Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 3 (14.11.1902)
- Date
- 1902-11-14
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Fortsetzung und Schluß.. - Allein grundloser Haß beschämt auf die Dauernden Hassenden; er sucht daher Gründe zur Rechtfertigung seines Lasters, und so suchte auch der Wiener Kleinbürger eisrigst nach minderwertigen Eigenarten, die den Juden von ihm unterscheiden sollten. Man behalf sich anfangs damit, daß man in allen Bezirken „Urwiener Klubs" gründete, um so den Juden, eine unebenbürtige Sonderstellung zu geben. Denn damals hätte sich ja jeder Wiener, der etwas auf Reputation hielt, zu Tode geschämt, offen zwischen Jude und Christ -einen Unterschied zu machen. Beim Urwienerklub machten aber die Wiener die verblüffende.Entdeckung, daß sie bei dieser Gründung nicht nur die Juden, sondern fast zwei Drittel der Gefamtbevölkerung hätten ausschließen müssen, somit erreichte das Mittel nicht feinen Zweck. Jedoch immer stürmischer gährte der versteckt gehaltene Haß und drängte nach Anerkennung. Aber man konnte sich doch nicht so fürchterlich blamieren und sich als Judenfeind hinstellen; wie oft hatte man von der Schulbank her bis ins -Mannesalter hinein über die verächtliche, wahnwitzige Zeit des Mittelalters .gespottet, in der man einen Menschen seines Glaubens wegen ver- - folgte — und jetzt sollte man sich selbst als solch -rückschrittliches Individuum hinstellen? Vom Kaiser Josephi U., gesegneten Angedenkens,-bis zu den historischen Tagen von 1848 und'über dieVerfasfungs-Konfliktszeit hinaus hatte der Wiener seine ganze Ethik aus dem Freisinn geschöpft — er war ja schon von Natur aus dazu geschaffen zu leben und leben zu lassen. Aber jemehr er sich in stillen Stunden feines .Judenhasses schämte, desto intensiver wurde der Drang nach Befreiung von diesem unerträglichen Schamgefühl. Da erstand ihm ein Erlöser. Ein vornehmer Herr, ein mehrfacher Millionär, ein Mann von Adel, dem niemand die Zugehörigkeit zu den besseren Ständen absprechen konnte — Georg Ritter von Schönerer fand ein besseres Mittel, den Judenhaß in vornehmem Kleide gesellschaftsfähig zu machen. - Schönerer, von dem glühenden Ehrgeiz beseelt, ein Bolkstribun zu werden, hatte, wie alle ^Demagogen, die geheimen Stimmungen in der "Volksseele mit feinem Spürsinn gewittert; er wußte, daß nur der rechte Mann das rechte Wort zu sprechen brauchte, um über Nacht berühmt zu werden- Sein Schlagwort war nicht etwa der nackte Judenhaß — denn vor diesem Wort schämte sich damals sogar ein Schönerer — sondern der Raffen-Nationalismus, „Deutschnational" genannt, wenn „Deutschnational" die richtige Bezeichnung ist für eine politische Richtung, in der die Liebe zum eigenen Volkstum ganz und gar Nebensache und nur der Haß gegen Andersrassige Alleinzweck ist. Aber der Wiener mochte sich drehen und wenden, wie er wollte, er eignete sich gar nicht zum Rassig-Nationalen. Seit Jahrhunderten hatte das vielrafsige Oesterreich seine Kinder in die Reichshauptstadt geschickt und Czechen und Polen, Magyaren und Ruthenen, Serben und Italiener hatten sich derart stark mit dem Niederösterreicher Bajuvarenstamm vermischt, daß es wohl wenig christliche Familien m Wien gab. die sich als reinrassig bezeichnen konnten. Wurde doch dem. teutschesten aller Wiener Teutschen, Herrn von Schönerer selbst, nachgewiesen, daß seine Gattin. eine Enkelin des Nickolsburger Juden Schmul Löb Kohn sei. Auf die Dauer konnte sich also auch dieses Haßverschönerungsmittel nicht halten, die Wiener gaben den Deutschnationalismus auf und Schönerer mußte anderen Erfindern weichen. Da endlich kam der eiserne Mann, dem Schamgefühl ein unbekannter Begriff ist, der Mann mit der eisernen Stirn, Doktor Karl Lueger. War er auch kein Adeliger, so war er doch wenigstens ein Doktor, also immerhin ein den gebildeten Ständen Angehöriger, und was ein Doktor thun darf, ohne sich zu schämen, das dürften doch Schuster und Schneider, Greißler uüd Bäcker erst recht thun. Lueger predigte den nackten Judenhaß und ward so zum Abgott der Wiener, denen er endlich, aus längere Zeit die Gewiffensruhe wieder gab, denn wenn auch Gevatter Schneider und Handschuhmacher nachher ihren Judenhaß nicht selbst motivieren konnten — der Herr Doktor mußte doch wissen, warum der Jude hassenswerk ist und gewiß hatte der Herr Doktor, der doch ein studieÄer Mann war, seine Gründe dafür. Man konnte also die Hände in Unschuld waschen und wenn das Gewissen lästige Fragen stellte, so beruhigte man es mit der Phrase: Der Doktor Lueger weiß schon, warum wir die Juden Haffen müssen. Und nun feierte schamlose Niedertracht aus allen Gassen Wiens wahre Orgien. Die gebildetsten, anständigsten Männer von ehrenhaftester Vergangenheit, ich brauche nur den großen Geologen Eduard Sueß oder den Hoffchauspieler Sonnenthal zu nennen, waren den ordinärsten Schmähungen ausgesetzt und da man den Juden selten äußerlich als solchen erkennen konnte, so betrachtete man jeden als Jude,, der nicht mitschimpfte und da es natürlich tausende gebildete christliche Wiener gab, die sich über das moralisch gesunkene Wien empörten und gegen die Schmach ihrer Zeit Protest einlegten, so machte fichs der in bachantischer Raserei schwelgende Pöbel bequem; er warf diese gebildeten Christen die er verächtlich „Liberale" nannte, mit den Juden in einen Tops und schimpfte gleichzeitig auf Juden und Judenliberale. Dieser entsetzliche Taumel, in dem Männer und Weiber zu Hyänen wurden und mit dem seelischen Entsetzen der humangefinnten Wiener Scherz trieben, dauerte lange Zeit — sehr lange Zeit, die noch nicht beendete Periode der christlichsozialen Aera. Aber der richtige Wiener paßt sowenig zum Klerikalen als zum Rasfignationale». Er, der seit länger als hundert Jahren auf Jesuiten und Pfaffen geschimpft hatte-, er, der seit den Zeiten der Revolution den freien Geist als höchstes Gut gxschätzt, der Demokrat vom reinsten Wasser, er; der den Zweck des Lebens nur darin suchte, als gemütlicher Mensch das Leben zu genießen, sich zur Freude — niemandem zum Leide — wie konnte dieser Wiener gleichsam über Nacht — klerikal werden!?' Er konnte es nur ostentativ zur Schau tragen und weil ihm das Klerikalsein innerlich etwas Unbekanntes war, so verfiel er dabei in Aebertreibung. Wie anders ist es zu erklären/ wenn Bürger einer Weltstadt Wallsahrtsprozesfioneu veranstalten, um in Mariazell für einen Advokaten, für den „schönen" Karl (Lueger) zu beten, oder zu Hunderttausenden beim „Sieveringer Brünn'k" ihr Religiöfitätsbedürsnis befriedigen? Aber auch der längste Taumel nimmt sein. Ende und früher oder später kommt ein lichter Moment des Nachdenkens; bei vielen Antisemiten ist er schon eingetreten. Eines Tages blickten sich die Wiener um in ihrer Kaiserstadt und-die bim ihnen aus einmal ganz fremd vor. Wo war die berühmte Wiener Gemütlichkeit geblieben? Der Stolz des Wieners! Jawohl, es giebt schon auf Erden eine Vergeltung! Auf dem Schauplatz des Verbrechens vergeht selbst dem verstocktesten Bösewicht die Freude au Sang und Klang. And ganz Wien, jede Gaffe, jedes Wirtshaus war Schauplatz gewesen, wo man die vom den Vätern ererbte Humanität und Kultur schmählich mit Füßen getreten und in den MstMnrt hatte. And der ewig lächelnde Wiener von eüK, der lustige, famose Gesellschafter— er ist heute ein scheuer Geselle geworden. Beim Heurigen, fitzt er still wie ein Muttermörder und hört kaum, aus die seelenlos gewordenen Weisen der Volks--»