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Neue jüdische Presse · 1902-12-12 · Heft 7 (12.12.1902) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 7 (12.12.1902)
Date
1902-12-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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:t;'JK ^iSte.c:7rrr:c: Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 8. rKüratorium nunmehrschweigen müssen, aber die immer Wachsende-Not -des ^jüdischen Spirales spricht immer -kvürr^ -r-v BukgLrie». - " Sofia. Eine Anzahl russischer Juden hat die Absicht, sich in,Bulgaricn ats Landwirte niederzulassen.' Die Frage-'Welche den Ministerrat beschäftigt, dürfte grundsätzlich 'zu ungünsten dieser Einwanderung entschieden werden. Dian befürchtet wahrscheinlich einen Mässenzüzug und die Schaffung: einer neuen sozialen Frage/ wie in Rumänien.: Amerika^? Chicago.! Die „Jewishl.Gäzette":v. 21. Nov. bringt einen Leitartikel, der »Eine neue Wunde" benannt ist Es ist leider unter den amerikanischen Juden eine tiesbetrübende Erscheinung ausgetreten, nämlich häufige Selbstmorde. „Orthodoxe Juden, wie sozialistische Agitatoren, College boys, wie Fruchtpedlars". alle verfallen einem und demselben tragischen Schicksal, dcni Selbstniorde. Eine tief betrübende Erscheinung fürwahr! Man muß sich den schrecklichen Daseinskanipf eines amerikanischen Juden, seine innere Zerrissenheit, seine bis zum Wahnnnn gesteigerte Nervosität vergegenwärtigen, um diese Erscheinung zu begreifen. Es ersaßt uns ein Schrecken bei dem Gedanken, was aus den Juden unter diesen Umständen werden kann. Südafrika. In der letzten Zeit beginnt die Auswanderung russischer Juden nach Südafrika derartige Dimensionen anzunehmcn, daß in manchen Gebieten des „Rayons" ganze Städtchen sich in Bewegung setzen, um das undankbare (Stieflniulterland zu verladen und in das pazifizierte Südafrika einznwandern. Der russische „Woschod" hat sich nun der dankenswerten Mühe unterzogen, durch eine Anfrage bei den maßgebnedcn Behörden in London und Kapstadt über die von diesen an die Emigranten gestellten Ansprüche sich die nötigen Informationen zu verschaffen. Das „Emigrants Jnforniation Office" und das speziell für die Auswanderung nach Südafrika aälwe geschaffene „Pernüt Office" teilten nun auf Anfrage nlit. daß Jederniann, welcher nach Kapstadt auszuwandern wünscht, der letztgenannten Behörde nachstehende Bescheinigungen vorzulegen hat: „Unterzeichneter bescheinigt hierdurch, daß Borzciger dieses N. N., 100 Lstr. besitzt, resp. daß er imstande ist,, an Ort und Stelle angelangt, sich selbständig längere Zeit zu ernähren. Der Zweck seiner Reise ist ... . N. N. ist aus seinem Heimatlande nicht Vertrieben" Diese Bescheinigung nruß im Emigrationslande vom englischen Consul, in England selbst von einer Arntsperson oder von einem angesehenen englischen Bürger unterzeichnet sein, worauf das „Permit Office" die erbetene Erlaubnis ohne weiteres gleich erteilt. Zu raten wäre überdies den Emigranten, die Reise nach Südafrika mit einem englischen Schiffe zu machen. Leider reicht diese in England erhaltene Erlaubnis nur zur Reise bis nach Kapstadt, während zur Weiterreise in das Innere des Landes eine zweite Erlaubnis der Kapregierung erforderlich ist.. Diese ist aber weil schwerer zu erlangen, als die vom Londoner „Pernrit Office" und ist für russische Juden, für die von den Behörden in Kapstadt so verachteten Russians, fast gar nicht zu haben. Dies haben die 15000 russischen Juden erfahren müssen, welche früher in Transvaal gewohnt und sich für die Dauer des Krieges nach Capetown zurückgezogen haben. Trotz aller Mühe können diese Armen, von denen ein großer Teil die früher gemachten Ersparnisse schon längst verzehrt hat. keine Erlaubnis zur Rückkehr nach Johannesburg erhalten. Dieselbe wird nänilich den Ausländern nur auf Verwendung der Konsuln ihrer resp. Heimatländer erteilt und die russischen Konsuln in Kapstadt denken nicht daran, sich für die jüdischen Umertanen des Zaren zu verwenden.. AnMton. (Nachdruck verboten). Wie ich antisemitischer Agitator war. . Humoristische Skizze aus, dem Leben nacherzählt > . , von Sigmund Fischer. . - ..; :L, ' (Schluß.) :: : Da-diese Landstraßenhelden von da ab' noch mehr Neuigkeiten zu zählen wußten als vorher, so "wurden sie auch in den kleinen Dorfwirtshäuschen immer beliebter; sie halfen über die Eintönigkeit eines Dorfabends hinweg, und es kam vor, daß die Männer nur deshalb abends in/den Krug kamen, weil sie wußten, es.fei ein solcher neuic.keitenvoller .Reisender", da. Man konnte fb^ dessen Erzählungen - überdie Greuelthatencher Jüden ein wenig gruseln unddtr NaturZ mensch in den Alpenländern liebt das Gruseln, obgleich oder vielmehr, weil es ihm seiner kemigen Natur nach fremd ist. Ich wohnte damals ständig in Graz. An einem sschönen Sonntag im Juni hatte ich auf einer Reise die Tour von Knittelseld nach Wolfsberg zu machen. Damals ging dort noch keine Eisenbahn und das einzige Beförderungsmittel war der enge und niedrige Postkutschwagen. Da das Wetter schön war, so übergab ich dem Post- Halter nur mein Gepäck für die Tour und machte den Weg bis Wolfsberg zu Fuß. Nachmittags gegen 4 Uhr kam ich in das eingangs erwähnte Dorf Obdach und betrat das dortige einzige Wirtshaus an der Straße, um mich ein wenig zu er frischen. Der Krug war gut besucht, leere Tische gabs nicht: ich setzte mich an e-nen weniger besetzten und merkte alsbald, welch riesiges Aufsehen ich durch mein Er'cheinen bei den braven Leuten hervorgerufen hatte. Nur einer aus der Gcsellscdast ließ sich nicht stören, und er hatte allen Grund auf das Interesse, welches ich unfreiwillig erregt hatte, ärgerlich zu sein. Dieser Eine war ein solcher oben geschilderter „armer Reisender." der hier als agent provocateur für Feichtinger debüttirte. Da saß der Mann mit ausgefransten Beinkleidern, schief getretenen Absätzen, um den Leib einen Strick, der den Gurt ersetzte, aus beiden Ellenbogen guckte ein dunkelgrauschmutziges Etwas hervor, das ehemals weiß gewesen sein mochte, um den Hals trug er trotz der schönen Jahreszeit ein wulstig gedrehtes Tuch geknotet, von unbestimmbarer Farbe, das Gesicht und die Hände seit Monaten nicht benetzt, die straffen gelben Haare von einem schmalkrämpigen Hütlein bedeckt. in das einstmals irgend ein Nagel einen dreieckigen Riß gezogen hatte, der offen klaffte. Bor ihm stand ein Glas Most, den wohl seine dankbaren Zuhörer gestiftet haben mochten und erzählte von dem guten und christlich frommen Herrn Feichtinger in Graz, wie der als Netter gegen die Malefizjuden nach Graz gekommen sei. »m es zu verhindern, daß diese Heilandskreuziger der ganzen Steyermark das Blut aussaugten. Und wenn diese „grausamen" Juden noch nicht bis in diesen Bezirk gekommen seien, so hätten es die Leute nur dem guten Herrn Feitchinger zu verdanken, der beschlossen habe, ch«r sein Leben herzugeben, als daß er die guten Leute in dem Bezirk den Juden ausliefern lasse. Und nun folgte eine jüdische Schauermähr nach der andern und diese ehriichen Leute, die sonst nicht ohne Mutterwitz sind, hörten — von dem von der Kindheit an mit der Muttermilch eingesognen Vorurteil gegen die Juden hypnotisiert — den unglaublichsten Dingen gläubig zu; Erzählungen so ohne alle Logik, daß jedes einigermaßen aufgeweckte 6jährige Stadtkind die Lügen faustdick greifen konnte. So schilderte der Landstreicher zum Beispiel die Lage der Schneider in den Städten in folgender Weile: (Ten Dialekt will ich aus Rücksicht für den Leser möglichst mildern.) „Alsdann der Jud hat die ganze Schneiderei in der Hand, kein christlicher Schneider hat mehr Kundschaft, die hat alle der Jud. Der läßt sich sür ein paar Hosen ein Gulden 50 Kreuzer Macherlohn bezahlen, aber arbeiten thut er n>x. Da kommt dann der arme christliche Schneider, der 6 kleine Kinder hat, muß dann vor der Thüre des Juden stehen und so lange betteln und betteln, bis der Jud herauskommt und itm endlich Arbeit gabt. Aber mehr als 30'Kreuzer zahlt der Jud für . die Hosen nicht, den andern Gulden, und 20 Kreuzerbehält er für sich und da der christliche Schneider noch rxtra Zwirn und Kn.öpf dazu geien/müß, so arbeitet er sür den. Juden rein umsonst." Lieber Leser, glaube nicht, d^ß ich übertreibe. Hat man nicht erst vor Kurzem, wenige Bahnstunden von der Jntelligenzstadt Berlin, noch viel tollerrs Zeug erzählt und geglaubt? : Die Lage des Bauernden der Jude heimgesucht hat, schilderte der Vagabund etwa wie folgt: „Alsdann da ist der Höftler, der ein kleines Güt.l hat. Auf einmal kommt der Jud, macht a recht a freundlichs Gsicht und sagt: Bauer, willst a Geld hab'n? und der Versuchungsteufel Packt den armen Bauern und er sagt : Jo, i möcht scho. Da reißt der Jud schnell sein Geldbeutel auf, legt an ganzen Haufen Silbergeld auf 'n Ti'ch und sagt: Nimms 's g'bört Dei. Und das arme Hascherl, die ehrliche Christenseel, nimmt bas Gelb und der Jud freut sich heimlich und geht. fort. Es vergehen der Wochen fünfe oder sechse, da auf amol kommt der Bote vom Bezirksgericht und sagt: Hörst Bauer, Du mußt nächsten Martini aus Deinem Häuserl fort. Du hasts ja dem Juden verkauft. Kannst es leugnen? hast etwa nit 's Geld von ihm angenommen? Was will der arme Hascher machen, er muß von Haus und Hof fort, geht nachher als „armes Leut" umanand und ist zu tod sroh, wenn ihm a Nachbar für a Vergelts Gott a Stückel Brod schenkt."- Es giebt eine Grenze für Lügen und Verleumdungen, über die hinaus man sich nicht mehr ärgern kann, man muß dann unwillkürlich lächeln. Ich begann mich, offen gesagt, über das Gehörte zu amüsieren und muß. wohl ein wenig geschmunzelt haben, denn alle sahen mich fragend an, als wollten sie von mir eine Bestätigung hören über das, was der verlumpte Kerl dort ihnen vorerzählt hatte. Denn ich. der zweifellos ein Städter war, mußte doch die Verhältnisse kennen. Und richtig, die Neugierde siegte über die Fremdenscheu, und ein alter Bauer mit ehrwürdig weißem Kopfhaar stieß mir freundschaftlich an den Oberarm und sagte: „Nix für ungut Herr, ist denn das auch wahr, was der Trödel dort verzählt?" Die Andern horchten gespannt. Und mich, mich faßte der Schalk. Ich fühlte instinktiv, daß ich mich in keine Debatte mit dem Vagabunden einlaffen durfte, denn der Kerl hatte nichts zu verlieren und bei dem Bildungsgrad seiner Zuhörer hätte ich in der Debatte unterliegen müffen, denn er hätte nur den Einfall haben brauchen, mich selbst als Juden hinzustellen. um zu bewirken, daß ich dann sosort tauben Ohren gepredigt hätte, aber auch ohnedies wäre es dem dialektkundigen Stromer ein Leichtes gewesen, durch irgend einen Bauernwitz die Lacher und damit das Recht auf seine Seite zu bringen. Ich that also das Gegenteil von dem, was ein anderer vielleicht an dieser Stelle gethan hätte; ich suchte den Hallunken dort in seinen Lügen derart zu überbieten, daß diese Hartschädel gen Bauern die Lügen doch endlich greisen mußten. Ich verbesserte also die Erzählungen des „geehrten Vorredners" und sagte etwa folgendes: „Das mit dkm Schneider vorhin, was der Mann dort erzählt hat. wäre ja noch immer ganz schön, wenn der Malefizjud dem armen Schneider auch wirklich die 30 Kreuzer Arbeitslohn geben möchte. Aber so ist das nicht. Während der Jud dem armen Teufel die 30 Kreuzer gibt und der sie ins Tüchel einwickelt, redet der alte Jud so gar fein mit dem armen Schneider und derweil der Schneider zuhört, steht hinter ihm der kleine Judendub, stiehlt ihm die 30 Kreuzer aus dem Tüchel heraus, und wenn der Schneider nachher heimkommt sagt er: Je. je. je! wo nehm ich jetzt a Geld her auf den Zwirn und die Knöpf, sonst kann ich ja nit arbeiten!-" Ich machte eine Kunstpause und ttank einen Schluck aus meinem Glase, Der Wein war aber sauer und so verzog ich unwillkürlich das Gesicht. Tie armen Bauern glaubten, ich wolle vor Rührung weinen, es ging ein Murmeln der Entrüstung durch die Zuhörerschaft und plötzlich saßen sie alleum meinen Tisch herum, und mein „Konkurrent", der Stromer, blieb allein fitzen. Ich aber fuhr fort: „Und das mit dem Höftler is ja noch viel schlimmer, als der Mann dort erzählt" und meine Zuhörer schauten mit mitleidigem Blick auf den stümperhaften Erzähler da drüben hinüber, der sich darüber zu ärgern anfing, „nicht nur der Bote vom Bezirksgericht kommt, sondern es kommt auch der Schandarm und fragt den- Bauer: Wo hast das Geld? Und wie der Bauer das Geld hervorhoü, das er vom

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