Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 9 (30.12.1902)
- Date
- 1902-12-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nx, s. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. .-—-daß sie die Menschen draußen aufmerksam machen :, ans die Allmacht Gottes. — Dann tönt eine Melodie . an sein Ohr, so alt, so mächtig, so sieghaft und so herzbewegend, so glaubensstark und so demütig — Moauß Zur Jeschuost - — der Gesang verhallt - Benno steht da und weint, weint bitterlich, die erste Thräne. die er seit seiner Kindheit nicht aus Bitternis und Elend vergießt. — Die Bilder, die ihn heute schon so bestürmt, sie sind bei den eben'gehörten deutlicher, lebendiger, ja greifbar vor ihn getreten. — Eine wunderbare Ruhe ist Plötzlich auf ihn gekommen; nun weiß er, wo er hingehört, nun weiß er, wo einzig ftuchtbarer Boden für das Leben ist. Die Chanukalichter haben es ihm gezeigt. — Ja, der Gott, der Israel aus der Grausamkeit der Griechen errettete, der wird ihm auch helfen, seinen Vorsatz auszuführen, zu diesem Gotte zurückzukehren! Die Chanukageschichte, die er, wie ach sovieles andere, fast vergeffen hat, fällt ihm wieder ein und verleiht, ihm Neuen Mut. Ja, er fühlt es in sich, es ist Noch Nicht zu spät, er kann noch umkehren von dem ihm gewohnten Pfad der Gottlosigkeit. — Er wird seinen Eltern wieder als neugewonnener, wahrhaft echt . jüdischer Sohn gegenübertteten können.-Und was hat in ihm diese Wandlung vollzogen? Das „Chanuka- . licht!" Weiter leuchtet es in die Welt alljährlich, ein Denkmal für die Allmacht und das Erbarmen Gottes, mitwirkend an der. Erreichung des Zieles Israels, daß hinausgeschickt ist ins Exil, um Gotteserkenntnis zu verbreiten in der Welt, auf daß sich alle Völker vereinen, um zu bekennen und zu jubeln: „Gott ist einzig und sein Name ist einzig I!- Kaddisch. Von Victor Fleischer. Nach langer Zeit zum erstenmale wieder in der Synagoge der Heimat. Weiß eigentlich nicht, warum ich hergegangen bin. Aus Frömmigkeit gewiß nicht. Es ist alles noch wie früher. Der Teinpelgesang ist immer noch so schlecht und es geht gar nicht recht feierlich zu. Und doch ist alles so traulich und heimatlich. Die braunen Bänke, die. Galerie auf den schlanken Säulen, vorne der kleine Altar mit der Bundeslade und darüber das große, särbige Glasfenster, durch das die letzten Abendschimmer hereinscheinen, das ist alles wie ein süßes, wehmütiges Erinnerungsbild. Und dazu die altehrwürdigen Gesänge, die noch immer dieselbe Macht auf mich üben wie einst. Da wird so viel Längstvergessenes in mir lebendig . . . Es ist alles ganz so wie früher . . . Auf ihren Stammplätzen sitzen noch imnier die Väter der Gemeinde; hier und dort fehlt einer, den der ewige Friede umfängt. Mancher ist grau und alt geworden, seit ich ihn nicht mehr gesehen... Ueber dem Altartische flimmert die rote Lampe. Darunter singt mit sonorer Stimme der alte Vorbeter. Einschmeichelnd drängen sich die Worte an mich heran, wie mit einem Zauber umsangen mich die vertrauten, lange entbehrten Klänge... Jetzt treten aus den Reihen der Bänke die Männer vor, die da trauern um heißgeliebte Verwandte, die da beweinen ihren Vater, ihre Mutter, ihre Geschwister ... Mir hat's einen Stich durch's Herz gegeben; mir ist's, als sei in mir selbst schon längst etwas gestorben, für das ich Kaddisch sagen sollte — -eine tiefe Liebe, ein schöner Märchenglaube, eine stolze Zuversicht oder ein hohes Ziel . . . Und leise spreche ich die Worte mit: ... Jisgaddalwejiskaddaschschemeh rabboh.. - Langsam geh' ich aus dem Tempel. Weiß nicht, für wen ich Kaddisch gesagt habe. Vielleicht für meine toten Jugendjahre... („Jüd. Volksbl.") (Nachdruck verboten). Aus «nseru Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) Es ward Felix nicht leicht, dem Vortrage des Professors die erforderliche Aufmerksamkeit zü schenken, unaufhörlich stand das traurige Gesicht des Knaben, den er festem in seiner Verzweiflung gesehen,-vor seinem inneren Auge und er nahm sich vor, ihn aufzusuchen und ihn seiner Teilnahme zu versichern. .Das hatte dem Armen doch gestern so wohl gethan, und heute war er doch noch weit unglücklicher, stand er noch mehr allein. — Ob sein Vater, sein Vorhaben billigen würde? — er zweifelte, deshalb beschloß er, gleich nach Schluß der Schule noch bevor sein Vater ein diesbezügliches Verbot aussprechen konnte, den unglücklichen Kameraden zu besuchen. Als er sich jedoch Mittags auf den Weg machte, pochte ihm das Herz und je näher er dem Trauerhause kam. desto stärker pochte es ihm, ein ihm selbst unerklärliches Gefühl drohte ihn zu übermannen. Es war die unbewußte Scheu vor dem Tode und dem, was damit zusammenhängt. Wisientlich hatte er noch nie ein Haus betreten, das eine Leiche barg, geschweige die eines Selbstmörders. Am liebsten wäre er umgekehrt, niemand konnte ihn der Feigheit zeihen, denn er hatte sein Vorhaben gegen Niemanden geäußert. Aber wenn er sich den unglücklichen Knaben vergegenwärtigte, der vor zwei Tagen den Baker verloren hatte und nun auch die Mutter und beide in solch entsetzlicher Weise, und der nun vermutlich allein und verlaßen in dem öden großen Hause dort weilte, da wallte sein Herz wieder in Mitleiden über und heftig, als fürchtete er im nächsten Moment werde ihm wieder der Mut dazu fehlen, zog er die Klingel. Gleich darauf wurde die Thüre geöffnet, ein Dienstmädchen fragte nach seinem Begehren. »Ist Arnold zu Hause?" fragte er schüchtern. „Ach du lieber Gott, wo sollte der arme Wurm denn sonst sein? — Wollen Sie ihn besuchen, junger Herr? Da thun sie weiß Gott, ein barmherziges Werk, denn was der heute getrieben hat, davon kann sich keiner einen Begriff machen. Kommen Sie, ich will Sie führen." Mit lauten schlürfenden Schritten ging das Mädchen voraus, er folgte leise, auf den Fußspitzen schleichend, als könne er den Schlummer eines Schwerkranken stören und dabei blickte er mit einer gewiffen Aengstlichkeit auf die verschiedenen Thüren, an denen sie vorüber kamen. „Sie brauchen sich nicht zu fürchten." sagte das Mädchen, „sie liegt oben. — Denken Sir sich, an das Fensterkreuz hatte sie sich gehängt und der junge Herr, der ihr vermutlich guten Morgen sagen wollte, war der Erste, der sie da gesehen hat." Ein Laut des Entsetzens entrang sich der Brust des Knaben, unwillkürlich blieb er stehen und preßte die Hand aus die Brust. „Kommen Sie, kommen Sie!" drängte das Mädchen, „Ihr Besuch wird ihm vielleicht gut thun." Sie hatte bei diesen Worten eine Thür geöffnet und beide traten in ein mäßig großes Zimmer, in dem der verwaiste Knabe sich befand. Er saß an seinem Arbeitstisch, beide Arme aus demselben ausgebreitet und mit dem Gesicht auf den Armen liegend. „Herr Arnold," rief das Mädchen, „da ist ein junger Herr, der zu Ihnen will." Er fuhr aus. blickte scheu um sich, dann erst erkannte er den Besucher. „Felix", schrie er auf. Und ehe dieser sich deffen versah, war er auf ihn zugestürzt und hatte mit beiden Armen seinen Hals umklammert. Und plötzlich brach er in ein lautes konvulsivisches Schluchzen aus. „Arnold! — saffe Dich! — ich bitte Dich um Gotteswillen! —" „Lassen Sie ihn," sagte das gutherzige Mädchen, indem sie sich mit dem Schürzenzipfel über die feuchten Augen fuhr, „er hat bis jetzt noch nicht weinen können, und der Herr Doktor hat gesagt, es möchte ihm gut thun, wenn er weinen würde." Dann ging sie hinaus und die Knaben blieben allein. Amold weinte noch lange, indem er das thränenüberflutete Gesicht an der Schulter des andern barg. Felix sprach nur hin und wieder ein beschwichtigendes Wort und drückte die Hand des Weinenden. Endlich verstummte das Schluchzen, die Thränen versiegten und nach einiger Zeit richtete der Trauernde sich auf. „Jetzt ist mir leichter." sagte er. „Felix, Felix, wie soll ich Dir danken? — Wenn Du Seite 5. nicht gekommen wärst, ich glaube, ich wäre wahnsinnig geworden." „Ach, Unsinn! wer wird so reden! —" „Nein, es ist kein Unsinn. Aber Du kannst es Dir nicht denken, wenn man so ganz allein ist — und dann diese entsetzlichen Gedanken! — Siehe, Du weißt doch, wie sie sonst in der Schule um mich herum scharwenzelt haben und in dieser Woche hat kein einziger auch nur ein Wort mit mir gesprochen und kein einziger ist zu mir gekommen außer Dir. der ich Dich beschimpft und beleidigt habe. —" Seine Stimme bebte, Felix fürchtete einen abermaligen Ausbruch und that sein möglichstes, diesem vorzubeugen. Endlich mußte er sich aber doch auf den Heimweg machen, seine Eltern wußten doch nicht, wo er sich befand. Und überdies war es Essenszeit und er mußte nachmittags wieder rechtzeitig in der Schule sein. „Also gehab' Dich wohl, Arnold, und — sei ein Mann! —" Der andere hielt die Hand, die er ihm gereicht hatte, wie mit eisernen Klammern umspannt. „Du wirst bald wieder kommen, Felix, nicht wahr? Heute noch —" „Wenn es mir irgend möglich ist, komme ich heute noch." „Nein, nein, nicht wenn — Du mußt noch heute kommen! ich bitte, ich beschwöre Dich! — ich weiß gar nicht, was ich anfangen werde, wenn Du nicht bei mir bist — vielleicht mache ich es so. wie meine arme Mama." „Halt ein!" schrie Felix, „ich schwöre Dir beim Leben meiner Mutter, daß ich noch heute zu Dir kommen und bei Dir bleiben werde, so lange Du willst. Ich muß nur meine Eltern verständigen. Aber Du mußt mir schwören, daß Du das Schreckliche, was Du gesagt hast, unter keiner Bedingung thun wirst" „Ich schwöre es," sagte Arnold, „aber Du kommst noch heute." „Ich komme noch heute, Du kannst sest darauf rechnen." Noch einen warmen Händedruck, dann trennten sie sich. Bevor Felix das Haus verließ, suchte er das Mädchen auf. das ihn empfangen hatte und band ihr auf die Seele, den Trauernden nicht außer Augen zu laffen, damit er in feiner Verzweiflung nicht Hand an sich lege. Dann eilte er heim. Es war ihm doch wohl unbehaglich zu Mute, wenn er sich den voraussichtlichen Zorn seines Vaters vergegenwärtigte, der höchst wahrscheinlich seinen Verkehr mit dem Sohne des entflohenen Betrügers im höchsten Grade mißbilligen würde. , Er traf die Eltern noch bei Tisch, beide beunruhigt durch sein ungewöhnliches Ausbleiben. „Wo warst du so lange, Felix"? forschte die Mutter. „Wo hast du dich so lange herumgetrieben?" fragte drohend der Vater. „Ich war bei Arnold Wiesner," erwiderte Felix schüchtern, „der arine Junge hat mir so entsetzlich leid gethan." Beide Eltern glaubten ihren Ohren nicht trauen zu dürfen. „Bei Arnold Wiesner warst du?" wiederholte der Vater. Und nun faßte sich Felix ein Herz und berichtete eingehend, wie er den Verzweiselnden getroffen hatte und wie er sich mit ihm unterhalten und auch, daß er ihm zuschworen hatte, heute nochmals zu ihm zu kommen und bei ihm zu bleiben, so lange Arnold ihn dort haben wolle. Mit angehaltenem Athem und in höchster Angst, beständig einen Zornesausbruch ihres Gatten fürchtend, hatte Frau Kohn den Worten des Sohnes gelauscht. — Und nun geschah das Unerhörte, das vollständig Unerwartete. Statt aufzubrausen und in Wuth zu geraten, nickte der Vater dem Knaben freundlich zu und reichte ihm über den Tisch hinüber die Hand. „Brav, mein Junge, das hast du brav gemacht. Und du mußt dein Wort halten, mußt heute nochmals zu ihm gehen. Felix atmete erleichtert auf. »Ach Papa, wie froh bin ich, daß du mir nicht zürnst."