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Neue jüdische Presse · 1902-11-14 · Heft 3 (14.11.1902) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 3 (14.11.1902)
Date
1902-11-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 3. GeM'T Frankfurter JsrgeMsöW Familienblakt/ ^7' . den lctzwn.Vers: da wird unten auf der nächtig verödeten Sttäße «ne Stimme laut,. es scheint Yl' die Stimme einds Trunkenen, eines trunkenen Studenten, dennsie johltdasKauäsamus. i£ " In seiner Brust beginnt es zu pochenj lauter t'J und immer lauter. Er hat die Stimme erkannt, -Y die er zwar nur einmal vernommen, die er aber, wie er glaubt, unter Tausenden wieder erkennen fr '" . würde. Da PlötzÜch stößt die Stimme Schreckensrufe *7' aus: ..Hilfe.' Hilfe! Räubert Mörder!" "7? ~ ' Der junge Mann in dem Dachstübchen springt ■£- auf. Seine Augen funkeln, die Stunde der Ver- 7,'. geltung ist gekommen! Jetzt kann er Rache nehmen. 7? Rasch greift er nach seinem Knotenstock und eilt hinunter auf die Straße. - 7 - Hilflos, der , Länge nach ausgestreckt, liegt Wdort sein Feind — uw) aus seiner Brust kniet '' - ein Strolch, mit beiden Händen die Kehle des Röchelnden umklammernd. Da saust der Knotenstock mit wuchtigem Hieb hernieder auf den Arm des Räubers. — Mit heulendem Schmerzensschrei springt er auf und eilt davon. — Der Liegende ist gerettet. — ®a§ ist die Rache des Juden. (Nachdruck verboten). Aus uuseru Tagen von Friedrich Rott. (Fortsetzung) ' . Ernst ergriff die Hand des Andern und drückte sie innig. „Ich werde nie wieder von Dank zu Dir sprechen, aber die Hand darf ich Dir doch drücken?" . 7 „So viel Du willst," entgegnete Felix lachend, indem er den Händedruck herzlich erwiderte. In heiterer Unterhaltung fetzten die Knaben ihren Weg fort und hatten sehr bald das Kohn'sche Wohnhaus erreicht. „Du kommst doch mit hinein?" sagte Felix. „Verzeihe," entgegegnete Ernst, „ich weiß nicht" — „Was weißt Du nicht?" „Ob mein Besuch Deinem Papa angenehm wäre." „Aber Ernst, was fällt Dir ein! Du bist - doch sonst so oft zu mir gekommen." „Das wohl, aber ich weiß doch nicht, — das heißt, ich glaube —" . „Sprich doch keinen Unsinn! Was weißt Du nicht und was glaubst Du? — Ich versichere Dir, mein Papa hat sich nie' darüber ausgesprochen, daß ihm Dein Besuch nicht willkommen. — Wenn Du willst, gebe ich Dir die Hand darauf." »Ich glaube Deiner Versicherung, auch ohne daß Du mir die Hand darauf giebst. Aber wenn ' Dein Papa es auch nicht gesagt hat, daß ihm mein Besuch nicht willkommen ist, gezeigt hat er rnir's zweimal. Und darum hat mein Vater mir . .. gesagt, ich sollte nicht ohne dringende Veranlassung Euer Haus betreten." Dunkle Glut überzog das Angesicht des Ändern. »Mein Papa hat Dich beleidigt, wenn : Du wüßtest, wie leid mir das thut." „Ach. das ist ja schon lange her, das braucht -Dirnicht mehr leid zu thun. Ich habe es nur -erwähnt, damit Du es nicht übel nimmst, wenn .ich Deinen Besuch nicht erwidere. Aber nicht wahr. Du wirst zu mir kommen, so oft Du ckannst, Du wirst, uns allen immer sehr sehr willkommen fein. Also Du wirst kommen, nicht . wahr?" Der Andere nickte bejahend mit dem Kopfe. : ..Kannst es mir sagen, wenn der Arzt erlaubt, daß ich Dein Schwesterchen besuche. Einstweilen . grüße sie von mir undsage ihr, daß ich mich .schon sehr auf die Strumpfbänder freue, die sie -mir stricken will." .; V .. Beide Knaben lachten und lachend drückten /sie einander die Hand. „Auf WiÄäsehen, Felix!" - „Wo hast Du Dich so lange Herumgetrieben?" herrschte der Großhändler seinen Sohn an, als dieser später" als sonst in das Zimmer trat, in dem die Eltern das Vesper bereits eingenommen halten. : „Ich war bei Vogels," erwiderte der Knabe, i, Ernst hatte mich gebeten, ich möchte sein Schwesterchen besuchen,- weil das Kind beständig fragt, ob der Hund mir auch' nichts zu Leide gethan." : Frau Kohn lächelte. „Die Kleine ist ein liebliches Kindchen." Ihr Gatte aber zog die Stirn in Falten. „Daß Du wieder mit dem Vogel verkehrst, kann ich durchaus nicht billigen." „Weshalb nicht?" fiel seine Frau ein, „Ernst Vogel ist ein sehr wohlerzogener, braver Knabe und soll auch ein ausgezeichneter Schüler sein, weshalb wäre es Dir da unangenehm, wenn Felix mit ihm verkehren würde? Er gefällt mir weit bester, als seine jetzigen Kollegen, die ihn zuweilen besuchen." Kohn zuckte unmutig die Achseln. „Wenn Dir grade so viel daran liegt, daß Felix mit dem Hungerleider verkehrt, so mag er meinethalben zu ihm in's Haus gehen, aber in mein Haus soll mir der Junge nicht mehr kommen, er sieht so entsetzlich jüdisch aus. Auf hundert Schritte weit sieht man ihm den.Juden an. Vor ungefähr zwei Jahren ist er einmal gleichzeitig mit dem belgischen Konsul in unser Haus eingetreten, ich habe mich wahrhaftig geschämt." Felix preßte die Lippen aufeinander, dann konnte er sich aber doch nicht enthalten, zu erwidern: „Ernst hat es sich wohl gemerkt, daß sein Besuch Dir unangenehm, darum ist er auch nie wieder gekommen und wollte auch heute nicht hereinkommen." „Das ist gescheidt," entgegnete Kohn, befriedigt mit dem Kopfe nickend,- „und weil er so gescheidt ist und Mama es wünscht, will ich auch nichts dagegen haben, wenn Du öfter zu ihm gehst. Nur — das wiederhole ich — ins Haus darf mir ein so jüdisch aussehender Junge nicht kommen/' * * - Mehrere Tage waren verstrichen, als eine seltsame Mähr wie ein Lauffeuer sich plötzlich in der Stadt verbreitete. Der erste Bürgermeister sollte entflohen, man sollte ihm auf namhafte Unterschleife gekommen sein. Alle Leute schüttelten die Köpfe, wer hätte das gedacht! — und wie die Alten brummen, so summen die Jungen. Es war daher nicht zum Verwundern, daß das hoffnungsvolle Söhnchen des bisherigen Stadtoberhauptes, der bereits mehrmals genannte Arnold Wiesner auch in der Schule gegenwärtig mit scheelen Blicken angesehen wurde, keiner seiner bisherigen Schulfreunde unterhielt sich mit ihm und wenn er sich einer Gruppe seiner plaudernden Kameraden näherte, verstummte die Unterhaltung plötzlich und die Knaben stieben auseinander. Er fand sich wie mit einem Schlage plötzlich vereinsamt und nur mit übergroßer Anstrengung die aufsteigendcn Thränen zurückhaltend, schlich er nach Schluß der Schule allein die Stiegen hinunter, als er plötzlich eine Hand auf seiner Schulter fühlte und sich umwendend-Felix Kohn an seiner Seite erblickte. 1 „Was willst Du von mir?" stammelte er, indem er, mißtrauisch zu dem größeren Mitschüler emporblickte. - /Ich wollte Dich fragen, ob ich Dir vielleicht bei der Mathematikaufgabe helfen soll." „Du? — Du wolltest mir helfen? —" . „Ja Mesner, ich möchte Dir gerne Helsen. —" „AberDu hast mich doch geschlagen," flüsterte der Knabe, der noch immer, nicht wußte,- ob erden eigenen Ohren trauen dürfe. „Du weißt, weshalb ich Dich geschlagen habe. Aber ich war nicht berechtigt,. Dich zu schlagen, deshalb möchte ich Dir gerne eine Freundlichkeit erweisen. Wenn Du willst, komme morgen etwas zeitiger in die Schule, dann werde ich Dir helfen, und ich werde Dir immer helfen, so oft Du willst, nur darfst Du Deinen Hund nicht wieder auf einen Menschen hetzen." - „Nie, nie werde ich das wieder thun."murmelte . der andere mit verhaltenem Schluchzen, „o, ich bin - sehr schlecht gewesen — aber Du bist gut, Kohn — “■ nie werde ich es vergessen, wie gut Du heute zu . - - mir bist—" „Und wirst Du morgen früher in die Schule kommen?" :; „Um halb Acht werde ich hier sein." „Gut, ich auch. Und Du wirst sehen, wie 7^ gut von nun an Deine Aufgaben sein werden." „Kohn," flüsterte Wiesner, indem beide vom .. Schulhanse aus auf die Straße traten, „ich bitte Dich, bleibe bei mir, die Leute sehen mich alle so. sonderbar an — ich kann es nicht ertragen." ■ „Ach Unsinn, das kommt Dir nur so vor," entgegnete Felix beschwichtigend, „aber wenn es Dir lieber ist, begleite ich Dich bis zu Deiner- Wohnung. Aber laste nur den Kops nicht so hängen, Du hast doch nichts Böses gethan." Plaudernd schritten die Knaben nebeneinander einher, Felix that sein Möglichstes den gedrückten Kameraden zu zerstreuen, dabei empfand er aber - - . eine gewisse Genugthuung über die erstaunten, zumeist mißbilligenden Blicken seiner Bekannten,; die es nicht begreifen konnten, daß er sich mit dem Sohne des erst vor wenigen Tagen Entflohenen öffentlich zeigte, namentlich da der Streit der >. beiden Knaben in weiteren Kreisen bekannt geworden war. Aber der hochherzige Knabe suchte etwas darin zu zeigen, daß die sogenannte allgemeine Stimmung nicht unbedingten Wert für ihn hatte. Weshalb sollte er nicht mit dem Knaben - - - gehen, der an den Malversationen seines Vaters vollständig unschuldig war und der die eigene - - Schlechtigkeit erkannt und bereut hatte. Wenige Schritte vor der Wohnung des entflohenen Bürgermeisters trafen sie Ernst Vogel, der eben aus dem Gymnasium kam. / „Grüß Dich Gott, Felix!" rief er ihm zu, - 7 „eben wollte ich Dich aussuchen, mein Schwesterchen ist schon wieder auf und ich habe ihr versprochen, - ■■■ Dir zu sagen, daß der Doktor schon erlaubt hat, r daß Du sie besuchst." „Dann gehe ichgleich mit Dir, Adieu Wiesner! -i Also morgen um halb Acht —" „Morgen um halb Acht," wiederholte Wiesner, - indem er die ihm dargereichte Hand innig drückte, < „wie kann ich Dir danken?" - „St! st!" rief Felix lachend, dem andern freundschaftlich zunickend. Dann wandte er sich und nahm Vogels Arm. „Das ist schön, daß - Dein Schwesterchen wieder wohlauf ist."- -- --7 „Freilich ist das schön, und was das Kind für eine Freude haben wird, wenn es Dich sehen wird! — Aber weißt Du, daß ich ganz perplex! war, Dich mit dem Wiesner so intim zu sehen. — Seit wann habt Ihr denn Freundschaft geschlossen?" „Seit ungefähr zwanzig Minuten. Weißt Du, der arme Bursche kann doch nichts dafür,' daß sein Vater ein Betrüger ist. Und da waren - sie in der Schule, so häßlich gegen ihn, geradezu abscheulich, die ganze Klaffe. Keines hat ein . Wort mit ihm gesprochen, und wenn er etwas . gefragt hat, hat er kaum Antwort bekommen. * Der Arme hat aüsgesehen, das Herz hat mir - - > wehe gethan. Und als ich ihn beim Nachhausegehen auf der Stiege so ganz allein gesehen habe, da bin ich zu ihm gegangen und habe ihn ange- - redet. Du hättest sehen sollen, er ist förmlich aufgelebt. Und ein Wort hat das andere gegeben, .- er hat mir versprochen, er wird nie wieder seinen Hund auf einen Menschen hetzen, und hat gesagt, er weiß, daß er sehr schlecht gewesen ist. Und dann hat er mich gebeten, ich möchte mit ihm - gehen, weil die Leute ihn so angucken. Und das > ist wahr, das habe ich selbst gesehen." „Und daran, daß Du um seinetwillen einen Dreier in Sitten bekommen hast, daran hast Dm, - - gar nicht gedacht?" . ' - ' 7 „Ach, wer wird denn so etwas nachtragen, und überdies, ich habe ihn ja doch geschlagen/'- „Felix, Du bist ein Prachtkerl!" ' -- „Ein Prachtkerl?" widerholte er lachend, „möchtewissen, wo meine Pracht steckt." 1 7 j. . „In Deinem Herzen steckt sie, in'Deinem goldenen echtjüdischen Herzen." - - - - ' - .Y.; ’ftJSifi WWW

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