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Neue jüdische Presse · 1902-11-28 · Heft 5 (28.11.1902) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 5 (28.11.1902)
Date
1902-11-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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wv "öröiifturtefDraekftisches Aamllrenblatt7 Nr. 5. werden. Kerne Religion ist so wie unsere gerade eine Religion des.Haus es. der Familie. Schon vor der Offenbarung — so weiß eine ebenso schöne als sinnige Deutung zu berichten — läßt der Herr durch Moscs gerade die Repräsentantinnen des Hauses, die Frauen Israels, in besonderer Ansprache zum treuen Festhalten am Gesetze ermahnen. (Kon soumar l'wöis Jaakauv. 2. B. M-. Kap. 19.) Die Pflicht, das Kind zu belehren, richtet sich an jeden Bater in Israel.' (W'schinantom l'wonecho. 5. B. M.. Kap. 6.) So viele Häuser, so viele Schulen, so viele Bäter, so viele Lehrer, so viele Kinder, so viele Schüler. Noch mehr, jedes Haus sollte in Anbetracht der zahllosen Religionspflichten, die innerhalb seiner vier Wände und nur daselbst zu erfüllen find, ein Leines Heiligtum vorstellen. Daß hier Schule und Haus aufs innigste miteinander verwachsen sind, daß sie ein Ganzes erst in gegenseitiger Verbindung bilden, ist selbstredend und klar. Und wie das jüdische Schrifttum aus der talmudischen Zeit uns von tugendhaften) frommen Frauen zu erzählen weiß, die ihren Mutterstolz darin bethätigten, den kleinen Liebling schon im Wiegenalter zum Lehrhause zu tragen, so muß heute mehr denn je danach gestrebt werden, wiederdiegoldneBrückezu schlafen zwischen Schule und Haus. Die in nichtjüdischen Kreisen geborene Idee der Elternabende entspricht so sehr dem Geiste unserer Religion, dem Wesen des Judentums, daß sie überall freudigste Zustimmung und vielseitigste Verwirklichung finden sollte; denn nirgends wirkt auch die Entfremdung oder gar die Gegensätzlichkeit von Schule und Haus verderblicher als geradezu bei uns. Der Löwenanteil all der berechtigten Klagen, die der ideale, doch domenvolle Beruf des jüdischen Lehrers mit sich bringt, ist im Grunde darauf zurückzuführen. Hier könnten wie nirgends sonst Elternabende versöhnend und aufklärend, belebend und erfrischend wirken- Keiner wie der jüdische Lehrer hätte dabei so reichliche Gelegenheit, positiv wie negativ Gutes zu stiften, in der einen Hand das Schwert zur Abwehr, in der andem zum Aufbau die Kelle. Bis jetzt scheint freilich bei uns in dieser Beziehung noch Windstille zu herrschen. Nicht einmal die großen Städte mit ansehnlichen Gemeinden und anerkannt guten Schulen gehen mit mustergiltigem Beispiele voran. Ich kann es mir in Anbetracht der Wichtigkeit des Gegenstandes darum nicht versagen, nochmals näher daraus zurückzukommen und werde deshalb in einem folgenden Artikel die Organisation und den Verlauf eines Eltemabends schildern, wie ich ihn mir ungefähr denke. Die Sache ist es wert, darüber nachzudenken. _ B. F. in F. Noch einmal die jüdische Gastfreundschaft. Wir haben in der jüngsten Nummer unsere Spalten den Gedanken geöffnet, welche unsere Darstellung der jüdischen Gastfreundschaft bei dem Einselcher wachgerufen hat. Die interessanten Details und die daran geknüpfte Anregung, auch die Beherbergung der Wanderer mehr als bisher ins Auge zu fassen, werden hoffentlich die verdiente Beachtung finden. Der Einsender meint mit Recht: „Unsere Altvorderen sahen die Gastfreundschaft als eine heilige, religiöse Pflicht an, der sich auch der Aermste nicht entziehen durste." Dagegen stimmen wir ihm nicht bei, wenn er glaubt: „Die Zeiten sind endgültig vorbei; heute, wo die Gastfreundschaft eine durchaus freiwillige ist, kann sie kaum mehr in der früheren Weise geübt werden." Wenn die Gastfteundschast die religiöse . Pflicht ist. als welche sie die Altvorderen ansahen, so ist sie nicht mehr und nicht weniger fteiwillig als alle unsere religiösen Pflichten. Ist sie aber keine religiöse Pflicht und die Men sahen sie nur dafür an. so war sie einst so freiwillig wie sie es heute ist. Die Gründe, die nun gegen die Gastfreundschaft da geltend gemacht werden, halten wir nicht für zwingend. Auch glauben wir nicht, daß es in Frankfurt und anderswo Häuser genug giebt, die ihr in der alten Weise gerecht werden. Giebt es aber wirklich deren genug, das heißt, sind entsprechend der Anzahl der Armen in Frankfurt und anderswo immer genügend Familien da, welche Arme an ihren Tisch ziehen und wird davon seitens der Armen Gebrauch gemacht, so spricht rm§ doch gegen die Furcht vor dem Schutzmann. Diese Befürchtung dürste überhaupt wegfallen, wenn die Armen von der Synagoge aus von den Gemeindemitgliedern mit nach Hause genommen werden. Dann gehen nicht die Armen auf die Suche nach Reichen, sondem die Reichen suchen die Armen auf, wie es zu allen Zeiten umrund Gott sei Dank auch heute noch ist, wo die Aufnahme Armer in unserer Häuslichkeit eben als religiöse Pflicht behandelt wird. Daß diese Zeiten nicht vorbei sind, daß sie wiederum neu belebt werden mögen, das war ja eben Zweck und Ziel der Anregung, die unsere Darstellung geben wollte. Und da meinen wir denn, daß selbst, wo das Bewußtsein von der Verbindlichkeit dieser religiösen Pflicht geschwunden, es noch Erwägungen anderer Art genug gäbe, welche der Wiederbelebung dieser jüdischen Cardinaltugend das Wort reden. Freilich müffen wir in erster Reihe immer zunächst an das Pflichtgefühl appellieren, weil es uns die nächste natürlichste Voraussetzung zur Erzeugung der hier erforderlichen Gesinnung erscheint. Der veredelnde sittigende Einfluß, den die Gastfreundschaft auf alle Glieder des Hauses, vor allem aber aus unsere Kinder übt, hat sich vielleicht noch niemals so dringend geboten erwiesen, als gerade in unserer Zeit. In unserer Zeit, die auf Erwerb und Besitz ein so großes Gewicht legt, die den Menschen nicht beurteilt, nach dem, was er ist, sondern nach dem, was er hat, in solcher Zeit ist das Haus, welches fremde Arme an seinen Ti'ch zieht, und sie dort mit derselben Rücksicht und Zuvorkommenheit wie etwa einen zu Gast geladenen Millionär behandelt, eine der wenigen Stätten, welche durch die That gegen diese Vergötterung des Besitzes Protest erhebt. Je mehr unsere Zeit die Anspannung aller Kräfte fordert, um die Fristung eines bescheidenen Daseins zu ermöglichen, je rücksichtsloser dieser Kampf ums Dasein gekämpft wird, umsomehr müffen wir darauf bedacht sein, in unserem Familienkreis wenigstens die Tugenden der Menschenliebe und Herzensgüte zu pflegen, die wir draußen im Leben so schmerzlich vermiffen. Was im Geschäftsleben nach dieser Seite hin gesündigt wird, müßte das Haus wieder gut zu machen suchen und vor allein müßte unser Tisch d'er Altar sein, der die Härte und Lieblosigkeit sühnt, welche die brutale -Gewalt der thatsächlichen Verhältniffe heutzutage im Verkehrsleben fordert. Der Segen dieser selbstverständlichen, herzlichen Gastfreiheit geht jedoch weit über den engen häuslichen Kreis hinaus. Er begleitet unsere Kinder, wenn sie dem Elternhause entwachsen sind, hinein in das Weltgetriebe, und die Gastlichkeit. die das Elternhaus an Arm und Reich alle Zeit geübt, ist der beste Geleits- und Kreditbrief, den wir unseren Kindern mit hinaus geben können. Zahllos sind die Beispiele, in welchen die Kinder die Liebe geerntet haben, welche die Eltern gesäet hatten. Es ist schmerzlich, daß dieses Bewußtsein aus vielen jüdischen Häusern der Gegenwart gewichen ist und daß es nur in einem verhältnismäßig kleinen Kreise heute noch die alte, treue Pflege von ehedem findet. Wenn man mit so viel Emphase vom jüdischen Herzen spricht, das sich auch diejenigen bewahrt haben sollen, die sonst mit dem praktischen Judentum gebrochen haben, so mag dies ja in gewiffem Sinne seine Berechtigung, haben. In voller Wirklichkeit ist dies jedoch überall nicht der Fall, wo das jüdische Herz diese Blüte nicht mehr zu treiben vermag, welche die alte, herzliche Gastlichkett für, alle die sie übten, bedeutete. Diejenigen, deren Hand und Fuß nicht mehr im Dienste des Gottesgesetzes stehen, sind oft selber überrascht, wenn ihr Herz wärmer undrascher bei den Leide«, unglücklicher Armen schlägt. Sie sind dann leicht geneigt zu glauben, das, was in ihnen pocht und sie zum Mttleid und auch zu einer Geldspende drängt, sei noch das alte jüdische Herz. Es ist dies aber ein verhängnisvoller Irrtum. Das jüdische Herz schlägt von Haus aus nicht rascher und nicht wärmer als jedes andere. Es muß erst geübt, erzogen und in Pflicht genommen werden, um die Triumphe zu feiern, die es zu verzeichnen hat. Dann stellt es sich heraus, daß nicht das Herz, sondern das Pflichtgefühl es war, welches die Wunder vollbracht hat, die der oberflächliche Blick dem Herzen zuschreibt. Wenn unser Herz auch mit dem hungernden Armen mitfühlt, so ist es doch leichter, diesem Mitgefühl durch eine Gabe Rechnung zu tragen, für welche der Arme sich Nahrungsmittel kaufen kann, als den Armen ins Haus zu nehmen, ihn zu Tisch zu laden und ihn selber zu bedienen. Wenn aber jeder gern reich sein oder doch als reich gelten möchte und deshalb seine Wohnung über seine Verhältniffe prunkvoll ausstattet, dann paßt der Arme schlecht in diesen zur Schau getragenen Prunk und Flitter. Mit seiner ärmlichen Kleidung, mit seinem ganzen Auftreten erzeugt er einen Mißton in solchem Hause. Für die plumpen Schuhe und schweren Tritte des Armen sind die Teppiche zu zart und die Fußböden zu glatt. In solchen Häusern heißen dann die Armen Bettler und dort mag es ganz wohl zutreffen, wenn der Einsender sagt: „Das Groß der Bettler fühlt sich an unserem Tische nicht heimisch und wir fühlen uns in ihrer Nähe nicht wohl." Das güte Herz reicht eben nicht aus, um dem Armen trotz dieser Erwägungen Aufnahme zu gewähren. Nur das Pflichtgefühl vermag es, über alle diese kleinlichen Bedenken hinwegzuheben und hat es vermocht, so lange es in seiner ursprünglichen Macht das jüdische Leben beherrschte. Seitdem es geschwunden ist, hat auch die Gastfreundschaft aufgehört in ihrer ursprünglichen Form in den jüdischen Häusern zu walten und die Regungen des jüdischen Herzens sind nicht stark genug, diese Perle der Wohlthätigkeit unseren Häusern zurück zu erobern. Wir glauben, es sei störend, fortwährend fremde Menschen bei Tisch zu haben, man habe infolge dessen keine Zeit und Gelegenheit mehr. ,im Familienkreise ein vertrauliches Wort zu sprechen, es sei zugleich auch dem Armen viel mehr gedient, wenn er für unsere ihm gewährte Geldspende essen und trinken kann, was und wo er wolle. Wir vergessen dabei, daß diese Bedenken doch auch unseren Altvo. deren nicht fremd sein konnten und daß sie gewiß ihre guten Gründe hatten, wenn sie ihnen nicht Rechnung trugen. Und man braucht nicht weit nach Ursachen dafür zu suchen. Wem wirklich ein brüderlich fühlendes Herz für seinen armen Bruder und seine arme Schwester in der Brust schlägt, der speist sie nicht mit Geld ab, indem er sie aus dem Hause weist, so wenig wie wir das leiblichen Geschwistern gegenüber thun. Wäre es wirklich eine größere Wohlthat so zu verfahren, wie es die moderne Wohlthätigkeit gutheißt, so würden wir es auch denjenigen gegenüber so halten, denen wir aus Rücksichten der Verwandtschaft oder aus anderen Erwägungen wirklich wohl thun möchten. (Schluß folgt.) (Nachdruck verboten). Aus unser« Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) „Aber deshalb brauchst Du Dich doch nicht so anzustrengen." „O doch, morgen Vormittag werde ich wieder in die Schule gehen und morgen Nachmittag

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