Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 2 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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v Nr. 2. Franksurtir Israelitisches Familienblatt. Seite 3. . Und trotzdem Lueger und Konsorten?? Nur wer den Judenhaß nicht in seiner Wurzel erfaßt und begriffen hat, mag sich darüber wundern. In Wirklichkeit mußte, es ja logisch so kommen, wie es kam. Gerade weil die Wiener Juden sich so vollständig assimiliert hatten, daß sie sich in ihren ganzen Lebensgewohnhciten in nichts von. den Wiener Nichtjudeu unterschieden, erweckten sie den Haß des in ewigem Schlendiiansdusel dahinlebendrn Wiener Kleinbürgers. Der Wiener ist durchaus kein Reaktionär im eigentlichen Sinne des Wortes, aber er ist konservativ bis in die Knochen. Er sagt gerne zum Moment: „bleibe stehen!" Er ist Genußmensch und Träumer zugleich und ist dabei leicht zufriedenzustellen. Er konnte sich leicht sür einen Gulden in einen glücklichen Zustand versetzen, dazu genügten schon ein Backhendl, 3 Viertel Gespritzter und eine gutbrennende Virginier. Da gesellte sich zu ihm der lebhafte, von Natur aus für jeglichen Fortschritt beseelte Jude. Dieser nahm sofort regen Anteil an den technischen und volkswirtschaftlichen Errungenschaften seiner Zeit, denen der Kleinbürger lange Zeit nur apatisch. mißtrauisch und widerwillig gegenüberstand, weil ihm Dampfkraft und Elektrizität aus seiner schlaraffeuhaften Behaglichkeit störten. Er sah wie der Jude zwar auch seine Drahrerlieder sang und sich am Heurigen erfreute, aber der Jude strebte dabei auch wirtschaftlich vorwärts und so blieb dem. christlichen Wiener nichts anders übrig als. entweder mit dem Juden nach genoffenem Vergnügen sich den neuzeitlichen Anforderungen im Wirtschaftsleben anzupassen und mit ihm gleichen Schritt zu halten, oder weiter im ewigen Vergnügungstaumel dahin zu leben und dabei wirtschaftlich zu Grunde zu gehen. So oder so. in dem einen wie im andern Falle würde er dabei zum Antisemiten. Entweder er haßte den Juden, weil er ihn indirekt aus seiner endlosen Behaglichkeit aufgerüttelt hatte, oder weil er ihm die Schuld zufchob am eigenen Ruin. Früher, solange der Jude sich in seiner ganzen Lebensweise als Jude gezeigt hatte, tröstete sich der Kleinbürger damit, indem er über den Juden trotz seines Geldes die Nase rümpfte. Der dumme Jude war ja in seinen Augen ein armer Kerl, der das Leben nicht zu genießen verstand. Er nannte den Juden armselig, weil er ihn niemals bei Backhendeln und Heurigen überrascht hatte, weil er in seinem Aeußeren so wenig fesches an sich hatte und weil ihm Kouplets und harbe Tanz fremd geblieben waren. Aber jetzt! Der Jude saß neben ihm im Athletenklub und Ruderklub, im Gesangverein und Turnverein, der Jude erfreute sich wie er an saftigem Schweinebraten. Backhendeln und Heurigen, er tanzte seinen Sechsschritt so flott wie nur irgend wer, er kleidete sich nach Wiener Stutzermanier, war bei Volkssängern und beim Aufdrahn überall dabei. — Der Jude war ganz wie er, er bot ihm keine Seite, von der aus er ihn verachten konnte und weil er ihn nicht verachten konnte, deswegen haßte er ihn. . (Fortsetzung folgt). Pretzstimmen über ein Kapitel Statistik. Unter der Ueberschrift „Unheimliche Zahlen" veröffentlicht die Kölnische Volkszeitung in ihrer Nr. 829 eine interessante Notiz Sie schreibt: „Unheimliche Zahl.n" nennt die badische Zentrumspresse nicht mit Unrecht einen Vergleich der Steuerkapitalien bei den Religionsbekenntnissen in Baden nach dem Statistischen Jahrbuch für 1901. Die Kapitalrentensteuer-Kapitalien bezifferten sich 1900 bei den Katholiken auf rund 471. bei den Protestanten auf 733, bei den Juden auf 142^Millionen Mark. Das macht nach dem Kops der Seelenzahl 419 Mark für einen Katholiken 1044 Mark für einen Protestanten und 5452 Mark auf einen Israeliten. Das Einkommensteuerkapital der Juden schlägt beide christlichen Konfessionen um den vierfachen Betrag. Im Allgemeinen.hat in Baben der einzelne Katholik durchschnittlich nicht die Hälfte des Kapitalsbesitzes eines Protestanten, während auf einen Israeliten dreizehnmal so viel Kapitalbesitz kommt als auf einen Katholiken." Soweit die Kölnische Volkszeitung. Der katholische „Reichsbote" beschäftigt sich in seiner Nummer 220 ebenfalls mit der obigen Statistik und sieht sich naturgemäß in erster Linie sehr beunruhigt von dem wirtschaftlichen Uebergewicht des Judentums über beide christliche Konfessionen. Er konstatiert, daß dieses Uebergewicht Stoff zum Nachdenken gibt und fragt: „Ist der Jude wirklich so viel sparsamer, wirtschaftlicher, arbeitsamer und intelligenter als der christliche Deutsche? Liegen hier nicht andere 11r sachen vor?" Hierauf erwiedert „Das freie Wort" sehr treffend: „Selbstverständlich liegen andere Ursachen vor, die der „Reichsbote" nachgerade auch kennen sollte. Dr- Offenbacher hat in seinem Werke über diesen Punkt bereits geschrieben; so auf Seite 65: „Eine ganz eigentümliche Stellung im badischen Wirtschaftsleben nehmen die Israeliten ein. Jahrhundertelang war ihnen durch Gesetz sowohl der Erwerb von Grund und Boden, wie der Gewerbebetrieb unmöglich gemacht. So blieb ihnen nichts übrig als sich dem Handel und dem ärztlichen Berufe zuzuwenden. Sie lebten sich, durch äußeren Zwang veranlaßt, immer mehr in diese Berufe ein und es ist kein Wunder, daß sie heute, noch kein Jahrhundert nach ihrer Emanzipation, sich immer noch hauptsächlich darin befinden." Das ist aber nur e i n Grund für den wirk schaftlichen Aufschwung der Juden. Viel wichtiger sind die Vorteile, die ihnen durch das Ausflackern des Antisemitismus im letzten Viertel des 19 Jahrhunderts in den Schoß geworfen worden sind Aus Verwaltung. Justiz (mit Ausnahme der Advokatur) Militär- und Marinedienst so gut wie ausgeschlossen, mußte sich der Jude in Deutschland Handel, Gewerbe und Industrie als Feld seiner Thätigkeit wählen. Die Entwickelung der Technik, der Verkehrsmittel, der Presse brachte es mit sich, daß das Kapital zu immer höherem Einfluß im Wirtschaftsleben gelangte und fast zu spät erkennt man jetzt, daß man den jüdischen Teil der Bevölkerung mit brutaler Gewalt das größte Machtmittel unserer Zeit — aufgenötigt hat. Auf der anderen Seite hat der Antisemitismus mit geradezu mütterlicher Sorgfalt dafür gesorgt, daß dem Juden das Erworbene auch erhalten bleibe, daß er es nicht vergeude, indem der Antisemitismus alle Klippen vorsorglich wegräumte, an denen große Vermögen zu zerschellen pflegen. Der Jude konnte sein Geld nicht im frohen fröhlichen Studentenleben durchbringen, weil ihn die Korps nicht zuließen; er sah sich bei den luxuriösen, kostspieligen, sportlichen Veranstaltungen bei Seite gedrängt, er konnte nicht das große Geldmittel verschlingende Dasein eines vornehmen Kavallerieregiment-Offiziers führen; er konnte nicht einmal Reserveoffizier werden und blieb so von den zeitraubenden und kostspieligen Reserveübungen verschont. Alle schlecht dotierten Stellen im Post- und Eisenbahnwesen, im Steuerfach, im Verwaltungs- und Schuldienst kamen für ihn nicht in Betracht und wenn er hundertmal aus Neigung eine ruhige Staatsstellung vorgezogen hätte, in der mau selten Kapitalien anzuhäufen in die Lage kommt — es nützte ihm nichts — er wurde, ob er wollte oder nicht, auf das Meer des Erwerbslebens hinausgestvßen. Es scheint, als wenn die christliche Gesellschaft sich dazu verschworen hätte: „Jude, du mußt Geld sammeln!" Wie so häufig im Völkerleben, wurde der Unterdrückte durch feine Unterdrücker groß und reich gemacht, denn der Haß macht blind, auch der Antisemitismus oder Judenhaß, und wenn der „Reichsbote" weiter fragt: „Muß aber ein solches Uebergewicht jüdisches Besitzes nicht allmälig zu einer Art Proletarifierung der christlichen Bevölkerung führen und wie ist ihm gesetzlich zu steuern?" so ist ihm darauf zu erwidern, daß ein Fortbestehen des jetzigen „Antisemitismus von Staatswegen" in einigen Jahrzehnten thatsächlich bedeutende wirtschaftliche Nachteile sür die Deutschen christlicher Konfession zur Folge habeu kann, weshalb es sicher nicht mehr lange dauern wird, bis gerade von seiten der christlichen. Bevölkerung darauf gedrungen werden wird, daß die Juden sich auf alle intelligenten Stände verteilen sollen und daß sie mit ihrer Intelligenz und ihrer Arbeitskraft mehr im Dienste des Vaterlandes arbeiten sollen als bisher, daß sie persönlich an den Lasten der Verwaltung, der Armee und Marine in ihren höheren Graden thätigen Anteil nehmen und nicht ihre ganze Intelligenz nur allein dem Handel. Gewerbe und der Industrie zusühren müssen. Neue Gesetze sind hierzu nicht nötig, da nach den bereits bestehenden Staatsgrundgesetzen Angehörige aller Konfessionen im Staatsleben gleiche Rechte und gleiche Pflichten haben. Korrespondenzen. Frankfurt a. M. Die hiesige zionistische Vereinigung hielt am Montag in der Restauration „Zur Stadt Ulm" eine Mitgliederversammlung ab. die sich eines lebhaften Besuches erfteute, und zu der auch zahlreiche Gäste erschienen waren. Der Vorsitzende, Herr Fr. Sondheimer. teilte in seiner Begrüßungsrede mit. daß zur Belehrung der Mitglieder, und zur Vertiefung des jüdischen Wissens, öftere Vorträge in Aussicht genommen find, und daß eine rege Agitation für die Winterfaison geplant wird. So soll in nächster Zeit eine größere, öffentliche Versammlung stattfinden; auch soll eine intensive Agitation vermittels nru zu schaffender, für die Frankfurter Verhältniffe berechneter Flugschriften in Angriff genommen werden. Darauf erhielt Herr Dr. Hanauer das Wort zu seinem Referate über die Statistik der deutschen Juden. An der Hand der statistischen Arbeiten des Dr. Ruzin, führte der Redner in einer fast einstündigen Rede, zahlreiche Daten voin jüdischen Leben in Deutschland vor. Deutschland zählt 570 000 Juden, von diesen gehören 59°/o dem Kaufmannsstande an. Die prozentuelle Vermehrung ist vom Jahre 1880 von 13,3 auf 11,4 gesunken, und zeigt die Tendenz, immer weiter zu finken, so daß manche angesichts dieser Thatsache besorgt in die Zukunft blicken. Die ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung ist durchschnittlich besser, als die der christlichen Mitbürger. Das beweisen die seltenen Totgeburten, die geringere Sterblichkeitsziffer und das höhere Durchschnittsalter. Das ist nach Ansicht des Redners auch der Grund für die kleinere Zahl der Eheschließungen unter den Juden, ebenso auch für die geringere Geburtsziffer. Daß die jüdische Keuschheit und Sittenreinheit keine leere Phrase ist. beweisen die seltenen Fälle der Ehescheidungen wegen Ehebruchs seitens der Frauen. Mit der Enthaltsamkeit der Männer ist es fteilich weniger gut bestellt. Ein tieftrauriges Bild bieten die Taufen und Mischehen, welche in erschreckender Weise zunehmen. In Berlin kommt auf jede fünfte Ehe eine Mischehe. Die Kinder aus solchen Ehen werden in den überwiegend meisten Fällen dem Christentum zugeführt. Den interessanten Ausführungen des Referenten folgte eine lebhafte Disfirssion über Wesen und Ziele des Zionismus, an der sich mehrere Herren beteiligten. Mit einem warmen Apell des Vereinsvorfitzenden, Herrn I. L. Goitrin, an die Anwesenden, sich auch die idielle Seite der zionistischen Bewegung zu vergegenwärtigen und sie zu beherzigen, schloß um 11'.'* Uhr die Versammlung. Der Verein für jüdische Krankenpflegerinnen hielt seine diesjährige Mitgliederversammlung am Donnerstag im neuen Schwesternhaus. KönigSwarterfiraße 20, ab. Herr Dr. Kirchheim, der Vorsitzende des Vereins, erstattete den Jahres- und Kassenbericht- Das Hauptereignis im Vereinsleben bildete natürlich die Eröffnung des Schwesternheims, das zur Ausnahme von 50 Pflegerinnen eingerichtet ist. 24 Damen haben bereits ihr Domizil dort aufgeschlagen und sich „häuslich niedergelaffen". Die Kosten des Baues belaufen sich auf insgesamt 238,000 Mark, wovon nnr noch 6000 Mark zu