Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 3 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Herr Kau f in a n n in Angenrod (Oberhessen) „Der Unterricht im Gebetübersetzen". Herr'Kahn in Höchst i. O. „Der Berns des" Lehrers und die Hindernisse in demselben" und Herr Strauß in - Ober-Seemen (Oberhessen) „Erweckung und Erhaltung der- Aufmerksamkeit im- Unterricht". Cassel. Vorige Woche fand am hiesigen israelitischen Lehrerseminar ' die zweite. Lehrerprüfung statt. Es unterzogen sich derselben die Herren: Abt aus Gesecke i.'Wests., Crohn aus Mengriiighauseil. Heilbronn aus Hora. Levi aus Salzkotten, -Oppenheim aus Wehrda. P i n e a s aus Frankfurt und Plaut aus Rybnik. Sämtliche Herren bestanden das Examen. -. Köln. Der Herr Ober-Präsident Nasie hatte , in seiner Eigenschaft als Landesherrlicher Kommisiarius für die Wahl eines Erzbischofs von Köln zu dem am Donnerstag, 0. November Nachmittags 3 Uhr im Hotel Disch, anläßlich der Wähl stattgefundenen Festmahle den Herrn Rabbiner Dr. Frank emgeladen. Wiesbaden. Ein jüdischer Bürger, mit Namen Kahn, 311 Wiesbaden, hatte von dem zuständigen Oberbürgermeister einen Strafbefehl in der Höhe von sechs Pfennig erhalten, weil seiy Kind zweimal ohne triftigen Grund den jüdischen Religionsunterricht versäumt hatte. Kahn beantragte gerichtliche Entscheidung mit dem Erfolge, daß er freigesprochen wurde, da der Oberbürgermeister überhaupt nicht befugt gewesen sei, den Strafbefehl wegen Versäumung des jüdischen Religions-Unterrichts zu erlassen. Diese Entscheidung focht die Staatsanwaltschaft durch Revision beim Kammergericht an, weil der Oberbürgermeister Wert darauf lege, daß die letzte Instanz darüber Entscheidung treffe, ob er befugt sei, einen Strafbefehl zu erlassen. Das Kammergericht wies jedoch die Revision gemäß 8 380 der-Strafprozeßordnung zurück. Newyork. Mayer Guggenheim hat seiner Schenkung von 60 000 Dollar für das jüdische Hospital in Logan, einer Vorstadt Philadelphias, weitere 20000 Dollar hinzugefügt. Schoshara bei Nazareth (Palästina). Schon seit mehreren Jahren besteht hier eine von der Palästina-Gesellschaft gegründete Schule, um den Kindern der orthodoxen Einwohner des Dorfes Schulunterricht zu erteilen. Vor ungefähr vier Jahren hatten Juden aus Rußland in der Nähe des Dorfes Schoshara Grund und Boden erworben und eine Kolonie gegründet. Die Kolonie gewann in letzter Zeit an Ausdehnung, ihre Bauten, landwirtschaftlichen Einrichtungen und Me anderen agronomischen Einfühningen ent- ' sprechen den letzten Errungenschaften der Wissenschaft, kurz die Kolonie bildet ein nach dem wilden und wüsten Palästina verpflanztes Stück kulturellen Europas. Zugleich mit der äußeren Entwicklung wuchs auch die Entwicklung des Bewußtseins ihrer Macht heran. Dieses Bewußtsein ihrer Macht haben nun die jüdischen Kolonisten in folgender Angelegenheit gezeigt: Ein jüdischer Kutscher aus Beirut wurde von den zur russischorthodoxen Kirche bekehrten Arabern des Dorfes mißhandelt. Der Jude begab sich in die jüdische Kolonie und rief die Hilfe seiner Brüder an, und die jüdischen Kolonisten rückten nach dem Dorfe aus, um die Beleidiger ihrer nationalen Ehre zu züchtigen. Die orthodoxen Araber versteckten sich beim Anblicke der herannahenden Juden in ihren Wohnstätten und in der russischen Schule. Die Kolonisten fanden jedoch die Beleidiger des jüdischen Kutschers und prügelten sie weidlich durch, um nach vollendeter Arbeit ruhig nach der Kolonie zurückzukehren. Das russische Konsulat beeilte sich zwar, von den türkischen Behörden die Bestrasiing der Juden wegen angeblicher Demolierung der russischen Schule zu fordern,, aber die Behörden von Tiberiada stellten fest, daß von einem Ueberfalle auf die russische Schule keine Rede sei. daß die Juden nur die Beleidigung ihrer nationalen Ehre strafen wollten. 'Wir wollen diesen Vorfall nicht kommentieren Dm jüdischen Patrioten sagt aber dieser Vorfall vieles . Frankfurter Israelitisches Familienblatt. (Nachdruck verboten). Die Rache des Juden. Skizze von . . . Tiefe Stille ringsum. Alles schon umfangen von den Banden des Schlafes. Trübe Lichter werfen einen nur matten Schein aus die leblosen Straßen. Horch! Eins, zwei, drei .... zwölf Schlüge tönen herab vom nahen Glockenturme. Mitternacht ist's. Die Geisterstunde hat geschlagen. Führt diese Stunde mit Recht ihren Namen? Treiben in ihr nur Geister ihr Wesen? Trifft diese Stunde nicht auch Menschen an, kummer¬ und sorgbeladene Menschenkinder, die trockenen, heißen Blickes das Dunkel der Nacht zu durchdringen suchen, die vergebens einen Lichtschimmer am Firmament erspähen und auf die jede Sekunde, jede Minute mit doppelter Wucht sich senkt und sie die lange, bange Nacht schier als Ewigkeit empfinden läßt? In einer Dachstube, bei dem schwachen Schein einer Petroleuinlampe. fitzt ein junger Mann, den Kopf in die Hand gestützt. Traumverloren blickt er hinaus in die Nacht. Welche Gefühle, welche Gedanken rauben ihm den Schlaf? Fröhliche, heitere sind es nicht, denn ein wehniütiges Lächeln umspielt seine ausdrucksvollen Züge. — Seine ganze Vergangenheit zieht an ihm vorüber. — Was hat das Leben ihm gebracht? Ist das Leben lebenswert? Hat es ihn nicht allzusehr enttäuscht? Er versetzt sich zurück in die Tage der Kindheit. Frohen Sinnes, frischen Mutes eilt er zur Schule. Ta sieht er wenige Schritte vor sich einen kleinen blonden Jungen, und in kameradschaftlicher Zuneigung eilt er, sich ihm anzuschließen. Allein verächtlich wendet sich das Kind weg. und die Lippen spitze,id, entfährt ihm in beleidigendem Tone das Wort: „Jude." O, wie tief hat ihn das Wort getroffen! Was hat er denn verbrochen? Bittere Thränen entströmen seinen Augen. — Er kommt zur Sckule. Eben trägt der Lehrer ein schönes die Mutterliebe verherrlichendes Gedicht vor mit dem ergreifenden Refrain: „Wenn du noch eine Mutter hast", u. f. w. Tief greisen diese Worte an die Seele des Kindes. Kaum kann es den Schluß der Unterrichtsstunde erwarten. Im Sturmschritt geht es nach Hause, und stürmisch unter Lachen und Weinen füllt es der Mutter um den Hals. Da ist noch eine Stätte, wo es sicher ist vor aller Unbill, allem Ungemach. — Und der Mutterliebe gelingt es, seine Kindheit heiter und sorglos zu gestalten. Sie ersetzt ihm alles, was das Leben ihm versagt. Jahre gehen dahin. Aus dem Kinde wird ein Jüngling. Schönheitsdurstende Griechen, tapfere Römer und Germanen ziehen an ihm vorüber, und mit unerschöpflichem Wissensdurst?, mit der ganzen ursprünglichen Begeisterung der Jugend nimmt er all' das Schöne und Große, das ihm geboten wird, entgegen. In idealem Licht erscheint ihm das Leben. Wie groß, wie weit ist die Welt! Wie will er teilnehmen an den großen Bestrebungen der Menschheit! Wie will er sich werfen ins Rad der Zeit und seine ganze Kraft, ja fein Leben einsetzen zum Heile seiner Menschenbrüder! Mit tiefer Liebe liebt er die Menschheit. Freiheit. Gleichheit. Brüderlichkeit die idealen Güter. Ein Band der Liebe alle umschlingend. Erwidert die Welt diese Gefühle? Ist sie reif für die Verwirklichung solch beglückender Ideen? Hat sie auch nur Verständnis für sein liebevolles Herz? Noch besucht er das Gymnasium. Begabt und fleißig ist er stets der Erste der Klaffe gewesen. Als Primus der Prima wäre es selbstverständlich ihm zugekommen, die Worte der Begrüßung beim,' Empfang des Landessürsten zu sprechen. Wie fehle hatte er sich auf die wohlverdiente Ehre gefreut,! wie bestimmt darauf gerechnet. Doch siehe!> .Seite 3. , einige Tage vor dem patriotischen Fest wendet sich der Herr Professor, nach verlegenem Räuspern an seine Schüler und erklärt, daß zu seinem Bedauern der Primus der Klaffe die Rede nicht halten könne, da Herr Direktor aus Versehen einen andern dazu auserfehen habe. Kaum ist das Wort gesprochen, so entschlüpft einem eilfertigen Mitschüler unwillkürlich das Wort: „Jude". Sein Judentum ist schuld, daß er zurückgesetzt wurde. Sein Judentum öffnet ihm auch urplötzlich die Augen, und wie mit Blitzesschlage erkennt er die ganze Hohlheit, das ganze leere Gepränge all der hohen salbungsvollen Worte. Nichts als Lüge und Phrase all die weltumspannenden Ideen! Nur als Deckmantel kurzsichtiger, niedriger Selbstsucht dienen sie. Das Leben in seiner krassen Wirklichkeit liegt vor ihm. -Und weiter wandern die Gedanken. Die Gymnafialzeit neigt sich dem Ende zu, und die Freiheit, die goldene Freiheit winkt ihn«. Wie klopfen seine Pulse rascher. Sein ganzes -Wesen' lechzt nach Freiheit, nach Befreiung von all den kleinlichen Rücksichten und Vorurteilen, nach Befreiung von all der niedrigen Denkart. Ein neues Leben soll beginnen! Wie will er jetzt das Leben genießen, teilnehmen an allem, was dem Leben Reiz verleiht! Keinem seiner Genoffen will er nachstehen. Sein Jugendmut ist ungebrochen. Gestern hat ihn das Dampfroß der Universitätsstadt zugesührt- Um auszuruhen von der 9tei?e, tritt er in eine Studentenherberge- Da fitzt auch schon eine lustige Gesellschaft beisammen, und mit dröhnenden Bierstimmen fingen sie Lieder von „Wein, Weib und Gesang". Sein höflicher Ernst bleibt unbeachtet. Verstimmt setzt er sich an einen einsam stehenden Tisch. Die Verstimmung scheint sich plötzlich des ganzen Saales zu bemächtigen; der Gesang verstummt. Mißtrauische Blicke mustern den Eindringling. Einer der flottesten Sänger will aufs neue ein Lied anstimmen, findet aber kein Gehör. Endlich bricht einer das Schweigen. Mit einem Blicke die ganze Runde zur Aufmerksamkeit zwingend, fragt er: „Wißt Ihr, womit man den deutschen Gesang vernichtet? Ihr schaut mich fragend an? Nun, ich will es Euch verraten: Mit Knoblauchduft, der von den Kindern Israels ausströmt." Wie war er da aufgesprungen, und hätte mit flammendenWorten den unverschämten Sprecher zürechtgewiesen. Doch ein Schlag ins Gesicht macht ihn verstummen. Der rohen Gewalt muß er weichen. Soll er den Schimpf ruhig hinnehmen? Giebt es denn keine Genugthuung? Pflegt nicht in den Kreisen, in denen er sich bewegt, das Glück der Waffen in solchem Falle zu entscheiden? Ist er es nicht seinem Volke, dem viclverkannten, vielgeschmähten Volke schuldig zu beweisen, daß Israels Söhne keine Feiglinge sind? Aber selbst wenn er das bewiesen und vielleicht mit dem Tode besiegelte, welchen Nutzen hat sein Volk davon? Wird die Verkennung schwinden? Ist sein Volk dem Ziele auch nur um einen Schritt näher gerückt? Was ist zu thun? — Noch immer schaut er hinauf zum Sternenhimmel, als suche er dort Antwort auf alle Fragen, alle Zweifel. Und spricht der Himmel nickt eine beredte Sprache? Ziehen die Sterne nicht unentwegt ihre Bahn nach dem Willen ihres Schöpfers? Erreichen sie nicht alle das Ziel? .. Ist nicht also auch das Geschick feines Volkers Hat es nicht sternengleich dahinzuwandern am Firmament des Völkerhimmcls? Tief atmet er auf. Es wftd ihm schwer, unsäglich schwer, auf das zu verzichten, was er nach den Anschauungen der Welt nicht nur berechtigt. sondern sogar verpflichtet ist zu fordern. Genugthuung mit den Waffen. Denn noch ist es ihm, als-brenne ihm die Wange, auf die er den Schimpf empfangen hat. Aber er ist Jude! Jude! in des Wortes vollster Bedeutung. — Nochmals atmet er tief auf, dann greift er nach dem Gebetbuch und spricht das Nachtgebet. Eben flüstern feine Lippen