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Neue jüdische Presse · 1902-12-05 · Heft 6 (5.12.1902) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 6 (5.12.1902)
Date
1902-12-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Erscheint Men Freitag Mittag. Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, ftei ins Haus. Durch die Post bezogen SO Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Kostzeiturrgskifle 2629». Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.S0 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). Me». 6. 5. Drzernbev. 1901 Der Nachdruck unserer Originalartikel ist nur nach ' Einholung unserer Genehmigung gestattet. Der Reichstagsabgeordnete vr. Wilhelm Bäzsonyi veröffentlicht in der Zeitung „Ungarische Wochenschrift" einen Auffatz, „Jüdische Kreuzritter" betitelt. Wie die Ueberschrist verrät, beschäftigt sich Herr vr. Bäzsonyi hier mit dem Zionismus. Da wir es nun für unsere Pflicht halten, unsere Leser über diese Bewegung innerhalb - unserer jüdischen Gesamtheit — unseren Standpunkt selbst haben wir ja bereits in der vorigen Nummer in einer Rezension festgelegt — auf dem Laufenden zu halten, so geben wir nachstehend, trotzdem wir mit verschiedenen Ansichten des Autors nicht übereinstimmen, einen Teil der Ausführungen B.'s wieder. Er schreibt: Wehe Demjenigen, der es in unserem Zeitalter nicht versteht, seinen Idealismus geschickt zu verbergen. Ertappt man ihn bei denselben, dann hat er daran zu tragen, oder er wird im Vesten Falle ausgelacht. Diese Vorsicht haben jene Schaaren verabsäumt, die auf den Zionisten-Kongresien die Träume ihrer Seele vor ganz Europa ausgeschüttet haben. Bon . Juden und Antisemiten werden sie jetzt in brüderlicher Eintracht daftir gelästert. Auf §äs gute Thema stürzen sich auch die Orpheum-Witzler und antizipiren eine geistreiche Parodie auf das neue Palästina, den neuen König, die glaubenstreuen Minister und die Armee. „Welch' sündhaftes Bestreben!' ruft der vereinigte Chor praktischer Juden und Antisemiten. „Welch' komisches Experiment!" lacht der Straßenspott. Unterdessen nehmen die Zionisten von einander Abschied, sie umarmen und küssen einander. Nord au aber, dem Zionistenführer, dem Meister der Ironie, fließen Thränen aus den Augen .... Der Zionismus ist eine Verirrung, die nicht triumphiren wird. Aber er ist ein Jrrthum edler Gemüther. Sein Ausgangspunkt ist nicht so falsch, wie dies die Heuchelei der praktischen Sen vorgibt, nur sind seine Schlußfolgerungen und bestrebungen.unrichtig. Die Begründung des Judenstäates oder rechtlich gesicherten jüdischen Heimstätte wird also nicht gelingen. Gut; das ist wahr. Aber unter den Zionisten gibt es zu viel ausgezeichnete Geister und ihre Bewegung ist von viel größerem Ernst, . als haß wir aus demselben ohne ausführliche Analisirung nur die Lehre ziehen könnten, daß ein Haufe von Menschen verrückt geworden sei und jene praktische Empfindung verloren habe, welcher gewisse jüdische Größen es verdanken können, daß sie zur Geltung ' kommen. Im Zionismus verschmelzen sich eigenthümlicherweise die beiden gegensätzliche Elemente des religiösen v Romantizismus und der ganz modernen Aufgeklärtheit. Sie wollen Palästina erwerben; als würde in ihnen dasselbe unbezähmbare Feuer lodern, wie in den Kreuzrittern. Ja, es scheint, als gäbe es jüdische Kreuz- , ritter, Fanatiker des Zionismus. Aber unter den Teilnehmern an dieser wunderbaren geistigen Bewegung existirt kein religiöser Fanatismus. Es sind , dies ganz moderne. Menschen, Arbeiter des Geistes: .Schriftstäler, Lateiner, Philosophen, Priester. Unter dem religiösen Romantizismus müssen Wir daher das Wesen suchen und dieses ist die tiefe Erbitterung eines : Teiles der modernen, gelehrten, geistige Arbeit ver- - richtenden Judenheit. Der Ausgangspunkt der Zionisten ist, daß die Emanzipation eine soziale Lüge sei. Der Staat hat sie erteilt, aber die Gesellschaft hat sie zurückgezogen oder geschmälert. Der Jude kann selbst Minister oder General werden; trotzdem aber gibt es kein Land, wo man ihn nicht fühlen lassen sollte, daß er nur ein minderwertiges Wesen sei. Dies kann nur jener Jude leugnen, der aus Eigennutz heuchelt, oder von der Vorsehung mit einer genug dicken Haut begnadet ist. Die Zionisten forschen nach der Ursache dieser traurigen Erscheinung und finden sie darin, daß die Juden in keinem einzigen Lande wirklich zuhause sind, weil sie auch nicht einen einzigen Staat gePmndet haben. Sie werden daher überall als Hergelaufene betrachtet, die es nur dem Wohlwollen der Begründer zu verdanken haben, wenn sie die Emanzipation genießen können. Vergebens passen sie sich der Nation an, arbeiten und känipfen sie für die Ideale derselben, sie werden des Epithetons „Jude" nicht los, an welchem stets Entwürdigung, Geringschätzung oder im besten Falle Bedauern haftet. Einen Boden zu suchen, wo der Jude kein minderwertiges Mitglied der Gesellschaft ist; ein Vaterland, welches er gegründet hat; einen Staat, in welchem er nicht „Hergelaufener" ist; das ist dem Zionisten e" die Lösung. Die feinbesaiteten, stolz angelegten m wollen sich vor Entwürdigung, Geringschätzung und Bemitleidung flüchten. Diese unermeßlich große Sehnsucht nach Gleichberechtigung und Freiheit, dieses fieberhafte Streben nach wirklich menschlichem Dasein macht den Zionismus selbst in seiner Nebertriebenheit ehrenwert. Seine Ausführungen schließen: Erlöser, Verkünder der Bolksfteiheit soll die Judenschaft der Menschheit geben. Die aus den Reihen der Unterdrückten Stammenden können, wenn sie ein hehres Gemüt und scharfen Verstand besitzen, mit der aufrichtigsten Wärme der Sache der Unterdrückten dienlich sein. Das Band des eigenen Interesses knüpft den Juden an den Triumpf der Bolksfteiheit. So lange auch nur ein Vorurteil lebt, bleibt auch dem Süden der Stempel der Minderwertigkeit aufgedrückt. o lange der Begriff Nation nicht Alle mit gleicher Liebe umfaßt, so lange es Ausgeswßene und Elende giebt, wird auch der Jude nicht von der gesellschaftlichen Sklaverei befteit. Die Juden einer jeden Nation sind die Schuldner derselben, wenn aus ihrer Reihe keine Verteidiger der Rechte des Volkes entstehen, und die Judenschaft würde die Schuldnerin der Menschheit bleiben, wenn sie die große Aufgabe verraten würbe, wie die Kapitalisten, verachten wie die Fanatiker und aus Erbitterung in Stich lassen,.wie die Zionisten. Vergebens flössen aus den Augen der irrenden Schwärmer die Freudenthränen ob des Herannahens der Zeit zur Wiederaufrichtung Zions. Zion wird nicht bald wieder erbaut, aber keine Macht der Dummheit und Sklaverei kann den Triumpf des gerechten Staates der Zukunft verhindern. Über Elternabende. H- Nachdem wir im vorhergehenden Artikel die Leitmotive kennen gelernt, welche der'Einrichtung von Elternabenden zu Grunde liegen, erübrigt uns noch, ergänzend Näheres anzufügen über das etwaige Programm solcher Zusammenkünfte. Für jede neue Institution empfiehlt es sich, Richt- und Gesichtspunkte kennen zu lernen. Im Rahmen der so gezogenen Grenzen bleibt der subjektiven Erkenntnis, der individuellen Neigung, der wohlberechtigten Beurteilung und Berücksichtigung personeller und lokaler Verhältniffe immerhin derjenige Spielraum, welcher der lebensvollen Entfaltung und Gestaltung gemeinnütziger Unternehmungen nicht fehlen darf. Daß die Regel nicht zur Schablone herabgedrückt werden oder Herabfinken soll, weift keiner besser als derjenige, den die Elternabende am meisten interesfieren: der Lehrer. Die in Folgendem gegebenen Anregungen seien daher nichts anderes als g u t e W i n k e. die aus einem reiflicheren Nachdenken über die Sache hervorgeganaen. Daß ich hier vor allem den jüischen Lehrer im Auge habe, ist wohl selbstredend. 1. Der Lehrer bestrebe sich nach besten Kräften, in ferner Gemeinde Elternabende einzuführen. Wer die mit unter sehr prekären Verhältniffe der jüdischen Gemeindebeamten kennt, besonders an kleineren Orten, der wird zwar etwas pesfimistisch über die soeben ausgesprochene Forderung urteilen. Allein vieles läßt fich ermöglichen, wenn mit dem guten Willen fich der praktische Blick paart. Gewiß, es giebt harte Felsen, aus denen auch der ideale Jugendbildner nicht leicht lebendiges Waffer fördern kann. Immerhin aber ist die Annahme berechtigt, daß zu einer gemütlichen Zusammenkunft, zu einer geselligen Vereinigung gar viele zu haben find, die abseits stehen bei gemeindlichen Bestrebungen ernsteren Charakters, deren Inneres unzugänglich erscheint für die Jntereffen des Gotteshauses wie der Schule. An einem EÜernabend könnten fie allenfalls doch Jntereffe -und Freude finden, um fich — vielleicht — auch des Weiteren für edle und ideale Ziele zu erwärmen. Im allgemeinen wird es kaum eines großen Organisationsgeistes bedürfen, um zum Ziele zu gelangen. Der Ehrtrieb der Eltern, ihr natürliches^Jntereffe an des Kindes Zukunft und alle im vorgegangenen Artikel berührten Momente stehen helfend und fördernd zur Seite. 2. Die Elternabende sollen Fragen der Erziehung und des Unterrichts berühren und erörtern, doch stets in populärer, unterhaltender Form und Art. Damü ist der Kernpunkt des Ganzen berührt, bei dem wir Folgendes darlegen möchten. Daß Eltern ein natürliches Jntereffe für Fragen der Erziehung und des Unterrichtes haben, folgt aus dem angeborenen Gefühl für die Kinder, welche eben erzogen werden sollen, die eben das Objekt der Erziehung bilden. So hat fich bei allen Böllern eine erziehliche Tradition herausgebildet, die in den einzelnen Häusern und Familien gehütet und gepflegt wird, ohne eigentliche theoretische Vorstudien, ohne jeden wiffenschaftlichen Apparat und Plan. Manweiftim Leinen Heim der schlichtesten Bürger» und-Dauer»

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