Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 3 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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SJA *ii Nr 3. ®jer. Wo ftitb heute bie Wiener Couplets, die -sich einstmals verbreiteten, soweit die deutsche Zunge klingt? Luter bösem Menschen kann kein Lied gedeihn. Ünd dos Wirtshausleben von einst; wie lebhaft ging es doch ehemals zu — und jetzt sitzen die Gäste still neben einander und verkehren fast nur im Flüsterton. Nur in den armseligsten Lokalen hört map noch, schon ihrem ganzen Aeußern nach verlumpte Menschen, über die Juden schimpfen, sonst hört man nur äußerst säten in den Wirtschaften das Wort Jude, das man vor zehn Jahren auf Schritt nnd Tritt zu hören bekaur. Freilich sorgen die Bielohlaweks, Schneider und Gregorigs noch heute dafür, daß die im Parlament und Rathaus sowie in Versammlungen längst abgedroschene Judenschimpserei nicht ganz aus der Mode kommt, denn mit dem Mantel fällt auch der Herzog. Geradeso wie der Morphiumsüchtige, trotzdem er seinen elenden Zustand erkennt, schließlich' um diese Erkenntnis zu betäuben, dem Laster weiter- , Höhnt, geradeso mächt es der vom Antisemitismus verseuchte Wiener. Längst hat er auch erkannt, daß nicht der Jude cs war, der ihn damals aus der ehemaligen gemächlichen Lebensweise heransgezerrt hat, er weiß es heute, infolge der sozialdemokratischen Agitation, daß nur die gewaltigen Fortschritte in Ächnik und Verkehr die neue Zeit geschaffen haben, die ganz andere Anforderungen an den Einzelnen stellt als zur Zeit der Großväter; er sicht heute mehr als je ein, wie Unrecht er dem Juden gethan und sein echter Haß beginnt zu verschwinden und nur der erkünstelte bleibt. Dazu kommt noch ein anderer Umstand. Die Familienhäupter von heute stehen zumeist in dem Alter wo man zuweilen an die Jugend mit seelischem Empfinden zurückdenkt, und sehr viele dieser Männer hatten in den schönen Jugendtagen treue und gute Freunde unter den Juden. Der wahnwitzige Kampf hat alle diese Bande zerrissen, aber nun ckommt mit der Erinnerung an manche Denkwürdigkett aus der Jugendzeit auch die Erinnerung an diesen und jenen Juden, „der doch - eigetttlich ein ganz anständiger Mensch gewesen ist/' Der Haß verschwindet — er verändert sich nt Grauen vor den Geschändeten, man weicht ihnen aus; der halbwegs gebildete Antisemit im bezcichneten Wter würde geme ein Stück seines ' Lebens dafür, geben, wenn er den Juden nicht mehr zu sehen brauchte, der ihm auf Schritt und Tritt Gewissensquälen verursacht. Aber wie es schon in der Bibel vorausgesagt wird, daß die Schlechtigkeit immer verstockter und verstockter sich geberdet, trotz allem göttlichen Strafgericht — so hat der Wiener Antisemit durch die Judenhatz so sehr seinen sittlichen Charakter eiugebüßt, daß ihm der ManneSMut abhanden gekommen ist. gemachte . Achter einzugestchen und vollbrachtes Unrecht gut zu machen. Er. macht es wie alle von Gewissensqualen verfolgte Feiglinge — er sucht nach Mitschuldigen, um sein eigenes Verbrechen kleiner erscheinen zu lasten. Daher die riesige Agitation Bei den Wählen, die das nur bezweckt, einen Toten, der ja schon tot ist, noch toter zu machen Die Rückkehr zu den einstigen friedlichen VerhäÜnisten ist heute den meisten Wienern innerlich so erwünscht, wie einstens der Durchbruch des Judenhasses — aber die Verbrecher schämen sich, daseinzugestehen. '. Gegenwärtig haben sich die Verhältnisse der Juden-in Wien insoweit gemildert, daß es dort . Wie überall viele Ausnahmsjuden gibt, in Wien zu vielen Tausenden. Denn merkwürdigerweise hat fast jeder Antisemit einen oder einige Aus - nahmsjuden, das find Juden, die /ein .solcher Antisemit für seine Person unter die anständigen Menschen einreiht und die nach seiner Meinung «ine Ausnahme von den übrigen Juden bilden — dje übrigen nennt er echte Juden. Ein solcher Ausrurhmsjude ist fast jeder Jude, der mit dem tbetreffendeü Antisemiten in von vornhereinfriedliche Berührung kommt, z. B. als Meter,-detisi die Antisemiten haben sich in ihrem tollen Hetzen «inen Judenthpus zusammÄkombiniert» wie/er'in /'"/MrMMA, nirgends , zu finden ist.. Ein'. Be-. ' Eannter vom. Schreiber dieser Zeilen' hat vor einigen Monaten bei/' einer' sehr angesehenen äntiemitischen Bezirksgröße iy Miete gewohnt und da er natürlich weder gebratene Kinder gegesten noch ich in Blut gebadet hatte, so war er sofort beim Hausherrn „der anständige Jude." „Der Ausrahmsjude", dem der Hausherr bei der Neberiedelung nach einer anderen Stadt von der Sommerfrische aus. einige freundschastlichst ge? zaltene Abfchiedsworte schriebe 7 Um schließlich aus den Ausgang der Landagswahlen in Wien zurückzukommen, so war das Resultat für den Tieferblickenden vorauszusehen. Nach obigen Ausführungen aber ist cs im Grunde gleich, ob die Antisemiten dabei die letzten 6 Mandate der freiheitlich Gesinnten eroberten oder nicht. Wie gesagt, toter kann inan den Liberalismus und den Fortschritt in Wien nicht mehr machen, als er es ohnedies bisher schon war. Im Uebrigen jaben die Befugnisse des Landtags ihre Grenzen, )ie an den Staatsgrundgesetzen zwar rütteln und ab und zu auch einen Freibeuterzug über die Grenzen hinaus riskieren können. Aber die Fundamente müssen stehen bleiben, wenn Dynastie, Staat und Gesellschaftsordnung nicht zusammenirechen sollen. Ein Notschrei aus Jerusalem. Frankfurt, den 12. November 1902. Die Cholera hat ihren Einzug in das heilige /and gehallen, und wer die Tragweite dieses Ereignistes in seiner ganzen, furchtbaren Bedeutsamkeit kennt, wird den Schrecken und die Panik zu würdigen wissen, die das für die davon Betroffenen bedeutet. Zu bicfctt Betroffenen gehören nicht nur die von der tückischen Krankheit Befallenen, sondern auch die Gesunden werden in empfindlicher Weise davon in Mitleidenschaft gezogen. Die Cholera ist eine Krankheit, die von der Heilkunde iioch nicht hinlänglich ergründet und gegen die ein sicher wirkendes Mittel noch nicht gefunden ist. Als ansteckend d. h. als übertragbar von Person zu Person gilt sie nicht, aber wohl ist sie verschleppbar, so daß ein aus der Ferne gekommener Cholerakranker die Cholera in eine bislang noch davon verschonte Gegend bringen kann. Sie wandert bald mit, bald , gegen den Wind, sie tritt in allen- Klimaten, sowie bei der verschiedensten Beschaffenheit des Trinkwassers auf und sucht alle Klaffen und Geschlechter heim Sie folgt in ihrer Verbreitung überall den Verkehrswegen. sie geht regelmäßig mit dem Zuge der Karawanen und Kriegsheere, der Schiffe und Eisenbahnen und dringt daher von den Hafen- und Stapelplätzen ins Innere des Landes. Eine möglichst strenge Quarantäne ist daher das erste Schutzmittel, das gegen die Ausbreitung der Krankheit angewandt wird. Der Bahnverkehr zwischen Jaffa und Jerusalem ist bereits eingestellt, das Landen der Schiffe ist untersagt; kurz jede Kommunikation ist erschwert oder vielmehr ganz aufgehoben. Man kann sich denken, welche Folgen diese Maßnahmen auf das ganze Geschäfts- und Verkchrsleben der von der Cholera heimgesuchten Orte haben. Die Lebensmittel sind nur schwer zu beschaffen und sind im Preise so hoch gestiegen, daß ihre Beschaffung für die meisten unerschwinglich ist. Das Verlassen der von her Krankheit infizierten Orte ist infolge der Absperrung unmöglich. Die Verteuerung und der Mangel am Notwendigsten treffen selbstverständlich in erster Reihe die Armen. Durch die auch in normalen Zeiten ungenügenden WohnungS- und ErnährungSverhältniffe werden diese Zustände zu einem wahren Nährboden für, die Krankheit, die unter diesen Umständen mit erschreckender Schnelligkeit um sich greift. Was bei dieser traurigen Lage der Dinge zu ihrer Mlderung geschehen kann, sind reichliche Geldmittel, .um die Aermsten wenigstens gegen Hunger zü schützen. Das „Zentral-Komitee für die Armen des heiligen Landes" in Amsterdam hat daher in eindringlicher Weise auf diese betrübenden Zustände aufmerksam gemacht und telegraphisch mn Unterstützung ersucht. . Wir schließen uns dieser Bitte aus. ' bewegter Seele an . und knüpfen daran nur die Bemerkung/ daß es sich hier um ein Liebeswerk handelt, bei welchem jede .Verschiedenheit 'der. 7 religiösen Anschauung in^den Hintergrund tritt. Sowie der seine Opfer, fordernde Würgengel keinen' Unterschied kennt, so wenig darf ihn die " Bruderliebe kennen, die hier helfend und lindernd eintreten möchte, ' ' Diejenigen, die Jahr ein Jahr aus Line Freude und kein Leid kennen, ohne Zions und Jerusalems in thätiger Sympathie zu gebenfett; bedürfen Angesichts dieser Steigerung, des dortige» Elends nicht erst der Mahnung, ihr Scherflein zur Bekämpfung dieser neuen Kalamität beizü? steuern. Aber selbst diejenigen, die dem heutigen. Lande unserer Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart ferner stehen, werden sicher nicht stille stehen beim Blute ihrer Brüder und Schwestern. Wir denken hier zunächst an den Zionismus und seine Angehörigen. Man mag darüber denkest wie man auch immer wolle, man .mag ihn als eine erfreuliche Errungenschaft oder als eine beklagenswerte Verirrung ansehen. das muß anerkannt werden, daß diese Bewegung das Band, das uns' mit dem-Lande der Väter verknüpft, . bei vielen wieder zum Bewußtsein gebracht hat. Daß diese Verbindung keine platonische, sondern eine auf solider Grundlage konstruierte ist, die nicht nur die Geister beherrscht, sondern auch die Herzen erfüllt und die Hände -zur -gemeinsamen That vereinigt, das zu beweisen bietet das augenblickliche Riesenelend eine ganz besonders günstige - Gelegenheit. Man wird nicht geltend machen können, daß die Ziele und die materiellen Mittel des Zionismus nicht im Dienste der Gegenwärt, sondern in dem der Zukunft stehen, um sich dieser Bruderpflicht zu entziehen. Denn die Fürsorge für die Zukunft ist eine Utopie, wenn sie nicht' auch auf die Gegenwart Bedacht nimmt. Aber wenn hier selbst gerechte Bedenken vorwalten sollten, bie den Zionismus von der Fürsorge für die Gegenwart dispensieren könnten. so werden die einzelnen Zionisten es gewiß verschmähen, für ihre Person von dieser Dispens Gebrauch zu machen. Sie werden gewiß in erster Reihe derjenigen zu finden sein, die mit Rat und That bestrebt sind, eine Organisation und sonst Mittel und Wege zu schaffen, die das heilige Land und seine Bewohner von der schweren Katastrophe retten. möchten, von der es zur Zeit heimgesucht wird. Die bekannten Stellen in hiesiger Stadt, )ie ständig für die Armen des heiligen Landes Gaben entgegen nehmen, sind gewiß in erhöhtem Maßstabe bereit, für diesen Spezialzweck es zu' thun. — Es müßte nur von dieser Seite*) ein Aufruf an den Wohlthätigkettssinn des jüdischen Frankfurt erfolgen, um die treue Anhänglichkeit ' für das Land der Väter in Thaten umzusetzen, Auch die Mitwirkung der Tagespreffe sich zu sichern, müßte eine allgemeine Agitation für diesen Zweck ins Auge fassen, was. sicher ohne große Mühe zu erreichen ist und sich von außerordentlichem Erfolge erweisen würde. Wir brauchen nicht erst zu betonen, daß das „Frankfurter Israelitische Familienblatt" sich mit ganzer Hingebung in den Dienst dieses philäntropischen Werkes stellen wird. Wir. sind bereit/ Gaben in Empfang zu nehmen, dieselben .dem Amsterdamer Zentral-Komitee zu übermitteln und; an dieser Stelle öffentlich darüber zu quittieren. Korrespondenzen. Frankfnrl a. M. Der unabhängige'Ver- ' ein israelitischer Lehrer im Großhet^ogtum Hessen hielt kürzlich seine diesjährige ordentliche GenäcÄ- Versammlung in der Turnhalleder israelitischen Realschule. Am Tiergarten 52, hier äb. Die Verhandlungen wtirden vom Vorsitzenden des Vereins,. Herrn Dr. Barnaß-Pfungstadt, geleitet.' Etwa 40- Lehrer 'und verschiedene Rabbiner wären erschienen. Drei Lehrer hielten Vorträge und zwar:. Ist-bereits'geschehen (sieheInserat).. ■fi) “Iris