Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 5 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5? kann ich doch nicht lange stricken und übermorgen gar nicht." „Was für wichtige Geschäfte hast Du übermorgen?" fragte er. durch ihr liebliches Geplauder höchstlichst amüsiert. Befremdet blickte sie zu ihm aus. „Du bist kein Jude? Du bist so wie unsere Sabbathfrau?" „Doch, ich bin ein Jude", versetzte er lachend, „aber —" „Aber Felix hat im Augenblick nicht daran gedacht, daß übermorgen Sabbath ist," fiel Ernst ein. indem er dem Freunde einen vielsagenden Blick zuwarf. »Ja, ja. ganz recht, übermorgen ist Sabbath — ich hatte wirklich nicht daran gedacht. Am Sabbath kannst Du freilich nicht stricken, da gehst Du vermutlich in den Tempel und issest Kuchen „Ja." sagte sie, mit dem Kopfe nickend: „zum Sabbath da macht unsere Mutter immer guten Kuchen. Deine Mutter auch?" „Meine Mutter hat nicht immer Zeit." „Ach. das ist Schade! — unser Kuchen ist am Sabbath immer so gut — weißt Du, ich möchte Dir gern ein großes Stück von unserm Kuchen bringen. Aber am Sabbath darf man doch nicht tragen —" „Freilich, am Sabbath darf man nicht tragen," wiederholte er mehr und niehr amüsiert. So unterhielten sie sich noch einige Zeit, das kleine Mädchen plauderte frisch d'rauf los und die Knaben ergötzten sich an ihrem Geplauder, bis die hereinbrechende Dunkelheit Felix an den Heimweg mahnte. Es war ziemlich spät, als er in das Wohnzimmer seiner Eltern trat, die Gasflammen brannten schon, aber auf dem Tische stand noch das Kaffeegeschirr. Frau Kohn war allein, ihr Gatte war noch in seinem Büreau. Das waren für Beide immer die angenehmsten Stunden, wenn sie allein am Kaffeetisch beisammen saßen. Bald saß Felix auch heute der Mutter gegenüber und tauchte mürbe Bretzeln in den würzigen Milchkaffee und erzählte ihr, von dem lieblichen kleinen Mädchen, mit dem er sich so gut unterhalten hatte. Lächelnd hörte Frau Kohn ihm zu. sie interessierte alles, was ihren Liebling interessierte und er berichtete ihr alles, vor feiner Mutter hatte er kein Geheimnis. Als er ihr jedoch auch von seiner Unterredung mit dem Sohne des entflohenen Bürgermeisters erzählte, da zog sie die Stirn in Falten und machte ein sehr ängstliches Gesicht. „Ich fürchte, ich fürchte, das wird dem Papa nicht recht sein." Er warf den Kopf zurück. „Das fürchte ich zwar nicht, aber ich vermute es allerdings — und dennoch habe ich strickt Papas Befehl vollzogen." „Aber die Berhültniffe haben sich geändert, das hättest Du in Betracht ziehen sollen." ' „Was kümmem mich die Berhältniffe, ich habe gethan, was Papa mir befohlen hat." entgrgnete er lachend. „J.tzt sprichst Du wie ein rechtes Kind, als ob Du nicht sechzehn, sondern erst sechs Jahre alt wärst." „Aber liebe gute Mama," er war aufgestanden und hatte den Arm um ihren Hals geschlungen, „Du glaubst doch nicht, daß ich mich mit Wiesner unterhalten habe, weil der Papa es mir neulich befohlen hat? — für so dumm kannst Du mich doch nicht halten. —" „Nein," erwiderte sie, „für dumm Haltes ich Dich nicht, aber gescheiter wäre es doch gewesen, wenn Du grade jetzt nicht mit ihm angefangen hättest." „Aber, liebe Mama, wenn Du den armen Kerl gesehen hättest - sonst find doch immer so viele um ihn herum gewesen und heute hat keiner mit ihm gesprochen. — Sie haben es ja neulich mit mir ebenso gemacht — nur daß ich mich nicht darum gekümmert habe. Ziehen sie sich von mir zurück, so sehe ich nur um so stolzer auf. sie hinab. Aber er — armer Kerl er versteht das nicht. Er hat so bemitleidens¬ Frankfürter Israelitisches Familienbkätt. Seite 3. wert ausgesehen — ich bin überzeugt, Mama, wenn Du in der Schule gewesen wärest, Du hättest auch ein freundliches Wort an ihn gerichtet." „Ein freundliches Wort — vielleicht — aber —" „Aber mehr habe ich doch auch nicht gethan." „Ich dächte. Du hättest ihn nach Hause begleitet." „Darum hat er mich ausdrücklich gebeten. Hätte ich's verweigern sollen?" „Allerdings, denn Du weißt, wie der Papa sich ärgern würde, wenn er's erfahren würde." „Daran habe ich im Augenblick allerdings nicht gedacht. Aber wenn ich auch daran gedacht hätte, ich hätte es doch gethan." „Felix!" „Ich kann mir nicht helfen, Mama — es wäre eine Gemeinheit von mir gewesen, wenn ich den unglücklichen, unschuldigen Knaben —" „Arnold Wiesner ist kein unschuldiger Knabe. Wenn Du nicht dazwischen gekommen wärest, hätte er vielleicht den Tod eines Menschen auf dem Gewiffen." „Das hat er bereut und wird dergleichen nie wieder thun. Das hat er ausdrücklich gesagt und da hätte ich nicht mit ihm gehen sollen, hätte ihn seiner sichtlichen Verzweiflung überlassen sollen? — Das wäre niederträchtig von mir gewesen, und ich glaube auch gar nicht, daß es Dir, liebe Mama, recht gewesen wäre, wenn ich da erst lange überlegt hätte, ob der Papa auch nicht zanken wird, wenn ich einem armen Jungen eine Freundlichkeit erweise." Sie blickte liebevoll lächelnd zu ihm empor. „In gewiffer Beziehung hast Du wohl recht, ich freue mich Deines warmen Herzens. — Aber so lange Du unter Papas Botmäßigkeit bist, mußt Du auf Papas Eigenheiten Rücksicht nehmen und sogar auch auf seine schwächen. Wenn Du erst einmal selbständig bist —" „Vorhin habe ich auch mit Ernst Vogel darüber gesprochen, was ich zu thun gedenke, wenn ich selbständig sein werde. Darüber möchte ich Dich, liebe Mama, auch etwas fragen." „Frage, liebes Kind, ich bin ganz Ohr." „Sage mir doch. Mama, würde Dir etwas daran liegen, wenn ich mich taufen lasten würde?" „Felix!" schrie sie auf, „unglückseliges Kind! — wie kommst Du auf einen derartigen Gedanken?" (Fortsetzung folgt). Korres-on-errze«. Frankfurt a. M. Das „Rigaer Tageblatt" schreibt: „Wenn es unlängst ein Schriftgelehrter der Juden unternahm, in einem deutschen ostseeprovinziellen Blatte zu erklären, daß Juden sich durchaus nicht ihrer Militärvsticht entziehen, sondern nachweislich nahezu ihr volles Contingent stell-n. so belehrt uns der offizielle .Wilen. Westnik" eines Anderen. Trotz der Gesetzesbestimmung vom Jahre 1886, nach welcher, um das Entweichen eines zum Militärdienst einberufenen Juden zu erschweren, die Familie desselbm eine nicht unbedeutende Geldstrafe (300 Rbl.) zu zahlen hat. find, dem geuannteu Blatt zufolge, im Verlaufe von 15 Jahren allein im Wilnaer Gouvernement nicht weniger als 2ö»0 israelitische Familien wegen Dienstentziehung eines ihrer Glieder bestraft; diese Strafgelder repräsentieren eine Summe von über 800 000 Rbl." Dem gegenüber erlauben w'r uns darauf Hinzuwelsen, daß infolge der äußerst mangelhaften Führung der standesamtlichen Listen eine beträchtliche Anzahl verstorbener Kinder als lebend verzeichnet bleiben, deren Angehörigen dann zur Zeit trotz aller Reklamationen bestraft werden. Es steht statistisch fest, daß bei der jüdischen Bevölkerung ein bedeutend höherer Prozentsatz seiner Militärpflicht genügt, als bei der übrigen Bevölkerung Rußlands. Die Ausführungen des „Rigaer Tageblatt" dürften also nicht den Thatsachen entsprechen. Frankfurt a. M. Es ist üblich, daß das neue Oberhaupt der Stadt London ein großes Bankett giebt und hierzu die Vertreter der fremden Mächte einladet. Der nun jüngst gewählte Lord-Major der Londoner City. Sir Marcus Samuel, der ein Sohn unseres jüdischen Volkes ist, hat die Selbstachtung besessen, dem Vertreter des Königreichs Rumänien keine Einladung zugehen zu lassen. Wie wir cs gar nicht anders erwartet haben, so hat es sich auch bewahrheitet: die antisemitischen und die antisemitisch angehauchten Zeitiingen — gerade von den letzteren haben wir ein ganzes Sammelsurium in Dentschlaud — können einen lolchen Beweis von jüdischem Selbstbewußtsein bei einem Mitglieds der jüdischen Lauts volös nicht begreifen, und da ihnen der Verstand stille steht, so schinipfen sie. Berlin. Am 16. November fand zu Berlin die Generalversammlung des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Denis chlandS und die Hauptversammlung derBodenkulrurgesellschaft in. b H. statt- Der Verein hat stark an Mitgliedern und Jahresbeiträgen zugenommen. Das Stammkapital der Gesellschaft wurde von 20 0<X) auf 40 000 Mk. erhöbt. Auf dem von der Gesellschaft erworbenen Gute Neuhof wurde eine befriedigende Ernte erzielt- Die Bauten für die Eleven find errichtet. Die Aufnahmebedingungen find bei Dr. Ernst Tuch, Charlottenburg, Herderstr- 6, zu erfahren. Berlin. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hatte die Mitglieder seines Centralkomitees für Mittwoch den 10. November zu einer Sitzung nach Berlin eingeladen mit folgender Tagesordnung: l. Bericht über die Thäligkeit in Galizien, erstattet von Herrn James Sinioi». 2. Bericht über die Thätigkeit in Rumänien, erstattet von Herrn vr. P. Nathan. 3. Kassenbericht, erstattet von Direktor Picard. 4. Bericht über die Propaganda, erstattet von Herrn vr. P. Nathan. 5,. Festsetzung der Tagesordnung für die statutenmäßige allgemeine Mitgliederversnninilung, welche am 28. Dezember in Berlin stattfindet. 6. Vorlegung des Geschäftsberichts pro 1001. Dortmund. In der am 10. ds. Bits, stattgehabten Vorversaminlung für die Wahl von Repräsentanten der Synagogeu-Gemeinde wurden mit großer Majorität gewählt: ») als Repräsentanten die Herren Isidor Goldjchmidt. Jakob Wolfs, Jakob Nathan Wolff. 'Nathan Heimann, Amtsgerichtsrar Julius Ger» ion; l>) als Stellvertreter die Herren Sally Flörsheim» Ferdinand Jonas, Louis Sternau. Köln. Der seit drei Jahren bestehende Verein für jüdische Krankenpflegerinnen, der im hiesigen jüdischen Krankenhause auch eine Pflegerinnenschule unterhält, hat nach deni veröffentlichten Bericht für das Jahr 1901 einen guten Fortschritt zu verzeichnen; die Zahl der ausgebildeten Schwestern stieg von 7 im Jahre 1900 auf 12 im Jahre 1901, von diesen waren 5 ständig im Krankenhause thätig, während 7 die Krankenpflege in Familien ohne Unterschied der Konsession versahen. Petersburg. Ein interesiantes Sittenbild entwirft das in Charkow erscheinende natiunal-rusfische Blatt ..Jusckny Äraj". Der Vertreter eines große» Handelshauses in Odessa. der Jude Peissackowitfch, traf in geschäftlichen Angelegenheiten in Petersburg ein, wo er nur einen einzigen Tag verbrachte. Er verließ Petersburg, um nach Odessa zurückznkehren. Aber kaum war er in Odefia einaetrofftn. als er vom Bezirksgerichte eine Vorladung erhielt, sich wegen seines Aufenthaltes außerhalb des jüdischen Niederlaffungs» gebietes zu verantworten. Alle seine Beteuerungen, daß er in Petersburg kaum wenige Stunden verweilt habe, halfen nichts: Der Richter verurteilte ihn zn einer Arreststrafe von vier Tagen. . . Prag. Aus Petersburg wird dem Prager Tageblatt geschrieben: „In letzier Zeit tauchten in der ausländischen Presse Mitteilungen auf, daß Maßregeln der russischen Regierung bevorstehen, durch welche den Juden des Reiches bedeutende Erleichterungen gewährt werden sollen. Nunmehr Cst der Schleier des Geheimnisses gelüstet, wie sorgiälttg es auch gehütet worden ist. Die Bott'chaft lautet, daß im Umfange de» ganzen russischen Reiches den Juden der Erwerb von Grundbesitz gestattet werden soll Der diesfalls in Ausarbeitung befindliche Gesetzentwurf trägt alle Merkmale einer socmlpolitischen Actton an sich und feine offenbare Tendenz ist die Schaffung eines jüdischen Klein» nnd Mittelbauernstandes in Rußland. Damit soll zugleich eine Entlastung der Städte von jüdische» Kleingewerbetreibenden angebahnt werden, da bisher die Jude» in den Städten sich diesem ihnen ausschließlich zugänglichen Berufe znwendeten. Die Grundzüge d«S neue» Gesetzes find folgende: Es ist den Juden im ganzen Reiche gestattet. Grundbesitz im Ausmaße bis zu 50 Desjatinen, also in einem Umfange, der nothwendig macht, daß der Besitzer selbst Ackerbau treibe, zu erwerben. Es muß aber in jedem Falle die Bewilligung zum Grunderwerb nach» gesucht werden, und zwar bis zum Ausmaße von 3» Desjattnen beim Gouverneur, zu Sv DeSjattne» beim Minister des Innern — darüber hinaus — den» auch das soll ausnahmsweise gestattet werden — ist die kaiserliche Bewilligung nothwendig- Dieses Gesetz, so mangelhaft es einem West» europäer erscheinen mag. hat hiesige freisinnige Kreise befriedigt und die Konservattven nicht zn sehr ver» stimmt. Die ersteren führen an, daß ja auch für die Bauern katholischen Glaubens in Litthaue» und Westrußland bei Neuerwerbung von Grund und Boden gewiffe Maximalgrenzen gezogen find, daß also daS Gesetz eine gewisse Gleichstellung für die Nichtorthodoxea schafft- Andererseits aber wird an die Thatsache. daß zum Grundkauf behördliche Bewilligung notwendig fer, eben in freisinnigen Kreisen eine Krim geknüpft, die kennzeichnend für Rußland und seine Verhältnisse ist. Man fürchtet nämlich, daß jetzt der Willkür, dem Mißbrauch., der Bestechung Thür und Thor geöffnet fei und daß die Behörden nur dann die Erlaubnis zum Grunderwerb geben werden, wenn das Gesuch ausgiebig mit Rnbclnoteii beschwert ist — und sie andererseits