Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 8 (19.12.1902)
- Date
- 1902-12-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 8. gegründet, Kunst und Wissenschaft gefördert, Arbeit um> Gewerbe gehoben, Handel und Derkehrverbreitet, aber eine jüdische Kolonisation hat es nie gegeben und wo und wann Versuche darin gemacht wurden, sind sie bis jetzt zumeist fehlgeschlagen. Und — fragt man Israel — warum? Warum nur diese einfachste und natürlichste aller Erwerbsarten außer Acht lassen? Ist nicht etwa die Arbeit in Gottes freier Natur schöner und anregender als das Tragen des Hausiererbündels? Ist sie nicht gesünder und vorteilhafter als den ganzen Tag die Nadel führen oder an den Schusterleisten darben? nicht einträglicher, leichter und angenehmer als Droschken fiihren und Steine klopfen? Jawohl, — antwortet Israel — gewiß! alles wahr! Aber wie sagte doch nur unser erster Stammvater? Fremdling bin auch 'ich! Und nicht nur da, wo mir die Bebauung des Bodens unzugänglich ist, nein auch da, wo ich augenscheinlich als heimisch betrachtet und behandelt werde, auch da, wo mir Papierene Gesetze bürgerliche Gleichberechtigung zuerkennen, auch La Lin ich durch eine Weisheit, die auf Erfahrung von Jahrtausenden beruht, gewöhnt, mich nicht an den Besitz von Grund und Boden festzubindev. Der große Dichter des Talmud RaLba -bar bar Channäh beleuchtet dieses Verhältnis im Tr. Baba Batra 73. in feiner poetischen Weise in Fornr. eines allegorischen Seeabenteuers: «Einst fuhren wir," erzählt er, «in einem Schiffe auf hoher See. Nach langer, zielloser Fahrt gelangte das Schiff an eine trockene, grüne Insel. Freudig bestiegen wir dieselbe, richteten uns da häuslich ein, zündeten ein Herdfeuer an und fingen an, mit Kochen und Backen uns den Lebensbedarf zu besorgen. Aber siche La! Die riesige Insel bewegte sich, das ganze Eiland erbebte plötzlich mit solcher Macht, daß wir beinahe in die Meereswellen geschleudert worden wären, wenn nicht unser Schiff in unmittelbarer Nähe gewesen wäre, wohin wir uns nun eiligst flüchteten und so dem Grab in den Fluten entkamen. Denn — ftihrt der Erzähler aus — diese geräumige Insel, auf der wir Rühe zu finden glaubten, war in der That nichts anderes, als ein riesiges Fischungchcuer, das, sobald es unser Herdfeuer verspürte, uns wieder abzuschütteln suchte." Wer begreift nicht sogleich, was die Allegorie dieses talmudischen Fabeldichters besagen will? Die ziellose Fahrt Israels auf ftemden Gewässern dauert nun schon, seitdeni es seinen letzten nationalen Schiffsbruch erlitten hat. Hier und da ein Irrlicht, das Frieden und Unterkunft vorspiegelt, in der That aber nur Enttäuschung bietet. Hier und da zeigt ihm das Meer der Weltgeschichte eine grüne Insel, wo ihm Ruhe und Menschlichkeit winkt. Aber wie lange? Kaum will es sich häuslich niederlassen, sein Zelt aufschlagen, noch hat es seinen Herd nicht eingerichtet und Wh der langersehnten Ruhe hingegeben, ja kaum verspürt man dieses sein Herdfeuer — so sucht man sich seiner schon mit Ehren zu entledigen. Welches Glück ist es da bei dieser Notlage stets gewesen, daß Israel immer sein Schiff in nächster Nähe hat! Seine wenige» beweglichen Güter waren bald beisammen, seine Ranzen bald geschnürt. Die wenigen Utensilien, die sein Geschäft und seinen Besitz ausmachen, waren bald gehackt, der Beutel voll oder leer im Sacke, und weiter ging es! Weiter auf der Suche nach einer neuen Heimat! Die Deutung der wunderbaren Parabel beginnt schon im Leben der Patriarchen und tritt auch bei ihren Kindern sofort mit dem Augenblicke ein, als sie sich in Mizraim zum Bolle konzentrieren. Sie wiederholl sich jedoch zu unzähligen Malen, seitoem Israel aus seiner Heimat in die weite Welt hinausgestoßen und nach allen Teileu derselben zerslleut wurde. (Schluß fotzt.) - Korrespondenzen. Deutschland. Frankfurt a. M. Der Vorstand der Israelitischen Gemeinde hat an Stelle des turnusmäßig ausscheidenden Stadtrats a. D^Horkheimer den Sanitätsrat Dr. Marcus zu seinem Mitglled gewählt. Berlin. Die Thatsache, daß bei der Obstrüktion im Reichstage Abgeordnete eine führende Rolle spielten, die nominell dem jüdischen Glauben angehören, veranlaßt nach bekannten: Muster eine Anzahl Blätter wieder einmal ihre judenfeindlichen Allüren zu zeigen. So schreibt die „Märkische Vollszeitung": Die Obstruktion hat den Antisemitismus gefördert. Mcht unzutreffend wird in einer Anzahl Blätter auf diese augenfällige Erscheinung hingewiesen und besonders hervorgehoben, daß namentlich im naüonalliberalen Lager eine stark anttsemitische Tendenz ganz unvermittelt hervortrete, die in dem offiziellen Organ der Pattei, oer nationalliberalen Korrespondenz zum Ausdruck kommt. Die Korrespondenz weist auf die allerdings nicht zu übersehende Thatsache hin, daß nicht etwa Bebel oder v. Bollmar eben die Fühmng der sozialdenwkraüschen Fraktion im Reichstag hätten, sondern daß letztere „thatsächlich gefühtt werde mit orientalischer Verve von den Herren Singer, Stadthagen und Wurm". Sie hätten noch hinzufügen können die Stammesgenoffen Hoch und Haase. Daraus dürfe man, meintdienattonalliberale Korrespondenz, ermessen können, wie es einstens im> sozialdemokrattschen „Zukunftsstaat" aussehen werde. Genau so, wie jetzt vielfach im „Bourgeois"staat. Vor allen: würden auch im „Zukunftsstaat" die jüdischen „Genossen" sich der Presse bemächttgen, in der sie ja heute schon wie z. B. im Vorwärts, vollständig dominiren. Berlin. Ueber die Zulassung ausländischer Geschäftsreisender jüdischen Glaubens in Rußland schreibt die Zentralstelle für Vorbereitung von Handelsverttägen: Die Aushebung der jetzigen Sonderstellung bildet ein berechtigtes Verlangen der deutschen Kaufleute jüdischen Glaubens; man wird erwarten dürfen, daß die Reichsregierung in Anerkennung dieser Thatsache bei Gelegenheit der dennrächstigen Bettragsverhandlüngen mit Rußland auf Gleichstellung der Angehörigen aller Konfessionen hinarbeitet. Ueber den thatsächlichen Zustand, wie er augenblicklich existtert, sind übrigens noch immer nicht ganz zutreffende Meldungen in: Umlauf. Beispielsweise sagt der österreichische Bizekonsul in Rostow am Don in seinem letzten Berichte, daß nach den: dottigen Amtsgebiet nach den gelter:den Spezialgesetzen nurchristliche Reisende entsandt werden dürfen. Ausnahmen, wie man sie im übrigen Rußland für Bertteter von bedeutenden ausländischen Banken und Handelsfirmen mache, kenne man im dottigen Bezitt nicht. Dem ist entgegen zu halten, daß ein solches sowohl für inals ausländische Juden gellendes Verbot zwar seit langer Zeit existiert, daß jedoch mtt Erlaubnis der zuständigen Zentralbehörden israelittsche Geschäftsreisende in jenen Gebieten verweilen und ihre Geschäfte abwickeln dürfen. Die Erlaubnis zum Aufenthalt hat für die Kosakengebicte der Kriegsminister zu erteilen. Israelittsche Geschäftsreisende deutscher Nationalität gelangen, wenn bei den russischen Behörden sonst nichts gegen sie vorliegt, auf dem Wege einer Eingabe nach Petersburg regelmäßig binnen kurzer Frist zum Ziel, zumal wenn sie sich der Berniittelung des Kaiserlichen Generalkonsulats in St. Petersburg bedienen. Danzig. Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Den zweiten Vottrag der Wintersaison hielt vorgestern in der Scherlerschen Aula Herr Rechtsanwalt Baerwald aus Bromberg über einen jüdischen Weltreisenden im Mittelalter. Einleitend verwies Redner auf die großen Schwierigkeiten, welche sich in alter Zeit den: Reisen entgegenstellten, besonders auf die Unmöglichkeit, die Gebirgszüge zu überschreiten und machte auf die geringere Empfänglichkeit, die man damals den Schönheiten der Natur gegenüber besaß, aufmerksam. Reisebeschreibungen aus dem frühen Mittelalter seien deshalb seltene und kostbare Literaturerscheinungen. Ein solches Jtinerarium verfaßte der aus Toledo stammende Jude Benjamin Jona, der 1l60 eine 14 jährige Reise durch die ganze danmls bekannte Welt bis nach Indien hin unternahm und historisch und knllurell ausgezeichnete Berichte lieferte, die sowohl für die jüdische wie für die allgemeine Kulturgeschichte wertvoll sind. Redner fühtte seine Zuhörer an der Hand der Katte den ganzen Weg, welchen Benjamin zurückgelegt hatte, und verlas die schönsten und interessantesten Stellen der Reisebeschreibung, besonders die Schilderungen von Rom, Konstantinopel, Jerusalem, Daniaskus und Bagdad. Der Verfasser hatte ganz besonderes Interesse an der Stellung seiner Glaubensbrüder, wie auch an der allgemeinen Kultur, vor allem an der Architektonik in den einzelnen Städten, die er besuchte, und seine Berichte stimmen mit den aus andern Quellen fließenden Nachrichten ausgezeichnet überein. Hamburg. Die Zionistische Ortsgruppe von Hamburg-Altona hielt ihre General-Versammlung im Patttottschen Hause unter Vorsitz des Herrn Dr. Frank ab. Nachdem Herr Dr. M. Levh den Bericht über die. Thättgkeit der Ortsgruppe im avgelaufenen Jahre erstattet, wurde 'vom Schatzmeister der Kassenbericht verlesen; die Kassenverhältnisse der Ortsgruppe sind als Öju bezeichnen, die.Einnahmen überstiegen die Sen, so daß ein Kaffensaldo zu verzeichnen ist. Dem Kassenführer wurde hierauf Decharge erteilt. Eine sehr lebhafte Diskussion entspann sich über. den Änttag des Zenttal-Koinitees, den nächsten Delegiertentag der deutschen Zionisttschen Ortsgruppen im März 1903 in Hamburg stattfinden zu lasten. Die meisten Redner ttaten mit Entschiedenheit für die Tagung des Delegiettentages in. Hamburg ein. Die dann vorgenommene Abstimmung ergab auch eine große Majorität für den Anttag. Zur-Deckung der Kosten wurden von den Bersammelteir namhafte Beträge gezeichnet. Bei der: nun vorgenommenen Vorstandswahlen wurden die Herren: Dr. med. Frank, Dr. jur. M. Levy, Ed. Levinson, Sam. Cohn, Louis Friedenhcin: und M. Behrend neu- resp. wiedergewählt. Mönche«. In deuVerwaltungsausschuß der israelitischen Kultusgemeinde, wurden bei den an: 7. Dezember erfolgten Neuwahlen neubeziehungsweise wiedergewählt die Herren: M. Feuchtwanger, Rentter, Sigmund Fränkel, Großhändler, Landgettchtsrat Dr. Neumeyer, Sigmund Raff, Kaufmann, Albert Schulmann, Bankier, Staatsanwalt Eduard Silbermann. Rußland. Äischinew. Ein soeben publiziettes Telegramm der „Nowoje Wremja" aus Kischinew meldet eine neue Beschränkung der Handelsrechte der Juden in Bessarabien, welche für die ökonomische Lage unserer Brüder in diesem Gebiete verhängnisvoll ist. Das im Aufträge des Zaren eingesetzte Komitee zur Beratung über die Notlage der landwirtschaftlichen Industrie hat in seiner Sitzung vom 6. Dezember den einstimmigen Beschluß gefaßt, den Juden den Ankauf landwirtschaftlicher Produkte in den Dörfern Bcfsarabiens und den Verkauf von Wein auf dem flachen Lande bedingungslos zu untersagen. Ueber die Frage der Pachtung von Grund und Boden durch die Juden wird das Komitee am 23. d.. beraten und es unterliegt keinen: Zweifel, daß auch diese Frage zu Ungunsten der Juden gelöst werden wird. Aber die bereits beschlossenen Verbote sind nur geeignet, den stark erschütterten ökonomischen Wohlstand der jüdischen Bevölkerung von Bessnrabien gänzlich zu untergraben. Gt. Jwiffefon. Nachdruck verboten. Zurnckgesetzt. Bon Johanna Breuer. Ihr war so traurig zu Mute, und hätte man sie gefragt: „Warum?" sie hätte nicht gleich antworten können. Und es war doch Chanukah heute, jenes fröhliche heitere Chanukahfest, an dem jeder fröhlich und heiter sein soll. Eben waren die Lichter von Vater und Brüdern entzündet worden; ihr ZwillingSbruder hatte sie noch schnell damit geneckt, daß sie beiseite ssehn und zujehen müsse, wie die andern fröhlich entzünden, dann war er mit den andern in die Synagoge geeilt, denn Sabbath-Chanukah nahte und mußte empfangen werden Ein düsterer Blick von den Augen der Schwester begleitete ihn. Ihr Bruder hatte sie, ohne es zu wissen, sehr schmerzlich berührt, sie hatte ja schon oft das Gefühl gehabt, als ob sie und ihr Geschlecht vom Schöpfer vernachlässigt worden seien. Wenn am Snckothseste die Familie sich in der trauliche», gemütlichen Suckoh versammelte, so wurde sie gewöhnlich von den Brüdern ermahnt,, sich ja nichts zu schulten kommen zu lassen, sonst müsse sie im Zimmer speisen, da ja doch auf dem Femininum generis die Suckohpflicht nicht ruhe. Zwar bereuten die Brüder oft ihren harmlosen Scherz, wenn sie den ttaurigen Augen der Schwester begegneten. Doch es war einmal gesprochen, und seit sie größer geworden, dachte das Mädchen öfter über die Sache nach. So war es auch vor ein paar Monaten gewesen, als ihr Zwillingsbruder dreizehn Jahre, also Barmizwah, geworden war. Da ging es nämlich anders zu, als bei ihrem 12. Geburtstage, wo sie ja auch, wie man ihr lachend versicherte, „Baßmizwah" wurde, also eine jüdische Jungftau. der von nun an alle Gebote Israels zurPflicht gemacht waren. Ihr Bruder aber hatte sich schon lange vorher darauf vorbereitet, am Sabbath nach seinem Geburtstage den laufenden Wochenabschnitt in der Synagoge „lainen" zu können. Dann waren schon die ganze Woche vorher schöne Geschenke von Verwandten und Freunden eingelaufen, welche in Empfang zu nehmen sie und ihr Bruder trotz des Verbotes ihrer Eltern in einem fort an die Hausthür liefen, um dann die Gaben zu öffnen und zu bewundern. wobei sie sich eines gewissen Gefühles von Neid nicht erwehren konnte. Sie hatte bis dahin des Vorzuges halber auf ihn herabgeblickt. der ihr zu teil geworden war, bereits ein Jahr vor dem Zwillingsbruder „Baßmizwah" gewesen zu sein. Vor solchen Ehren aber, wie er sie jetzt genoß, mußte sie die Segel streichen. — Wie traurig stimmte es sie auch oft, wenn sie die Knaben bei ihrem Lehrer sitzen sah, der ihnen in der mündlichen Lehre Unterricht erteilte, wie sie an seinem Munde hingen, wenn er ihnen die schwierigen Stellen erklärte, und sich wohl dabei nach Art der Talmudjünger heftig hin und herschaukelte, mit den Händen in der Luft herumfucktelte, als könne er ihnen dadurch seine Auseinandersetzung klar machen, dabei jene alte eintönige Melodie singend, die wohl mit der mündlichen Lehre zusammen von Vater auf Kind überliefert wurde. Kam dann ihr Bruder noch ganz begeistett zu ihr, um ihr von seinen neuesten Erfolgen auf dem Gebiete des Talmudstudiums zu erzählen, so sah sie ihn verständnislos an und er wandte sich dann wohl enttäuscht von ihr ab mit denverachtungsvollen Worten: „Ach so, davon verstehst Du ja nichts!" ... Und wenn der Knabe voll Stolz und voll Hoffnung zu ihr, seiner geliebten Schwester, mit der' er Freud und Leid teilte, von seinen späteren Absichten und Plänen sprach, wie er in seinem künftigen Berufe seine Mitmenschen beglücken wolle, wie er :h::en zum Segen gereichen wolle durch sein ganzes ihrem Wähle zugewandtes Wirken und Stteben, dann vergoß sie oft die bittersten Thränen darüber, daß sie nicht auch ein Mann werden und einen Beruf ergreifen könne. — So sann und grübelte das Mädchen und blickte dabei in die strahlende» Chanukahlichter, von denen sie keins entzündet.-- Da rief die Stimme der Mutter in ihre Betrachtungen hinein und befahl ihr, Maariw zu beten, da der Sabbath begonnen habe. Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wollte sie so die quälenden Gedanken fortscheuchen, dann gehorchte sie. Und als sie nachher allein mit der Mutter sich in dem hell erleuchteten, sabbathlich geschmückten Zimmer befand, auf die Ankunft'des Vaters und der Brüder wartend, da bat sie die Mutter um Erklärung der, wie sie meinte, großen Zurücksetzung der Frauen. i.' ',,ii