Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 6 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 8. daniir", einen Stuxm gegen die Juden, entfesselt, der den Assimilanten vieles lagen dürste. Fürst Mestscherskn, welcher in. seinem betreffenden Artikel im „Graschdanin" sich nicht als unbedingter Hasser der Juden borstellt, äußert sich jedoch in sehr gehässigen Worten über die Juden als Ackerbauer und weist das Projekt der Regierung, den Juden in Rußland den Kleingrundbesitz zu gestatten, energisch zurück. Die „Nowoje Wremja" schreibt wörtlich: „Warum soll man die Juden von jener hohen nationalen Aufgabe ablenken, die sie sich jetzt gestellt haben? Sie schicken sich doch an, das Land ihrer Väter — Palästina — anzukaufen. Mögen sie es doch thun. Sie wollen „jüdische Juden" sein, und hierin soll man ihnen nicht feindlich sein. Vom russischen Standpunkte Iväre cs ein unverzeihlicher Fehler, wenn nian jüdischen. Kleingrundbesitz in Rußland schaffen würde. Jüdische Kolonien in: ganzen russischen Reiche! Welch unsauberes Projekt I" Diese Ausfälle, 'zu einer Zeit, wo die Juden im Niederlassungsgebiete hungern und verkommen, mögen den russischen Assiniilanten zeigen, auf welch sandigem Boden sie ihre Hoffnungen auf eine „Wendung in Rußland bauen. Der „Morning Leader" schreibt: Die Gesetze gegen die Juden in Rus; land sind so drastisch geworden, daß eine Spezialverordnung ihnen den Besuch der Mineralbäder verbietet. Die jüdischen Kausleute erster Gilde, welchen das Reisen außerhalb des Ansiedlungsbezirkes erlaubt ist, dürfen die Badeorte nur besuchen, wenn die Pässe den Vermerk tragen: ' „Ohne das Recht, vom Mineralwasser zu trinken." Rhina,. Rabbinatsbezirk F u. l d a. Als nach 40 jähriger segensreicher Wirksamkeit in der hiesigen Gemeinde Herr Lehrer Enrmerich in den wohlverdienten Ükuhestand trat, war die Frage der Neubesetzung der mit dem Borbeteranite verbundenen Stelle zu einer brennenden geworden. Jni Regierungsbezirk Kassel war es bis vor einigen'Jahren gang und gäbe, daß die jüdischen Gemeinden den Lehrer wählten, die Vorsteherämter den betr. Kandidaten bei Königl. Regierung in Vorschlag brachten und dieselbe in den meisten Fällen den Gewählten bestätigte. Von diesem Brauche war seit ungefähr 2 Jahren zur Bestürzung der Gemeinden und Borsteherämtcr die. Behörde abgegangen, indeni sie ohne weiteres Lehrer ernannte. Die Furcht, daß auch dieser Fall hier eintretcn könnte, bemächtigte sich der Gemeindemitglieder und veranlaßte sie, einen Beschluß herbeizuführen, nach welchem der Borbeterdienst von dein..Lehramte getrennt werden sollte, falls der von der Gemeinde gewählte Lehrer nicht bestätigt werden würde. Nach einem glänzenden Probevortrage des Herrn Lehrers A. Sonn aus Theilheini in Bayern, der alle Hörer in Begeisterung zu versetzen wußte, Ivurde derselbe einstinimig als Lehrer gewählt. In banger Erwartung harrte man der Bestätigung; diese traf am 3. Dezember zur allgemeinen Freude der Gemeinde ein. . Wien. Ein Landschastsb ild Lesscr llrys ist vom Ministerium für Kultus und Unterricht für die österreichische, modeme Galerie angeknuft worden. Das bedeutet für Meister Nry, der bekanntlich in Wien zum überhaupt erstenmale ausstellt, einen sehr großen Erfolg. Amkketon Wie ich antisemitischer Agitator war. Humoristische Skizze aus dem Leben nacherzählt von Sigmund Fischer. 'Die närrischsten Formen nimmt der Antisemitismus in jenen Gegenden an, wo es Menschen gibt, die gar keinen Juden kennen, denn da malt sich die Phantasie gar oft vom Juden ein menschliches Zerrbild, das vom keiner boshaften Karrikatür erreicht werden kann. Das trifft zum Beispiel bei vielenGegendemder österreichischen Alpenländer zu.' wo' oft; in einem ganzen Bezirk kein einziger Jude wohnt. ' Schon beim kleinen Dorskinde muß der Jude als Wau-Wau herhalten, der die bösen Kinder im Sack mit fortschleppt, wird das Kind dann größer und kommt in die Dorfschule, so wird der Jude nur dann erwähnt, wenn der Katechet in der Religionsstunde erzählt, daß die Juden den Heiland gekreuzigt haben und so wächst das Kind heran und kommt gar nicht dazu, den Juden als Menschen kennen zu lernen; niemand nimmt sich die. Mühe, es darüber aufzuklären, daß die Juden Menschen sind wie andere Menschen mit ihren Vorzügen und ihren Fehlern. Einen höheren Bildungsgrad erhalten die Dorskinher selten, um von selbst auf den naheliegenden Gedanken zu kommen, daß, wenn der Jude wirklich so wäre, wie man ihn sich denkt, er nach den, bestehenden. Gesetzen nur. innerhalb der Gefängnisinauern' -vorkonnnen könnte. In ein solches Dorf des schönen, grünen Steyermark mit seinen strenggläubigen, biederen, treuherzigen Bewohnern kam ich vor ungefähr 8 Jahren, und da ich eine wahre Episode schildere, so kann ich auch den Namen nennen. Das Dorf heißt Obdach und liegt zwischen Knittelfeld und Wolssberg. Damals hatte ein Abenteurer Namens Feichtinger. der später unter dem strafenden Arm des, Gesetzes ein unrühmliches Ende genommen hat, versucht, das, was iu Wien Dr. Lueger erstrebt und erreicht hatte, in der steyerischen Hauptstadt, dem herrlichen Graz, nachzuahmen. Er kam zwar unbemittelt nach Graz.- aber ein dortiger Buchdrucker, der sonst wenig zu thun hatte, pumpte ihm die Herstellungskosten einer antisemitischen Zeitung, und so kam Herr Feichtinger zu einer Existenz. Er hatte aber eine starke Konkurrenz zu überwältigeu. denn das Wiener antisemitische Volksblatt des Herrn Vergani hatte in Graz so viele Abonnenten, als sich dort Leute befanden, die sich sür den Antisemitismus interessirten. Herr Feichtinger mußte also überbieten, um seinem „Volksblatt" Eingang zu verschaffen, nnd er that dies in der Weise, daß _ er die spannendsten und interessantesten Schauergeschichten, deren abschreckende Helden natürlich immer Juden waren — aus allen Weltteilen — zusammenlog. Sein Grazer Volksblatt konnte also als das besserunterrichtete gelten, denn das Wiener Volksblatt wußte anscheinend von diesen interessanten Ereigniffen nichts ergo war es schlechter informirt als das Blatt des Herrn Feichtinger. Als Herr Feichtinger so einige hundert Abonnenten zusammengebracht hatte, stiegen seine Hoffnungen auf ein höheres Ziel. Er wollte Landtags- oder Reichstagsabgeordneter werden und da er dazu in der Großstadt Graz denn doch wenig Aussichten hatte, so suchte er in einem geeigneten ländlichen Bezirke Propaganda für sich zu machen. Mit feiner Zeitung konnte er aber eine solche nicht erreichen, denn in den dortigen armen Gebirgsgegenden lesen die Leute keine Zeitungen; es fehlt ihnen einerseits das Verständnis dafür und anderseits „hapert" es nicht selten mit der Kunst, überhaupt lesen zu können. Herr Feichtinger mußte sich also mit der mündlichen Agitation allein behelfen, und das war für ihn bei den vielen kleinen, zerstreut liegenden Ortschaften eine sehr schwierige Arbeit, zu der eine große Anzahl Agitatoren nöthig war. wenn der Erfolg in absehbarer Zeit erreicht werden sollte. Doch woher so viele Redner nehmen? Intelligentere Leute konnte er in Graz zu diesem Zwecke weder bekommen, noch auch gebrauchen,, denn der Dorfälpler hat eine gewiffe Scheu vor dem Städter und versteht auch.nicht dessen Redeweise. Herr Feichtinger fand aber einen billigen und. guten Ausweg. Wie überall in den Kulturländern, gibt es auch in den Alpen Menschen, die jahraus jahrein bettelnd umherziehen und dies als ihren eigentlichen Berus betrachten. Bei uns heißt man solche Leute Stromer oder Landstreicher, in den strenggläubigen Alpenländern heißt solch ein Individuum „Der arme Reisende". Solch ein „armer Reisender" zieht von Ortschaft zu Ortschaft kreuz und quer ohne Reiseziel, geht von einem Gehöft zum andern und betet vor den Thüren so lange und so oft das „Vater unser", bis man ihmein Stück Brod oder sonst etwas Genießbares hinausreicht. und nur wenn es Abend wird, bittet er eigentlich erst um Etwas, um das Nachtquartier im Stall, das ihm in der Regel gewährt wird. Da der „arme Reisende" sehr bigott sich zeigt-und auch zeigen muß, wenn er etwas geschenkt bekommen will, so spielt er eigentlich mehr die Rolle eines Kreuzzüglers aus dem Mittelalter als diejenige eines Bettlers. Er ist daher nicht immer ein unliebsamer Gast; er vermittelt sozusagen den geistigen Verkehr zwischen der Welt da draußen und dem einsamen Dorfgehöfte, und wenn ein solcher armer Reisender sein Nachtquartier gefunden hatte, so war es nicht selten, daß Bauer und Bäuerin und das ganze Gesinde beim spärlichen Lichte der Oellampe I atemlos s und andächtig der Neuigkeiten aus der großen Welt lauschten, die der „Gast" in der ■ verständlichen Volkssprache zu erzählen wußte. Diese „armen Reisenden" waren wie dazu geschaffen, die Agitatoren des Herrn Feichtinger zu werden. Sie aufzufinden war nicht so schwer, als es den Anschein hat. Diese Landstreicher hatten ihre Sammelpunkte. Das war ein Einkehrwirtshaus in irgend einem Dorf, wo fie allerdings einige Kreuzer Schlafgeld bezahlen mußten, dafür aber das Vergnügen hatten, fich mit ihresgleichen unterhalten zu können und fich wieder einmal geben zu können, wie man war. Herr Feichtinger brauchte also nur die zehn bis zwölf solcher Einkehrhäuser im Bezirk ausforschen zu lassen, um mit den Leuten in wenigen Wochen in Fühlung zu kommen. Diese Vagabunden waren billig zu haben, . denn erstens machte ihnen die gestellte Aufgabe an und für fich schon ein großes Vergnügen und fie erlangten dadurch auch in ihren Augen ein gewisses Ansehen, und dann erhielten fie noch einige . Sechserln Trinkgeld extra. Jeder solcher Landstreicher bekam eine Anzahl Zeitungen des Feichtingerblattes und daraus lasen die Burschen vor, . was darinnen stand oder auch nicht darinnen stand; : konnten fie nicht lesen, so schadete das nicht — fie hatten es dann vorlesen hören und das s und das stand drinnen, die Hauptsache waren ja die Kommentare, denn „die allerschrecklichsten Gräuelthaten der Juden dürfe man ja gar nicht drucken — so erklärten fie — denn diese schreien zum Himmel." (Schluß folgt). . ... (Nachdruck verboten). Aus unser« Tage« von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Wie ich darauf komme? — das ist doch sehr nahe liegend. Tag für Tag diese mehr oder weniger versteckten Sticheleien und Spötteleien, nicht nur meiner Mitschüler, sondern sehr häufig auch der Professoren, diese beständigen Andeutungen, daß ich einer minderwertigen Raffe angehöre — O. und ich stecke die ganze Klaffe in die Tasche! — Das wissen fie auch, wenn sie's auch nicht zugeben — fie können mir nichts anhaben, ich nehm's in jeder Beziehung mit allen auf. Ich bin der Beste in der Klaffe und der Größte und der Stärkste — darum nehmen fie sich in Acht, direkt mit mir anzufangen. Aber indirekt! ’— Diese unaufhörlichen Spöttereien über Judentum und Juden — dieses Sticheln, dieses Höhnen — Du hast keinen Begriff davon." —: . . ., - „Mein armes Kind!" ’■ : ‘ ' „Ja wohl, bin ich arm! — Zuweilen komme ich mir ärmer vor, als wenn mein Vater ' ein Lumpensammler wäre." „Felix! — um Gotteswillen! - T „Und ist es denn da so sehr zu verwundern.^ daß ich das schmutzige Kleid, um deffen Willen^ ich beschimpft werde, abwerfen möchte?" \ „Felix! ich beschwöre Dich!" Sie hob die' gesalteten Hände flehend zu chm empor, währekch ein unaussprechlicher Seelenschmerz sich inchren bleichen Zügen malte. .. .. •«T V „Verzeihe, liebe Mama, ich hatte kem^ Ahnung, daß es Dich dermaßen aufregen 'würde, namentlich da Papa doch auch schon in Deiner Gegenwart gesagt hat, wenn es nicht wegen Onkel Emanuel wäre, hätte er sich längst kaufen lassen." Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn und schüttelte abwehrend den Kops. „Ich habe Dir schon oft gesagt,- Du darfst -nicht alles wörtlich nehmen, was Papa so hingeworfen äußert. Papa sucht zuweilen etwas darin, sich schlechter zu machen, als er ist. Sei überzeugt, so lange ich lebe, wird Papa sich nicht taufen lassen." „Wenn es Dir, liebe Mama, eine Beruhigung gewährt, so verspreche ich Dir, daß ich mich niemals taufen lassen werde." „Danke Dir, mein teures Kind, Du nimmst eine schwere Sorge mir. vom Heiden." „Aber es ist doch selbstverständlich, daß,ich nie etwas thun werde, was Du-mißbilligst. Wir