Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 5 (28.11.1902)
- Date
- 1902-11-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4 ♦ I > Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich; frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Wostzeiturrgstiste 2629a. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich (Ausland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt-Expedition a. Wl. Bergerstraße 25, parterre. -■gxgjaq Erscheint seüen Freitag Mittag. M l| Jnsertionspreis für die viergespaltene Petitzeile ji 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk. I.—, im kleinen : Anzeiger (Faniilien-Nachrichten, Stellcn-Angebote j und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe). Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— | das Tausend. Ao. 5. 28. Movornbev 1902. Der Nachdruck unserer Originalartikel ist nur nach Einholung unserer Genehmigung gestattet. Uever Elternabende. Was man unter dem Ausdrucke „Elternabende" versteht, dürfte vielleicht manchem der geehrten Leser fremd sein, obzwar diese „Abende" sich erfreulicher Weise schon in vielen größeren und wohl auch in kleineren Städten eingelebt haben. Unter einem „Elternabend" versteht man, um es kurz zu sagen, die gemütliche Zusammenkunft von Eltern mit den Lehrern und Erziehern ihrer Kinder, um hierbei in zwangloser Unterhaltung Gedanken und Meinungen über Erziehung und Unterricht auszutauschen. Solcherlei gesellige Vereinigungen sind für eine gedeihliche Schularbeit und sür alles, was mit ihr zusammenhängt, von unendlichem Nutzen. Ihre segensvolle Wirkung zeigt sich aber auch ebenso in Bezug auf die Bewertung der schweren, verantwortungsvollen Tätigkeit des Lehrers. Damit int unmittelbaren Zusammenhänge steht eine steigende Achtung und Hochfchätzung des ganzen Lehrerstandes. Bevor wir die hier flüchtig berührten Momente des Näheren ins Auge fassen, sei zuerst die Frage erörtert: Wer gab die Anregung zu den Elternabenden? Die Antwort lautet: Die Idee ging von der Lehrwelt selbst aus. Die Lehrer waren es. welche eine bessere und lebendigere Fühlung mit dem Elternhause erstrebten und anbahnten. Beide — .Lehrerstand und Eltern — stehen zueinander in dem Verhältnis wie Theorie und Praxis. In der Schule lernt das Kind, zuhause aber lebt es. Mn scholae sed vitae discimus. „Nicht für die Schule — fürs Leben lernen wir", ist schon ein alter Ausspruch. Es ist nicht in Avrede zu stellen, daß man ihm auch in der That Rechnung getragen, freilich hie und da mit mehrfachen kleinen Entgleisungen im gesamten Schulorganismus. Immer aber brach sich bald genug die Richtung auf das Praktische, fürs Lebein Unentbehrliche gar mächtig Bahn. Man kann sagen, die pädagogische Welt ist hier im beständigen Suchen begriffen, und es ist ihr Stolz, ihr schönstes Ideal, das Bessere alle Zeit als Feind des Guten zu proklamieren. Lehrpläne und Lehrmethoden unterliegen immer und überall mehr oder minder tiefem) chneidenden Veränderungen und Umänderungen zur Ausgestaltung für die Bedürfnisse des Lebens und der Zeit. Dieser gute Wille ward indes nicht immer entsprechend gewürdigt von derjenigen Seite, die das größte Interesse daran haben sollte, d. i. vom Elternhaus. Wo es sich um das Wohl und..Gedeihen, die Förderung und das Fort- WK machen aus unser Preislv kommen der Kinder handelt, da stehen die Eltern naturgemäß an erster Stelle aller Interessierten. Die Schule ist nicht Selbstzweck, sie ist Hilfsanstalt der Familie. Wie sehr ihr dieses Ziel am Herzen liegt, wie hoch sie ihre Mitarbeit für Haus und Volk einschätzt, wie groß das Maß ihrer Verantwortlichkeit dabei ist, das sollen eben die Eltern erfahren und klarer erkennen, und darum ging aus Lehrerkreisen die Anregung für Abhaltung von Elternabenden hervor. Wo sie sich auch immer eingeführt, da sind sie von unendlichem Segen gewesen; wo man die Elternabende noch nicht kennt, da möge man der Idee näher treten. Es soll darum hier versucht sein, in Kürze einige Kerngedanken darzulegen. Die Elternabende sollen die s e g e n s v o l l e Vermittlung zwischen Schule und Haus bilden. Bisher war die Berührung Beider nur eine lose, mehr äußere und zufällige. Die Eltern bringen das Kind zur Schule, empfehlen es der Obhut und Fürsoge, nicht selten auch der geduldvollen „Nachsicht" des Lehrers; Hausaufgaben, Lob und Tadel. Zensuren und Zeugnisse bilden weitere Berührungspunkte — freilich mitunter sehr zweifelhaften Ruhms — zwischen Schule und Haus. Dazu kommen ungewollt etwaige Entschuldigungen aller Art. besonders krankheitshalber. Nur selten findet eine wahrhaft erfreuliche, speziell „pädagogische" Auseinandersetzung zwischen Eltern und Lehrern statt. Bei vielen Eltern fehlt nicht nur der gute Wille hierzu, sondern selbst das rechte Verständnis hierfür. Häufig aber sind jene so verderblichen und verwerflichen Mißverständnisse zu treffen, die sich lähmend auf die ganze Schularbeit legen, die in falschen Voraussetzungen, in falscher Liebe zu den Kindern oder in Böswilligkeit ihren Grund haben. Sie bringen den Lehrer um die Frucht seiner schweren Arbeit als Erzieher, berauben Eltern und Kinder des besten Gutes und schädigen obendrein Mitschüler und Schule, Lehrerstand und Lehrberuf, welch letztere der Achtung und Wertschätzung nicht entraten können. Dem allem kann wirksam vorgebeugt bezw. vorgearbeitet werden durch Einrichtung von Elternabenden. Sie sollen Haus und Schule, die in ihren hohen Zielen und Bestrebungen, brauchbare Menschen für's Leben heranzuziehen, doch einig gehen, auch in der That einigen. Das ist zum Heile Beider; die Entfremdung zwischen ihnen jedoch nicht nur bedauerlich und zmn Nachteile, sie ist geradezu unnatürlich und muß zu Mißverständnissen und vielfach zu Unannehmlichkeiten führen. In der Lehrerwelt braucht man diese Behauptung nicht erst durch lange Beweisführung zu bekräftigen. Man weiß dort zu gut, lsschreiben (siehe Seite 5) für Schüler daß Schule und Lehrerstand Dinge sind, über die und in die zu reden ein Jedermann sich für befugt sund befähigt hält. Ein Uebermaß von Macht und Einfluß auf die jungen zu erziehenden Menschen schrieb man der Sckule zu, um daraufhin ebenso einseitig sie für alle die Schäden des sozialen Lebens verantwortlich zu machen, und das einst so stolze geflügelte Wort vom „Schulmeister zu Sadowa" wurde im Laufe der Zeit dem Lehrer verhängnisvoll. Es ist das bei schulpolitischen Kämpfen gar oft und nachdrücklichst ausgesprochen worden. Es ist daher auch taktisch klug gewesen, einen Weg zu suchen, der den andern Faktor — das Elternhaus — mehr „vornhin" treten läßt. Das Elternhaus befand sich für Tausende von Weltbezw. Lehrerverbessern bisher in der beneidenswerten Lage, jedem Tadel entrückt p fein. Auch hier soll und kann durch wahrheitsgetreue und liebevolle Aufklärung Wandel zum Bessern geschaffen werden. Saum cuique! Schule und Haus mögen gegenseitig sich weder unterschätzen noch überschätzen. Ist die Einführung von Elternabenden so leichterdings möglich? So wird mancher fragen, selbst wenn er sie durchaus empfehlenswert hält. Nun, es hat ja die Praxis, die Erfahrung bereits darauf entsprechend geantwortet: Elternabende sind zu Vergnügungsabenden geworden. Der ungezwungene Charakter derartiger Zusammenkünfte, der gemütvolle Ton, welcher die Unterhaltung beherrscht und beherrschen soll, das Interesse, welches naturgemäß Eltern an den verschiedenen Fragen der Erziehung und des Unterrichts nehmen, der ihrem Selbst- und Ehrgefühl schmeichelnde Umstand, daß Lehrer und Erzieher auch ihr Wort, ihren Rat hören möchten, die Anerkennung ihres mächtigen Einflusses beim Lösen der Aufgabe, welche die Schule sich .gesetzt, endlich rein egoisiische Erwägungen im Hinblick auf des Kindes Zukunft, das alles spricht so laut und überzeugend für die Sache, daß sie nicht erst marktschreierischer Anpreisung und Empfehlung bedarf. Wo nicht ganz abnorme Verhältnisse obwalten, da wird ein verständiger, berufstreuer Lehrer unschwer die Einrichtung von Elternabenden ins Leben rufen können. Es bedarf keiner großen diplomatischen Kunst, die lokalen Verhältnisse soweit zu überschauen, um für das Unternehmen die rechte Form zu finden, ihm Bestand und Gedeihen zu sichern. Der Lehrer, welcher im Volke ynd mit dem Volke lebt, hat an seinem pädagogischen Takt und Blick hierbei den besten Wegweiser. Wie sehr sich gerade für den jüdischen Lehrer und sür das jüdische Haus Familienbezw. Elternabende empfehlen, braucht kaum gesagt zu und Schülerinnen aufmerksam.