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Neue jüdische Presse · 1902-12-19 · Heft 8 (19.12.1902) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 8 (19.12.1902)
Date
1902-12-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter ♦ 8- Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Kostzeltirngskiste 2629a. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich lAusland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt-Expedition: a JTraitÄfuri a. Wt. Lergerstraße 25, parterre. Erscheint jeden Freitag Mittag. Jnsertionspreis für die viergespaltene Petitzeile 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. 1.—, im kleinen Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— das Tausend. B Ü04 8. 19. Dezembev. 1992. SW“ Die nächste Nummer erscheint Dienstag, den 39. Dezember. Nachdruck verboten. Indische Unarten. Professor Nothnagel hat vor Jahren die ganze antisemitische Welt in Aufruhr gebracht, als er in einem Vortrag die Behauptung aufstellte: „es giebt keine jüdischen Unarten!" Selbstverständlich wollte der berühmte Wiener Arzt und Gelehrte damit sagen daß die jüdische Bevölkerung sich von der christlichen Bevölkerung nicht etwa dadurch unterscheide, daß ihr besondere, spezi fisch jüdische Unarten anhaften; die Antisemiten suchten aber den Ausspruch dadurch zu entstellen und ins Lächerliche zu ziehen, indem sie behaupteten, cs sei damit gesagt .Alle Juden wären ohne Fehler und alle wären ohne Unarten/'. Diese letztere Auslegung verdient keinen Widerspruch, denn sie ist ja von den Herrn Antisemiten nicht ernst geuieint, dagegen möchte ich den Ausspruch Dr. Nothnagels dahin modifizieren: „Wenn der Jude unter gleichen gesellschaftlichen Verhältnissen mit Nichtjuden lebt, so haften ihm keinerlei Unarten an, die ihn von den Nichtjuden unterscheiden." Thatsächlich sei aber zugestanden, daß viele Juden der Gegen wart Eigenarten besitzen, die ihnen, und nur ihnen allein, Erlebnisse und Erfahrungen aufgedrängt, haben. Es wäre ja ein Wunder, wenn zum Beispiel in einer Familie ein 'Kind immer als Prügeljunge herhalten müßte, dieses Kind sich dann in seinem Wesen in nichts von seinen anderen Geschwistern unterscheiden würde. Tausend Menschen benützen einen Eijenbahnzug, .sie betreten die Wagenabteile, in welchen bereits andere Fahrgäste sitzen; man grüßt, man dankt, erreicht sein Reiseziel, steigt aus und geht ruhig seinen Weg. Dian bleibt derselbe Charakter als der man eingestiegen ist und keine Eigenart drängt sich auf; man ist das, was man aus sich selbst heraus ist. Ein junger Mann aber, den Elternhaus, Schule und Selbsterziehung zum edlen.männlichen Charakter geformt haben, benützt denselben Zug, betritt völlig unbefangen ein Coupee. er grüßt, die Herren im Wagen, Angehörige der gesellschaftlich bevorzugten Stände, erwidern seine Höflichkeit nur mit höhnischem Grinsen und bald , dient er ohne jeden Anlaß zur Zielscheibe beleidigender ordinärer Späße. Wie wäre cs möglich, daß der beleidigte junge Mann so ganz wie die anderen Pasiagiere, des Zuges den Bahnhof am Reiseziel verlosten könnte? Sein Wesen, sein Benehmen am Ende der Fahrt wird zweifellos im Verhältnis zum Benehmen der anderen Fahrgäste eigen artig sein und wenn es zum Beispiel als Unart aufzufasten ist» wenn man von Herren aus der besteren Gesellschaft die Meinung hat, sie seien Lümmel, so wird der betreffende junge Mann/ wenn er ein Jude ist, in diesem Falle diese spezifisch jüdische Unart in Bezug auf seine Reisegefährten unstreitig besitzen. Von allen Fahrgästen dieses Zuges hat er diese „unartige" Meinung allein, weit er eben allein dazu Ursache hat. sie ist also in begrenztem Rahmen seine Eigenart und es ist leicht möglich, daß dies Erlebnis, dem jungen Mann, gleichgiltig ob er Jude oder Nichtjude ist, einen gewissen eigenartigen Charakter für's ganze Leben aufprägt. Wir Israeliten sind so leicht geneigt, Fehler von Nichtjuden zu übersehen, aber Fehler von Glaubensgenosten hart zu beurteilen. Aber wenn wir jeder Unart, die wir als jüdische Unart betrachten, auf den Grund gehe», wenn wir die Ursache dieser Unarten zn erforschen uns die Mühe geben, dann werden wir in jedem einzelnen Falle zur Ueberzeugung kommen, daß alle spezifisch jüdischen Unarten diesen Juden nicht angeboren oder, aus sich selbst heraus entstanden sind, sondern daß sie nur Wirkung der Ursache sind, daß ihnen von einem großen Teile der nichtjüdischen Gesellschaft diese Eigenarten aufgedrängt, ja aufgezwungen wurden. Man komme doch nicht mit der einfältigen Theorie von Rasteneigenheiten. Im Altertum waren die Germanen für das Faustrecht begeistert, zu Goethes Zeiten waren sie Sentimentale; im Mittelalter waren sie abergläubisch und zünftlerisch. im vorigen Jahrhundert kämpften sie für Freiheit. Gleichheit un" Brüderlichkeit; bis vor fünfzig Jahren waren sie ein Volk der Träumer und Denker, heute find sie nüchterne Realisten; im neunzehnten Jahrhundert beherrschte die Philosophie ihre Geister, im zwanzigsten ist es die technische Wissenschaft. Man nehme hundert der schneidigsten Gardejoldaten und lalle sie einmal nur 10 Jahre lang unter einer überwältigenden Majorität fanatischer Christenhasier, etwa im mohammedanischen Zentralafrika, leben und dann sehe man sich diese Leute an. ob sie nicht samt und sonders Eigenarten erlangt haben, die sie von ihren ehemaligen Kameraden merklich unterscheiden. „Es giebt keine einzige spezifisch jüdische Unart, die nicht von Nichtjuden verschuldet ist." Zu dieser Wahrheit müssen wir uns durchringen, wenn wir gegen uns selbst und unsere Stammesgenosien gerecht sein wollen. Der Jude als Angehöriger einer verschwindend kleinen Minorität unter den Völkern hat instinktiv das natürliche Bestreben, seine Zugehörigkeit zur Minorität nicht besonders hervorzuheben; es ist sein höchster Wunsch, gleiche Rechte, gleiche Achtung und gleiche Bebandlung mit den Anderen zu erlangen- Wenn der Jade dieses Ziel nur dadurch annähernd erreichen kann, daß er Geld — Geld — viel Geld besitzt, so ist es nur natürlich, wenn er als Mittel zu dem Zweck „voll gleichberechtigt zu sein" mit eiserner Energie „Geld — Geld — viel Geld" zu verdienen sucht. Wenn die bürgerliche Gesellschaft von jüdischen eigenartigen Unarten und Merkmalen spricht, so liegt es nur an ihr. diese Fehler und Eigenarten verschwinden zu machen; sie braucht nur dem Juden keine gesellschaftliche Ausnahmestellung zu geben und sie kann sich ruhig darauf verlassen, daß der Jude sich nicht selbst, durch frei willige gesellschaftliche Eigenarten eine gesellschaftliche Ausnahmestellung schassen wird. Wenn die Herren Antisemiten bei sich selbst an der Veredelung der jüdischen Raffe anfange» würden, so würden sie einen wesentlichen Erfolg erzielen; sie müßten nur ihren geistigen Defekt, tollen 'Aberglauben oder Vorurteil, in der Hauptsache aber den tierischen Widerwillen ablegen, der identisch ist mit jener angeborenen Abneigung, welche z. Äder Wolf gegen das Pferd hat. Sie würden dann „freudig" überrascht sein, was für prächtige, der Allgemeinheit nützende Mitbürger die viel verschmähten Juden sein können. Wir Juden aber sollen uns dessen bewußt sein, daß die Schuld an dem bestehenden Antisemitismus nicht gewissen einzelnen jüdischen Schichten zuzuschreiben ist. Der Antisemitismus ist da; er gebiert die vermeintlichen Ursachen zum Antisemitismus und so wie der Antisemitismus stirbt, verschwinden auch von selbst die vermeintlichen Ursachen zum Antisemitismus- Traurig ist es daher, wenn Juden ä In Walter Rathenau Ursache und Wirkung verwechseln und es nicht begreifen, daß nur der 'Antisemitismus alleinige Ursache spezifisch jüdischer Unarten ist. Siegmund Fischer. (Nachdruck verboten). Fremd und heimisch. Von S. Schachnowitz in Endingen (Schweiz). „Gott segnete Abraham in Allem." Mit Reichtum und Ehre, menschlichem Glück und göttlichem Segen war unser Stammvater begnadet. Und doch! wie sonderbar muß. es um feine faktischen Reichtümer und namentlich um das, was den eigentlichen Besitz eines Mannes zu jeder Zeit ausmacht, den Besitz von Grund und Boden, bestellt gewesen sein! Sarah stirbt und 'Abraham hat nicht einmal Muße, sich der Trauer um die Heimgegangene gebührend hingebcn zu können; er bricht ab in der Trauer, da diese einer ernsten Sorge Platz machen muß, der Sorge unr eine Begräbnisstätte [iir seine Gattin. Er, mit Segen jeder Art schwer beladen, der ewige Besitzer eines ganzen Landes, er verfügt ini Ernstfälle nicht über so viel Erde, die irdischen Ueberreste seiner Frau unterzubringen. Woran liegt dies? Warum suchte unser Patriarch nichtseinen Reichtum durch Grundbesitz zu vervollständigen? Warum dachte er nicht daran, noch zu Lebzeiten Sarahs in den Besttz einer eigenen Grabstätte zu gelangen? Die Antwort aus diese Frage giebt Abraham selber und zwar in den Worten, mit denen er die Verhandlungen mit Efton einleitet: „Fremd und heimisch bin ich unter Euch." Fremd und heimisch! Ganz derselbe Ausdruck indet sich im 3. Buche Mosis Kap. 35, wo vom Eigentunis- und Erwerbsrecht des heiligen Landes die Rede ist, dessen Grundlage die Wahrheit bildet: „Denn mir — Gott — ist die Erde, da ihr nur Fremdlinge und Einwohner neben mir seid." Sollte diese Wortidentität nicht auch eine innere Sinnverwandtschaft haben? Gewiß waren auch in Abrahams Mund die Worte „Fremd und heimisch" nur eine Konsequenz der Voraussetzung, daß die ganze Erde Gottes. Eigentum ist. „Fremd, obwohl heimisch" — so sprach Abraham — „bin ich unter Euch", fremd sind wir aber alle auf diesem Boden, der uns keine Ewigkeit verheißt. „Denn mir ist die Erde," so spricht Gott. Und aus dieser Erwägung habe ich das moralische Recht zu der Forderung einer Grabstätte. Handelt es sich nun bei der Besitzlosigkeit Abrahams um keinen Zufall, sondern uni ein wohl durchdachtes und einer festen Ueberzeugung entsprungenes Prinzip, so hat sich dasselbe wie nur selten eins auch auf seine Nachkonimen in den späteren Geschlechtern überttagen. Wenn unsere Weisen schon sonst im Leben der Patriarchen den Spiegel erblicken, in dem sich in kleinsten. Zügen all die Geschicke ihrer Kinder, des Volkes Israel, abspiegeln, so ist dieses noch ganz besonders in diesem Punkte der Fall. Als Israel vor nahezu 2000 Jahren seine lange Wanderschaft anttat, wurde ihm von der Vorsehung eine ganze Welt zur Verfügung gestellt. Der Wirkungskreis seiner unfteiwilligen Biission erstreckte sich auf alle Länder und Völker. Das Wesen seiner Religion, die Erkenntnis seines Gottes wird für alle Ecken und Enden der Erde so unentbehrlich wie Lust und Licht. Durch alle Weltteile zieht sein Geist und bildet für sie ein gemeinsames Band wie die Kraft der Elemente und die göttliche Einheit der Natur. Was aber Israels fattischen Reichtum, seinen Besitz an Grund und Boden betrifft, so besitzt es wie sein Erzvater dazumal kaum so viel, daß es seine Toten darin begraben kann. Man sieht Israel, seitdem es dem heimatlichen Boden entrissen, zu allen Berufsarten greifen. Neben den geistigen, die es sich mit Vorliebe aneignet, tteibt es alle möglichen Gewerbe und Prosessionen. Es pflegt Kunst und Wissenschaft, aber auch Gewerbe und Arbeit. Der Jude handelt vom Hausierer und Trödler — der unter Bellen der Hunde und Gespülte der Dorfjugend von Haus zu Haus seine Ware scilbietet und auf dem Markte seine Krmnbude aufstellt — bis zum Großindusttiellen und Börsenmillionär, von denen die Existenz Tausender abhängt. Der Jude arbeitet, — besonders im Osten als Schmied, Droschkenkutscher, Steinklopser und Lastträger; kurzum, er macht alles. Nichts ist ihm zu schwer, nichts entwürdigend! Alles — aber Boden hat er nicht; er betteibt keine Landwirtschaft! Wir Juden haben die Macht des Geldes zu einer großen Hohe gebracht, haben Großindusttieen

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