Güter gegen die Gefahren der Verniischung und Assimilierung zu wahren. Bei welchem Volke steht ferner das Wesen von Pro, Maaser. Oni, der Sinn für Zedoko u. s. w. in so hohem Ansehen als bei uns? Ich denke dabei noch nicht einmal in erster Reihe an den ftommen Kaufmann, der gewissenhaft Bilanz zieht, um von seinem Reingewinne das Maaser (Zehnten) abzuheben. Aber der arme Ghettojude, der in Ermangelung der elementarsten Lebensbedürfnisse, der einfachsten Substistenzmittel sich noch eine Extrasteuer auf Fleisch. Salz und Mehl legt, um dadurch den Lehrer, den Raw und die Gemeindeinstitutionen zu erhalten; der arme Schuster oder Wasserttäger, der die letzte Kopeke, die er dem Munde abgespart, an den Melamcd seiner Kinder zahlt und daraus auch die Besoldung für seinen eigenen Rebbe, bei dem er nach einer schweren Woche der Arbeit und des Darbens am Freitag Abend die Erklärung der Sibroh hört, austreibt; an sie denke ich. und ftage: Wann haben unsere Brüder unter schwierigeren Verhältnissen, mit größeren Opfern ihr Trumoh und ihr Maaser aufgeboten? Und sehnt sich nicht auch jetzt noch ganz wie damals unser Herz nach der geheiligten Stätte unseres Gottes? Sind nicht auch heute noch unser