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Neue jüdische Presse · 1902-11-07 · Heft 2 (7.11.1902) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 2 (7.11.1902)
Date
1902-11-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt, Nr. 2. Arme schämt sich, so rasch zu rsien. wie der Wirt. Spricht nun der letztere das Tischgebet so kann cs Vorkommen, daß der Arme ungesättigt vom Tische aufsteht.) „Verlassen die fremden Gäste wieder das Haus, so gebe man ihnen das Geleite und gebe ihnen etwas als Wegzehrung mit auf die Weiterreise. Denn weil Jonathan dein David bei ihrer Trennung kein Brot mitgab, fügten sich die Dinge so. daß 85 Priester in Mob erschlagen wurden. Man unterstütze dann noch die Weggehenden mit einer Spende." - - „Im Midrasch wird die große Bedeutsamkeit des Stückes Brot gelehrt, welches man dem Wanderer mit auf den Weg giebt- Denn selbst von Micha, der neben dem Mischkair sein Götzenbild aufstellte, so daß der Rauch seines Götzenopfers und der heiligen Opserstätten sich mischten, sagte der Heilige, gepriesen sei es: Lastet ihn gewähren, er giebt sein Brot den Wanderern. Das sind die Grundzüge des Verkehrs mit aufzunehmenden Fremden. Wer mit reinen Händen diese Pflicht übt, wird in ihrer detaillierten Ausführung von selbst das Rechte treffen." „So scheint es mir, daß die Leute nicht recht thun, welche von ihren fremden Gästen getrennt, Gorher oder nachher ihr Mahl einnehmen. Auch sonst ist die Ausübung thätiger Menschenliebe gerade bei fremden Wanderern besonders ange- " bracht. Sie sind besonders aus Hilfe und Unter- Mützung der Ortsangehörigen für alle ihre Bedürfniffe angewiesen. Selber fremd, wissen sie nicht, wohin sie sich zu wenden haben, für das Mas sie wollen. Deshalb kann man thätige Menschenliebe nicht bester als solchen Fremden gegenüber bekunden, indem man ihnen selber, oder /Lurch seine Hausleute an die Hand geht, daß - man ihnen aber mindestens die, Wege zeigt, auf -welchen sie ihr Ziel erreichen können. Kann man /ihnen aber gar Kleidungsstücke verabreichen, ein frisches Hemd für Sabbath und dergleichen mehr, so hat man dafür einen reichen Gotteslohn zu Erhoffen." Der Ausdruck Hachnosas Orchim, will Dicht etwa sagen, daß man Gäste ins Haus auf- ^.Himmt in dem Sinne, daß man sie nicht hinaus- ' t. Denn das wäre eine Herzlosigkeit, die noch fipiifcic Handlungsweise bei Kampa und Or-Kampa ** «berträfe, durch welche die Zerstörung des Tempel- Heiligtums herbeigesührt wurde. Daß eine so steübte Gastfreundschaft mehr wäre als vor Gottes „ /Angesicht zu stehen, und daß sie den hohen Rang ^/«iilnähme, den Mizwas Hachnosas Orchim bekleidet, ist nicht möglich. Man versteht darunter die Ausnahme eines fremden umherirrenden Menschen, den Niemand in sein Haus ausnehmen will. Wenn, / jö.e es in unserer traurigen Zeit wohl Vorkommen f/' Mag, man einen Fremden aufnimmt, der in ^schlechter hartherziger Weise aus einem Hause bereits fortgewiesen wurde, dann hat man diese Pflicht Hyin ihrer höchsten Vollendung geübt. Denn ein / solcher hat sich nicht von den Einflüsterungen der HWeidenschaft bestimmen lasten, welche ihm sagt: ' "Du hast keine größere Verfiichtung gegen den M/Mrmen als derjenige, der ihn fortgetrieben hat, Mener hat das Unrecht, das er geübt, zu verant- Mvorten, du aber bist frei von Schuld und Ver- MDntwortung. Diese Einflüsterungen bringen dann MUar für die Berechtigung dieser Lieblosigkeit Be- H/Weise aus Aussprüche» unserer Weisen. Diese HAluSsprüche mahnen jedoch nur gegen die Beherbergung nnwürdiger Armen. Für solche ist llerdings Mizwas Hachnosas nicht geboten. Gegen lche ist sie sogar untersagt. Haben doch unsere eisen, gesegnet sei ihr Andenken, verboten. Jemand rot_zu reichen, so lange man im Zweifel ist. ob Dr auch seine Hände gewaschen hat." Es ist gut, sich von Zeit zu Zeit diese edle cuk- und Handlungsweise früherer Jahrhunderte Du vergegenwärtigen. Sie eröffnet uns eine weite Perspektive auf ein Leben und Wirken, auf das Hie Bewohner Alt-Frankfurts allerdings ein Recht Hatten stolz zu sein, soweit Stolz überhaupt be- Msrechtigt ist. DM LK -. ri (Nachdruck verboten). Die Landtagswahlen in Oesterreich. I(Von Siegmund Fischer.)) kl- Der Judenhaß in Wien ist grundverschieden von dem Antisemitismus in Galizien oder Rußland; dieser ist wieder anders geartet als derjenige in Berlin und dieser wiederum hat anscheinend ganz andere Ursachen als der Antisemitismus in Posemukel oder Ritzebüttel. Je nachdem das Lamm flußabwärts oder aufwärts seinen Durst löscht, je nachdem motivirt es der Wolf wieso und wodurch es ihm das Master trübt. Wir wollen diesmal vom Wiener Judenhaß sprechen, weil er gerade jetzt aktuell ist, denn die Landtagswahlen, welche in diesen Tagen in Nieder- und Ober-Oesterreich stattgefunden haben, sind unwiderlegliche Beweife dafür, daß der Antisemitismus in Wien noch immer Fortschritte macht und daß es ihm gelungen ist, die ganze Landbevölkerung ob und unter der Enns zu erobern. Von 21 Mandaten in den Landgemeinden erhielten die Antisemiten gleich im ersten Wahlgang 20 Mandate und das 2lste werden sie in der Stichwahl ebenfalls bekommen. „Was müssen doch die Juden in Wien für eingefleischte Juden sein!" So sollte man meinen, denn logisch betrachtet, müßte der Judenhaß dorten am intensivsten sein wo die Juden am jüdischsten sind. In Wirklichkeit aber ist gerade in Wien der Antisemitismus am stärksten, weil sich die dortigen Juden generationenlang, nach der Methode des Herrn Walther Rathenau in Berlin, bemüht haben, in der Bevölkerung, unter der sie lebten, ganz aufzugehen. Wer vor 20 oder 25 Jahren als Fremder zu Besuch nach Wien kam und in jüdischen Familien verkehrte, oder auch nur irgend ein Kaffeehaus besuchte, der war über den Typus des Wiener Juden erstaunt. Bis in die wohlhabendsten Kreise hinauf bemühten sich selbst hochgebildete jüdische Damen, den plattesten Lerchenfelder Fiackerkutscherdialekt salonfähig zu machen. Die Söhne angesehener jüdischer Eltern paradirten ostentativ mit der ins Gesicht gekämmten Scchserfrisur a la Guschelbauer und trugen die laiige Virginier keck in den rechten Mundwinkel gesteckt, wie das nur mit vollendeter Virtuosität ein Wiener Masterer zustande bringt. Die Aristrokraten jüdischer Abkunft, z. B. der damals junge, später getaufte Baron Königswarter, betrachteten es als höchstes Vergnügen, den Wiener Fiaker zu imitiren und mit einem feschen Zeug'l in der Stadt herum zu kutschieren, so recht nach dem Genre der untersten Wiener Volksschichten. Gab es doch eine Zeit, in welcher der Wiener Fiacker, der zur Not seinen Namen schreiben konnte, tonangebend in der Herrenmode war und jüdische Fabrikantensöhne mit großkarrierten Beinkleidern auf dem Graben herumstolzierten. Kein jüdischer Kommis, der nicht sämmtliche neue Wiener Kouplets und Gastenhauer auswendig wußte und kam so ein Wiener Jude in die Provinz oder ins Ausland, so bemühte er sich „jeder Zoll ein Wiener" den heimatlichen Typus zu markieren. Israeliten jeden Alters bemühten sich nach Kräften das „Aufdrahn" zu erlernen und junge Israeliten erzählten es in ihren Kreisen mit Stolz, wenn sie am Abend vorher nach dem Genuß von 7 - bis 8 Viertel Heurigen beim Stalehner in Hernals oder sonstwo in der Vorstadt mit „an Schwammer" (Rausch) nach Hause gekommen waren. Niemand verstand es bester, die Wiener Gemütlichkeit zu personifizieren, als der Wiener Jude. Der Wäschermädelball. wo man ganz ins echteste Wienertum aufgehen konnte, oder der gleichwertige Fiakerball war ein Lieblingseldorado jun ger-Israeliten, die es sich leisten konnten. Tie jüdischen jungen Leute bis zum Alter von 30 Jahren erinnerten sich damals kaum an den höchsten jüdischen Feiertagen daran, daß sie eigentlich israelitischer Konfession waren. Ich glaube, daß damals in Wien, mit Ausnahme der jeweilig frisch zugewanderten Galizianer, kaum 100 jüdische junge Leute waren, die nicht zumeist Christen zu Freunden hatten; wer es konnte, verkehrte überhaupt nur mit Christen. So weit es die Vermögensverhältniste erlaubten, ergriffen die jungen Israeliten eine wissenschaftliche Cärriere, sie wollten. Lehrer, Aerzte, Juristen, Techniker und Staatsbeamte werden. Wie viele sind später trotz glänzender Begabung, nicht durch eigene «schuld, ins Elend geraten. Am ehesten konnte sich noch der Arzt und der Jurist behaupten. Der geprüfte Lehrer jüdischer Konfession wurde, der Not gehorchend, zum Hauslehrer oder Privatlehrer,' der Techniker war zuletzt froh, wenn er eine Stelle als Unterlehrer an einer abseits gelegenen Dorfschule erhielt, diejenigen, die eine Beamtenkariere einschlagen wollten, gerieten fast ausnahmslos unter das geistige Proletariat, oder versuchten in exotischen oder überseeischen Ländern ihr Glück. — Wer zählt die im Elend Verkommenen? Viele lernten ein Handwerk und wenn nicht noch mehr junge Leute sich dem Handwerk zuwandten, so geschah es, weil der ärmere Jude gezwungen war, sein Kind als Kausmannspraktikant eintreten zu lassen, denn da verdiente der Knabe gleich Geld, während er als Handwerkslehrling 3 oder 4 Jahre lang von den Eltern völlig erhalten werden mußte. Trotzdem ließen verhältnismäßig viele jüdische Eltern ihre Kinder ein Handwerk lernen, denn schon damals machten cs schüchterne Antisemiten den Juden zum Vorwurf, daß sie nicht arbeiten wollen. Und da die Juden leider die Tugend haben, den Angriffen und Schmähungen ihrer Feinde einen Schein von Recht zu unterlegen, so setzten die Wiener Juden ihren Stolz darin, wenn sie sagen konnten „mein Sohn ist gelernter Schneider, Drechsler, «Spengler oder Mechaniker." Die meisten dieser israelitischen Handwerker, soweit es ihre Gesichtszüge zuließen, entfremdeten sich total dem Judentum, die meisten ließen sich taufen oder lebten mit einer Christin in wilder Ehe. die anderen jungen jüdischen Handwerker erlitten in anderer Weise Schiffbruch in ihrem Leben. Denn in der Theorie verlangt zwar der christliche Arbeiter und Kleinmeister, daß der Jude arbeiten solle wie er, in der Praxis aber haßt er gerade denjenigen Inden am heftigsten, der ihm Konkurrenz inacht und ihni, wie er es meint, den Bissen Brot vom Munde nimmt. Und so fanden die jüdischen Gesellen nur sehr selten lohnende Arbeit in ihrer Branche, zumal es Anfangs noch wenig jüdische Meister gab und die Wenigen, die existierten, ihren Freisinn damit am besten zu dokumentieren glaubten, daß sie ausschließlich christliche Gesellen beschäftigten. Was blieb also den armen jungen Leuten übrig? Sie wurden Trambahn- und Omnibuskondukteure. Kolporteure, Provisionsreisende niedersten Genres, Dienstmänner, Börsengallopins rc. Nur wenigen hat das erlernte Handwerk etwas genützt. Zum Handeln und Schachern, wie hirnverbrannte Antisemiten es vielleicht meinen, hat damals in der Zeit des Freisinns kein einziger jüdischer Vater in Wien sein Kind erzogen. Der jüdische Kultus, die religiösen Gebräuche waren der damaligen jungen Generation etwas ganz fremdes geworden, kauin, daß der Zehnte hebräisch lesen konnte. Die Lebensgewohnheiten und Ansichten der Großväter standen denjenigen der Enkel fast sagenhaft gegenüber, als -lägen zwischen beiden Generationen nicht wenige Jahrzehnte, sondern eine Periode, wie etwa zwischen der Steinzeit und dem Jahrhundert der Elektrizität. Mit dem Ausüben jüdischer Zeremonien machte man sich einfach gesellschaftlich unmöglich, von einer Sabbatfeier war gar keine Rede und ein Wiener junger Jude, dem es eingefallen wäre, z. B. Tefillin zu legen, verfiel gewiß dem widerspruchslosen Urteil, er sei ein Idiot. Wäre damals Herr Walther Rathenau aus Berlin nach Wien gekommen, er hätte, seine helle Freude erlebt. Die Wiener Juden entsprachen damals ganz dem heutigen Ideal des Herrn Rathenau.

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