Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 6 (5.12.1902)
- Date
- 1902-12-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Srite 2. Nr. 6. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Leispielsweise den Wert der Uebung und Gewöhnung bei allen Erziehungsfragen zu schätzen. Man kennt die Grundzüge der körperlichen und geistigen Entwicklung des Menschen und spricht. oft von der Kopf- oder Denkarbeit im Gegensatz zu körperlicher Krästanstrengung. I n st i n k t i v findet man bei sich und'den Kindern heraus, das; manches, was Wir' wissen oder erlernen - wollen mehr Verstandessäche ist,; anderes hingegen „unterhaltender" erschünt. So kommt man unwillkürlich aus die Spur der Thatsache, daß es ein Erkenntnis- und Gefühlsvermögen gibt. Mcht selten hört man 'die Charakteristik des einen oder andern von unserem Bekanntenkreise feststellen; der Volksmund spricht da von klugm, beschränkten, „tüchtigen" oder ungeschickten Menschen, die „brav" oder „unleidlich", jähzornig oder geduldig, streitsüchtig oder sanftmütig, gerecht oder „Unrecht" find. Wie häufig unterhalten sich Eltern gegenseitig über die Art und Weise der Kindererziehung; die Liebe zu den eigenen Kindern lenkt so gerne das Gespräch auf den Gegenstand, jeder glaubt, seine Grundsätze als anerkennenswert hervorheben zu dürfen. Man bört indes auch gerne den Rat, die Meinung des Nachbarn oder der Nachbarin, um eine , Nutzanwendung davon zu machen. Es 'ist eben die Liebe zu den Kindern, die Beobachtungen macht und Erfahrungen sammelt. Darum liest man mit Interesse auch kleine Abhandlungen über Erziehung und Kinderzucht, wie fie stch ständig in der Tagesjournalistik oder in der Unterhaltungsliteratur eingestreut finden. Jeder Lehrer wird diese Thatsache aus seiner eigenen, persönlichen Erfahrung bezeugen können. Jeder Lehrer dürste reichliche Beobachtungen darüber gemacht haben, wie vielseitig in den breiten Volksschichten sich das Interesse an Erziehungssragen bekundet, und gar in unseren hochentwickelten Kulturstaaten, wo Stände und Berufsarten in feinster Abstufung vertreten sind und gar frühe den jungen Staatsbürger zur Berufswahl drängen. Kann es nach alledem noch an Anknüpfungspunkten fehlen, die zwischen Schule und Haus liegen? In einer Zeit, da man an Schule und Lehrkraft immer größere Ansprüche stellt, darf kein Versuch unterbleiben, diesen Ansprüchen in bester Art Bestiedigung zu -gewähren. Ein solcher Versuch — und nicht der schlechteste — sind die Elternabende. „Hier soll — wie bereits gesagt — der Erzieher von „Berus" mit den „berufenen Erziehern" in persönlichen Verkehr treten und in populärer Form Einblick verschaffen in das, was man eine „planmäßige Erziehung" zu nennen pflegt. Ganz nach dem Grundsätze der Apperzeption wird an den reichen Erfahrungsschatz' des Eltenihauses angeknüpst, gesichtet und geordnet, beleuchtet und vorgeführt. Ich behaupte fest, Haß für keinen Gegenstand der Kunst oder Wissenschast das Interesse des Volkes natürlicher vorhanden und daher auch lebendiger und dauernder ist, als für Erziehungsfragen. Diese Thatsache einerseits, pädagogische Vorbildung. des Lehrers anderseits geben den Elternabenden Leben und Geist. Sie sollen nicht eine Hochschule für wissenschaftliche Vorlesungen aus der Pädagogik sein, aber ein Volksinstitut für praktische Anweisungen der Ei^iehungs- und Untcrrichtskunst. So dürste es nach den obigen Darlegungen Lar fein, daß ein Lchrer dankbare Zuhörer findet, wenn er beispielsweise das Thema behandelt: das geistige Leben des Kindes in feiner Entwicklung. Er beginnt mit dem Säugling um bis zum schulpflichtigen Alter zu gelangen. Er berührt das Erkenntnis-, Gesühls- und Begehrungsvermögen. Welche liebende Mutter würde einem solchen Hortrag nicht mit gespanntester Aufmerksamkeit folgen? Knüpft er doch an den Schatz ihrer lieblichsten und teuersten Erinnerungen anSo manches, was fie dunkel geahnt, rückt ins helle Licht, vieles Verschwommene und Un- Lare gewinnt erst so Verständnis. — Ungemein anregend.und direkt erziehliche Fragen berührend ist ^diff Behandlung der Gefühle und Triebe. Nicht minder interessant dürste eine Belehrung sein über Gewohnheit und Gewöhnung, über körperliche Erziehung (Lust, Nahrung, Kleidung, Uebung und Pflege, Bewegung und Ruhe, Leidenschaften und Krankheit), über die Wahrnehmungen und Vorstellungen, über Gedächtnis und Phantasie, über die Temperamente, über das rechte Fragen und Antworten, über Sprachfehler des Kindes besonders mit Bezug auf seinen heimatlichen Dialekt. Oder sollte man nicht einmal vor Eltern über das leidige Thema „Lohn und Strafe in der Schule" sprechen dürfen?. Ist es nicht höchst zweckmäßig einmal auf das Kapitel überzugehen: „Notwendigkeit, Zweck und Maß der Hausaufgaben?" Kann es dem Lehreransehen schaden, wenn man— pro domo — einmal über „Ächtung der Autorität" geeigneten Aufschluß giebt? (Schluß folgt.) Korrespondenzen. Frankfurt a. M. Der israelitische Hilfsvercin hat im abgelaufenen Geschäftsjahr 46,289 Mark für Unterstützung ausgegeben. Bon 2399 durchreisenden Petenten wurden 2203 mit 7450 Mark unterstützt. An Geschenken zur Verwendung gingen 7758 , Mark ein, ferner stiftete das Hilfskomitee für ostcnropäische notleidende Juden 1200 Mark. An Geschenken zum Kapitalfonds gingen 19,000 Mark ein. Die Gesamteinnahmen betrugen 58,555 Mark 25 Pfg., denen die' Ausgaben mit 54,339 Mark 86 Pfg. gcgeiiübcrstehen. Der Rosch-Chodesch-Verein ließ auch im vergangenen Berichtsjahre seine Gaben wieder durch den Hülfsverein verteilen. Der von letzterem in Gemeinschaft mit der Frankfurt-Loge B. B. und dem israelftischen Handwerkerverein ins Leben gerufene Arbeitsnachweis habe befriedigende Erfolge. Die Neueinrichtung der Abteilung „Weibliche Fürsorge" hat ihre praktische Daseinsberechtigung vollauf bewährt. Die Fürsorge erstreckte sich auf 30 Deutsche und 85 Ausländerinnen. Das Damcnkomitee erachtet es als eine Notwendigkeit, die Jugendfürsorge mehr auszudehnen, man beabsichtigt aus diesem Grunde die Einrichtung eines Mädchenklubs nach englischem Muster. Ein Haus, in dem der Klub sein Heim aufschlagen soll, ist von der Familie Rothschild auf ein Jahr zur Verfügung gestellt worden. Für den verstorbenen Herrn Salomon Kahn wählte nian in der Generalversammlung des -Vereins am Samstag, die Herr Charles Hallgarten, leitete, Herrn Willy Stern. Als Revisoren wurden neugewählt die Herren Herrn. Lehmann, Jakob Strauß und S. Fürth. Frankfurt a.M. Ueber die Verfolgung der rumänischen Juden hat sich der jetzt von Berlin scheidende amerikanische Botschafter White in einem Privatbriefe vom 2. Oktober, den die Frkf. Ztg. veröffentlicht, in scharfer Weise ausgesprochen. Er sagt, die rumänischen Grausamkeiten seien einfach monströs und müßten die ganze civilisiertc Welt aufrütteln. Er habe eine Aufzählung der vielen Gesetze, die in Rumänien seit 20 Jahren erlaffen worden ' sind, um die Erwerbssähigkeit der rumänischen Juden einzuschränken und deren Kinder von öffentlichen Schulen fcrnzuhalten, zu Gesicht bekommen, und er wiffe kein Dokument, das diesem „Rumänischen" Bulletin an Grausamkeit nahekomme seit der Reihe von Gesetzen, mit welchen Ludwig XIV. die Hugenotten verfolgte. Aber selbst diese, welche man für den Gipfel der Grausamkeit gehalten hat, wurden durch die im „Bulletin" mitgeteilten übertroffen. Er könne nicht glauben, daß rechtlich denkende Rumänen oder die civilisirten Mächte erlauben würden, daß dieser Zustand der Dinge fortdauern. Es erscheine als eine offene Verweigerung von Recht. Gerechtigkeit und gewöhnlichem Anstande P. K. Berlin. Eine hochinteressante musikalische Aufführung von hebräischen Gesäugen zum Besten des israelitischen Volkskindergartens hatte Herr Kapellmeister Albert Kellennann, Dirigent des Chores der neuen Synagoge unter Mitwirkung hervorragender Solisten wie königl. Hofopernsängcr A. Heinemann, der königl. Hofsolisten Herr H. Grünfeld, Frau Sovh. Heymann- Engel (Sopran) und Werner Alberti (Tenor) am 24. Nov. im großen Saale der Philharnionie veranstaltet. Die Melodien, welche vorgetragcn wurden, waren zuni Teil vergcffene, ältere traditionell liturgische Weisen, wie sie in. früheren Zeiten nach mündlicher Uebcrlicferung ausgezeichnet wurden. Herr Kapellmeister Kellcrmann hat dieselben mit Künstlerhand bearbeitet, ohne daß dieselben ihren historischen Wert verloren und auch heutzutage dem Ohre gefällig erscheinen. Man hörte Piecen aus dcnr Freitagabendgottesdienste „Wschomru", Waj'chulu; ein überaus charakteristisches „Anim Semiraus" für Boirhtonsolo und Chor. Auch das ergreifende von dem verstorbenen Vater des Herrn Kapellmeisters Kellennann stammende Ho'schofor godol (Barytonsolo und Schlußchor) verfehlte nicht seine tiefgreifende Wirkung auf die zahlreich erschienenen Zuhörer. Aus.der Sammlung althebräischer Gesänge von Prof. Oskar Fleischer-Berlin, dcni hervorragenden Forscher auf dem Gebiete synagoaaler Musik, wurden Stücke, aus Halle! für Sopran und Tenorsolo vorgetragen. Der Chor von 150 Damen und Herren unter' Leitung des Herrn Kapellmeisters Kellermann sang mustergültig. Die Ausgeglichenheit der Chorstimmen zeugte von eisernem Fleißc und feinfühligem Verständnis ihres Dirigenten, dessen Art der Chorführung auch dem Auge ein ästhetisches Bild bietet. Rückhaltloses Lob verdient die hervorragende Leistung. Berlin. .Der Deutsche Rcichsanzeiger enthält in seiner Nummer v. 2. Dez. folgenden Erlaß: Königliche Akademie d'er'Künste, Zur Erinnerung an, seine am 5. Mai -1902 bei dem Eisenbahnunglück bei Zschortau uni dns^Leben gekommene Gattin Nathalie Hirsch, geborene Wolg, hat der Königliche Handelsrichter Robert Hirsch zu Berlin bei der Königlichen Akademie der Künste mit. einem unverkürzt zu erhaltenden Kapitalverniögen von 10 000 Mk. eine Stiftung unter dem Namen Nathalie Hirsch, geborene Wolfs-Stiftung errichtet, die den Zweck verfolgt, armen, jungen, anerkannt talentvollen, fleißigen und strebsamen Schülerinnen jüdischer Religion, die sich auf der akademischen Hochschule ftir Musik zu Berlin in Charlotteubura der Gesangskunst loidmen, bei ihrer weiteren Ausbildung durch Gewährung eines Stipendiums zu unterstützen. Wenn derartige Bewerberinnen fehlen, können in zweiter Linie Konipositionsschülerinnen der akademischen Meisterschulen für musikalische Komposition oder endlich solche Bewerberinnen berücksichtigt werden, die auf der Hochschule sich für das Klavier öder ein anderes Instrument ausbilden. Die Ausschreibung des Stipendiums hat stets am 2. Dezember, dem Geburtstage der Frau Nathalie Hirsch, die Auszahlung immer am 5. Mai zu erfolgen. Nachdem durch Allerhöchsten Erlaß vom 24. Nov. 1902 der Akademie der Künste die zur Errichtung der Stiftung erforderliche landesherrliche Genehmigung erteilt worden ist, wird Vorstehendes mit dem Bemerken zur öffentlichen' Kenntnis gebracht, daß die Stiftung ins Leben getreten ist, und daß am 2. Dezember 1902 das Stipendium durch den dazu berufenen Senat der Akademie der, Künste, Sektion für Musik, ausgeschrieben werden wird. Berlin, den 30. November 1902. Der Präsident. H. Ende. Auf Grund vorstehender Bekanntmachung wird das Stipendium der Nathalie Hirsch, geb. Wolfs-Stiftung hierdurch für 1903 ausgeschrieben. Dasselbe beträgt 300 M. Bewerbungsgesuche sind bis zum 15. März 1903 an den Unterzeichneten Sestat, Berlin NW. 7, Universitätsstraße 6, einzureichen. Den Gesuchen sind beizufügen : a. ein ausführlicher Lebenslauf, aus dem insbesondere der Gang der künstlerischen Ausbildung ersichtlich ist; . b. ein Nachweis der Religion; c. ein amtliches Bedürftigkeitsattest: d. von Schülerinnen der Hochschule für Musik ein Zeugnis dieser. Anstalt darüber, daß die Bewerberin dem Studium der Gesangskunst bezw. derJnstrumentalkunst an der Hochschule obliegt. Berlin, den 2. Dezember 1902. Der Senat, Sektion für Musik. Radecke. Köln, 30. November. In der heutigen ersten Vorstandsversammlung des Verein für die jüdischen Interessen Rheinlands wurden die Herren M. L. Munk- Köln zum Vorsitzenden, Stadtrat I. 'B- Jonas- M.-Gladbach zuni stellvertretendenBorsitzenden.Salomon Hecht-Köln zuni Schriftführer, S. Hanauer-Euskirchest zum Rendanten und Dr. med. A. Ochs-Köln zum stellvertretenden Rendanten gewählt. Auf allgemeinen Wunsch des Vorstandes erklärte sich Herr Rabbiner Dr. Wolf-Köln bereit, die Rabbinatsgeschäfte des Vereins in bisheriger Weise ehrenamtlich weiter zu übernehmen. Lemberg. In unserer Gemeinde vollzog sich heute ein Akt jüdischer Munifizenz, wie gleichen in den .Annalen unserer altehrwürdigen größten jüdischen Gemeinde fast seit deren Bestände nicht zu verzeichnen war. Herr Direktor Moritz Lazarus übergab nämlich der Gemeinde-Repräsentanz unter dorangegangenem feierlichen Aufzuge sein aus eigenen Mitteln erbautes, allen Anforderungen der modernen Technik und der medizinischen Hygiene entsprechendes Hospital zuni ewigen Eigentum. Das Krankenhaus, das eine Zierde der jüdischen Gemeinde bildet und die Inschrift „Moritz Lazarus-Spital für Juden" enthält, besteht aus einem stattlichen, 25 Fenster langen Doppelstockwerke, das 48 Ubitationen mit 100 Betten Belegraum umfaßt, und liegt längs der ruhigen frequenzlosen Spitalsstraße in der Mitte der Judenstadt mit fteiem Ausblicke zur Grodekcrstraße. Rückwärts stteckt sich ein ausgedehnter freier Raum hin, umgeben von alten hohen Bäumen,' der den alten ehrwürdigen Friedhof bildet. Von der ersten Etage des Hauptgebäudes führt ein Ausgang nach einer weiten Terrasse hin, auf der ein fliegender Garten für Rekonvaleszenten errichtet wurde. In der Mitte des Hauses, im. erste» Stockwerke befindet sich ein lichter Operationssaal. Das Gesamtgebäüde ist mit unterirdischer Beheizung, Gasleitung, Bädern,' Wasserleitung u. s. w. versehen. ' Petersburg.. Die Meldung der „Nowosti" über die angebliche Absicht der Regierung,. den Juden den Ankauf von. Grund und Boden zum: Betriebe., von. Ackerbau im ganzest Reiche zu gestatten, hat in..den einflußreichen, der Regierung . nahestehenden Preßorganen, in der „Nowoje Wremja" und im „Grasch-