Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 2 (7.11.1902)
- Date
- 1902-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2692298-2692300--00013-2694352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Abonnementspreis Mk. 1.— vierteljährlich, frei ins Haus. Durch die Post bezogen 90 Pfg. vierteljährlich (exklusive 12 Pfg. Bestellgebühr.) Kostzeitungstiste 3796a. Einzelnummern kosten 10 Pfg., Bezug durch Streifband Mk. 1.50 vierteljährlich lAusland Mk. 2.—). Redaktion und Haupt -Expedition: JTrsmÄfttrf «. Mt. Bergerstraße 25, parterre. Erscheint jeden Freitag Mittag. i| Jnsertionspreis für die viergespaltene Petitzeile! 25 Pfg., für die Reklame-Zeile Mk 1.—, im kleinen! Anzeiger (Familien-Nachrichten, Stellen-Angebote |- und -Gesuche 2 Pfg. die Silbe), j Beilagen je nach Gewicht, Mk. 5.— bis 8.— 1 , das Tausend. Hd. 2, 7. Aorrernborr 19V2. Der Nachdruck unserer Originalartikel ist nur nach Einholung unserer Genehmigung gestattet. (Nachdruck verboten). Alt-Frankfurter Abgeschlossenheit und Gastlichkeit. (Zum Wochenabschnitte: Lech l’cho). Die ersten Worte unserer dieswöchentlichen Sidra zeigen uns Abraham, den Stammvater des jüdischen Volkes, wie der göttliche Ruf an ihn ergeht und wie er ihm Folge leistet. Die ersten Worte der nächstfolgenden Sidra zeigen uns die Kehrseite dieses Bildes, die Thatsache, wie das noch frische Bundes; ichen des Isolierten diesen nicht hindert, sich mit der ganzen Menschheit so eins und so verbrüdert zu wissen, daß er im heißen Sonnenbrand der Wüste sehnsüchtig nach fremden Wanderern ausschaut, um sie gastlich in sein Zelt aufzunehmen Diese beiden Charakterzüge des Ahns sind auf sein Volk übergegangen und hasten noch heute allen Gliedern des Abrahamvolkes an, soweit sie sich als treue Enkel und Erben des abrahamitischen Ahnengeistes bewähren. Wenn der Erbfeind Israels, wenn Haman das Opfer seines Hasies kurz charakterisieren will, so hebt er in erster Reihe diese Doppelseite des jüdischen Volkscharakters hervor. Er nennt Israel ein Volk, das überall hin gestreut und dennoch gesondert geblieben ist, das sich überall akklimatisiert und assimiliert und dennoch seine Eigenart unverändert erhält. Dieser Doppelzug des jüdischen Charakters kommt noch heute überall zum Ausdruck, wo sich die echte und alte jüdi che Art zu denken und zu handeln treu erhalten hat, in den alten Kehilloth der jüdischen Diaspora, diesen eigentlichen Erben und Fortträgern des Thorageistes, den Gott durch Moses in unsere Reihen, gepflanzt hat. Speziell das alte Frankfurt war durch die Ausgestaltung dieser Doppelseite des jüdischen Charakters weit über seinen nächsten Kreis hinaus berühmt. Seine Exklusivität war sprüchwörtlich geworden. Hatten auch die Ghettos, die Judengesetze, die Judenkleidung und eine Masie sonstiger Momente sich vereinigt, in allen größeren Städten einen besonderen Cordon um die Judengaffen zu ziehen und ihre Bewohner mit einem gewisien Selbstbewußtsein zu erfüllen; so kamen doch in Frankfurt mehrere Umstände hinzu, welche die Frankfurterjüdische Gemeinde zu einer Patriziergemeinde stempelten, deren Zugehörigkeit mit Privilegien geistiger und materieller Art verbunden war, die ihr in der Thal einen gewisien Vorzug mit Recht sicherten. Man hätte nun glauben sollen, daß diese bevorzugte Sonderstellung einen Stolz und einen Dünkel erzeugt hätte, der sich in erster Reihe in der Behandlung Armer und Unglücklicher unliebsam geltend gemacht hätte. In Wirklichkeit war aber das gerade Gegenteil der Fall. So stolz jeder Frankfurter als Mitglied seiner Gemeinde das Haupt erhob, so hocherhaben er sich über jeden „Fremden", und das waren alle Nicht-Frankfurter, erhaben dünkte, glänzender und herrlicher als diese lokalpatriotische Eigenart, strahlte die tiefe Bruderliebe, die stete Hilfsbereitschaft, mit welcher schon in alter Zeit die Frankfurter Wohlthätigkeit weit und breit bekannt war. Die neue Zeit hat vieles in diesen Verhältnissen geändert. Die Proklamierung der Menschenrechte, die Gleichheit vor dem Gesetze, die Freizügigkeit im Verkehrsleben, der die Ghettos und die Ausnahmestellung der Juden weichen mußten, hat auch die Isolierung und das Patriziertum der alten Kehilloth im Allgemeinen und der Frankfurter insbesondere stark erschüttert. Aber der Wohlthätigkeitssinn, die Menschenliebe, das Brudergefühl feiert noch heute in Frankfurt Triumphe, die ihm einen hohen Rang unter allen jüdischen Gemeinden sichern. Was in Frankfurt an Werken der Wohlthätigkeit von Vereinen und Einzelnen von Jahr zu Jahr geübt wird, entzieht sich jeder Schätzung. Das moderne heutige Frankfurt hat nach dieser Seite hin das alte vielleicht weit überflügelt. Aber eine Seite der Wohlthätigkeit ist dennoch vorhanden, die in dem alten Frankfurt ein innigeres Verständnis und hingehendere Pflege vorfand, als in dem heutigen. wir meinen eben die alte abrahamitische Tugend der Gastfreundschaft, die den Armen nicht nur mit Geld bedenkt, sondern ihn ins Haus zieht, ihn zu Tische ladet und ihn ganz wie einen ebenbürtigen Bmder und Genoffen behandelt. Die spezifisch jüdische Tugend der Gastfreundschaft hat allerdings auch in andern Gemeinden eine starke Einbuße in neuerer und neuester Zeit erlitten. Aber die Zartsinnigkeit gegen Fremde und Arme hatte speziell in Frankfurt so herrliche Blüten getrieben, daß man unwillkürlich zu einer Parallele zwischen einst und jetzt aufgefordert wird. Vor uns liegt ein ca. dritthalb hundert Jahre altes Werk Josif Omaz, das sich die Darstellung religiöser Observanzen, wie sie sich in Frankfurt im Laufe der Jahrhunderte gestaltet hatten, zur Aufgabe gestellt hat. Dasselbe spricht sich über den uns hier beschäftigenden Gegenstand mit einer Feinheit des Mitgefühls, mit einer Tiefe der Empfindung und einem Adel der Gesinnung aus. die wir heutzutage als unerreichtes Ideal anstaunen. Es heißt daselbst: „Du ftagst mich, mein Freund, über die Art und Weise, die bei der Aufnahme von Fremden einzuhalten ist. Ich teile dir im Auszüge mit, was der Chasid Rabbi Jona darüber schreibt und füge meine Zusätze in Parenthese bei." „Wenn Gäste ins Haus kommen, nehme man sie mit freundlicher Miene aus." (Meiner Ansicht nach, soll man den Fremden nicht sofort bei seiner Ankunft ftagen, wer er ist, woher er kommt und ob er noch niemals in der Stadt war, in der er jetzt zu Gast ist, denn solche Reden bereiten ihm Herzeleid. Der Gast glaubt nämlich, den Wirt beschäftige bei diesen Fragen der Gedanke, warum er gerade sein Haus und nicht ein anderes ausgesucht habe. Erst einige Stunden nach seiner Ankunst, nachdem man sich mit ihm in Unterhaltung eingelaffen hat. kann man im Laufe des Gesprächs zu ermitteln suchen, woher er kommt und wohin er geht. So handelt nian recht und gut, denn so gewährt man ihm ein fteundliches Entgegenkommen, im Gegensatz zu denjenigen, die ein stummes Schweigen dem Fremden gegenüber beobachten. Da liest es der Gast den Blicken ab, daß der Wirt gegen ihn voreingenommen ist.) „Sofort bei seiner Ankunft fetze man dem Fremden etwas zu essen vor. denn es kommt manchmal vor. daß der Arme kommt und hat noch Nichts gegesien. schämt sich ab« etwas zu verlangen. Man setze ihnen die Speise freudestrahlenden Angesichts vor. Wenn man auch Veranlassung hätte, trüben Sinnes zu seift, . so banne man die Sorge aus dem Herzen, so lange man die Gäste bewirtet, und spreche ihnen Traft mit Worten zu; das erquickt ihr Gemüt. AijH wenn er tausend Diener hätte, soll doch dpr Wirt sich selber um die Gäste kümmern und her ihnen stehen. Wer steht uns höher als Abrahapr da. der selber die Engel bediente, wenn er auch viele Knechte, Mägde und Hausleute hatte, obwohl bic_ Fremden ihm nach Angabe der Weisen, gesegnet sei ihr Andenken, Araber zu sein schienen. Was er ihnen selber that. hat Gott in sein» eigenen Herrlichkeit Israel heimgezahlt. Auch soll der Wirt den Gästen nichts von den eigenen ihm widerfahrenden Widerwärtigkeiten erzählen, den« das betrübt das Gemüt der Fremden. Sie können nämlich glauben, daß er es mit Rücksicht auf sie, ihnen erzähle, und man ginge dadurch jeder Vergeltung für alle Mühe verlustig. Sei« fremden Gäste muß man ehren, als ob sie die Herren wären; ist doch die Aufnahme fremd« Gäste mehr als der Empfang der Schechinst. Wenn die Fremden effen, soll man es ihnvr zeigen, daß es einem leid thut ihnen nicht me« bieten zu können. So schreibt auch der Prophet: „Gieb dem Hungrigen deine Seele hin." (Jesaja Kap. 58 V. 10), d. h. es sei dir um dem Leben leid, daß du ihm nicht mehr bietm» kannst." „Nebernachten sie, so richte man ihnen die besten Betten her. und versehe sie mit frisch» Bettwäsche, damit der Fremde ohne Widerwillen darin ruht. Denn die Ruhe des Körp»s aHf gutem Lager ist dem Körper noch eine größere Wohlthat als Speise nnd Trank." (Mir scheint, daß hi»her auch die Rücksicht gehört, den übermüden Gast bald sein Mahl einnehmen zu laffen. damit er bald zur Ru(e kommt. Den nicht ermüdeten Gast soll mar seine Mahlzeit lange ausdehnen laffen, auch nachdem man selbst bereits gesättigt ist. Denn der