Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 7 (12.12.1902)
- Date
- 1902-12-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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e~tc 4, Juden Stiegt hat,- sagt der Schandarm : Bauer. Du gehst mit. Du hast a falsches Geld im Haus, Du bist ein Verbrecher! Nachher schließt er den armen Bauern mit aner schweren Ketten die Händ übers Kreuz, führt'» auss Landesgericht und dort kommt der arme Hascher erst nach a 5, 6 Jahrln wieder außi." „Je. je, je!" entsetzten sich meine Zuhörer, keiner schien an die Möglichkeit einer solchen Gesetzesauslegung in der eigenen Heimat zu zweifeln. Ich mußte also noch stärker auftragen, um diesen stockehrlichen, braven Leuten begreiflich zu machen^daß man auch Lügen erzählen kann. Ich sah zwar, wie der Vagabund dort drüben, den jetzt niemand mehr beachtete, beim leergewordenen Glase, wütende Blicke auf mich schoß — aber ich fuhr unbeirrt fort: . „Wißt ihr auch liebe Leute, warum sich der Jude niemals wäscht oder badet? Weil der Jude dort, wo andere Menschen das Herz haben, ein Stück ungelöschten Kalk hat und wenn er sich nur ein ganz klein wenig die Hand naß macht, so geht das Tröpserl von der Hand durch die Adern bis zu dem Herzen aus Kalk und das fangt dann an zu brennen und dann- Bis dahin war ich in meinem'Erzählen gekommen — da sprang der Stromer drüben vom Sitz auf. schlug mit der Faust auf den Tisch, daß sein Glas in Scherben ging und schrie zornbebend: „A Lug und a Schand is. was der Stadtherr da erzählt, alles is derstunken und erlogen, was i enk vorher erzählt Hab; die Inden sein gerat» so Leut, wie mir auch, i Habs beim Militär kennen gelernt, da scins ganz gute Soldaten und fürchten sich vor -kan. Feuer und kan Master, und schlechter als mancher Christ seins auch nit, sunst wanns a Schlechtigkeit thatcn, so wurdens eing'sperrt grad wie unseraner und unser Heiland war auch a Jud!“ Diese Worte des Stromers, in ehrlichem Zorn hervorgestoßen, kamen vom Herzen, und so gingen sie auch zum Herzen der Zuhörer und diese sahen mich fast entrüstet an. „Ja," sagte ich, „möglich is schon, daß das alles nit wahr is, ich Habs halt von Herrn Feichtinger in Graz erzählen gehört; selber gesehen Hab ichs net." „Was,"zetertederStromer. „vondemLumpen dem fallotcn, dem Feichtinger habts das ghört, na dann is schon ganz gwiß derstunken und erlogen" und nun übersprudelte sich der Bursche in seinem Zorn, indem er die ganze Geschichte erzählte, wie er und die andern armen Reisenden von demselben Feichtinger angeworben worden waren, auf die Juden zu. schimpfen und den Feichtinger zu loben, damit ihn die Bauern in den Landtag Wahlen sollen. Schließlich drohte der verkommene Bursche, er werde schon dafür sorgen, daß alle Leute in der Gegend die Wahrheit über den Lumpazi Feichtinger erfahren sollten. Während dieser donnernde Philippika machte ich mich ruhig davon und ich kann den Leser versichern. daß niich weder vorher noch nachher irgend ein Theaterschwank so amüsiert hat, als damals die Komödie in dem Baucrnkrug. Der Stromer schien seine Drohung mit Hülse seiner Genosien wahr gemacht zu haben, denn Feichtinger wurde in diesem Bezirk als Kandioa nicht ausgestellt Frankfurter Israelitisches Familicnblatt. ' (Nachdruck verboten). Aus unfern Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Nun siehe, es ist geradezu seltsam, ich erinnere niich zwar nicht mehr an alles, denn schon zu acht Jahren hatte ich das Unglück, meine Eltern zu verlieren, aber so weit ich mich erinnere, treten diese Observanzen den auf sie Haltenden auf Schritt und Tritt, man kann wohl sagen hindernd in den Weg. Beim Esten und Trinken, im Geschäftlichen und bei Vergnügungen, kurz überall wohin man sich wendet, da heißt es: dies darf man nicht thun! oder: das muß man thun! —" „Das muß ja schrecklich, das muß ja geradezu unerträglich sein" — Sie schüttelte lächelnd das noch immer schöne Haupt und wie ein Schimmer glückseliger Erinnerung lag es auf ihrem Angesicht. „Dem Fernstehenden erscheint cs allerdings unerträglich. Aber ich versichere Dich, ich kann mir keine glücklicheren Menschen denken, als meine seligen Ettern gewesen sind und überhaupt alle diejenigen, die in unserem Hause verkehrt haben und die sämtlich alle jene uns so schwer erscheinenden Gebräuche strengstens beobachtet haben." Ein etwas altkluges Lächeln spielte um des Knaben Lippen. „Ich glaube, es ist vielleicht die schöne Zeit der Kinderjahre, die alles in rosigem Glanze erscheinen läßt." „Meinst Du? erscheinen Dir diese Erinnerungen so alltäglich? hast Du auch solche?" Er schüttelte errötend den Kopf. „Ich wüßte nicht woher" — „Ich auch nicht. Ach, wenn meine Eltern länger gelebt hätten, dann wäre gar vieles anders. — Wenn Du meinen Vater gekannt hättest" — „Du meinst, dann wäre ich auch so'n vertrockneter altgläubiger Jude geworden? — Da bist Tu im Irrtum. Diese sinn- und poesielosen Gebräuche hätten mich noch mehr abgestoßen." „Wie kannst Du das wisten? und mit welchem Recht nennst Du die Dir unbekannten Gebräuche sinn- und poesielos? Der tiefere Sinn derselben ist mir zwar auch nicht bekannt, denn so lang ich sie beobachtet habe, war ich zu jung um danach zu fragen. Aber die jüdischen Gebräuche poesielos! — Ich versichere Dich, die höchste Poesie liegt in -denselben." „Das begreife ich nicht." „Das kannst Du auch nicht begreifen, weil Du das echt jüdische Leben nicht kennst. Ach. wenn Du meine Eltern gekannt hättest. — Wenn meine Mutter am Freitag gegen Abend vor Beginn des Sabbathes selbst den Tisch gedeckt hat mit dem frinsten schneeigen Damasttischtuch, ein prachtvolles Bouquett Blumen in der Mitte und unser bestes Service und immer eine Anzahl Teller und Bestecke mehr als gewöhnlich, weil wir nie wisten konnten, wie viele Fremde mein Vater mit zu Tisch bringen würde. Und vor dem Sitz meines Vaters die schön geflochtenen Säbbathbrode, von einer goldgestickten Decke sorgsam verhüllt und daneben eine seltsam geschliffene Karaffe mit funkelndein Wein und ein wunderbar ziselirter Becker. — Und wenn meine Mutter dann die Sabbathlichter angezündet und den Segen darüber gesprochen halte, diese Weihe! — Diese Poesie! — Mir war es oft, als ob die Engel am Sabbath bei uns walteten. Und dann pflegte ich der Mutter ein silberbeschlagenes Gebetbuch zu reichen, wofür sie mir-immer einen Kuß auf die Stirn drückte, und dann betest sie und ich betete auch. Nr. 7 . Und dann kam mein Vater mit meinen Brüdem aus der Synagoge, und mit ihnen kamen immer einige arme Durchreisende, die mein Vater für die Sabbathmahlzeit eingeladen hatte. — Und dann nickte mein Vater uns zu und ging im Zimmer auf und nieder und sang das schöne Lied von der wackern Frau, deren Werth höher als Perlen, und auch von den Engeln sang er, die in unserm trauten Heim weilen. — Es war so schön, so wunderbar schön. Und dann legte der Vater die Hände auf unsere Häupter und segnete uns." „Du gerätst ja förmlich in Extase, liebe Mama, aber es hört sich Dir so schön zu. Bitte, erzähle mir noch mehr." „Gern, liebes Kind. Wenn ich davon erzähle, so muß ich doch auch daran denken und schon die Erinnerung ist beglückend Wenn Du nur meine Eltern gekannt hättest, wenn Du nur einen einzigen Sabbath in ihrem Hause zugebracht hättest, Du wärest ein Anderer." — „Ein Anderer?" wiederholte er lächelnd, „wün'chcst Du mich denn anders? — Ich habe mir immer geschmeichelt, daß Du mich geradeso, wünschest, wie ich bin." „In gewister Beziehung hast Du wohl recht. Du bist lieb und gut und wenn Du nur aus Papas Anschauungen und Wünsche etwas mehr Rücksicht nehmen würdest, so wäre ich in jeder Beziehung zufrieden mit Dir. Aber ich wünschte Dich nicht nur so brav als möglich, ich wünschte Dich auch so glücklich als möglich ui-d — ich bin viel herum gekommen in der Welt, habe viele Menschen kennen gelernt, aber, wie bereits erwähnt, ich habe nie so glückliche Menschen gefunden, wie meine seligen Eltern es waren und Diejenigen, die in ihrem Hause verkehrt haben. Oder mit anderen Worten, ich habe noch nie Menschen getroffen, die so glücklich gewesen wären, wie diejenigen Juden, die ein echt jüdisches Leben führen. —„ Ja, schüttele nur den Kopf, aber wahr ist es doch, wer die Sabbathwonne des echten Juden nicht kennt," — (Fortsetzung folgt). Voranzeigen. Verein „Tiferes Bachurim". Sonntag, den 14. ds.. abends 8*1* Uhr, im Bereinslokale, Herniesweg 25/27 (Rcligionsschule): Bortrag. Gäste willkommen. Verein Montefiore. Mittwoch, den 17. Dez., abends 9 Uhr, im Saale der „Suppenanstalt", Theobaldstraße: Vortrag. Gäste willkommen. Vereinigung zur Pflege jüdischer Lebensanschauung. Mittwoch, den 17. Dez., abends 8*1* Uhr, im Saale der „Loge zum Adler", Seilerstraße 22: Bortrag. Gäste willkommen. Wochen-Kalender. Freitag, 12. Dezember 1902, 12. Kislew 5663. Sabbath-Anfang: 4 Uhr. Samstag. 13. Dezember 1902, 13. Kislew 5663. ' Sabbath-Ausgang: 5 Uhr 15 Minuten. UM- Einem Teil der Stadt-Auflage dieser Stummer liegt ei» Prospekt der altrenommierten Firma Rud. Herrn. Maller bei, ans den unsere geehrten Leser besonders aufmerksam gemacht werden. | Äiie »aroeien § PAUL TÜBBEN F Silberne Bestecke Juwelier 2 Goethestrasse 2. O O O ^Bijouterien § von den einfachsten bis zu © den feinsten. © Oete. ete. O Verkauf nach Gewicht. © § Enorme Auswahl. 8 O _ ___O